Das preisgekrönte Rathausumfeld gefällt nicht jedem

Fußweg
Der Fußweg zwischen Lesegarten und Bibliothek

Die Neugestaltung des Platzes am Elise-und-Otto-Hampel-Weg („Rathausumfeld Wedding“) hat eine Auszeichnung in der Kategorie „Landschaftsarchitektur im Detail“ des Landschaftsarchitekturpreises 2019 des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) erhalten. Die Gestaltung des Platzes gefällt aber nicht allen Weddingern.

Der „Elise-und-Otto-Hampel-Platz“ kommt ein Jahr später

Baustelle, Schillerbibliothek, Foto: Joachim Faust
Baustelle des zukünftigen Elise- und Otto-Hampel-Platzes

Die Neugestaltung des Platzes zwischen der neuen Schiller-­Bibliothek und dem alten Rathaus Wedding wird rund ein Jahr länger in An­spruch nehmen als ursprünglich geplant. Statt zu Ende diesen Jahres wird die Fertigstellung erst Ende 2017 erwartet. So sollte der erste Bauabschnitt, die Neugestaltung des Platzteiles vor dem jetzigen Jobcenter, eigentlich schon im Januar abgeschlossen sein. Jetzt ist er, wenn alles gut geht, zu Jahresende fertig.

Trostlos: Baustopp am Job-Center Wedding

Rathaus Job-Center BaustelleWas haben wir uns gefreut, als die hochtrabenden Pläne für die Neugestaltung des Platzes vor dem früheren Rathaus-Hochhaus und der nagelneuen Schillerbibliothek bekanntgegeben wurden. Doch als es nach dem Start der Bauarbeiten im Mai 2015 eine kleinkarierte Diskussion um die Benennung des namenlosen Platzes gab, hätte man es schon ahnen müssen: unter einem guten Stern steht dieser Platz nicht. Denn jetzt sind die bereits stockenden Bauarbeiten endgültig gestoppt worden. Und mitten im Wedding liegt weiterhin eine trostlose Baustelle.

Rathaus und Hochhaus bekommen ein vorzeigbares Umfeld

Rathausvorplatz Wedding
heutiger Zustand

Ein Straßenschild vor dem Alten Rathaus, direkt vor der Galerie Wedding, mit der Aufschrift „Limburger Straße“ zeigt in Richtung eines tristen Platzes mit überwucherten Freiflächen, überkommenen Stadtmöbeln und einer Gruppe von hoch gewachsenen Pappeln. Eine Straße ist da nicht mehr zu erkennen. Zumal mitten in der Sichtachse ein gläserner Verbindungsgang zwischen den Verwaltungsgebäuden verläuft, die sogenannte „Beamtenlaufbahn“…

Das soll sich neuesten Umgestaltungsideen zufolge ändern. Am 18. Juni entschied nämlich ein Preisgericht unter dem Vorsitz der Landschaftsarchitektin Gabriele Pütz, welcher Entwurf der Planung zugrundegelegt werden soll. Der erste Preis mit 9.000 Euro Preisgeld ging an das Berliner Landschaftsplanungsbüro ANNABAU. Der klar gegliederte Entwurf sei „eine Arbeit, der es gelingt, eine angemessene Verbindung zwischen Leopoldplatz und Beuth-Hochschule anzubieten“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Zentraler Ort für den Wedding

Planung Rathaus-Umfeld
Quelle: ANNABAU

Wesentliches Ziel des von der Senatsverwaltung ausgelobten Wettbewerbs ist es, einen urbanen Platz als zentralen Identifikationsort und vielseitig nutzbare Freiflächen zu schaffen. Der Ort hat nämlich viel Potenzial: die den heutigen (namenlosen) Platz umgebenden Gebäude werden bald ihre Funktion und ihr Gesicht stark verändern – so wird Ende 2014 in den sanierten Hochhausturm von 1964 das Job-Center Mitte einziehen und die mit Raumnot kämpfende Schillerbibliothek erhält einen aufsehenerregenden Neubau an der Brandwand auf der Südseite.

Eine Verbindung zwischen Genter und Müllerstraße

Der Clou am Gewinnerentwurf ist die Verbindung zwischen der eher etwas steinlastigen Müllerstraßen-Seite und der wesentlich grüneren Rückseite des Hochhausturms: eine Art „Lesegarten“ vor der neuen im Bau befindlichen Bibliothek und direkt neben dem zukünftigen Job-Center-Hochhaus macht die bislang ziemlich unwirtliche und unzugängliche Fläche überhaupt erst zu einem öffentlichen Raum.

