Kiez rund um den Leo und Osramkiez: Städtische Qualität

Neue und alte Nazarethkirche direkt hintereinander

 

Neue Nazarethkirche
Neue Nazarethkirche

Das namenlose Viertel an der Nazarethkirchstraße zwischen dem Leopoldplatz, der Müllerstraße, der Seestraße und der Reinickendorfer Straße besitzt von allen Weddinger Kiezen mit die geschlossenste Bebauung aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die in ein Gewerbe- und Bürozentrum umfunktionierten Osram-Höfe, einst Europas größte Glühlampenfabrik (erbaut 1904-1910), schließen das Viertel nach Norden hin ab.

GESCHLOSSEN Kiki Sol – Café

Viele kennen noch das KikiSol als kulturelle Oase in der Lindower Straße. Eingeklemmt zwischen dem Abschleppdienst, dem türkischen Fischhändler und dem Nettelbeckplatz hatte sich der Künstler- und Studententreff vor allem durch seine Konzerte etabliert. Im vergangenen Frühjahr zog die ungewöhnliche Bar um in die Reinickendorfer Straße 106, während die alten Räumlichkeiten als Vereinslokal genutzt wurden. Doch jetzt eröffnet dort das KikiSol-Café – sozusagen die Schwester der KikiSol-Bar….

„PANKE“ und „Quinoa“: Neues Leben im Hinterhof

Foto: PANKE e.V.
Foto: PANKE e.V.

Versteckt im fünften Hinterhof der Gerichtstr. 23 findet der hartnäckige Entdecker die „geheimen“ Räumlichkeiten von Panke e.V. Vor zwei Jahren öffnete das Kulturzentrum und ist seitdem eine Oase für Künstler, Musiker und Feierlustige im Wedding. Der Weddingweiser möchte mehr darüber erfahren und wagt sich in die geheimnisvoll in grünes Platinenlicht gehüllten Räume. Justas, Erika und Claudia, die Gründer von Panke e.V. und dem dazugehörigen neuen Bistro, Quinoa, erzählen von ihren Ideen…

WW: Justas, Erika, ihr seid aus Litauen, ja? Wieso seid ihr in den Wedding gezogen, und wie seid ihr dazu gekommen, Panke e.V. zu gründen?

Justas: Wir sind nach unserem Bachelorabschluss nach Berlin gekommen, um Deutsch zu lernen und hier unsere Master zu machen… und dann haben wir diese Räume gefunden!! Sie standen über 60 Jahre lang leer und waren einfach perfekt. Wir mussten aber über ein Jahr lang renovieren, bevor wir öffnen konnten.
Erika: Es war wirklich ein Unfall oder so. Wir fanden die Räume hier und hatten einfach so viele Ideen. Zuerst dachten wir einfach, dies sei die perfekte Umgebung für Musik und Kunst. Dann wollten wir auch noch ein nettes, gemütliches Café, denn solche Orte sind selten im Wedding. Wir wollten einfach einen Platz für alle möglichen Gelegenheiten.
WW: Wenn ihr diese Ideen mit Panke e.V. heute vergleicht, seht ihr eure Visionen von damals verwirklicht?
Erika: Wir haben definitiv Platz für alle möglichen Unternehmungen, wie Konzerte, regelmäßige Parties, Ausstellungen, Installationen, Workshops, Performances und so weiter, ja…

Justas: Ja, und wir wollten ein schönes, gemütliches Café und Platz für Künstler, und genau das haben wir auch geschafft.

