Rehberge und Plötzensee: Rudern inmitten Weddings grüner Lunge

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Auf Sand gebaut

(C) Linn Asmuß
© Linn Asmuß

Das heu­ti­ge Park­ge­län­de ist Teil des frü­her aus­ge­dehn­ten Wald­ge­bie­tes Jung­fern­hei­de. Die sprich­wört­li­che mär­ki­sche Streu­sand­büch­se präg­te das Land­schafts­bild auf dem Gebiet des heu­ti­gen Volks­parks Reh­ber­ge und des Goe­the­parks in beson­de­rer Wei­se. Denn in der spä­ten Eis­zeit abge­la­ger­ter Flug­sand hat­te sich dort zu gan­zen Sand­dü­nen for­miert. Dar­auf wuch­sen zum Teil Kie­fern und Eichen, doch spä­tes­tens nach­dem die­se nach dem ers­ten Welt­krieg von der frie­ren­den Bevöl­ke­rung abge­holzt wur­den, lag die Sand­flä­che kom­plett frei. Der Sand beein­träch­tig­te die benach­bar­ten Wohn­ge­bie­te erheb­lich – er war allen­falls als Scheu­er­sand zu gebrau­chen. “Der Volks­aus­druck Ber­li­ner Schnee, womit das Trei­ben des Flug­san­des gemeint ist, schreibt sich von den Reh­ber­gen her”, schrieb der Stadt­rat Ernst Frie­del im Jahr 1899. Es muss­te also etwas mit die­ser Flä­che geschehen.…

Landschaftspark statt Völkerschau

In der all­ge­mei­nen kolo­nia­len Eupho­rie war schon das benach­bar­te Afri­ka­ni­sche Vier­tel mit exo­tisch klin­gen­den Stra­ßen­na­men bedacht wor­den. Dazu pas­send hat­te Carl Hagen­beck aus Ham­burg die Idee, einen land­schafts­be­ton­ten Tier­park auf der san­di­gen Flä­che zwi­schen die­sem Vier­tel und dem Plöt­zen­see anzu­le­gen. Auch eine “Völ­ker­schau”, näm­lich die Zur­schau­stel­lung von Men­schen ande­rer Haut­far­be in exo­ti­schen Sied­lun­gen, war im Rah­men die­ses Par­kes vor­ge­se­hen. Der Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges mach­te dem Ham­bur­ger Unter­neh­mer aller­dings einen Strich durch die Rechnung.

Rathenaubrunnen Rehberge (C) Katja Witt
Rathen­au­brun­nen Reh­ber­ge © Kat­ja Witt

Zwi­schen 1926 und 1929 wur­de dafür als Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­me für 1000 Arbeits­lo­se der Volks­park Reh­ber­ge ange­legt. Auf zunächst 70 Hekt­ar nutz­ten die Gar­ten­bau­di­rek­to­ren Rudolf Ger­mer und Erwin Barth die topo­gra­phi­schen Gege­ben­hei­ten, um dar­aus eine anmu­ti­ge Park­land­schaft zu for­men. Die zen­tra­le Sichel­dü­ne mit 17 Metern Höhen­un­ter­schied bil­det einen Rücken, auf des­sen höchs­tem Punkt 1930 der eigen­wil­li­ge Rathen­au-Brun­nen (in Form einer Schrau­be) ein­ge­weiht wur­de. Nach Wes­ten stellt das Gelän­de eine stei­len Abhang mit einer Rodel­bahn dar, wäh­rend die Düne nach Nord­os­ten in einer Kur­ve sanft abfällt. Der dar­auf befind­li­che Höhen­weg über­brückt mit einer in Kalk­stein ein­ge­fass­ten Brü­cke einen que­ren­den Park­weg. Typisch für den Park ist der Wech­sel von Baum­grup­pen, Wie­sen und für Spiel und Sport nutz­ba­ren Ein­rich­tun­gen. Ein Sta­di­on und eine gro­ße Spiel­wie­se (“Cat­cher­wie­se”) gehö­ren eben­so dazu wie eine ziem­lich zuge­wach­se­ne Wie­sen­are­na (“Tanz­ring”), Ten­nis­plät­ze und eine Frei­licht­büh­ne. Im Volks­park Reh­ber­ge gibt es auch zwei Cafés, das Park-Café an der gro­ßen Wie­se sowie die SchA­tul­le gegen­über des Frei­licht­ki­nos. Die Nut­zung des Parks für Spiel und Sport war Teil des Kon­zepts, in dem die Ver­bes­se­rung der Volks­ge­sund­heit eine zen­tra­le Rol­le spiel­te. Blick­fang der Pro­me­na­de, die unter einer Brü­cke hin­durch zur Spiel­wie­se führt, ist eine Bron­ze­plas­tik aus dem Jahr 1906 von Wil­helm Haver­kamp. Kuri­os: die “Rin­ger­grup­pe” wur­de 1935 aus dem Schil­ler­park hier­her ver­setzt, wäh­rend das abs­trak­te Rathen­au­denk­mal 1941 für eine Kopie des Schil­ler­denk­mals ein­ge­schmol­zen wur­de, die heu­te im Schil­ler­park steht. Erst 1987 wur­de das Rathen­au­denk­mal anhand von Fotos nachgebildet.