(Quelle: ANNABAU)
Quelle: ANNABAU

Die Bau- und Realisierungskosten werden mit 2,1 Mio € für ca. 14.700 m² Freiraum aus dem Bund-Länder-Städtebauförderprogramm ‚Aktive Stadtzentren‘, sowie aus Städtebaufördermitteln des Bezirkes finanziert. Geplant ist die weitestgehende Fertigstellung des Umfeldes 2014/2015.

Übrigens bleibt die Pappelgruppe vor der heutigen Bibliothek (im ehemaligen Sitzungssaal der BVV) erhalten – sie sollen nämlich an den Rummelplatzbetreiber und Artisten „Onkel Pelle“ erinnern, der an dieser Stelle Anfang des 20. Jahrhunderts einen Vergnügungspark betrieb.

Unter der Voraussetzung, dass die Mittel dafür zur Verfügung stehen, soll der die Blickachse verstellende Verbindungsgang zwischen Rathausaltbau und dem zukünftigen Job-Center abgerissen werden. An der dadurch wieder wahrnehmbaren „Limburger Straße“ entsteht statt dessen ein baumbestandener beleuchteter Fuß- und Radweg – in der Hoffnung, dass die Beuth-Hochschule und der ganze Brüsseler Kiez eine grüne Wegeverbindung zur Müllerstraße erhält und dieser Übergangsbereich ganz neu belebt wird.

Sieht gut aus für den Wedding

Sollte die neue Bibliothek genau so spektakulär aussehen wie auf den Visualisierungen, sollte durch die Sanierung des Rathausturmes und des BVV-Saals die Eleganz der Sechzigerjahre-Architektur wieder erkennbar sein und sollten die neu gestalteten Freiflächen Lust darauf machen, an diesem Ort länger zu verweilen als unbedingt nötig – es wäre ein Gewinn für den ganzen Wedding und ziemlich gut investiertes Geld.

Link zum Wettbewerbsergebnis

Der erste Spatenstich ist am 9. Mai 2015 erfolgt.

 

Beuth-Hochschule bekennt sich zum Standort Wedding

Als sich im Dezember 2011 herauskristallisierte, dass die Beuth-Hochschule (ehemals TFH) nicht in den leerstehenden Hochhausturm des Rathauses Wedding ziehen würde, da das Job-Center Mitte den Zuschlag erhalten hatte,  schien fraglich, ob der überregional bedeutende Hochschulstandort im Wedding zu halten sei. Nun äußerten sich die Präsidentin Prof. Monika Gross und der Erste Vizepräsident Prod. Hans W. Gerber im Interview mit der Sanierungszeitung „Ecke Müllerstraße“ zur Standortfrage nach der Entscheidung gegen den Rathausturm.

„Die ganze Hochschule wird nicht nach Tegel umziehen, nur einige Bereiche“, gab Prof. Gross zu verstehen – der Hauptcampus bleibt im Wedding. Etwas anderes sei auch aus Kostengründen (ca. 500 000 Euro) nicht möglich. Die Beuth-Hochschule hat inzwischen 11.000 Studierende, Tendenz steigend, und ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor im Kiez zwischen Leopoldplatz und der Amrumer Straße. „Natürlich hat die Entscheidung auch Spuren hinterlassen“, sagt Prof. Gross im Interview, „wir fragen uns schon, wie verlässlich die Aussagen der Bezirkspolitik sind.“

Beuth HochschuleDie Stadtteilvertretung Müllerstraße war nicht nur über die Vergabe des Turms an das Job-Center verwundert, sondern auch über die Art und Weise, wie die Beteiligung dieses gewählten Bürgergremiums „vergessen“ wurde. In einem Brief an den Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, der ebenfalls in der Zeitung „Ecke Müllerstraße (1/2012)“ veröffentlicht wurde, verliehen die Bürgervertreter ihrem Ärger Ausdruck. Dabei sind im Vorfeld der Entscheidung alle Beteiligten, auch der Bezirk, davon ausgegangen, dass die Stärkung des Hochschulstandorts durch das Gebäude direkt an der Müllerstraße auch positive Effekte auf das Sanierungsgebiet Müllerstraße gehabt hätte.

Nun steht zwar fest, dass die Beuth-Hochschule nicht ganz das Handtuch wirft und dem Wedding den Rücken kehrt. Dafür liegen die heutigen Liegenschaften einfach zu zentral. Trotzdem ist viel Porzellan zerschlagen worden: zwischen Bürgern und der Hochschule auf der einen und der Landespolitik auf der anderen Seite.