WW: War es schwierig, Panke e.V. im Wedding zu eröffnen? Wie seid ihr mit der ganzen deutschen Bürokratie klargekommen?
Erika: Oh, das war gar nicht so schlimm… Wir haben eigentlich gar nicht versucht, über die ganzen Vorschriften zu disktieren, weil wor es gar nicht konnten – wir haben einfach das gemacht, was uns gesagt wurde. Somit sind wir wahrscheinlich Berlins sicherster Club… (lacht)
WW: Ihr seid nun schon seit drei Jahren hier. Was hat sich in dieser Zeit im Wedding verändert?
Justas: Ich sage dir jetzt was, das du nirgendwo anders lesen oder hören wirst: Es gibt hier eigentlich kein Gentrifizierungsproblem! Es hat sich gar nicht so sehr verändert. Ja, es kommen immer mehr Leute in den Wedding, aber viele Touristen sind hier immer noch nicht. Es sind immer noch die gleichen Leute…
WW: Was wisst ihr eigentlich über die anderen Parteien hier in der Gerichtstr. 23? Hier gibt es ja ganz viele verschiedene Gruppen, habt ihr mit denen auch etwas zu tun?
Erika: Ja, da gibt es zum Beispiel Tangoloft, und die Galerie… Oh, und drüben soll im dritten Stock bald ein Club aufmachen. Wir sind Nachbarn, also treffen wir uns natürlich immer wieder mal, und man hilft einander, hängt Plakate auf und so weiter… Es ist immer toll, wenn jemand was Neues im Wedding machen will, also helfen wir uns gegenseitig.

Photo: PANKE e.V.
Photo: PANKE e.V.

WW: Claudia, “Quinoa” ist das neue Familienmitglied von Panke. Ein vegetarisches Bistro im Wedding, wie klappt das denn?
Claudia: Oh, wir haben das Bistro gerade vor einem Monat gestartet, und bis jetzt läuft es gut. Ein veganes oder vegetarisches Restaurant ist immer eine Herausforderung, aber es ist auch spannend. Wir haben sogar schon ein paar Leute, die regelmäßig hierher kommen. Im Wedding gibt es nicht so viele Optionen für Vegetarier und Veganer, also füllen wir hier eine Lücke.
WW: Wie kommst du dazu, ein vegetarisches Bistro im Wedding zu führen?
Claudia: Ich komme aus Italien, und bin vor ein paar Jahren nach Berlin gekommen. Ich habe hier damit angefangen, Abendessen an zufällig ausgewählten Orten zu organisieren, mit immer neuen Leuten. Ich wollte einfach Leute zusammenbringen. Dann habe ich ein Restaurant in Kreuzberg eröffnet. Ein Freund hat mich Erika und Justus vorgestellt und es hat alles geklappt – jetzt ist Quinoa mein neues Baby. Ich bin seit sechs Monaten vegan, und das verändert dich. Ich war daran gewöhnt, mit Fleisch und Fisch zu koche, also ist jetzt alles neu und aufregend für mich.
WW: Was können wir in Zukunft von Quinoa erwarten?
Claudia: Da ist zum natürlich das Bistro mit wechselnden veganen und vegetarischen Gerichten, aber dann wird es auch Veranstaltungen vie Performance-Dinners geben. Wir wollen auch gerne einen Markt hier haben, wo lokal produzierte Produkte verkauft werden können. Wir wollen die Leute und Bauern aus der Region einladen und träumen davon, einen Platz zum gegenseitigen Austausch zu schaffen.

WW: Eine letzte Frage: Was sind eure Zukunftspläne für Panke e.V.?
Erika: Wir wollen groß rauskommen! (lacht) Wir sind so gut wie fertig damit, die Räume umzugestalten – naja, ganz fertig werden wir nie werden, aber wir sind auf dem besten Weg. Jetzt können wir in neue Projekte investieren und wachsen. Dafür müssen wir mehr planen, was jetzt, wo wir Erfahrung haben, einfacher wird. Wir brauchen auch noch mehr Hilfe, denn im Moment machen wir hier alles, und das ist wahnsinnig anstrengend. Aber wir haben große Ideen und Pläne, und wir wollen Panke größer werden lassen…

Das Interview führte Daniela Hombach.
Regelmäßige Veranstaltungen:
Bass auf die Muetze – Jam session, mittwochs; 8bit Bar – jeden ersten Donnerstag; Scope Session – jeden zweiten Donnerstag; UKIYO-E Panke Cinema – jeden dritten Donnerstag; CitizenKino – jeden vierten Donnerstag; Support your local ghetto – jeden letzten Freitag im Monat; Wedding Soul – jeden dritten Samstag im Montag

