Kulturfestival Wedding / Moabit

1 Wochenende, 7 Kulturräume, 100 Programmpunkte

Am kommenden Wochenende findet das diesjährige „Kulturfestival Wedding und Moabit“ statt. Alle kleinen und großen Kulturinstitutionen sowie jeder, der sich vor Ort mit Kultur und Kunst beschäftigt, war eingeladen, sich zu beteiligen. Nach der erfolgreichen Anmeldephase haben sich an die 200 Veranstalter mit über 100 Programmpunkten registriert, die sich bei freiem Eintritt am Festivalwochenende präsentieren.

Viele ungewöhnlichen Orte und ein authentisches Kulturprogramm laden zu einer Entdeckungstour ein und machen aufmerksam auf das, was sich jenseits des bekannten Berliner Kulturlebens entwickelt hat. Dies geschieht direkt dort, wo die Kultur entsteht: in Ateliers, Galerien, Theatern, Werkstätten, Probe- und Projekträumen, in den Kneipen, Kirchen und auf den Plätzen des Festivalgebietes. Natürlich auch in allen bekannten Kulturinstitutionen und öffentlichen Kultureinrichtungen. Die Veranstaltung lädt ein zu einer Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff sowie der Deutungshoheit und der Identifikation mit dem Stadtraum. Sie folgt vor allem der Frage nach dem Verhältnis und der Verantwortung der Kulturproduzenten für ihre Nachbarschaft.

Kultur in jedem Kiez

Fast unbemerkt hat sich in Wedding und Moabit eine dichte, spannende und vor allem authentische Kulturlandschaft herausgebildet. Diese nach außen zu kommunizieren und vor Ort stärker zusammen zu arbeiten, haben sich die Kulturschaffenden zur Aufgabe gemacht. So entstand der Gedanke, ein Festival und Kulturnetzwerk ins Leben zu rufen, das von den Akteuren selbst getragen wird. Die große Dichte an interessanter und authentischer Kultur macht auch sichtbar, wie sich Kultur städtische Räume erschließen kann: Ladenlokale verwandeln sich in nichtkommerzielle Präsentations- und Projekträume (z.B. Kolonie Wedding) oder ehemalige kommunale Gebäude wie ein Schwimmbad werden zu überregional bedeutenden Veranstaltungsorten (z.B. das Stattbad Wedding). Pioniere der 80er Jahre arbeiten neben jungen Modemachern und Designstudios. Vielfältigkeit wird groß geschrieben: Ein fliegender Friseur schneidet schwebenden Models die Haare, auf einer ehemaligen Aufmarschstraße präsentiert sich Kunst und in einer Markthalle wird Theater gespielt.

Gebündelt in Kulturräumen

Stattbad Klassik (C) Juliane OrsenneUm die Orientierung innerhalb des Festivals zu erleichtern, sind Wedding und Moabit für die drei Veranstaltungstage in sieben „Kulturräume“ eingeteilt worden. Die Räume 1  4 befinden sich in Wedding und Gesundbrunnen. „Kulturpunkte“ dienen während der Festivaltage zur Information und Orientierung der Besucher und Teilnehmer. Dabei werden Nachbarschaftszentren, Gastronomie, Grün- und Freizeitflächen einbezogen. Eine Übersicht über alle stattfindenden Veranstaltungen listet das Programmheft auf. Es beinhaltet einen Übersichtsplan, Informationen zum Festival sowie die Linienführungen des öffentlichen Nahverkehrs. Ein Wege- und Leitsystem weist auf die Veranstaltungsorte hin.


Alle Orte und Veranstaltungen des Programms finden Sie auch auf der Festivalseite unter: www.kf-wm.de

Quelle: Arbeitsgemeinschaft zur Neuausrichtung des Kulturfestivals Wedding und Moabit

Osloer Straße Gesundbrunnen und StephanuskircheKulturpunkte im Wedding: 1 – (Kulturraum Gesundbrunnen)  vor der Stephanuskirche Prinzenallee/Soldiner Straße, 2 – (Nettelbeckplatz/Panke), Stattbad Wedding Gerichtstr. 65, 3 – (Leopoldplatz) Galerie Wedding, Müllerstr. 146 im alten Rathaus, 4 – (Parkviertel) Werkkunstgalerie, Otawistr. 9

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Bunte Mischung Kameruner Straße: Western-Atmosphäre

Ob Stadtrat Ernst Friedel, Leiter des Märkischen Museums und Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins, sich hätte träumen lassen, dass eines Tages viele Afrikaner in der Kameruner Straße wohnen würden? Er war über Jahrzehnte hinweg als Dezernent für Straßenbenennungen zuständig. 1899 schlug der Berliner Magistrat vor, die Straßen zwischen der Müllerstraße und der Jungfernheide nach dem „Kolonial-Besitz“ des Deutschen Reiches zu benennen. Damit wollte es die Reichshauptstadt anderen Hauptstädten gleichtun, die ihre Straßen mit den Namen ihrer kolonialen Erwerbungen schmückten.

