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Der Leopoldplatz im Rückfall

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Auf­ent­halts­be­reich auf dem Leo

Die Bän­ke sind leer. Drei Jah­re nach der fei­er­li­chen Eröff­nung des neu­ge­stal­te­ten Leo­pold­plat­zes wird der Auf­ent­halts­be­reich für die Sze­ne kaum noch genutzt. Sie nimmt den von ihr selbst mit­ge­plan­ten Ort nicht mehr an. Grün­de dafür sind die neu auf­le­ben­de Dro­gen­sze­ne, ent­täusch­te Hoff­nun­gen, erlit­te­ne Krän­kun­gen und viel­leicht auch Angst vor der eige­nen Cou­ra­ge. Hin­zu kommt ein Rück­gang an behörd­li­cher Auf­merk­sam­keit und poli­ti­schem Hand­lungs­wil­len, nach­dem der Platz aus den Nega­tiv- Schlag­zei­len ver­schwun­den war: Der Leo­pold­platz ist sozu­sa­gen all­mäh­lich auf dem Dienst­weg versandet.

Ein Netzwerk von Akteuren

Die Neu­ge­stal­tung des Leo­pold­plat­zes war eine der ers­ten und viel­leicht die bedeut­sams­te Auf­ga­be im Akti­ven Zen­trum und Sanie­rungs­ge­biet Mül­ler­stra­ße. Der zen­tra­le Wed­din­ger Stadt­platz wur­de zwi­schen 2010 und 2013 bau­lich umge­stal­tet und soll­te zugleich sozi­al befrie­det wer­den. Im Zen­trum des Unmuts stand die loka­le Trin­ker­sze­ne, die sich an die­sem Ort stän­dig und in gro­ßen Grup­pen auf­hielt und den Platz klar domi­nier­te. Damals ent­stand unter gro­ßem Enga­ge­ment vie­ler Anwoh­ner am Run­den Tisch Leo­pold­platz ein neu­er Lösungs­an­satz: Bei der Platz­neu­ge­stal­tung soll­ten »Pro­blem­grup­pen« nicht ver­drängt wer­den. Viel­mehr wur­de gemein­sam mit ihnen eine Pla­nung ent­wi­ckelt und umge­setzt, in der sie auch einen eige­nen Auf­ent­halts­be­reich mit­ge­stal­te­ten: mit Tisch­ten­nis­plat­te, Über­da­chung, Toi­let­te. Eben­so wich­tig wie die Betei­li­gung der Anwoh­ner am Run­den Tisch war aber auch die Ein­rich­tung der »Prak­ti­ker­run­de«, in der sich Mit­ar­bei­ter des Bezirks, der Sanie­rungs­be­auf­trag­ten, des Poli­zei­ab­schnitts, der BVG , des Leo­poldcen­ters, des Markt­be­trei­bers, der Kir­chen­ge­mein­de und die Sozi­al­ar­bei­ter regel­mä­ßig zusam­men­fan­den. Das vom Bezirk beauf­trag­te »Sozia­le Platz­ma­nage­ment« von Gang­way e.V. mit Sozi­al­ar­bei­tern und einer Kon­flikt­me­dia­to­rin ver­mit­tel­te dort mehr als nur die Sicht­wei­se der Sze­ne. »Es dau­er­te unge­fähr ein Jahr, bis wir im Sep­tem­ber 2011 die Run­de zusam­men­hat­ten«, erzählt die Media­to­rin Dr. Fran­zis­ka Becker. »Allein mit dem neu­ge­bau­ten Auf­ent­halts­be­reich und der Stra­ßen­so­zi­al­ar­beit wären die Pro­ble­me nicht in den Griff zu bekom­men gewe­sen. Man braucht auch ein Netz­werk von Akteu­ren im Umfeld, die sich zusam­men dafür ein­set­zen, dass die ver­ein­bar­ten Regeln auch ein­ge­hal­ten werden.«

