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Der Wedding war schon immer bunt:
Ansichtssache: Zuzug ist unsere DNA

20. Februar 2024
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Oft stören sich alteingesessene Weddinger daran, dass aus ihrer Sicht zu viele Zugezogene im Stadtteil wohnen. Zu viele Schwaben, zu viele aus der Provinz Geflohene, zu viele geflüchtete Menschen aus Krisengebieten, zu viele Migranten. Ein Beispiel dafür seien die einst vielfältige Müllerstraße oder die Badstraße, die zu langweiligen, einseitigen Straßen der immer gleichen Art von Geschäften geworden sind. Saubere Bürgersteige und gepflegte Parks seien ebenso Vergangenheit wie die leeren Straßen, auf denen nie Stau war. Statt frischem Graubrot und Plunderteilchen gäbe es nur noch Brötchen, Pide und Baklava. So falsch ist das zwar nicht, greift aber zu kurz.

Bunte Badstraße

Ohne Neuzugezogene kein Wedding

Denn auch der "gute alte" Wedding ist das Produkt von Zuzug. Menschen, die ankommen, liegen sozusagen in der DNA des Stadtteils - wie an kaum einem anderen Ort in Deutschland. Sonst wäre aus der 7.000 Seelen-Vorstadt (1861) kein Stadtteil mit bis zu 350.000 Einwohnern in der Weimarer Republik geworden. Dabei kamen nicht nur Deutsche, sondern auch Polen, vor allem aus den östlichen Teilen Preußens. Später kamen viele Menschen dazu, die nicht in der DDR leben wollten. Und vor allem zu Mauerzeiten fanden viele Westdeutsche ihre erste Unterkunft im Wedding, bevor sie sich aufmachten, in andere, "bessere" Stadtteile zu ziehen. Der Wedding war und ist ein Ort des Transits, wo man erst einmal ankommt. Die ethnische Vielfalt macht es den Neuzugezogenen leicht, sich in Berlin willkommen zu fühlen. Viele bleiben, viele ziehen aber auch weiter. Das war schon immer so, das ist auch jetzt der Fall. Und wir Weddinger sind sehr erfahren darin, mit immer neuen Menschen klarzukommen.

Ein Flüchtling und ein Pate unterhalten sich bei einem Kennenlerntreffen. Foto: Martin Reischke
Ein Geflüchteter und ein Pate. Foto: Martin Reischke

Die Wahrheit ist: Eine "gute alte Zeit, in der die Weddinger schön unter sich geblieben sind", hat es nie gegeben. Die heutige Zeit lässt sich auch nicht mit den 70ern und 80ern vergleichen, als eine Mauer den Wedding auf drei Seiten einschloss und das Leben sicherlich sehr viel ruhiger und übersichtlicher war. Das war geschichtlich eine Ausnahmesituation, die sich (hoffentlich) so nicht mehr wiederholen wird.

Wir sollten froh sein, dass der Wedding seine Zugezogenen mit offenen Armen empfängt. Und damit auch die Vielfalt an Speisen, an Lebens- und Sichtweisen, die uns bereichern.

Ergebnis unserer Umfrage:

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Unsere Serie: Wie der Wedding unser Zuhause wurde

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

9 Comments

  1. Boar, riecht richtig schlimm nach „Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber…“ hier in den Kommentarspalten. Ein „ich hab nix gegen Vielfalt und so“ macht den Rassismus der danach nach dem großen ABER kommt nicht ansatzweise besser. Auch hier toll einfach, Probleme auf Andere zu schieben - sei es durch Stigmatisierung der/des Fremden oder durch pauschale Kritik an Sozialpolitiken. Man muss nicht helle sein um zu checken, dass Probleme in Stadt
    heute komplexer sind und sich nicht ausschließlich durch Schuldzuweisungen erklären oder gar erledigen lassen. In die fiese Mischung kommt zb noch sowas wie Kapitalismus und struktureller Rassismus, die Zustände vielfach erst erzeugen, um sie dann zu verteufeln, um Stimmung gegen Symptome statt gegen Ursachen zu machen. Wer sauer auf wen oder was sein will, da gibt es trotzdem noch genug Anlass. Ein Stück weit leiden alle unter den Zuständen, außer wer vlt grad Eigentum im Dachgeschoss ausbaut. Umso mehr also Anlass sich zusammen zu tun und für Veränderung zu sorgen oder sie zu fordern. Aber dann eben auch alle zusammen. Ist halt leider nur nich so bequem wie mit dem Finger in Kommentaren oder sonst wo auf Andere zu zeigen.

    • Brrrrrr.... schöner passender Name, wer versteckt sich denn da?
      Die Aufforderung: "Anlass sich zusammen zu tun und für Veränderung zu sorgen oder sie zu fordern. Aber dann eben auch alle zusammen." ist ja nicht schlecht. Wann fangen Sie denn damit an? Oder können Sie auch nur andere kritisieren?

  2. Es geht mir so wie Christel. Es gibt mehr türkische Lebensmittelläden und Restaurants als deutsche. Nicht falsch verstehen, ich kauf da auch gern ein und gehe dort gern essen. Aber gern hätte ich auch mal ein Schnitzel oder Rouladen...
    Ein weiteres Beispiel ist der Markt am Leopoldplatz, wie mir gesagt wurde, der erste Öko-Markt Berlins. und nun, ein überwiegend leerer großer Platz mit mehr "Ramsch"buden als Lebensmittel. Ich fahre jetzt nach Weissensee oder zum Wittenbergplatz, früher hab ich mich beeilt, nach der Arbeit rechtzeitig hinzukommen, das brauch ich jetzt nicht mehr. Worum kümmert sich eigentlich die Stadtteilvertetung, Mensch, Müller!?