Mehr Infos

Der Weg zur PANKE als Video

Stattbad: Klassik statt Techno

Stattbad Klassik (C) Juliane Orsenne
Foto: Juliane Orsenne

Ich bin im Schwimmbad. Die Lichtinstallation von großen Baumkronen an den Wänden finde ich schön. Neben mir brummt ein Barkühlschrank. Der wird übertönt von den wohlklingenden Stimmen des Rundfunkchors Berlin. Im großen, alten Schwimmbecken mit seinen blau/weiß gefliesten Wänden begleitet das Deutsche Kammerorchester Berlin. Während halb Berlin ausgelassen in den ersten Mai tanzt, genieße ich mit mehreren hundert Menschen klassische zeitgenössische Musik im Stattbad Wedding. Dort, wo auf den Tag genau seit vier Jahren Electro, Techno oder House die Hallen zum Beben bringen, erklingt heute Sphärenmusik. Der britische Geiger Daniel Hope präsentiert in einem exklusiven Konzert und in Sportschuhen sein Album Spheres, das bereits nach sechs Tagen auf Platz 4 der Classical iTunes Charts landete. Ein ungewöhnlich perfekter Konzertort, um Stücke von berühmten Komponisten wie Arvo Pärt, Ludovico Einaudi oder Max Richter so zu interpretieren, dass sich die „Schönheit, Harmonie und elementare Einfachheit des Sonnensystems“ spiegeln (Daniel Hope). Nach dem Konzert stelle ich mir vor, dass der alte Mann im Anzug neben mir Gesundbrunnen wieder verlässt. Der Jüngere im Muskelshirt bleibt zur Geburtstagsparty des Stattbades…

Für den Weddingweiser war Juliane Orsenne im Stattbad Wedding.

Stattbad: Klassik instead of Techno

I am in a swimming pool. The light installation, forming a canopy on the walls, looks nice. Next to me a bar fridge is humming. The buzzing soud is overpowered by the beautiful voices of the Berlin Rundfunkchor, which supports the German Chamber Orchestra Berlin in the big, old swimming pool with its blue and white tiles on the walls. While half of Berlin is dancing into the first of May, I am enjoying contemporary classical music at Stattbad Wedding. For exactly four years, Electro, Techno or House have been rocking the pool, but today, spherical music is filling the air. The British violinist Daniel Hope presents his album ‚Spheres‘, which managed to make position 4 in the Classical iTunes Charts within six days, in an exclusive concert.  An unusually perfect venue to interpret pieces by famous composers such as Arvo Pärt. Ludovico Einaudi or Max Richter in a way that  ‚beauty, harmony and the elementary simplicity of the solar system‘ shine through (Daniel Hope). After the concert, I imagine the old man wearing a suit leaving Gesundbrunnen. The younger guy wearing a tank top stays for Stattbad’s birthday party…

Juliane Orsenne visited Stattbad Wedding for Weddingweiser.

Beitrag in der Berliner Zeitung über das Deutsche Kammerorchester

Beitrag über das Stattbad auf dem Weddingweiser

„PANKE“ and „Quinoa“: new life in the courtyard

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Photo: PANKE e.V.

Hidden in the fifth courtyard of Gerichtstr. 23, the promised lands of Panke e. V. can be found. Since its opening two years ago, Panke has been an oasis for musicians, artists and people looking for a place to party at Wedding. Weddingweiser is trying to find out more about the place and explores the venue, which is covered in mysterious green platine-light. Justas, Erika and Claudia, who run the place and the newly opened bistro, “Quinoa” talk about their ideas:

WW: Justas, Erika, you are from Lithuania, right? What brought you to Wedding? How did you get to run a place like Panke e.V.?

Justas: Well, we came here from Lithuania after our Bachelor degrees and wanted to learn German and then start our Master programmes here… And then we found this place here!! It hadn’t been used for over 60 years, and it seemed so perfect. We spent about a year restoring it before we were able to open.

Erika: It was really some sort of accident that brought us to this. We just saw this place and had so many ideas. First, we just saw this as the perfect opportunity for music, and bringing musicians and artists together. We also wanted to have a nice, cosy café, ‘cause these things are kind of rare in Wedding. We basically wanted to have a multifunctional space for all sorts of different things.

