Rückblick auf zehn Jahre im Wedding

Zehn Jahre Rückblick Wir schauen zehn Jahre zurück. Die Älteren werden sich noch erinnern: Noch im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends war der Wedding für Menschen außerhalb des Wedding so attraktiv wie – sagen wir – Nordkorea. Das hatte auch Vorteile. Die Weddinger konnten die schönen Ecken ihres von Auswärtigen gemiedenen Stadtteils unter sich genießen, bei niedrigen Mieten und mit guten Einkaufsmöglichkeiten. Nur wenn es ans Ausgehen ging, musste man wohl oder übel auch schon einmal den Wedding verlassen, meistens jedenfalls.

Aus und vorbei – dank des ungebremsten Zuzugs neuer Berliner aus dem In- und Ausland ist auch der Wedding mit seiner zentralen Lage in den Strudel des Immobilienmarktes geraten. Erst hatten wir kein Glück (selbst hier wurden die Wohnungen knapp), dann kam auch noch Pech dazu (die Mieten und auch die Immobilienpreise stiegen). Alteingessene Bewohner der Kieze können sich die Mieten im Wedding nicht mehr leisten. Statt von einem Lottogewinn träumt man im Wedding heute von einer bezahlbaren Wohnung. Wer umziehen muss, für den heißt es: an den Stadtrand oder weg aus Berlin. Dafür sind ganz neue Nachbarn in die Kieze gezogen, die früher einen großen Bogen um den einstigen Arbeiterbezirk Wedding gemacht hätten. Ein Trostpflaster dieser Entwicklung: Für schicke Geschäfte, Cafés, Bars und Restaurants müssen sie jetzt nicht mehr in den Prenzlauer Berg fahren.

Kommentar: Die Ersten könnten die Letzten sein

Graffiti an Hauswand
Graffiti an Hauswand

Wir sind der viertcoolste Bezirk der Welt! Der Wedding ist plötzlich „offiziell“ cool, sehenswert und die Mieten sind auch noch richtig günstig. Zumindest sagt das die englische Zeitschrift Time Out. Viele Jahrzehnte lang galt der Spruch „Der Wedding kommt“ als Witz, aber nun haben wir es endlich schwarz auf weiß.

1. Berliner Mietermesse: Großes Thema – kleine Resonanz

Podium auf der 1. Berliner Mietermesse
Podium auf der 1. Berliner Mietermesse

Gerade einmal 60 bis 70 Menschen fanden am vergangenen Wochenende den Weg ins Brunnenviertel, um sich auf der 1. Berliner Mietermesse über Mieter, Mieterinitiativen und Mietervernetzung zu informieren. Wahrscheinlich ist das Format Messe noch ungewohnt. Dabei wäre gerade jetzt wichtig zu diskutieren, wo sich die Mieterinteressen langsam zu politische Forderungen finden, welches eigentlich das zu erreichende Ziel der Mieter ist.

Gentrifizierung: Auf Spurensuche im Wedding

Das Stadtführungsprojekt “Nächste Ausfahrt Wedding“ startet am 3. Mai mit einer Spurensuche in seine achte Saison. Ausfahrt-Spezialisten Lothar Gröschel und Tanja Kapp haben ihr Projekt seit 2007 zum nachbarschaftlichen Reisebüro für Erkundungen im Brunnenviertel und im Wedding etabliert. Gleich hinter dem Gleimtunnel, wo ein kleines blaues Schildchen mit der Aufschrift „Rein“ Besucher ins Brunnenviertel bittet, beginnen ihre Reisen in den Wedding.

Die Kolumne: Warum früher nicht alles schlecht war

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Quelle: http://weltmeisterer.wordpress.com

Ein Gespenst geht um! Nein, nicht in Europa, wie es Karl Marx in Sachen Kommunismus formulierte. Das Gespenst heute heißt „Kunstszene“. Doch die ist „schlimmer“ als es einst die Kommunisten waren. Dort, wo sie auftaucht, drängt sie auf Veränderung, verdrängt erst Altes und später Alteingesessene. Die Galeristen, Maler, Balletttänzerinnen und Autoren sind das neue Übel. Denn mit ihnen schreitet die Gentrifizierung voran. Noch so ein Gespenst, das durch die Straßen des Wedding wabert und sein Unwesen treibt. Und sich Namen gibt wie „Kolonie Wedding„, um quasi auf Kolonialherren-Art leerstehende Läden zu okkupieren, dort Kunst reinzustellen und damit fremdes Volk anzulocken. Das am Ende uns Ureinwohnern für ein Säckchen Glasperlen den Kiez unterm Hintern weg kauft. Dagegen war Kommunismus Pillepalle!