Togostraße Kameruner Str.„Für uns ist die Adresse Kameruner Straße 1 kein Zufall“, sagt Christian Kopp, Vorstand des Vereins Berlin Postkolonial e.V., dessen Gemeinschaftsbüro mit AfricAvenir International und dem Tanzania-Netzwerk im Eckhaus zur Müllerstraße liegt. „Da wir immer häufiger in Deutschlands größtem Kolonialviertel mit Bildungsprojekten und postkolonialen Stadttouren präsent sind, lag es nahe, den Arbeitplatz hierher zu verlegen.“ Von der Atmosphäre im Kiez ist der Historiker begeistert: es sei toll zu sehen, wie die Kameruner Straße, die an die gewaltsame Kolonisierung Kameruns durch Deutschland erinnert, nun ironischerweise von immer mehr Menschen aus eben diesem Land bewohnt wird. 25 000 Afrikanerinnen und Afrikaner soll es inzwischen in Berlin geben und das Afrikanische Viertel in Berlin macht da keine Ausnahme. Für die Versorgung mit afrikanischen Lebensmitteln ist „Monsieur Ebeny“ zuständig, der aus Kamerun stammt und in genau dieser Straße seinen Laden eröffnen wollte. Der groß gewachsene Mann, der am liebsten Französisch spricht, ist stolz auf seinen Africa Market in der Hausnummer 6 mit den knallroten Regalen. Mit dem Bantou Village gibt es auch ein afrikanisches Restaurant.

Eine andere Zeitschicht, wie aus einer anderen Welt: in der Hausnummer 4 stand von 1955 bis 1964 das „Valencia“-Kino, mit einer besonders großen Leinwand und einer ungewöhnlichen Innenarchitektur, bei der der Rang auf beiden Seiten bis ins Parkett gezogen war. Heute erinnert nichts mehr an dieses Lichtspieltheater, das das große Kinosterben der Sechzigerjahre nicht überlebte. Dafür ist neues Leben auf das Nachbargrundstück eingezogen. Roy Dunn’s Western Store Lucky Star in der Kameruner Str. 3 ist seit über 30 Jahren einer der ältesten Läden im Kiez. Hinter der originellen an eine Westernstadt erinnernden Fassade gibt es eine große Auswahl für Großstadt-Cowboy-Accessoires wie Stiefel, Hemden und natürlich Cowboyhüte.

Ungewöhnliche Häufung von Manufakturen

Ironisch-verspielte Porzellan-Chihuahuas Je weiter man in die 700 Meter lange Kameruner Straße hineingeht, desto mehr ungewöhnliche Läden findet man. Dieser Teil des Wedding zieht derzeit Menschen geradezu magisch an, die Dinge von Hand herstellen oder Handwerkliches gestalten. Solcherlei städtische Entwicklungen lassen sich nicht auf die Schnelle erklären. „Entscheidend für die Ansiedlung von Unternehmen der Kreativwirtschaft ist immer, dass Gewerberäume zu bezahlbarer Miete zur Verfügung stehen“, sagt Eberhard Elfert, der im November 2012 anlässlich der „Wedding Works“ Führungen zu den Manufakturen angeboten hat. Ein Kreis schließt sich: gerade diese neuen Gewerbebetriebe ziehen in Räumlichkeiten, die um 1900 ebenfalls für Handwerksbetriebe gedacht waren. Dass es sich hierbei um Bauten des Jugendstils handelt, fällt aufgrund der in den sechziger Jahren abgeschlagenen Fassaden nicht direkt ins Auge.

Die Erzeugnisse der Kameruner Straße

Im Haus der feinen Kost, Kameruner Str. 14 (Foto: HDFK)

Eine außergewöhnliche Schmuck-Kollektion bietet die 30-jährige bulgarische Künstlerin Anna Kiryakova in ihrem Showroom in der Kameruner Str. 8 an. Sie kombiniert edle Materialien mit Keramik und erzeugt oft sehr feine Oberflächenstrukturen. Und gleich um die Ecke in der Lüderitzstraße 13 werden Accessoires aus Leder (Leevenstein) und Figurinen aus Porzellan in Handarbeit hergestellt.

