Sieh, das Gute liegt so nah. Frei nach Goethes ‚Erinnerungen‘ lud das sonnige Wetter vergangenen Sonntag dazu ein, einfach im Humboldthain um die Ecke zu flanieren, anstatt dorthin zu fahren, wo es vermeintlich schöner ist. Umso naheliegender, wenn die S-Bahn übers Wochenende sowieso nicht fährt und entlang des Parks eine ungewöhnliche Ruhe herrscht. Das Sommerbad noch tief im Winterschlaf, dafür hat sich die große Wiese in eine Seenlandschaft verwandelt.

Mütter schieben ihre Kinderwagen durch den Matsch. Kinder stampfen mit nicht-wasserfesten Schuhen auf der Eiskruste und brechen sie ein. Auf dem ‚Weiher‘ daneben zieht ein Schlittschuhläufer einsam seine Bahnen. Die ersten Krokusse haben sich bereits durch die Reste des Schnees gekämpft und recken ihre Köpfe. Alles wirkt irgendwie friedlicher als sonst. Alles, bis auf die Dackel, die sich wie jeden Sonntag von eins bis zwei mit ihren Herrchen zur Verabredung einfinden. Sie wuseln munter durcheinander und kabbeln sich. Ein Mutiger traut sich sogar auf die kleine Eisfläche.

Auf den breiten, schneefreien Wegen überholen mich Jogger, die fleißig ihre Runden drehen. Ich wähle einen Nebenpfad, der durchs Dickicht führt und erhasche einen Blick auf die andere Seite des Weddings: Drei behelfsmäßige Behausungen etwas versteckt im Gebüsch. Sie bieten zwar im Winter keinen Schutz vor Kälte aber zumindest vor Regen. An meinem Ziel Gesundbrunnen angelangt, gibt es heute leider keine Kartoffelpuffer mit Apfelmus zum krönenden Abschluss. Die Curry-Baude macht gerade Urlaub. Dafür herrscht bei Flying Roasters Hochbetrieb und durch die offene Tür strömt verführerischer Kaffeeduft. Manchmal kann der Wedding auch schön.
Text/Fotos: Silke Gerlach

