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Medien im Wedding

Kirche St. SebastianIn den klassischen Medien wird gerne über den Wedding berichtet – vor allem, wenn es um Kriminalität, soziale Probleme oder Migranten geht. Doch nur wenige wissen, dass es im Wedding auch Medien gibt, die ihre Zielgruppen nicht nur im Kiez, sondern rund um den Globus haben. Weiterlesen

„Bitch Wedding ist die Straße“ – ein neues Label im Wedding

Im Weddinger Tangoloft wurde vergangenen Freitag ein besonderer Anlass gefeiert: Die Geburt des Weddinger Labels „Bitch Wedding“. Am Rande des Partygetümmels konnte der Weddingweiser mit Yoerk Koerk sprechen, einem der beiden Macher von Bitch Wedding.

Shirts mit dem Aufdruck „Amberzombie & Bitch“ statt „Ambercrombie & Fitch“, eine Zeitschrift, die VÜRGUE statt VOGUE heißt –  was wie die Antwort der Badstraße auf die Glamourwelt des Rodeo Drives klingt, zählt zur Produktpalette des neuen Labels Bitch Wedding. Auf dessen Geburtstagsparty treffe ich Cindy Reimer und Yoerk Koerk, die kreativen Köpfe hinter dem Label. Mit Yoerk und einer Flasche Augustiner steuere ich die Raucherecke an, um ihm dort einige Fragen zu stellen.

Bitch Wedding T-Shirts
T-Shirts von Bitch Wedding (Bild: Bitch Wedding)

Yoerk, den meisten Weddingern dürfte Bitch Wedding noch unbekannt sein. Was ist „Bitch Wedding“?

Bitch Wedding ist ein Label, welches Kunst und Kommerz zusammenbringt. Wir sind eine Reflektion der Straße, der Kunst und des Proletariats. Wir  verstehen uns als Hüter der gepflegten Weddinger „Lifestyle-Penner®“-Lebensart. Deshalb machen wir unsere Label selbst. Schmutzig, intelligent, authentisch und großartig. Wedding passiert auf der Straße, Bitch Wedding ist die Straße.

Zudem engagieren wir uns auch im sozialen Bereich und bei sozialen Vereinen und werden unter anderem Projekte wie Design- und Foto-Workshops mit Berliner Jugendlichen durchführen. Produkte, die dabei entstehen, verkaufen wir über unser Label, und die Einnahmen kommen den Jugendlichen sowie den sozialen Einrichtungen zugute.

Welche Produkte wird es von Bitch Wedding geben? Und wo kann man sie bekommen?

Bitch Wedding Shirt
Shirt mit „Bitch Wedding“-Logo (Bild: Bitch Wedding)

T-Shirts und Taschen sind unsere ersten Produkte – aber wir arbeiten bereits an anderen Dingen und werden die Produktpalette kontinuierlich erweitern. Einen interessanten Teil könnten dabei auch die Produkte einnehmen, die durch unsere Zusammenarbeit mit sozialen Vereinen entstehen. Unser Onlineshop geht am 15. April online. Zudem planen wir gerade PopUp-Shops, die spätestens im Mai diesen Jahres eröffnet werden. Jenseits der klassischen Verkaufsstrategie zeigen wir unsere Sachen in einem Wedding-typischen und baufälligen Umfeld, um die Spannung zu erhöhen. Dadurch kann es durchaus sein, dass man die neusten Shops nur per SMS Verteiler oder Facebook in Erfahrung bringen kann.

Wie seid ihr auf die Idee zu Bitch Wedding gekommen?  

Die meisten Menschen rümpfen immer noch die Nase, wenn sie erfahren, dass man im Wedding wohnt. Jeder denkt sofort an einen Problembezirk mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Dieses Bild wollen wir in einer humoristischen, selbstironischen Weise entschärfen und einfach die guten Seiten des Bezirks hervorheben. Das machen wir unter anderem dadurch, indem wir Straßen-Interviews mit Weddingern durchführen und diese online stellen.

Ja, die habe ich auf Facebook gesehen. Dort seid ihr schon seit einger Zeit aktiv. Wie lange arbeitet ihr schon an dem Projekt?

Wir arbeiten ganz intensiv seit ca. 3 Monaten an dem Projekt. Die Idee schwirrt uns schon seit über einem Jahr im Kopf herum, hat sich aber erst in den letzten Monaten verdichtet. Und seitdem geben wir Vollgas.

Ich habe gehört, es wird auch eine Zeitschrift namens VÜRGUE geben. Was erwartet die Leser der VÜRGUE?

Interessante Artikel aus dem Wedding – echt und pur mit einer Prise Ironie und unserer subjektiven und grandiosen Sicht auf die Dinge. Eine Persiflage an den Berlin Hiptser-Lyfestyle aus Sicht des typischen Weddingers. Auf jeden Fall werden wir den Leser überraschen und hoffen, dadurch neue Denkprozesse in Gang zu setzten. Und das alles in erstklassiger Druckqualität – ohne eine müde Mark – auf die Beine gestellt.

