WWW – das Wichtigste der Woche im Wedding

KapwegLetztes Jahr berichteten wir noch über ein mögliches (Diesel)Fahrverbot im Kapweg, nun scheint es, als rudere die Berliner Verwaltung hier wieder zurück. „Am Kapweg in Reinickendorf und an der Leonorenstraße in Steglitz setzte sich die Verwaltung dagegen zugunsten der Autofahrer über das Urteil hinweg.“ (Morgenpost). 15 andere Strecken sollen dagegen planmäßig ab dem 1. Juli gesperrt werden, sowie in 85 Straßen Tempo 30 eingeführt werden, darunter ist auch die Luxemburger Straße im Wedding.

Die Zukunft des Nahverkehrs im Wedding

Foto (c) Andi Weiland
S-Bahnhof Wedding (c) Andi Weiland

Nach Jahren des Sparens ist der Berliner Nahverkehr an einem Tiefpunkt angekommen: Bei der U-Bahn fehlen Fahrzeuge, die S-Bahn ist eine einzige Störung im Betriebsablauf, die Busse und Straßenbahnen stehen mehr im Stau als dass sie fahren. Der Senat hat das erkannt und plant wieder größer. Wir haben einmal zusammengestellt, was der neue Nahverkehrsplan für den Wedding bedeutet.

Weshalb „Karstadt“ am Leo in rot schimmert

Karstadt kann für sich in Anspruch nehmen, mit der Architektur seiner Häuser immer dem Trend der jeweiligen Zeit zu folgen. Das gilt auch für das 1978 fertiggestellte Warenhaus am Leopoldplatz. Ein Vergleich mit anderen Karstadt-Häusern aus jener Zeit erzählt uns einiges über die jüngere Architekturgeschichte.

Karstadt am LeopoldplatzDie Planungen an dem Standort beginnen schon wenige Jahre nach der Einweihung des U-Bahnhofs Leopoldplatz, 1923. Man war bestrebt, Warenhäuser an Verkehrsknotenpunkten zu errichten. So verfügt Karstadt am Hermannplatz seit der Einweihung im Jahre 1929 als modernstes Kaufhaus Europas über einen direkten Zugang zu zwei U-Bahnlinien. Doch um in innerstädtischen Lagen Warenhäuser zu bauen, müssen Grundstücke aufgekauft und Häuser abgerissen werden. Am Leopoldplatz verhinderten dies in den 1930er Jahren Mieter, die ihre Wohnungen nicht verlassen wollten. Sie (und die Wirtschaftskrise) veranlassten den Konzern sogar dazu, seine Pläne aufzugeben. Die Flächen der für das Kaufhaus an der Müllerstraße bereits abgerissenen Gebäude wurden zwischenzeitlich als Kohle- und Holzhandlung sowie als Wochenmarkt genutzt.
In Moabit war der Konzern, der die Häuser seiner Konkurrenten aufkaufte und zum Teil unter anderen Namen betrieb, erfolgreicher. So übernahm Karstadt das Warenhaus Lachmann & Scholz an der Ecke Turm- und Ottostraße und führte es als »Karzentra«-Kaufhaus. Die Fassade des 1903 gebauten Gebäudes war 1924 durch den Architekten Martin Punitzer modernisiert worden.

Erst die neu angelegten Verkehrsverbindungen, die infolge der Nachkriegsteilung der Stadt entstanden, machten den Leopoldplatz für Karstadt wieder interessant. So entstand mit der heutigen U9 ein von Ost-Berlin unabhängiges Rückgrat des West-Berliner Verkehrsnetzes. Dieser U-Bahn-Neubau verband ab 1961 den Leopoldplatz mit dem neuen Zentrum von West-Berlin, dem Zoologischen Garten, und ab 1976 mit dem Rathaus Steglitz. Durch den Straßendurchbruch der Luxemburger Straße entstand zudem eine direkte Anbindung des Leopoldplatzes an die neue City-West im Hauptstraßennetz. Zeitgleich erfolgt die Umgestaltung des Umfeldes der neuen U-Bahnhöfe.

Am U-Bahnhof Turmstraße errichtete der Architekt Hans Soll 1960 den Neubau des Hertie-Kaufhauses. Um einen Ausgleich unter den Konkurrenten zu schaffen, wurde Karstadt gebeten, seinen beengten Standort in der Turmstraße aufzugeben und am Leopoldplatz neu zu bauen.
Dazu wurden Anfang der 70er Jahre die Häuser abgerissen, die den Krieg zum Teil unbeschadet überstanden hatten. Vorgesehen war zunächst ein Neubau als geradezu brutal monolithischer Block, mit riesenhaften dunkelbraunen Betonverblendungen, abgeflachten Kanten und nur schmalen Fensteröffnungen an der Oberkante des Bauwerkes – nach Vorbild der 1969 in Hamburger-Eimsbüttel gebauten Filiale.

