Kleine Bibliothek für Kinder und Jugendliche eröffnet

Die kleine Kinder- und Jugendbibliothek in der Literaturwerkstatt. Foto: Tuncay Gary
Die kleine Kinder- und Jugendbibliothek in der Literaturwerkstatt. Foto: Tuncay Gary

Wenn Kinder lesen, dann lesen sie meist ein Buch nach dem anderen. Da wird immer wieder Nachschub benötigt. Für diese Leseratten gibt es ab November unabhängig von der großen Bibliothek am Luisenbad in Gesundbrunnen einen neuen Anlaufpunkt. Am 9. November eröffnet um 13 Uhr in der Heidebrinker Straße 19 eine kleine Kinder- und Jugendbibliothek in der Literaturwerkstatt der Lichtburg Stiftung.

Ein Spaziergang durch Gesundbrunnen

St Paul BadstraßeUnser Rundgang beginnt an der Badstraßenbrücke über die Panke. Wir biegen in die Badstraße ein, wo es auf dem Abschnitt bis zur Pankstraße noch eine geschlossene gründerzeitliche Bebauung mit reich verzierten Wohnhäusern gibt (z.B. Vorderhaus des Marienbads Badstraße 35-36; aus dem Jahr 1904/05 mit einer Hermes-Skulptur über einem Bogen). Ein stilprägender Kirchenbau ziert die Ecke Badstraße/Pankstraße. Die St.Pauls-Kirche von 1835 wurde als eine von vier Nordberliner Kirchen durch Karl Friedrich Schinkel geplant. Der klassizistisch-nüchterne Hallenbau wurde erst 1889/90 um einen Glockenturm und 1910/11 durch ein Gemeindehaus ergänzt. Da die Kirche im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt war, wurde sie äußerlich originalgetreu, innen aber von 1952-57 im zeitgenössischen Stil wieder aufgebaut (Architekt H.Wolff-Grohmann). Dieser steht als Zeugnis der Architektur der 1950er Jahre selbst unter Denkmalschutz.

Neuordnung der Erinnerungskultur im Wedding

Der Wedding benötigt dringend eine Überarbeitung seiner Geschichts- und Erinnerungslandschaft. Angesichts der bisher fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte sollte eine solche Bearbeitung der Erinnerungskultur von einer unabhängigen Initiative getragen sein.

Die Info-Stele am Beginn der OtawistraßeNach einer langen Diskussion wurde im letzten Jahr im Afrikanischen Viertel eine Infostele zur Erinnerung an die koloniale Vergangenheit eingeweiht. Sicher ist eine Auseinandersetzung mit den dortigen Straßennamen und diesem Teil der deutschen Geschichte wichtig. Ein Blick auf andere Straßen und Plätzte lässt aber vermuten, dass es der Politik, den Verwaltungen und weiteren Beteiligten nicht um eine qualifizierte Bearbeitung historischer Orte im Wedding geht. Denn nur wenige Blöcke vom Afrikanischen Viertel entfernt wurde im selben Jahr ein weiteres Denkmal eingeweiht. Dabei handelt es sich um Sitzgelegenheiten in Form von Betonbuchstaben, die den mehrere hundert Meter langen Schriftzug „Leopoldplatz“ ergeben. Bei der Planung und Errichtung eines der größten Denkmale im Wedding hat sich niemand ernsthaft damit befasst, an wen hier eigentlich erinnert werden soll. Denn Leopold von Sachsen-Anhalt war der bedeutendste Militarist preußisch-deutscher Geschichte. Dass die Straßen um den Platz an die Schlachten des Spanischen Erbfolgekrieges mit seinen 1,2 Millionen Toten erinnern, war in den Jahren der Empörung über die afrikanischen Straßennamen kein Thema.

Beiräte, Fördergeldnehmer, regionale Museen, Einrichtungen von Jugend, Schule und demokratischer Bildung haben trotz ihres Auftrages anscheinend kein wirkliches Interesse an einer breiten öffentlichen Beschäftigung mit allen Aspekten der regionalen Geschichte. Das zeigt sich in diesem Jahr besonders, in dem an die Zerstörung der Vielfalt in Deutschland durch die Nationalsozialisten erinnert werden soll. Kaum eine so geförderte Initiative aus dem Wedding beteiligt sich am berlinweiten Jahresprogramm der „Zerstörten Vielfalt“.

Auch das Größe nun wirklich nicht zu übersehende Beispiel jüdischen Lebens und der Vertreibung der Juden, die Gartenstadt Atlantic in Gesundbrunnen, findet in diesem Jahr kaum öffentliche Beachtung. Dabei endete das Unrecht, das der Familie Wolffsohn in der NS-Zeit angetan wurde, nicht 1945, sondern reicht bis in die heutige Zeit. Der Visionär Karl Wolffsohn lies in den 1920er Jahren am Bahnhof Gesundbrunnen nicht nur eine Gartenstadt errichten, sondern auch gleich eines der interessantesten Filmtheater von Berlin, die „Lichtburg“. Vor seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten wandelte er seinen Besitz in eine Aktiengesellschaft um. Die Anteile verteile er unter Freunden. Sein Plan war es, dass er seine Gartenstadt nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft von diesen Freunden wieder zurückbekommt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Familie Wolffsohn erst nach einer unschönen 12 jährigen juristischen Auseinandersetzung ihr Eigentum zurück. Bis auf das Gelände des ehemaligen Kinos, das weiter unrechtmäßig im Besitz des Landes Berlin blieb. Nach dem Abriss der legendären Lichtburg wurden dort vom West-Berliner Senat Sozialwohnungen errichtet.

Die Abwesenheit einer kritischen Bearbeitung der Geschichte wiegt im Wedding besonders schwer, da hier immer wieder auf die regionalen Ereignisse wie den „Roten Wedding“ Bezug genommen wird. Bevor demnächst in weitere Förder- und Vergabeverfahren Geld in Gedenk- oder Geschichtsprojekte gesteckt wird, ist es sinnvoll, sich zunächst einen Überblick über Denkmale und historische Orte im Wedding zu verschaffen. Die oben genannten Beispiele lassen vermuten, dass ein solcher Auftrag von den bisherigen bezirklichen Kultur-, Museums- oder Bildungseinrichtungen sowie anderen Parteistiftungen oder sonstigen bisherigen Fördergeldnehmern sicher nur unzureichend ausgeführt wird.

Von daher sollte eine Bestandsaufnahme der Weddinger Geschichtslandschaft sowie das Entwickeln von Perspektiven einer unabhängigen Initiative übertragen werden, die allerdings auch vor Ort verankert sein müsste.

Autor: Eberhard Elfert