LeopoldplatzHeu­te jedoch trifft sich die loka­le Trin­ker­sze­ne statt am Leo lie­ber auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te der Mül­ler­stra­ße: am Rat­haus Wed­ding und vor dem U‑Bahn-Ein­gang am Leo­pold-Cen­ter, oder auch etwas wei­ter ent­fernt am »schwar­zen Net­to« neben dem S‑Bahnhof Wed­ding. Auf den vor­de­ren Leo­pold­platz ist die Sze­ne nicht wie­der zurück­ge­kehrt, jeden­falls nicht so stark wie in den Jah­ren vor der Plat­z­erneue­rung. Hier sieht man inzwi­schen ein ganz bun­tes Publi­kum: Stu­den­ten der benach­bar­ten Beuth-Hoch­schu­le ver­wei­len auf den lan­gen Bän­ken und am Was­ser­spiel eben­so wie Flücht­lin­ge aus dem Heim in der Pankstra­ße, Fami­li­en, Frau­en mit oder ohne Kopf­tuch, Anwoh­ner aller Alters­klas­sen und Her­künf­te. Manch­mal sind auch klei­ne­re Grup­pen der »klas­si­schen Trin­ker« dar­un­ter – aber sie domi­nie­ren den Platz nicht mehr. Die Sze­ne ver­lässt ihren Auf­ent­halts­be­reich Im Win­ter 2013/2014 hat­ten (wohl über­wie­gend ost­eu­ro­päi­sche) Klein­dea­ler den Auf­ent­halts­be­reich ent­deckt. Kurz zuvor war hier anstel­le pro­vi­so­ri­scher Dixi-Klos eine neue dau­er­haf­te Toi­let­ten­an­la­ge der Fir­ma Strö­er auf­ge­stellt wor­den. Die­se war von allen Betei­lig­ten gefor­dert wor­den, um dem uner­träg­li­chen Uri­nie­ren im öffent­li­chen Raum, ins­be­son­de­re an der Kita auf dem Gelän­de, ein Ende zu set­zen. Das geräu­mi­ge Bau­werk wur­de jedoch bald auch von Hero­in­süch­ti­gen genutzt, die sich hier oft  Hero­in (»Folie«) rauch­ten. Es kam gele­gent­lich zu Kon­flik­ten zwi­schen Trin­kern und Dea­lern. Als 2015 das Lan­des­kri­mi­nal­amt gezielt Raz­zi­en durch­führ­te, eska­lier­te die Situa­ti­on. Dabei wur­de näm­lich ein Depot mit Hero­in­kü­gel­chen auch auf dem Außen­ge­län­de des »Trink­raums Knor­ke« ent­deckt. »Knor­ke« war ein Pro­jekt, mit dem enga­gier­te Gemein­de­mit­glie­der der Naza­reth­kir­chen­ge­mein­de die Situa­ti­on auf dem Leo sehr posi­tiv beein­flusst hat­ten: Im Hin­ter­ge­bäu­de des Gemein­de­hau­ses wärm­te sich die Sze­ne nicht nur auf – man traf sich auch dort, es wur­de gekocht und man konn­te Sozi­al­ar­bei­ter um Rat fra­gen. Das »Knor­ke« erhielt kei­ne staat­li­che Unter­stüt­zung, die Gemein­de finan­zier­te ledig­lich eine hal­be Sozi­al­ar­bei­ter­stel­le. Prak­tisch wur­de das Pro­jekt zu einem gro­ßen Teil von der Sze­ne selbst orga­ni­siert. Meh­re­re Jah­re lang ging das auch gut. Doch nach dem Dro­gen­fund kam der Gemein­de­kir­chen­rat zu dem Schluss, dass der wei­te­re Betrieb nicht mehr ver­ant­wort­bar sei und der Trink­raum umge­hend geschlos­sen wer­den müs­se. Gleich­zei­tig häuf­ten sich die Raz­zi­en am Auf­ent­halts­be­reich. Mit kon­zen­trier­ten Repres­si­ons­kam­pa­gnen soll­ten nach der übli­chen Poli­zei­tak­tik des LKA die Dea­ler vom Ort ver­trie­ben wer­den. Das klapp­te nur kurz­fris­tig – nach­hal­tig ver­trie­ben wur­de ledig­lich die Trinkerszene.

