Weniger Kriminalität im Wedding

Polizeiautos
Polizei hat weniger zu tun im Wedding. Foto: Weddingweiser

Reizwort Kriminalität – die Polizei hat gerade ihre Statistitk für Diebstahl, Körperverletzung oder Brandstiftung veröffentlicht. Die Zahlen zeigen, dass Wedding-Zentrum nicht mehr – aber auch nicht weniger – gefährlich ist als der Alexanderplatz. Doch: entgegen mancher Schlagzeile sind der Soldiner Kiez und der Gesundbrunnen nicht auffällig. Berlinweit betrachtet ist es am Stadtrand am sichersten.

Stille Post

Keine Bange, die Soldiner Straße wird nicht umbenannt. Foto Andrei Schnell.
Keine Bange, die Soldiner Straße wird nicht umbenannt. Foto: Andrei Schnell

Das kann nicht ohne Kommentar seitens des Weddingweisers bleiben. „Paketdienst stellt im Wedding nicht mehr zu.“ Problemkiez, Gewaltkiez, No-go-Area in der Soldiner Straße beziehungsweise in der Prinzenallee. Diese Schlagzeilen wirft einem Google-News dieser Tage aus, wenn man nach Nachrichten mit dem Stichwort DHL sucht. Nicht nur die Berliner Medien überschlagen sich in Panikmache, sogar Chip titelt „DHL hat die Schnauze voll von Berlin“. Dabei sollte der Weddinger die Schnauze voll haben. Und zwar von dem irren Stille Post-Spiel, das da vor seinen Augen abgeht.

Der Leopoldplatz im Rückfall

trinker-bereich-leo
Aufenthaltsbereich auf dem Leo

Die Bänke sind leer. Drei Jahre nach der feierlichen Eröffnung des neugestalteten Leopoldplatzes wird der Aufenthaltsbereich für die Szene kaum noch genutzt. Sie nimmt den von ihr selbst mitgeplanten Ort nicht mehr an. Gründe dafür sind die neu auflebende Drogenszene, enttäuschte Hoffnungen, erlittene Kränkungen und vielleicht auch Angst vor der eigenen Courage. Hinzu kommt ein Rückgang an behördlicher Aufmerksamkeit und politischem Handlungswillen, nachdem der Platz aus den Negativ- Schlagzeilen verschwunden war: Der Leopoldplatz ist sozusagen allmählich auf dem Dienstweg versandet.

Die 20 besten #24hPolizei-Tweets aus’m Wedding

Twitter Team der Berliner Polizei
(c) Twitter Team der Berliner Polizei

Lärmbelästigung im Innenhof, illegales Grillen im Park oder ein kleiner, weißer Hund, der sein Zuhause sucht? Zum wiederholten Mal hat die Berliner Polizei unter dem hashtag #24hPolizei einen vollen Tag lang Einblick in ihre Arbeit auf Streife gegeben. Die virtuellen Beamten in blau twitterten über ihre Einsätze in ganz Berlin – wir haben für euch die 20 vielleicht besten Polizei-Tweets aus dem Wedding sowie Gesundbrunnen für euch zusammen gestellt. Sind unsere beiden Ortsteile wirklich die „Problembezirke“, von denen immer alle sprechen? Oder ist der Wedding längst schon in der hauptstädtischen Normalität angekommen? Oder ist es vielleicht doch ganz anders? Ein Annäherung in Tweet-Form.

Leopoldplatz: Schluss mit Klischees

NazarethkirchenVor einigen Monaten bin ich in den Wedding gezogen. Ein Bezirk, dem noch immer so manch einer kritisch gegenüber steht. Vor allem der Leopoldplatz hatte ein schlechtes Image in meinem Bekanntenkreis: Problemkiez, Schmuddelkind, Trinkertreff. So kann man sich sicher vorstellen, dass ich eher mit gemischten Gefühlen zu einem Spaziergang durch den Kiez aufgebrochen bin …

Nicht gekommen, um zu bleiben – eigentlich…

Der Wedding ist nur Provisorium, eine Durchgangsstation auf meinem unaufhaltsamen Weg in die hippen Kieze Berlins. Das erzähle ich meinen Kumpels. In Kreuzberg, Mitte und Friedrichshain waren nur leider die Wohnungen zu mies oder zu teuer. Also: zog ich in den Wedding. Und im ersten Monat nach meinem Umzug von München hierher, in die Turiner Straße, füttert er mich tatsächlich mit reichlich Argumenten für eine baldige Flucht.