WW: If you compare these ideas that you had in your mind to what is happening now at Panke e.V., do you think you realized what you saw in this place when you first found it?

Erika: We’ve definitely got a multifunctional, multipurpose venue here with all sorts of different things going on, like concerts, parties, exhibitions, installations, workshops, performances and so on.

Justas: Yeah, we wanted a beautiful, cosy café and space for artists, and that is happening here now.

WW: Was it hard for you to open a place like this in Wedding? How did you deal with all the bureaucracy?

Erika: It wasn’t that bad at all… We basically just didn’t negotiate the regulations at all, because we couldn’t – we just did what we were told to do, so now we’re probably Berlin’s safest club when it comes to following the regulations… (laughs)

WW: You’ve been here for three years now – what has changed within the last few years in Wedding?

Justas: I’m going to tell you something you won’t find or hear anywhere else: There’s no real gentrification going on here. Not all that much has changed, really. Well, there are more people coming to Wedding, but there still aren’t many tourists. The people just haven’t changed all that much.

WW:What do you know about the venue, about Gerichtstr. 23? There seem to be a lot of different things going on in this building… Are you connected to these groups, too?

Erika: Yeah, there’s Tangoloft, for example, and there’s a gallery… Also, there are some people who want to open a club. We’re all neighbours, and of course we have meetings and help each other out. It’s always great if someone starts something new in Wedding, so we support each other.

WW: Claudia, “Quinoa” is the new addition to the Panke-family. A vegan and vegetarian bistro in Wedding, how does that come about?

Claudia: Oh, we just started the bistro about one month ago, and so far it is going pretty well. Opening a vegan place is a challenge, but it is also exciting. We’ve already got some regulars who come almost every day. In Wedding, there aren’t all that many options for vegetarians or vegans so we fill a gap here.

WW: How did you come to running a vegetarian bistro in Wedding?

Claudia: I come from Italy, and I came to Berlin a few years ago. I started organizing random dinners at random places with random people, because I wanted to connect people. Then I opened a place in Kreuzberg. A friend introduced me to Erika and Justas, and it worked out – now Quinoa is my new baby. I started living vegan six months ago, and it changes you. I’ve been used to cooking with meat and fish, so vegan cooking is very exciting and new to me.

WW: What can we expect from “Quinoa” in the future?

Claudia: We’ll have the regular bistro, but we’ll also host events like performance dinners. Also, we are dreaming of starting a market for local goods and farm products. We want to invite local people and farmers, we are dreaming of having a space for people to connect and share.

WW: What are future plans for Panke e.V.?

Erika: We want to get big! (laughs) We’ve kind of finished building the place – I mean, it will never be finished, but we’re on a good way. Now, we can invest in new projects and branch out. For that, we need to plan more, which is easier nowwith the experience we’ve gathered during the last few years. Also, we need more help, because at the moment it is just us running the place, and that is really exhausting. But we have big plans and ideas, and we want to see this place growing…

Interview by Daniela Hombach

Regular events at Panke:
Bass auf die Muetze – Jam session, every Wednesday 8bit Bar – every first Thursday Scope Session – every second Thursday UKIYO-E Panke Cinema – every third Thursday CitizenKino – every fourth Thursday
Support your local ghetto – every last Friday of the month Wedding Soul – every third Saturday of the month
More information: http://www.pankeculture.com/

Im Wedding wächst ein Baumhaus!

In der Gerichtstraße 23 – direkt gegenüber dem Stadtbad Wedding – soll in einem ehemaligen Atelierraum ein Baumhaus entstehen. Geplant ist ein Treffpunkt für die Nachbarschaft, ein Ort des kreativen Austauschs und der Kunst, an dem neue Ideen heranreifen können. An einem wolkenverhangenen Dienstagnachmittag mache ich mich auf, die beiden Köpfe hinter dieser Idee zu treffen.