Klares Signal wäre notwendig

nazarethkirchstrZum Jah­res­wech­sel 2015/2016 kam es dar­über hin­aus zum Trä­ger­wech­sel des Sozia­len Platz­ma­nage­ments am Leo. Das neue Sozi­al­ar­bei­ter­team von »Fix­punkt e.V.« bringt dabei auch Erfah­run­gen aus dem Klei­nen Tier­gar­ten ein, wo es ein ähn­li­ches Pro­jekt betreut. Und es kennt sich gut am Leo aus, weil es dort auch schon zuvor mit  sei­nem »Prä­ven­ti­ons­mo­bil« prä­sent war. Das lang­jäh­rig gewach­se­ne Ver­trau­ens­ver­hält­nis ihres Vor­gän­gers konn­ten sie aber natür­lich nicht auf Anhieb erset­zen. »Die Sze­ne am Leo hat nicht alle Ver­bin­dun­gen zu dem Auf­ent­halts­be­reich abge­bro­chen«, sagt der Sozi­al­ar­bei­ter Ralf Köhn­lein von Fix­punkt e.V. »Wenn wir dort beson­de­re Ange­bo­te machen, zum Bei­spiel zusam­men kochen und Essen aus­ge­ben, dann kom­men auch alle – das ist über­haupt kein Pro­blem.« Nur im Nor­mal­fall kommt eben kaum einer mehr zum Auf­ent­halts­be­reich. Es ist fast so, als ob die »Sze­ne« auf ein Signal war­ten wür­de. So ein Signal könn­te bei­spiels­wei­se eine bau­li­che Ände­rung der Toi­let­ten­an­la­ge sein. »Dar­über reden wir schon seit Mona­ten in der Prak­ti­ker­run­de«, erzählt Ralf Köhn­lein. »Man müss­te ja eigent­lich nur einen Rauch­mel­der ein­bau­en, der Alarm schlägt und die Türen öff­net, wenn Rauch ent­steht. Die Fir­ma Strö­er als Betrei­be­rin reagiert aber ein­fach nicht auf unse­re Anfra­gen.« Ähn­li­che Pro­ble­me mit Hero­in-Rau­chern gibt es übri­gens auch an der Strö­er-Toi­let­te am Alexanderplatz.

Kein Ansprechpartner beim Ordnungsamt

Baustelle, Schillerbibliothek, Foto: Joachim Faust
Bau­stel­le des zukünf­ti­gen Eli­se- und Otto-Hampel-Platzes

Mit­glied der Prak­ti­ker­run­de ist auch wie­der Dr. Fran­zis­ka Becker, die die­se maß­geb­lich mit auf­ge­baut hat­te. Fünf Jah­re spä­ter sieht sie einen deut­li­chen Rück­zug des Bezirks: »Dem Leo­pold­platz fehlt vor allem die Auf­merk­sam­keit der Bezirks­ver­wal­tung. Am Anfang waren ja das Stra­ßen- und Grün­flä­chen­amt und vor allem auch das Ord­nungs­amt inten­siv an den Run­den betei­ligt. Jetzt wis­sen wir noch nicht ein­mal, wer beim Ord­nungs­amt über­haupt unser Ansprech­part­ner sein könnte.«