Autor: Ulf Teichert

Die Kolumne erscheint ebenfalls jeden Samstag im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.

 

Die Kolumne: Bitte Verdrängung!

Wie oft ist zu lesen und zu hören, dass Gentrifizierung ein Werkzeug des Teufels sei und vor allem Alteingesessene aus ihren Kiezen vertreibt. Sehe ich zwar nicht ganz so, kann aber all jene verstehen, die sich um die soziale Balance in den Weddinger Kiezen sorgen. Dieser Tage erlebte ich bei „Menschen bei Maischberger“ Michael Schaller. Der Besitzer von „Michele – Feinkost & Fremdsprachen“ berichtete über seinen Erfahrungen als Ladenbesitzer im Soldiner Kiez, über sich häufende Einbrüche, massive Schutzgelderpressung und schließlich seine „Flucht“ in die Nähe des Mauerparks. Die weniger schönen Seiten des Weddings wurden mehr als deutlich. Mir kam der Gedanke: Hier kann nur Zuzug helfen. Oder nennt es meinetwegen Verdrängung…

Autor: Ulf Teichert

Die Kolumne erscheint auch jeden Samstag in der Weddinger Ausgabe des Berliner Abendblatts.

Hinweis: die Kommentierung dieses Beitrags wurde beendet.

„Der Druck ist schon voll da“ – Eine Diskussion im Sprengelkiez zum Thema Mietpolitik

Insbesondere in zentrumsnahen Stadtteilen wie Wedding sind die Anwohner besorgt wegen steigender Wohnkosten. Unter dem Motto „Wohnen muss bezahlbar bleiben“ lud die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Eva Högl am Dienstag zu einer Diskussionsveranstaltung im Sprengelkiez ein.

Reuestimmung in der SPD

Rund 80 Personen kamen am Dienstagabend in den Lindengarten am Nordufer, darunter viele Anwohner aus Tiergarten und Wedding sowie Angehörige verschiedener lokaler Mieterinitiativen. Den Fragen der Gäste stellten sich außer Eva Högl auch Ephraim Gothe, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Bezirksverordnete Janina Körper sowie Siemen Dallmann, Anwohner im Sprengelkiez und Vorsitzender des Vereins „Aktiv im Kiez“.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde klar, dass mit Blick auf die Miet- und Wohnpolitik so etwas wie Reuestimmung in der SPD herrscht. Denn das Thema, gestand Eva Högl ein, sei lange Zeit politisch nicht ausreichend behandelt worden. Auch Ephraim Gothe zeigte sich selbstkritisch, beteuerte jedoch, das Thema sei „auf der politischen Agenda ganz nach oben geraten“.

Entspannung wird nötig sein

Nazarethkirche
Man rechnet mit starkem Zuzug: Berlin-Wedding

Ephraim Gothe gab einen ausführlichen Überblick über die Maßnahmen des Berliner Senats, die auf dem Wohnungsmarkt der Stadt für mehr Entspannung sorgen sollen. Entspannung wird auch nötig sein, denn man geht davon aus, dass Berlin bis 2030 um rund 250.000 Einwohner wachsen wird. Starker Zuzug wird vor allem für Ortsteile wie Pankow, Wedding und Tiergarten erwartet.

Der Berliner Senat hat bereits im vergangenen Jahr mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften ein Bündnis für soziale Wohnungspolitik geschlossen, das ein ganzes Bündel von Regelungen umfasst, um die Entwicklung des Wohnungsmarkts politisch stärker beeinflussen zu können. Teil der Vereinbarung ist zum Beispiel eine Erhöhung des Wohnungsbestands der Gesellschaften um rund 23.000 Wohnungen durch den Zukauf bestehender und den Bau neuer Wohnungen.