Auf dem Weg zu dem Treffen gehe ich die Pankstraße hinunter. Nachdem ich an der Cocktailbar »Daydreams« vorbei bin, biege ich in an einem Automatencasino in die Gerichtstraße ein, die an solchen Tagen nicht unbedingt zum Träumen einlädt. Umso erstaunlicher klingen die Ideen von Karen Wohlert und Scott Bolden. In einem 140 m² großen Raum im ehemaligen Lebenshaus Mitte wollen sie ein Baumhaus errichten. Ich treffe die beiden in ihrer WG, die oberhalb des Raumes liegt, in dem schon Ende diesen Jahres die Arbeiten beginnen sollen. Es war die große Säule, die inmitten des Atelierraums in die Höhe ragt, die den amerikanischen Designer und Ingenieur Scott Bolden auf die Idee brachte, um diese Betonsäule herum ein Baumhaus entstehen zu lassen.

Geplant ist ein Kiez-Treffpunkt, der Platz für verschiedenste kulturelle Veranstaltungen bietet und gleichzeitig Ausgangspunkt für neue Kunstprojekte und lokale Initiativen sein soll. Für die Anwohner aus dem Viertel wird mit dem Baumhaus ein Raum für Nachbarschafts- und Elterntreffen entstehen. Darüber hinaus ist ein Cafébetrieb vorgesehen, um die laufenden Kosten stemmen zu können. Schon jetzt, während der Planung, sagt die Politikstudentin Wohlert, rege das Projekt immer mehr Menschen dazu an, sich Gedanken zu machen, wie sie sich einbringen und für ihr Viertel engagieren könnten. Es ginge vor allem darum, neue Ansätze zu entwickeln, wie man das Leben in der Stadt seinen Bedüfnissen entsprechend positiv gestalten und mitgestalten kann.

Organische Formen und die Liebe zum Detail

Isaac Abrams
Der New Yorker Künstler Isaac Abrams gestaltet die Fenster für das Baumhaus (Foto: Ingo Scharmann)

Bolden ist Mitte 40, wirkt aber sehr viel jünger, als er auf der WG-Couch mit lebhaften Gesten davon spricht, es ginge bei dem Projekt vor allem darum, Menschen zusammen zu bringen. Dieses Zusammenbringen fängt nicht erst mit der Eröffnung des Raumes an, sondern bereits bei der Planung und beim Bau des Projekts. Die Entstehung des Baumhauses verstehen Wohlert und Bolden als einen gemeinschaftlichen, kreativen Prozess, von dem sich die beiden wünschen, dass möglichst viele Menschen an ihm teilnehmen. Bereits jetzt sind zahlreiche Künstler in das Projekt involviert, insgesamt, sagt Karen Wohlert, sind es über 40 Personen, die sich aktiv beteiligen. Einen von ihnen treffe ich in einem hinteren Zimmer der WG. Gerade aus New York angekommen, sitzt dort der Künstler Issac Abrams, den Wohlert und Bolden für die Gestaltung der Fenster gewinnen konnten. Geduldig schneidet er die filigranen, organischen Muster aus den Fensterschablonen und sagt, Erfolg mit kreativen Ideen zu haben sei nicht leicht, aber auch nicht wirklich schwer, wenn man nur genug Wert auf die Details lege. Noch sind längst nicht alle Details für den Bau geplant. Was bisher nur durch Grafiken veranschaulicht wird, so Bolden, könne in seinen Einzelheiten am Ende auch ganz anders aussehen, abhängig davon, wie sich andere mit ihren Vorstellungen in den Enstehungsprozess einbringen. Die Arbeiten von Issac Abrams seien dabei gleichsam die DNA des Baumhauses. Laut Bolden geben sie lediglich eine grobe Richtung vor. Andere Künstler können sich davon inspirieren lassen und daran anknüpfen. So lassen sich die organischen Formen Abrams‘ sehr gut als ein Symbol für das prozesshafte Wachstum des Baumhauses begreifen.