  3. Das Problem ist ja nicht, dass jemand was gegen Zugezogene hätte, dafür war der Wedding schon immer zu bunt und jedem, dem das nicht passt, ruft der Weddinger wohl „jeh doch zuhause!“ zu. Aber man muss die Probleme schon beim Namen nennen.
    Der Bezirk wurde mit Menschen fremder, nicht europäischer Herkunft (die spanischen Hipster und amerikanischen Expats sind hauptsächlich in Neukölln) geradezu geflutet, und damit einher ging die völlige Übernahme der Geschäftsstrukturen vor Ort. Viele Bars und Cafés, die vor 10 Jahren vorsichtig zu sprießen begannen („der Wedding kommt“) sind längst wieder weg, dafür Dönerbuden, Shawarma, Handyläden und Friseursalons überall. An der Badstr. rotieren die Geschäfte Döner-Barbershop-Shishaladen-wieder-Döner-nur-anderer-Name im zwei Monatsrhythmus. Man muss nicht besonders helle sein, um zu begreifen, dass eine komplette Gastroküche einzubauen, rauszureissen und dann wieder einzubauen himmelschreiend nach Geldwäsche stinkt. Aber klar, fällt ja nicht auf, den gegessen wird immer, und für 5 Barbershops an einer Ecke ist auch Platz, wenn man jeden Tag die Konturen nachrasieren lässt.
    Zwischen Leopoldplatz und Nauener Platz ist ein Block mittlerweile fast vollständig in der Hand von Barsolut, Bar-Bet, Barsolut2 usw. Natürlich sind das ungesunde Strukturen, denn sie bedeuten eine komplette Entmischung. „Fest in türkischer (bzw arabischer) Hand“ ist eben nicht nur so dahingesagt, sondern wie auf der Sonnenallee längst Realität. Man versuche mal in Gesundbrunnen einen echten Italiener oder Asiaten zu finden, geschweige denn einen richtigen Bäcker, wo es gutes Brot und nicht nur Simmit zu kaufen gibt.
    All das sind Entwicklungen, die in eine sehr deutliche Richtung gehen, und die ist nicht unbedingt gut. Der soziodemographische Trend verspricht auch nicht unbedingt, dass sich da nochmal etwas ändern würde. Zudem sind die Mieten im Bezirk mittlerweile auch unbezahlbar geworden, ohne dass irgendeine Form von „Aufwertung“ stattgefunden hätte. Stattdessen eine erschreckende Verwahrlosung des öffentlichen Raum.
    Ich wohne seit langem gerne hier, aber gegen ein bisschen abwechslungsreichere Infrastruktur hätte ich jetzt auch nichts.

    • Bin ganz bei dir, Hagen Wolf. Mich nervt an solchen Artikeln dieses pädagogische Mantra. Nein, wie sind nicht gegen Migranten, ja, wir sind doch alle Zugezogene, ob Schwabe oder Syrer, ist doch egal. Vielfalt ist schön. .. . Im Wedding, wo ich (Schwabe, Zugezogener) seit sechs Jahren wohne, herrscht statt Vielfalt oft Einfalt: Ein Döner-Laden am anderen, Handy-shops, Nagelstudio, Ramschgeschäfte . . .ich muss jedenfalls weit laufen, um an ökologisch produzierte Lebensmittel zu kommen oder sonst ein Geschäft oder Restaurant zu finden, das mich und meinesgleichen interessiert. Vom Sperrmüll auf den Straßen, vom Macho-Gehabe vieler Bewohner, vom Antisemitismus, von der traditionellen Frauen-Männer-Rolle jetzt mal ganz zu schweigen. Wer das als "wie schön ist doch unser Vielfalt-Kiez" beschreibt, den kann ich nicht ganz ernst nehmen.

  4. Das Laute und das Nervige sind in der Müller- und auch in der Badstraße vor allem die Autos. Man stelle sich beide Straßen als Boulevards vor (was sie ja auch waren) auf denen man ruhig flanieren kann. Dann wären dort bessere Geschäfte und entspanntere Leute. Was sich über die letzten fast 15 Jahre, die ich im Wedding bin, zusätzlich entwickelt hat sind die Ecken der Englisch sprechenden Kultur. In der Lynarstraße, in vielen Cafés und z. B. der Vagabund-Brauerei. Und natürlich die Tempel der Bio-Kultur wie die Bio-Company, denns, der Bio-Markt auf dem Leo, Hansis Bäckerei und der Bio-Coop in den Osramhöfen.
    Und es ist wunderbar, dass das alles mit dem was schon da ist zusammen passt.

  5. Dem kann ich mich nur anschließen. Ich bin in der Badstraße, Müllerstr. usw. groß geworden. Meine Oma hatte in der Stettinerstr. ein Geschäft. Wir gingen in der Badstr. zu Café Reichert oder Café Jahn. Einkaufen in der Markthalle usw. Was sich in den Straßen verändert hat ist nicht mehr schön. Nix gegen Vielfalt aber nicht so. Vom Dreck ganz zu schweigen. Das gleiche schwappt rüber zur Residenzstr. alles in türkischer Hand. Früher war alles gemischt. Die Zeiten ändern sich nicht immer zum Guten.

  6. Gegen Vielfalt habe ich nichts, aber meiner Meinung nach ist es zuviel Vielfalt. Gerade die Müllerstr. ist so ein Beispiel. Jetzt ist Karstadt weg, warum sollte ich da jetzt noch hinfahren.? Um die Möglichkeit zu haben ,auf 2 Km Länge, in 10 Obst-und Gemüseläden, oder in 8 Dönerläden etwas zu kaufen? Die Badstr. ist auch so ein Beispiel. Das Verhältnis haut nicht mehr hin. Im Urlaub finde ich das schön. Aber jeden Tag? Nö.

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