St. Paul – Friedhof mit Zukunft

Friedhof St. Paul
(C) HORTEC Esther Bertele

Auf dem Friedhof St. Paul an der Seestraße sollen im Rahmen des Berliner Förderprogramms für Nachhaltige Entwicklung (BENE) auf einer rund 1,2 Hektar großen Teilfläche neue grüne Nutzungen entstehen. Gemeinsam mit Anwohnern, Friedhofsbesuchern, Kitas, Schulen, sozialen und kulturellen Einrichtungen, dem NABU, Künstlerinnen und Künstlern aus der Umgebung sollen die Bereiche Umweltbildung und Naturschutz, Kunst und Kultur auf dem Friedhof entwickelt und neue Angebote und Aufenthaltsqualitäten geschaffen werden. Dazu findet am Samstag, den 22.Februar von 11 bis 12 Uhr eine Infoveranstaltung an der Seestraße 124 statt.

Ein inklusiver Friedhof im Wedding

Der Wedding hat inklusive Friedhöfe. Bloß wissen die Wenigsten davon. Deswegen soll die Bevölkerung darauf aufmerksam gemacht werden. Anfang November hat die Aktionsfondsjury im Soldiner Kiez die nötigen Gelder für die Gestaltung eines entsprechenden Flyers genehmigt, in dem die Anforderungen an einen solchen Begräbnisplatz erläutert werden. Dieser Flyer soll eine Information für die Bewohner des Soldiner Kiezes sein und ihr Augenmerk auf die verschiedenen Friedhöfe wie zum Beispiel den St. Elisabeth Kirchhof II lenken. Aber ganz von vorne: Worum geht es beim Thema inklusiver Friedhof?

Wissenswertes über den Friedhof am Plötzensee

Straßenkarte 1915
Strassenkarte von 1915 (wikipedia.org), click to zoom

Dohnagestell. Nach einem alten Adelsgeschlecht benannt, trennt diese Strasse vom Eckernförder Platz ausgehend im Verlauf den Plötzensee von den Rehbergen. Als Spaziergänger passiert man auf seinem Weg durch allerlei Dickicht und Grün ein teils recht verwildertes Friedhofsgelände. Es wurde einst von drei verschiedenen evangelischen Gemeinden ab 1865 dort angelegt und war auch bekannt als Friedhof am Plötzensee. Doch erst, wenn die Strasse zumindest für motorisierte Fahrzeuge zu Ende scheint, erst dann steht man am eigentlichen Eingang des Friedhofs.

Moccachino: Kurz mal woanders sein…

 

Filiale Schwyzer Straße
Filiale Schwyzer Straße

Der Aufsteller auf der Müllerstraße zog uns magisch an: „heiße Schokolade, weiß oder braun“. Bei winterlichen Temperaturen funktioniert diese Werbebotschaft erst recht. Früher führte der Bürgersteig zwischen der Ungarn- und der Seestraße gegenüber dem Alhambra-Kino ja einfach nur am Urnenfriedhof entlang, doch seit gut zwei Jahren befindet sich an der Stelle des früheren Blumengeschäfts ein Café. Das unscheinbare 70er-Jahre-Gebäude ist ziemlich untypisch für die ansonsten von hohen Gebäuden geprägte Gegend und passt eher in ein Dorf. Ein Grund mehr, sich darauf einzulassen. Unter dem mit Holzlatten verkleideten Giebel, der mit einem Kronleuchter akzentuiert wird, haben die Betreiber ein in Weiß- und Brauntönen gehaltenes Kaffeehaus eingerichtet. Eine große Kuchentheke hält auf der linken Seite eine riesige Auswahl an Torten und Gebäck bereit. Auf der rechten Seite gibt es herzhaftes türkisches Backwerk.

Urnenfriedhof Seestraße: Zeugnisse Weddinger Geschichte

Friedhof SeestraßeEin Besuch auf dem Friedhof an der Kreuzung Müller- und Seestraße lässt einen Teil der Weddinger Geschichte lebendig werden. Denn hier ruht u.a. die Bezirksbürgermeisterin Erika Hess (1934-1986), auch die „Mutter vom Wedding“ genannt, weil sie immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen hatte. Auch der bekannte Heimatdichter Jonny Liesegang (1897-1961) ist hier beigesetzt, in dessen Büchern die Hausmeisterin „Frau Nuschnpickeln“ eine bedeutende Rolle spielt.

Radtour: Erinnern, wo es nichts mehr zu sehen gibt

Gut 30 Teilnehmer trotzen der Eiseskälte am 9. März, um an einer fachkundig geführten Radtour zu den vergessenen Orten zerstörter Vielfalt im Wedding teilzunehmen. Dabei führt der Kulturmanager und leidenschaftliche Stadtführer Eberhard Elfert, der die Tour organisierte, an Orte, an denen Vergangenheit buchstäblich vergraben worden ist. Auf dem Plan stehen auch „ritualisiert erstarrte“ Gedenkorte aus der Zeit des Kalten Krieges.

Radtour 9. März 2013„Es geht nicht um die historischen Daten und Fakten, sondern darum, die Orte zu sehen und die geschichtlichen Brüche“, sprudelt es aus Eberhard Elfert, der die Tour leitet, heraus. So schnell kann man nicht mitschreiben, wie Elfert drauflosredet. Ihm schwebt ein interaktiver Plan des kollektiven Gedächtnisses vor, den er mit den Bewohnern vor Ort erstellen möchte, eine Art Initiative, die sich mit Geschichte befasst. Dabei sollte auch das Thema Migration mit eingeschlossen werden.