Edles wurde viele Jahre lang auch im Haus der feinen Kost in der Hausnummer 14 produziert, nämlich Berliner Dressing. Das veredelt Salate, Grillgut oder ein Brot. Die ungewöhnlichen Salatdressings ausschließlich aus Naturprodukten werden vom Designer Adam Mikusch selbst hergestellt und auf Wochenmärkten verkauft. Und gleich nebenan, an der Ecke Togostraße, befindet sich auch einer der wenigen Bioläden im Wedding.

Kleingärten am Ende der Straße

In Richtung Afrikanische Straße wird die Kameruner Straße immer lockerer bebaut. Nur die Kneipe Alt-Wedding in der Kameruner Str. 19 Ecke Guineastraße vermittelt noch das Gefühl, dass man sich hier in einem typischen Berliner Kiez befindet.  Am Ende der Straße, wo nur noch Nachkriegs-Zeilenbauten stehen, wird es wieder kolonial, diesmal aber in Form einer Dauerkleingartenkolonie namens Kamerun.

Von den von einigen Nichtregierungsorganisationen und Kommunalpolitikern geforderten Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel, gegen die sich zahlreiche Bewohner aussprechen, ist die Kameruner Straße übrigens nicht betroffen.  M.S. Mboro, Vorstand bei Berlin Postkolonial e.V. wünscht sich: „Der Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel soll den afrikanischen Berlinerinnen und Berlinern eines Tages die Möglichkeit geben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“ Egal, wie die Debatte über die Umbenennung von Straßen ausgeht, wäre die historische Einordnung der kolonialen Straßennamen mit Hilfe von Zusatztafeln und Infotafeln eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einem kolonialen Lern- und Gedenkort. In der langen Geschichte der Kameruner Straße mit ihrer bunten Bewohnerschaft und den vielen innovativen Geschäftsideen wäre dies nur eine weitere Facette. Und die Berliner werden wohl auch weiterhin „Kameruner“ beim Bäcker kaufen, einen Hefeteig-Krapfen in Form einer Acht…

Rehberge und Plötzensee: Rudern inmitten Weddings grüner Lunge

Auf Sand gebaut

(C) Linn Asmuß
(C) Linn Asmuß

Das heutige Parkgelände ist Teil des früher ausgedehnten Waldgebietes Jungfernheide. Die sprichwörtliche märkische Streusandbüchse prägte das Landschaftsbild auf dem Gebiet des heutigen Volksparks Rehberge und des Goetheparks in besonderer Weise. Denn in der späten Eiszeit abgelagerter Flugsand hatte sich dort zu ganzen Sanddünen formiert. Darauf wuchsen zum Teil Kiefern und Eichen, doch spätestens nachdem diese nach dem ersten Weltkrieg von der frierenden Bevölkerung abgeholzt wurden, lag die Sandfläche komplett frei. Der Sand beeinträchtigte die benachbarten Wohngebiete erheblich – er war allenfalls als Scheuersand zu gebrauchen. „Der Volksausdruck Berliner Schnee, womit das Treiben des Flugsandes gemeint ist, schreibt sich von den Rehbergen her“, schrieb der Stadtrat Ernst Friedel im Jahr 1899. Es musste also etwas mit dieser Fläche geschehen….

Über Kolonien, Afrikaforscher und Straßennamen – Stadtführung durch das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding

Das Afrikanische Viertel ist ein erstaunlich grünes, vom Fluglärm einmal abgesehen auch ruhiges, kleinbürgerliches Viertel am Rand des Wedding. Hier wohnen viele Menschen ihr ganzes Leben lang. Die Straßennamen klingen oft exotisch und passen manchmal gar nicht zum etwas miefigen und grauen Erscheinungsbild des Viertels. Dass sich dort Stadtführungen hin verirren, kommt in letzter Zeit immer häufiger vor und stößt bei manchen Anwohnern nicht nur auf kein Interesse, sondern sogar auf Unverständnis.