Auch eine Neuausrichtung in der Berliner Liegenschaftspolitik soll dazu führen, dass Grundstücke aus dem Besitz der Stadt nicht wie bisher möglichst gewinnbringend verkauft werden, sondern beim Verkauf stärker auf wohnungspolitische Ziele geachtet wird. Ein neues Gesetz soll zudem den spekulativen Leerstand sowie die Zweckentfremdung von Wohnungen eindämmen. Denn durch die Vermietung von Wohnraum als Ferienwohnung kann ein Vermieter bis zu viermal mehr Miete bekommen. Der Berliner Bevölkerung werden diese Wohnungen dadurch jedoch vom Wohnungsmarkt entzogen.

Eva Högl hält vor allem die starken Mietsteigerungen bei Neuvermietungen für problematisch. Hier sei eine Deckelung der Mieterhöhungen erforderlich, so dass Mieten innerhalb von vier Jahren nur um maximal 15% erhöht werden dürfen. Bisher sind es 20% in drei Jahren. Ebenso griff sie den Wunsch einiger Anwohner nach mehr Transparenz bezüglich der Eigentumsverhältnisse von Mietshäusern auf.

Gezielte Aufwertung

Am ehesten kontrovers diskutiert wurde über die gezielte Aufwertung sozial schwacher Wohngebiete, da sie natürlich im Verdacht steht, einer sozialen Verdrängung den Weg zu ebnen. Die Aufwertung der sozialen Struktur, so Gothe, sei jedoch alternativlos, wolle man zum Beispiel verhindern, dass junge Familien fortziehen, sobald ihre Kinder ins schulpflichtige Alter kommen. Die Bezirksverordnete Janina Körper, die – vielleicht etwas leichtfertig – das Reizwort „Gentrifizierung“ in einem durchaus affirmativen Sinn verwendete, wies darauf hin, dass die Aufwertung im engen Dialog mit dem jeweiligen Quartiersmanagement erfolgt, um soziale Verdrängungsprozesse zu verhindern. Statt sozial Starke ins Viertel zu locken, so ein Mitglied des Berliner Mietervereins, solle man vor allem versuchen, den Menschen vor Ort zu helfen.

Die Situation im Sprengelkiez

Nordufer
Im Sprengelkiez sind kaum noch bezahlbare Wohnungen zu finden

Im Verlauf des Abends wurde deutlich, dass die Mitglieder der Mieterinitiativen, die Maßnahmen des Berliner Senats zwar begrüßen, sich aber gleichzeitig auch kurzfristige Maßnahmen wünschen, um den Menschen zu helfen, die bereits jetzt ihre Mieten nicht mehr bezahlen können. So schilderte Siemen Dallmann seine Erfahrungen als Mietervertreter im Sprengelkiez, wo dies bereits bei vielen Mietern der Fall sei. Für Kiezbewohner, die ihre bisherige Wohnung verlassen, sei es fast unmöglich, wieder eine bezahlbare Wohnung im Viertel zu finden. Viele Mieter mit Migrationshintergrund, berichtete eine andere Anwohnerin, mussten bereits fortziehen. „Der Druck ist schon voll da“, fasste Dallmann die Situation zusammen. Er befürchtet, dass sich besonders im Sprengelkiez die Situation noch weiter verschärfen wird. An die Politik richtete Dallmann zudem die Bitte, neben dem Thema Miete auch die Problematik ständig steigender Nebenkosten nicht aus den Augen zu verlieren.

Verdrängung sozial Schwacher aus dem Kiez?

Als Dallmann am Ende der Veranstaltung einen erst seit drei Monaten im Sprengelkiez wohnenden Studenten darüber aufklärt, der Wedding sei noch vor einigen Jahren alles andere als angesagt gewesen, wurde vermutlich so manchem Besucher wieder bewusst, wie schnell und wie sehr sich die Situation im Wedding geändert hat. Nach den Jahren stagnierender Einwohnerzahlen, erleben vor allem die bisher als wenig attraktiv geltenden Stadtviertel eine Zeit des Umbruchs. Wenn die Politik nicht konsequent dagegen steuert, läuft der Wedding Gefahr, eine massenhafte Verdrängung der sozial schwachen Bevölkerung zu erleben. Bleibt zu hoffen, dass sich das Engagement der Mieterinitiativen auszahlt, und insbesondere auch deren Wunsch nach kurzfristigen Maßnahmen in der Politik Gehör findet. Viel Zeit bleibt nicht.