Die Stel­le des Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ten im Bezirk Mit­te, der die Prak­ti­ker­run­de koor­di­niert, wur­de bei der per­so­nel­len Neu­be­set­zung 2015 in der Zustän­dig­keit neu zuge­ord­net und ist nicht mehr direkt beim Bezirks­bür­ger­meis­ter ange­bun­den. Fran­zis­ka Becker bedau­ert das. »Der neue Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­te darf jetzt nicht mehr von sich aus Kon­takt zu den Amts­lei­tern der Bezirks­ver­wal­tung auf­neh­men. Er muss sich an den offi­zi­el­len Dienst­weg hal­ten. Und der ist oft lang und beschwer­lich.« Dage­gen lobt sie den Poli­zei­ab­schnitt 35: »Die haben kein biss­chen nach­ge­las­sen in ihrem Engagement.«

Am Leo­pold­platz schei­nen die bezirk­li­chen Ener­gie­re­ser­ven auf­ge­braucht zu sein. Der Platz wird nicht mehr als Pro­blem­zo­ne wahr­ge­nom­men – obwohl die Pro­blem­la­gen im Stadt­raum wahr­lich nicht klei­ner gewor­den sind. Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te ver­schär­fen sich die Kon­flik­te, so berich­ten es auch Anwoh­ner: Dort, auf dem Platz vor dem Job­cen­ter, kon­kur­rie­ren nun Trin­ker­sze­ne, Job­cen­ter- Kun­den und Migran­ten­grup­pen rund um die stau­bi­ge Bau­stel­le um die weni­gen Sitz­ge­le­gen­hei­ten. Im Früh­jahr soll hier der ers­te Bau­ab­schnitt des künf­ti­gen »Eli­se-und-Otto-Ham­pel-Plat­zes« fer­tig wer­den. Wenn man nicht auf­merk­sam ist, könn­te sich hier bald Ähn­li­ches abspie­len wie auf dem Leo­pold­platz vor sei­ner Erneuerung.

Autor: Chris­tof Schaffelder

Von der Wed­ding­wei­ser-Redak­ti­on gekürz­ter Text. Der unge­kürz­te Bei­trag erschien in der “Ecke Mül­ler­stra­ße”, Nr. 6/2016.

Viel­leicht hat sich durch die zwi­schen­zeit­lich erfolg­te Wahl und das neue Bezirks­amt etwas geän­dert? Hier geht es zu unse­rem Arti­kel über die neu­en und alten Bezirksstadträte. 

Gastautor

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4 Comments

  1. “Trin­ker­sze­ne” klingt für mich über­trie­ben. Gehe öfter den U‑Bahn Aus­gang hoch Rich­tung Post. Dort ste­hen oben um die Trep­pen rum viel­leicht 10–15 Leu­te, oft eini­ge Hun­de. Über­füllt war es da nie, man wur­de auch nie ange­macht, habe nie Agres­sio­nen wahr­ge­nom­men. Auch ange­bet­telt wur­de ich dort nie. Ist viel­leicht nur mei­ne Wahr­neh­mung, aber für mich waren das bis­her immer nur ein paar fried­li­che Trin­ker, kei­ne Rede von etwas wie “Sze­ne”.

  2. Wenn es kalt wird, hat sich die loka­le Trin­ker­sze­ne “schon immer” vor dem U‑Bahn-Ein­gang am Leo getrof­fen. Zumin­dest ist es so die 10 Jah­re die ich bereits hier lebe. Zum The­ma Ecke für Trin­ker mit Tisch­ten­nis­plat­te und co. gegen Verdrängung. 

    Wozu ist die Plat­te denn da? Dar­auf stun­den­lang sit­zen und trin­ken? Habe nicht ein ein­zi­ges mal gese­hen dass dort wer spielt, beson­ders nie­man­den aus der Trin­ker­sze­ne. Aber viel­leicht spie­len sie ja im Som­mer vor­mit­tags wenn ich auf der Arbeit bin. 

    Mit der Dea­ler­sze­ne dann kann man den Platz und her­um gut und ger­ne wie­der ver­ges­sen. Scha­de wie die Ver­wahr­lo­sung hier nach den finan­zi­ell aus­ge­ge­be­nen Mit­teln wie­der stattfindet.

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