Aber zunächst zurück zur Geschichte. Im Wedding treffen sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander. Dabei, so erklärt Elfert, ginge das Denken über die Grenzen der Kieze und Communities verloren. Was wir heute noch sehen können, ist eine unzusammenhängende und widersprüchliche Ansammlung von Erinnerung, die dringend einer Überarbeitung bedarf. 

“Aus meiner Sicht wiegt schwer, dass sich die Verwaltung, Politik und Kirche aus dem öffentlichen Raum zurückgezogen hat“, erzählt Elfert den interessierten Teilnehmern. Erinnerungskultur bleibe dadurch rudimentär, entsprechend der Situation seit den 1980er Jahren. Was nicht reflektiert würde, sei die Politik mit der Erinnerung, die in der Zeit des Kalten Kriegs betrieben wurde. Der Wedding, in dem sich die Menschen in besonderer Form auf die Arbeiterbewegung beziehen, hätte aus einem Wunsch nach Repräsentation gegenüber „Ost-Berlin“ seine eigene Geschichte zum Teil systematisch entsorgt. Auch bei denen, die für die Bearbeitung der Geschichte bezahlt würden, stände es nicht ganz so gut. Geschichte verkrieche sich wie hinter Mauern, sie sei nicht bei den Menschen.

An der Prinzenallee 33 in Gesundbrunnen beginnt die Tour. „Die örtliche SPD hält im Saal vom Glaskasten regelmäßig ihre Abteilungssitzung ab“, erläutert Elfert. „Aber nicht einmal eine Gedenktafel erinnert an die Sozialdemokraten und Kommunisten, die in einem wilden KZ 1933 im Keller des gleichen Gebäudes gefoltert wurden.“ Assibi Wartenberg, selbst SPD-Mitglied und Betreiberin des afrikanischen Restaurants, steckt den Kopf aus der Tür. Sie freut sich über das große Interesse der Weddinger an der jüngeren Geschichte: „Vieles ist gut zu wissen“, findet sie, und sie meint damit, dass es auch wichtig ist, die Hintergründe zu kennen. Sie würde sich nun auch für eine Gedenktafel am Gebäude einsetzen.
Radtour Friedhof SeestraßeImmer wieder schlägt Eberhard Elfert den Bogen von der Machtergreifung 1933 über das Kriegsende und die Ereignisse des Kalten Krieges bis in die Gegenwart. Zum Beispiel bei der Gedenkstätte für die Opfer des 17. Juni 1953, die sich auf dem Friedhof Seestraße befindet. Wer die Skulptur besichtigen will, die sich aus ihren Fesseln und damit der Unfreiheit befreit, kommt – ohne es recht zu bemerken – an schlichten Massengräbern aus der NS-Zeit vorbei.
 Allenfalls das Todesdatum gibt einen Anhaltspunkt für den geschichtlichen Kontext, hingegen keine Erklärungstafel.  Nichts verweist darauf, dass es sich hier um Menschen handelt, die der Euthanasie zum Opfer fielen oder als politische Gefangene in der Haftanstalt Plötzensee ermordet wurden. An das Aufbegehren im Jahr 1953 in der DDR erinnern hingegen, überlebensgroß in Szene gesetzt, 15 zufällig in Weddinger Krankenhäusern verstorbene Opfer des Aufstands. Dies alles im Jahr, in dem die Stadt an die „Zerstörte Vielfalt“ erinnern möchte?

Unbeabsichtigte, gedankenlose, oft absurde Zusammenhänge in der Gedenkkultur sind etwas, was den Tourenleiter Elfert sichtlich ärgert. So erläutert er, das vor dem Alten Rathaus Wedding nach dem Zweiten Weltkrieg ein riesiges Wandbild mit Picassos „Guernica“- Gemälde vom Architekten Borrnemann vorgesehen war. Aus dem großen Entwurf wurde ein schlichter Stein, der grob verallgemeinernd an alle Opfer von Tyrannei und Gewaltherrschaft erinnert. Eine Station bildeten auch die einstigen Pharussäle, einen für die Geschichte der Arbeiterbewegung im Wedding, insbesondere für die Kommunistische Partei bedeutsamen Ort. Heute steht hier der schliche Nachkriegsbau der  AOK. Zur erinnern sei hier viel, z.B. an die Jugendlichen, die nach Swing-Musik tanzten, ihr einfacher, aber auch höchst gefährlicher Protest gegen das NS-Regime.

An wen die Sitzmöbel gemahnen, die den Schriftzug LEOPOLD auf dem Leopoldplatz bilden, nämlich an den preußischen Militär Leopold I. von Anhalt-Dessau, daran haben weder Planer, Bewohner und noch das Stadtplanungsamt bei der Neugestaltung des Platzes gedacht. Das Eingeben des Wortes „Leopold“ in den Rechner und ein wenig Nachdenken hätte da viel bewirken können, so Elfert. „Das ist typisch für die Erinnerungskultur, die einer dringenden Neuordnung bedarf“, findet er. Angesichts der Straßennamen um den Platz, die unhinterfragt an die Schlachtfelder des Spanischen Erbfolgekrieges erinnern, erscheint die Diskussion um die Straßennamen im Afrikanischen Viertel wenig überzeugend.

Eberhard Elfert war vielen Geschichts- und Erinnerungsprojekten direkt oder indirekt beteiligt. So moderierte er in weiten Strecken den Umgang mit den Denkmalen der DDR im Ostteil Berlins, bereitete die Wettbewerbe für das Denkmal des 17. Juni vor dem heutigen Finanzministerium vor und engagierte sich bei der Markierung des Mauerverlaufes. Dabei entstanden zahlreiche Veröffentlichung zum Thema.

Beiträge zu den Vergessenen Orten: Pharussäle, Telefunkenhaus, Leopoldplatz