Goethe GoetheparkCha­rak­te­ris­tisch für die inzwi­schen 115 Hekt­ar gro­ße Gesamt­an­la­ge ist die Ein­be­zie­hung der gleich­zei­tig ange­leg­ten Klein­gär­ten, sei­ner­zeit die ers­te Dau­er­klein­gar­ten­an­la­ge Ber­lins. Den benach­bar­ten etwas älte­ren Goe­the­park (1924), von dem der Volks­park Reh­ber­ge durch die Trans­vaal­stra­ße getrennt ist, nimmt man als Bestand­teil der gesam­ten Grün­an­la­ge wahr. Nach Wes­ten ist das Grün­flä­chen­are­al immer wie­der durch Zukäu­fe und die Ent­wid­mung von Fried­hofs­flä­chen erwei­tert wor­den, so dass heu­te auch der Plöt­zen­see mit sei­nem Ufer­weg als land­schaft­li­che Ein­heit mit den Reh­ber­gen und dem Goe­the­park wirkt.

Sieben Hektar Wasser: der Plötzensee

 

Der Strand am Plötzensee (Quelle: http://schoenes.berlin)
Der Strand am Plöt­zen­see (Quel­le: http://schoenes.berlin)
Das Strandbad Plötzensee (von 1928)
Das Strand­bad Plöt­zen­see (von 1928)

Über­haupt, der Plöt­zen­see: 740 Meter lang und 7,85 Hekt­ar groß ist er ein natür­li­ches Gewäs­ser – ganz im Gegen­satz zu den drei klei­ne­ren Seen Möwen­see, Sprer­lings­see und Enten­pfuhl am Nord­ost­rand des Volks­parks, die aus einer Moor­nie­de­rung her­vor­ge­gan­gen sind. In ein Zu- und Abfluss­sys­tem ist der Plöt­zen­see nicht ein­ge­bun­den – auch er ist ein Relikt der Eis­zeit. Frü­her war der See für sei­nen Fisch­reich­tum bekannt (daher auch die Bezeich­nung nach dem Karpfen­fisch Plöt­ze). Seit 1891 gibt es an sei­nem West­ufer ein Frei­bad, das in sei­ner heu­ti­gen Form im Stil der Neu­en Sach­lich­keit seit 1928 exis­tiert. Die denk­mal­ge­schütz­te Anla­ge ist in U‑Form errich­tet. An der Süd­spit­ze des Plöt­zen­sees nahe an der Auto­bahn See­stra­ße, gibt es eine klei­ne Knei­pe im Boots­haus, die Fischer­pin­te. Dort wer­den Tret­boo­te und Ruder­boo­te ver­lie­hen, wovon vie­le Wed­din­ger an Som­mer­ta­gen regen Gebrauch machen. An der Ost­sei­te ist ein Park mit einer gro­ßen Son­nen­ter­ras­se ange­legt wor­den, von wo aus man einen direk­ten Blick auf das Frei­bad hat.

Köpenickiade begann am Plötzensee

Der Plöt­zen­see gehört im Gegen­satz zum Wed­ding, der schon 1861 nach Ber­lin ein­ge­mein­det wur­de, erst seit 1915 zu Ber­lin. Die Gegend ist Schau­platz eini­ger denk­wür­di­ger Ereig­nis­se. So begann Wil­helm Voigt sein Husa­ren­stück als “Haupt­mann von Köpe­nick” jus­ta­ment an der Mili­tär­ba­de­an­stalt Plöt­zen­see, wo er am 16. Okto­ber 1906 fünf Sol­da­ten unter sei­nen Befehl stell­te – um dann die Stadt­kas­se von Köpe­nick zu beschlagnahmen.

Plöt­zen­see ist auch der Name der benach­bar­ten Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt, die im Drit­ten Reich eine beson­ders unrühm­li­che Rol­le spiel­te. In unmit­tel­ba­rer Nähe des Gefäng­nis­ses befin­det sich eine Gedenk­stät­te für die Opfer, die in Plöt­zen­see ihr Leben ließen.

Volks­park Reh­ber­ge: U 6 Reh­ber­ge; BUS 221 (Ota­wi­stra­ße), Frei­bad Plöt­zen­see, TRAM M13 / 50 (Virchow-Kli­ni­kum)

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

10 Comments

  1. […] Wei­te­re Infos: Web­site des Strand­bad Plöt­zen­see Arti­kel im Tages­spie­gel über das Ehe­paar, das seit 21 Jah­ren den Boots­ver­leih betreibt Aktu­el­le Bade­was­ser­qua­li­tät “Plöt­zen­see: Rudern inmit­ten Wed­dings grü­ner Lun­ge” im Weddingweiser […]

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