Gerhild Komander an der Ecke Damarastraße
Stadtführerin Komander erklärt die moderne Architektur - Bürgermeister Hanke hört interessiert zu

Die Stadtführerin Dr. Gerhild Komander leitet gemeinsam mit Josephine Apraku am 27.6. einen von der SPD Mitte organisierten Rundgang und ist für die architekturhistorischen Details zuständig. Denn das Viertel besitzt mit der Friedrich-Ebert-Siedlung ein bedeutendes Baudenkmal aus den 1920er Jahren. In zwei Baubschnitten haben Bruno Taut und Mebes & Emmerich ihre Vorstellungen von modernem, demokratischen Wohnungsbau realisiert. „Man beachte die einfache Fassadengliederung“ zeigt Komander, „nur mit einem leichten Vorsprung und den Treppenhausfenstern wird die Fassade gestaltet.“

Unsaniert, saniert: das einzige weiße Haus in der oberen Togostraße
Unsaniert, saniert: das einzige weiße Haus in der oberen Togostraße

Bauhaus-Architektur ist das nicht – dafür sind die Gebäudeformen noch zu vielgestaltig. Der historische Putz ist von einem beige-grauen Rauhputz ersetzt: „Nur ein Gebäude hat wieder den glatten Putz“, erklärt Komander – wenn auch die Farben nicht historisch exakt sind. Revolutionär war die Architektur damals auf jeden Fall – und aus politischen Gründen sogar von den Kommunisten geschmäht. Denn hier wohnte die klassische SPD-Wählerschaft, das „Stehkragenproletariat“. Großzügige Grünflächen zwischen den in Zeilenbauweise errichteten Mehrfamilienhäusern boten weitaus bessere Wohnbedingungen als die Mietskasernen der Innenstadt. Den Nazis waren die als hässlich empfundenen Flachbauten ein Dorn im Auge – sie überbauten die Togostraße mit einem den Blick versperrenden Gebäuderiegel und benannten die Siedlung kurzerhand in „Eintracht“ um. Aus hochfliegenden Plänen für ein Sportgelände zwischen Togo- und Müllerstraße wurde nichts: dort wurden recht einfallslose Gebäude mit Satteldach hochgezogen und im Zwischenraum eine Dauerkleingartenkolonie – namens „Togo“ angelegt

Wenn Josephine Apraku Besuchergruppen durch das Viertel führt, bleibt sie an den drei Straßen Petersallee, Nachtigalplatz und Lüderitzstraße stehen. Diese drei Straßennamen fallen aus dem Raster:  sonst sind die Straßen im Viertel , beginnend ab 1899 bis 1958, nach afrikanischen Orten oder Ländern benannt. „Carl Peters haben erst die Nationalsozialisten mit der Straße ein Denkmal gesetzt“, sagt Apraku. Der unternehmungslustige Afrikaforscher hinterließ im schwarzen Kontinent eine blutige Spur des Schreckens. 1986 scheiterte der Plan, die Straße umzubenennen: „Statt dessen wurde sie umgewidmet, was ein großer Unterschied ist“, erklärt die dunkelhäutige Stadtführerin. Nun heißt die Petersallee – halbherzig -nach Hans Peters, einem CDU-Stadtverordneten.

Josephine Apraku an der Windhuker Straße
Josephine Apraku an der Windhuker Straße

Adolf Lüderitz hat eine längere Straße im Wedding. Auch er gehört wie Gustav Nachtigal zu den Deutschen, die auf trickreiche und unternehmungslustige Art große Gebiete unter den „Schutz“ des Deutschen Kaiserreiches stellten. Kein Ruhmesblatt für ein Viertel, dass Straßen nach skrupellosen Unternehmern wie ihm benannt sind.

Die Besuchergruppe staunt nicht schlecht – selbst Anwohner und Kenner des Viertels sind überrascht, wie viele Geschichten hinter den grauen Fassaden ihres Viertels stecken. Für den Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke ist das Viertel der ideale Ort, um an die deutsche Kolonialgeschichte zu erinnern. Er sieht die Chance, hier einen Lern- und Gedenkort zu errichten. Das ganze Viertel steht in einmaliger Weise für die deutsche Kolonialgeschichte. Nur die drei Straßennamen, mit denen die „Afrikaforscher“ geehrt werden – mit denen können der Bürgermeister, afrikanische Initiativen und auch manche Anwohner nicht leben.

Ein Viertel, das viele Geschichten erzählt: über Afrika, die deutschen Kolonien, aber auch über die demokratische Architektur der Zwischenkriegszeit: das Afrikanische Viertel wird hoffentlich noch für manche Stadtführung ein Thema sein.

Mehr über die Kolonialgeschichte gibt es hier.