Der wilde Wedding – Vorteil oder Vorurteil?

Der Ortsteil Wedding hat bekanntlich einen sehr schlechten Ruf und wird vereinzelt sogar als Ghetto bezeichnet. Dafür spricht sicherlich die Tatsache, dass der Wedding in Hinblick auf den Bezug von Arbeitslosengeld deutschlandweit zu den Spitzenreitern gehört. Auch liegt der Anteil der Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, an manchen Schulen bei über 90%. Doch das ist nur die eine Seite.

BillardWas steht auf der Positiv-Seite? Niedrige Mietkosten für schöne Wohnungen in City-Nähe, viele Grünflächen, die von Familien dazu genutzt werden, die Nachmittage draußen zu verbringen und jede Menge Spielplätze, dazu Bars, die man nie als Fremder verlässt und in denen man noch kostenlos Kickern oder Billard spielen kann. Ein kleiner Fluss mit dem Namen Panke, der mit den umliegenden Grünfächen eine Heimat für Fischreiher, Füchse und andere Tiere bietet. Multikulturelle Vielfalt, welche sich nicht nur in den Gesichtern der Menschen widerspiegelt, sondern auch im kulinarischen Angebot. Künstler, die ihre Kunst noch kostenlos anbieten und in der Vielfalt die Inspiration suchen. Das sind wohl die Gründe, wegen denen manch einer sehr gerne im Wedding lebt, obgleich die meisten beim Einzug in diesen Bezirk kaum wissen, was sie außerdem erwartet.

Nicht für jeden das Richtige

Nachts im WeddingNatürlich sind Hundekot, soziale Probleme und auch der teilweise achtlose Umgang mit schönen alten Immobilien schon beim Vorbeigehen nicht zu übersehen. Auch ist der Wedding nicht für jeden etwas. Wer mit halb eingezogenem Kopf, seine Handtasche festkrallend, durch die Straßen rennt, zeigt jedem der es wissen will: ich habe Angst, ich werde dir nicht widersprechen und habe etwas in meiner Handtasche, das es wert wäre mich zu überfallen. Ein Individualist mit einer starken Persönlichkeit hingegen wird (wenn er nicht gerade Streit sucht) in der Regel sehr gerne gesehen und in den meisten Geschäften – wenn auch oft in gebrochenem Deutsch- sehr herzlich empfangen.

Angst vor etwas ganz Anderem

Straßenszene im Wedding (Foto: Soldiner Kiez Kurier)Doch warum schockiert man die Leute, wenn man ihnen erzählt, dass man gerne im Wedding lebt? Die Menschen, die den Wedding nur oberflächlich kennen, sollten wissen, welchen Charme der Ortsteil neben den reinen Tatsachen und oberflächlichen Eindrücken entfalten kann. Wollen Großstädter denn, dass die Straßen nachts wie ausgestorben sind, damit sie sich sicherer fühlen? In Gesprächen mit einigen langjährigen Bewohnern zeigt sich: die Angst, nachts überfallen zu werden, ist nicht so groß. Statt dessen befürchten viele, dass der Ortsteil durch Gentrifizierung zum Szenebezirk werden könnte und dadurch die Mietpreise weiter steigen. Tatsächlich haben viele Weddinger den Eindruck, dass die Nachbarschaftsverhältnisse klarer sind als in anderen Bezirken und auch der türkische Gemüsehändler freundlicher ist als die deutsche Verkäuferin im Supermarkt.

Bezirke wie Prenzlauer Berg sind mittlerweile vieles, aber nicht mehr das, wodurch sie zu dem wurden, was sie einmal waren: ein Geheimtipp für Menschen, die etwas anderes suchen als die breite Masse. Die es sich leisten können, die Ruhe und die Anonymität der Großstadt zu suchen und zu finden.

Ganz allgemein gilt: dieser Ortsteil taugt nicht für Pauschalisierungen. Der Eindruck, den der Wedding hinterlässt, ist nämlich genauso vielfältig ist wie seine Bewohner. Vielleicht sind also die Negativschlagzeilen und Vorurteile dem Wedding gegenüber in gewisser Hinsicht ein Schutzwall, um die genannten Positivbeispiele, welche den Wedding für viele Bewohner so liebenswert machen, zu erhalten.

Autorin / Fotos: Serena Trommer