Bunte Spuren im grauen Weddinger Winter

Foto: Annika KeilenMit grim­mi­gem Gesicht schla­ge ich mich durch die Mas­sen, die mit eili­gen Schrit­ten aus der S‑Bahn huschen. Ihre Gesich­ter ver­ste­cken sich hin­ter Woll­müt­zen und dicken Schals. Der Win­ter ist da. Nicht irgend­ein Win­ter, son­dern der gefürch­te­te Ber­li­ner Win­ter –  grau und end­los. Von mei­nem Fens­ter am Net­tel­beck­platz aus konn­te ich genau ver­fol­gen, wie die letz­ten Blät­ter ihre bun­te Far­be ver­lo­ren und in eine brau­ne Bio­mas­se über­gin­gen. Übrig blie­ben Mat­sche, nack­te Bäu­me und Hoff­nung. Hoff­nung auf die ein oder ande­re Oase, die es hilft auch bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren den Wed­din­ger Win­ter zu über­le­ben. Am Net­tel­beck­platz spre­che ich eine Dame mitt­le­ren Alters an und fra­ge sie nach far­ben­fro­hen Orten im Wed­ding. „Ick kenn kee­nen bun­ten Ort hier. Hier is allet trüb. Aber viel Glück noch.“ Trotz die­ser nicht so erfolgs­ver­hei­ßen­den Ant­wort setz­te ich mei­ne Suche fort.

Orte, wo der Wedding an grauen Tagen bunt ist

Textilien bunt wie der Wedding von der "Montagehalle"
Bunt wie der Wedding

Ber­lin, du kannst so grau sein. Depri­mie­ren­de Tage, an denen die Wol­ken­de­cke nicht auf­reißt und die Son­ne über­all auf der Welt scheint, nur nicht über  unse­rer Stadt. Gut, dass unser Wed­ding so bunt und leben­dig sein kann wie kaum ein ande­rer Stadt­teil. Man muss nur wis­sen, wo man die Far­ben findet: 

Kurzer Blick in eine Notübernachtung der Kältehilfe

Obdach­lo­se war­ten vor der Not­über­nach­tung in der See­stra­ße. Foto: And­rei Schnell

“Herz­lich will­kom­men” steht auf einem A4-Blatt hin­ter einer Glas­schei­be. Ich wäre bei­na­he an der Tür vor­bei­ge­gan­gen. Es ist 18.55 Uhr. Ich lese: “Wir öff­nen um 19 Uhr”. Nach fünf Minu­ten War­ten ist mir kalt, ich zie­he mei­nen Pres­se­aus­weis und klop­fe an. Vor­bei an den Obdach­lo­sen, die wei­ter gedul­dig war­ten, wer­de ich ins war­me Haus hin­ein­ge­las­sen. Es ist der 4. Janu­ar und für den Stand­ort See­stra­ße in die­sem Win­ter die ers­te Käl­te­hil­fe-Nacht. An die­sem Abend und in die­sem ehe­ma­li­gen Büro­ge­bäu­de begeg­nen sich ver­schie­de­ne Men­schen. Die enga­gier­te Stu­den­tin trifft auf den Sozi­al­or­ga­ni­sa­tor. Und auch die Obdach­lo­sen sind bei­nache unsicht­bar anwe­send. Was ist das eigent­lich: Kältehilfe?