 

Gaudí und Avatar zum Anfassen

Wenn der Raum fertig ist, erklärt Bolden, wird er an die Arbeiten von Antoni Gaudí erinnern und an Filme wie »Herr der Ringe« oder »Avatar«. Während ich einen Schluck meines Kaffees trinke, denke ich an die Behausungen der Ewoks in »Rückkehr der Jedi-Ritter« und versuche mir vorzustellen, wie es wohl sein wird, an einem grauen Tag wie diesem von der Straße kommend solch einen fantasievollen Raum zu betreten. »Das Baumhaus wird wird nicht wie ein Kunstwerk in einem Museum sein«, fährt Bolden fort, »wo die Leute vereinzelt davorstehen und nichts anfassen dürfen.« Stattdessen möchte er den sozialen Aspekt der Kunst betonen: Er möchte gemeinsam mit anderen einen Ort der Begegnung schaffen, an dem man sich wohlfühlt, wo man Kunst anfassen kann und von ihr zu neuen Ideen anregt wird.

Doch bis jetzt ist das Baumhaus selbst nur eine Idee, die tatkräftige Unterstützung benötigt. Es gibt viele Möglichkeiten zu helfen, und dafür ist nicht einmal eine Ausbildung als Baumkletterer erforderlich: So kann auf der Crowdfunding-Website startnext.de noch bis zum 11. November für das Projekt gespendet werden. Auch Sachspenden in Form von nachhaltigen Baumaterialien sind willkommen, so möchte zum Beispiel eine Berliner Firma ökologische Farben für die Gestaltung des Raumes bereitstellen. Aktuell gesucht werden noch Elektriker, Web-Programmierer und helfende Hände, die beim Bau mit anpacken möchten. Infos darüber, wie man helfen kann, findet man auch auf der Website des Baumhauses. Kurz bevor ich aufbreche, zeigt Bolden auf eine Kiste voller Flyer, und sagt, sie bräuchten natürlich auch Leute »to spread the word«. Am besten also ihr nehmt den beiden einige Flyer ab, oder tragt die gute Nachricht einfach so weiter: Im Wedding wird ein Baumhaus gebaut!

Autor: Ingo Scharmann

Weblinks:
Projekt-Website
Das Baumhaus auf Facebook
Building das Baumhaus auf startnext.de

Antonkiez: Kein Totentanz im Kiez rund um den Urnenfriedhof

Nettelbeckplatz
Nettelbeckplatz

Man tut diesem kleinen Kiez vielleicht etwas unrecht, wenn man ihn kaum wahrnimmt, denn er liegt etwas verloren zwischen Leopoldplatz, Nettelbeckplatz und dem S-Bahn-Ring. Dabei geht auf diesen Teil des Wedding gar die Besiedlung des ganzen Ortsteils zurück: an der heutigen Ecke Reinickendorfer-/ Pankstraße  stand noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das 1601 gegründete Gut „Vorwerk Wedding“ und musste erst dem großflächigen Bau von Mietskasernen weichen. Die Straßen des Kiezes sind teilweise von 1820 und damit älter als die meisten Nebenstraßen des Wedding, die auf den Hobrecht-Plan aus dem Jahr 1862 zurückgehen. Heute geht man an der Kösliner Straße achtlos vorbei, aber dieser ellenbogenförmige Weg steht für das, was den Ruf des „Roten Wedding“ mit begründete. Die ganze Gegend war eine KPD-Hochburg. Im Jahr 1929 führte das Verbot einer Maidemonstration zum Bau von Barrikaden. Das Eingreifen der Polizei mündete in blutigen Straßenkämpfen – 19 Tote waren am Ende des Tages zu beklagen. Nicht weniger brachial war der Umgang mit der Geschichte nach dem Krieg: Nahezu kein Gebäude hat die Kahlschlagsanierung  überstanden, dafür erinnert aber – abseits des Orts des Geschehens-  ein Gedenkstein an der Wiesenstraßenbrücke über die Panke an den „Blutmai“ 1929.