Wie ist euer Bezug zum Wedding?

Alle Freunde, die bei uns mitarbeiten, leben hier unterschiedlich lange und haben den Bezirk auf ihre Art und Weise kennen und lieben gelernt. Während überall sonst in Berlins Mitte der Trend zu teueren Luxuswohnungen etabliert wird und die Bezirke zu allem mutieren außer zu lebenswerten und bezahlbaren Quartieren mit einer interessanten Kulturszene, hat man hier noch Berlin pur. Und das mitten in Mitte. Das soll auch so rüberkommen.

Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus?

Wir haben einiges vor und unsere Ideen wachsen im Quadrat hoch 10 – ist doch klar. Und das musste dann erst ma abarbeiten. Oder anders gesagt: First we take Manhatten, then we take Berlin – what else!

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Das Interview in englisch

Hommage an eine Hauptschlagader: „Die Müllerstraße“

„Die Müllerstraße“ – ein Sonderheft des Magazins „Der Wedding“ ist am 18. Juni 2011 neu erschienen. Keine Überraschungen für Kenner dieser Straße- zum Glück!

Foto: S+U Bahnhof Wedding
Am südlichen Ende der Müllerstraße wird der Name des Ortsteils recht eindeutig erwähnt.

Julia Boeck und Axel Völcker haben ein Talent. Sie haben es mit ihrem Magazin „Der Wedding – Magazin für Alltagskultur“ schon mehrfach unter Beweis gestellt. Sie sind in der Lage, eigentlich schwer fassbare Dinge wie das Erscheinungsbild eines heterogenen Stadtviertels, seine Bewohner mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen mit historischen Fakten unter einen Hut zu bringen. Das Gesamtbild beschönigt nichts, sondern trifft den Nerv – genau so empfinden die meisten den Charakter des Wedding. Dafür bedienen sich die Macher des Magazins bewusst einer enormen Bandbreite von Stilmitteln.

Zweifellos trifft dies auch auf „Die Müllerstraße“ zu. Diese Ausgabe unterscheidet sich von den bisherigen Heften von „Der Wedding“ nur durch die monothematische Fokussierung auf eine letztendlich doch sehr lange Straße mit vielen Facetten. Das Durchblättern ist eine Freude: das Layout wirkt im Vergleich zum „Magazin für Alltagskultur“ ein wenig aufgeräumter mit weniger (dafür zeitlosen) Schriftarten und einer konsequenten, fast symmetrisch wirkenden Struktur. Die Porträts der letzten Traditionsgeschäfte an der Straße befinden sich genau in der Mitte, in einem etwas kleinformatigeren „Magazin im Magazin“.

Anlass für das Sonderheft war eine öffentliche Förderung: die gute alte Müllerstraße wurde zu einem riesigen Sanierungsgebiet erklärt, wodurch auch Mittel für die Herstellung dieses Magazins freigesetzt wurden. Da kommt dann auch schon mal der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und hält ein Grußwort zur Veröffentlichung.

Zum Glück für die Leser konnten Boeck und Völcker dafür aus dem Vollen schöpfen. Diesen Eindruck hat man, wenn man die aufwändige Gestaltung der werbefreien Seiten beim Durchblättern wahrnimmt. Fast schon luxuriös viel Platz haben die teils ganzseitigen Fotos von ganz normalen Menschen in ihren Wohnungen, Traditionsläden oder in der Markthalle. Die Bilder führen zwar zu einer künstlerischen Überhöhung der Normalität, aber treffen immer noch den Charakter der Straße: „In den Achtzigern stehengeblieben“ steht im Begleittext. Man blättert, man schaut die Bilder an und denkt: genau so ist auch die Straße.

Wenn sich einst durch eine neue Müllerhalle, neue Stadtmöbel, die neue Bibliothek, neue Bewohner oder neue Cafés ihr Erscheinungsbild ändern sollte, werden wir froh sein, dass der heutige Zustand des einstigen „Boulevard des Nordens“ in diesem Magazin für immer festgehalten sein wird. Ist das Sanierungsvorhaben dann beendet und die Müllerstraße, wie wir sie heute kennen, längst Vergangenheit, ist zu hoffen, dass es dann eine weitere Ausgabe von „Die Müllerstraße“ geben wird. Auf die Fotos, die Porträts und die Grafiken freue ich mich schon jetzt.

Nur das Titelbild, ein Detail, das in einer Ecke des Traditionsgeschäfts „Hosen spezial“ entstand, hätte doch etwas aussagekräftiger sein dürfen. Nichts ist von der Straße zu sehen, die doch den Daseinszweck der Zeitschrift darstellt.