Die Planung des Hauses am Leopoldplatz fällt aber in die Zeit der ersten Schritte des Umdenkens in der Baupolitik und der Hinwendung zur historischen Stadt: Anders als bei der neun Jahre vorher eröffneten Hamburger Filiale wurde das Haus am Leopoldplatz 1978 in einer engen Abstimmung mit dem Denkmalschutz errichtet. Dies zeigt sich deutlich in der Gestaltung des Hauses. So ist die Fassade gegliedert, die Lüftungen und Aufzugtürme sind mit bronzefarbenen Metallplatten verblendet. Die Betonfassade mit ihrem hellen Rotton orientiert sich an den Backsteinen der Alten Nazarethkirche, die Fenstergestaltung bezieht sich auf die Fensterbänder des Alten und Neuen Rathauses. In diesem architekturhistorischen Zusammenhang ist der Karstadt am Leopoldplatz einerseits ein Zeugnis jener radikalen West-Berliner Stadtplanung der 1970 Jahre, die mit ihren neuen Zentren, einer modernen Verkehrsführung und den Straßendurchbrüchen sich gegen den Ostteil der Stadt zu behaupten versucht. Das Gebäude ist aber auch ein Beispiel für eine Zeit, in der die moderne Architektur beginnt, erste Kompromisse mit der historischen Stadt zu schließen.

Wäre das Haus nur 13 Jahre später eröffnet worden, so hätte es vermutlich eine historische Fassade, ein Dach mit Gauben und einem Türmchen zu Betonung der Ecksituation – so jedenfalls präsentiert sich das Karstadt-Gebäude am Tempelhofer Damm, das im Jahr 1991 eingeweiht wurde. Ob uns das heute am Leopoldplatz besser gefallen würde?

Autor: Eberhard Elfert

zuerst erschienen in der „Ecke Müllerstraße“ 

KARSTADT, Müllerstr. 25, Mo-Sa 10-20 Uhr

Unterirdischer Wedding: die U-Bahn (Teil 1)

Hässlich, schmuddelig oder einfach nur funktional – die U-Bahnhöfe im Wedding machen auf den ersten Blick nicht viel her. Ein bisschen Hintergrundwissen kann da nicht schaden…

Schon seit 90 Jahren rumpeln die gelben Züge unter dem Wedding hindurch. Mit einer Hochbahnstrecke wie in Kreuzberg kann unser Ortsteil zwar nicht dienen, dafür sind aber im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neue Strecken und Bahnhöfe dazugekommen. Und immer sind die Bahnhöfe auch Ausdruck des Zeitgeistes gewesen, wie unsere erste Übersicht beweist:

Wedding von unten – seit 90 Jahren per U-Bahn

Einfach unterirdisch: viele Berliner kennen den Wedding nur aus der Kellerperspektive. Für seinen Untergrund ist der Stadtteil jedoch nicht erst in neuester Zeit bekannt, denn schon vor neunzig Jahren erreichte die erste U-Bahn den Wedding.

U-Bahn-WagenDie erste U-Bahn-Linie Berlins (die heutige U 1) wurde noch überwiegend als Hochbahn ausgeführt, so sehr misstraute man angesichts der technischen Möglichkeiten um 1900 dem sandigen Berliner Untergrund. Die Stadt Berlin hatte den Bau und Betrieb anfangs einem privaten Bauherrn (Siemens und Halske) überlassen. Beim Bau der Nord-Süd-Bahn Wedding-Tempelhof /Neukölln war sie jedoch selbst als Bauherr tätig. Noch vor dem Ersten Weltkrieg begannen die Bauarbeiten, wurden aber bald eingestellt. Es dauerte noch bis Januar 1923, bis die städtische Nord-Süd-Bahn zwischen Hallesches Tor und dem heutigen Bahnhof Naturkundemuseum eröffnet wurde. Im März des gleichen Jahres ging die Verlängerung über Reinickendorfer Straße, Bahnhof Wedding, Leopoldplatz bis zur Seestraße in Betrieb, wodurch auch der Wedding über einen U-Bahn-Anschluss verfügte.