Im Schatten des Krematoriums

Urnenfriedhof Gerichtstraße
Urnenfriedhof Gerichtstraße

Das schönste Gebäude im Kiez ist zugleich auch eine ganz besondere Sehenswürdigkeit. Es handelt sich nämlich um Berlins ältestes Krematorium von 1909/10. Es wurde schon errichtet, bevor die Leichenverbrennung auf dem Gebiet Preußens 1912 legalisiert wurde. Bis dahin konnten nur Urnen von Verstorbenen beigesetzt werden, die außerhalb Preußens verbrannt wurden. Der Urnenfriedhof, der einen ganzen Straßenblock einnimmt, ging aus dem ersten städtischen Friedhof Berlins aus dem Jahr 1828 hervor. Kurios ist, dass es eher die wohlhabenden Schichten waren, die sich für diese Form der Bestattung entschieden und so kommt es, dass auch viele bedeutende Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik die Urnenhalle im Krematorium Wedding mit ihrer Asche beehren. Das achteckige Gebäude enthält eine antik anmutende Feierhalle und wird seinerseits von einer achteckigen Flügelanlage umschlossen. Darin befinden sich weitere Nischen mit Urnen, so genannte Kolumbarien. Das Weddinger Krematorium stellte 2010 den Betrieb ein und wurde im Jahr 2012 verkauft. Das ungewöhnliche Gebäude wurde zu einem Kultur-Campus umgestaltet. Besitzer des Ensembles, zu dem noch ein Leichenhaus, die Friedhofsverwaltung und der Gärtnerstützpunkt gehören, ist die Silent Green Kulturquartier.

Auch sonst prägen öffentliche Gebäude das Gebiet. Imponierend ist der Komplex aus mehreren Schulgebäuden, die am Schnittpunkt dreier Straßen in einer perfekten Symmetrie geplant waren. Realisiert wurde der Plan zwar nur zu drei Vierteln, dennoch beeindruckt die schiere Größe: 3300 Schüler konnten nach der Eröffnung im Jahr 1913 in 67 Klassen unterrichtet werden! Heute befindet sich die Volkshochschule in einem der Schulgebäude. Auch das ehemalige Postamt in der Gerichtstraße (1926-28) ist durch seine expressive Formensprache aus Sprossenfenstern und Backsteinen durchaus stadtbildprägend.

Gerichtstraße und Nettelbeckplatz im Mittelpunkt

Stattbad GerichtstrApropos Gerichtstraße: Das Stadtbad Wedding war das letzte von Ludwig Hoffmann erbaute Bad aus dem Jahr 1907.  Im ehemaligen Wedding war der Wohnraum knapp und es gab kaum sanitäre Einrichtungen. Deshalb waren die Wannen- und Duschabteilungen wichtiger Bestandteil des Stadtbades. Seit 2002 ruht allerdings der Badebetrieb. Unter dem Namen Stattbad wurde das Gebäude für Kunstausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Allerdings wurde seitens des Bezirksamts im Mai 2015 die Schließung verfügt; schließlich wurde es im Sommer 2016 ganz abgerissen und wich dem Neubau von Studentenappartements.  In der Schererstraße etabliert sich übrigens ein weiterer kleiner Kunststandort. In der Gottschedstraße, auf der anderen Seite der Reinickendorfer Straße, haben sich einige Bars angesiedelt. Vor allem das Ex Rotaprint-Projekt dürfte auch zu einer Verstetigung von gewerblichen Strukturen beitragen.

In der Adolfstraße
In der Adolfstraße

Wohin die Reise des Antonkiezes geht, ist schwer absehbar. Kahlschlagsanierung und sozialer Wohnungsbau (vor allem der 1980er Jahre) prägen das zerrissene Gebiet immer noch. Immerhin hat die Verkehrsberuhigung des Nettelbeckplatzes im Jahr 1985 dazu beigetragen, dass man sich inzwischen gerne auf dieser Freifläche aufhält. Anziehungspunkte mit Strahlkraft gibt es nur wenige, aber es gibt sie. Trotzdem liegt dieses Gebiet einfach zentral und ist aus allen Richtungen gut erreichbar. Gut möglich, dass sich das Image des Kiezes rund um den Urnenfriedhof bald ändert.

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Prinz-Eugen-Straße
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ABGERISSEN: Stattbad Wedding: in Kunst schwimmen

Die Umkleide wird zum SitzungssaalLudwig Hoffmann entwarf das Stadtbad Wedding in der Gerichtstraße nahe am Nettelbeckplatz. Vom einstigen Glanz blieb nach Kriegszerstörungen wenig; 2001 wurde das sanierungsbedürftige Bad stillgelegt. Doch der Dornröschenschlaf ist vorbei: statt Chlor und Wasser gibt es nun an diesem exponierten Standort Kunst.

Ein leeres Schwimmbecken ist schon ein sonderbarer Anblick. Was man sonst nur tastend mit den Zehen oder tauchend erahnen kann, ist hier freigelegt: eine große abschüssige Fläche, die an einer hohen Wand endet. Die Einstiege am Beckenrand sind nun die Leitern, über die man den Boden des Beckens erreicht, auf dem sich nun alles abspielt. Wer denkt bei Sofas und Liegestühlen auf dem Grund eines Schwimmbads nicht sofort an Octopussy’s Garden … ?

Kein Wunder, ist das im Jahr 2001 stillgelegte Stadtbad Wedding seit 2009 beliebte Location für – im Wortsinn – schräge Partys. Doch auch Künstler entdecken den ungewöhnlichen Ort zunehmend als Rahmen für ihre Projekte. Bei Tag sorgen die großen Fensterflächen des Raumes für eine großartige Lichtsituation in der Halle, was zusammen mit der Großzügigkeit des Raums eine ideale Präsentation bildender Kunst ermöglicht. „Wir hatten schon einige internationale Kunstkritiker hier. Die waren alle sehr angetan“, sagt Jochen Küpper von der Firma KD, der in seiner Funktion als kultureller Organisator durch das Gebäude führte.
Die Eintrittskarten bitte!

Unter dem Namen Stattbad Wedding versuchen er und seine Mitstreiter schon seit 2009 erfolgreich, das ausgediente Hallenbad als Kulturstandort zu etablieren. Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Kino – Ideen und Visionen sind zuhauf vorhanden und zum Teil auch schon erfolgreich umgesetzt worden. Auf der großen Terrasse könnte sich ein Café ansiedeln, dahinter könnte möglicherweise ein Grundstück angekauft werden, das als Spielplatz oder Skulpturenpark bespielt werden könnte. „Kunst an der Wand haben wir hier ja schon. Auch eine Form von Street Art, allerdings nicht ganz die, die wir hier gerne hätten“, mein Küpper und deutet von der Terrasse aus auf die Graffiti an der Außenwand.

Der Chlorgeruch ist verschwunden, doch ansonsten verströmt das Gebäude noch überall den abgerissenen Charme eines ausgedienten öffentlichen Hallenbades. Hinweisschilder, Schließfächer, das Kassenhäuschen und nichts als Fliesen überall … Auf die Bemerkung einer Besucherin, ob dieser Zustand nicht gerade das Spannende an der Sache sei, meint Küpper: „Wir möchten schon vieles lassen, wie es ist. Das Ziel ist aber ein höherwertiger Standard.“ Von der geplanten Sanierung und dem Umbau werden wohl auch die schiefen Böden der Becken betroffen sein, die bisher leider nicht so viele Nutzungsmöglichkeiten erlauben, wie sie den Gestaltern dieser Räume vorschweben. Man darf gespannt sein, welche Wandlungen dem alten Bad noch bevorstehen.

Autorin: Jutta Schierholz

Nach Plänen von Ludwig

An der Straße befand sich ein drei- bis viergeschossiges Vorderhaus, das in roten Ziegeln ausgeführt und mit Sandsteinschmuck versehen war. In diesem Gebäude befanden sich die Kassenhalle und die Bäderabteilung mit 77 Wannen- und Brausebädern. Das Vorderhaus wurde im II. Weltkrieg zerstört und 1966 durch einen Neubau ersetzt, in dem sich heute Café, Verwaltung und ein Solarent-Bräunungsstudio befinden. Die rückwärtig gelegenen Trakte enthalten zwei räumlich getrennte Schwimmbecken. Becken I, ursprünglich nur für Männer gedacht, mißt 25 m x 10 m, Becken II, ursprünglich für Frauen, hat die Maße 19,80 m x 8,50 m (Quelle: www.luise-berlin.de)

Stattbad Wedding - SchwimmbeckenMehr zum Thema:

Nach Schließung und Abriss des Stadtbades im Jahr 2016