Neue Müllerhalle: Für Nostalgie ist bei diesem Kompromiss kein Platz

Eröffnung noch im Jahr 2013... (Foto: P.Arndt)
Eröffnung noch im Jahr 2013… (Foto: P.Arndt)

Darf man die neue Müllerhalle noch so nennen? Viele Anwohner fremdeln mit dem architektonisch hochwertigen Entwurf, der die obere Müllerstraße wie kaum ein anderes Gebäude prägen wird. Bei einer von der SPD-Fraktion Berlin-Mitte organisierten Veranstaltung am 23. Februar standen Kommunalpolitiker und Abgeordnete sowie eine Vertreterin des Bauherrn Rede und Antwort. Anders als beim städtebaulich missglückten Lidl gegenüber der Einmündung der Kameruner Straße sollen hier die Bürger „mitgenommen“ werden.

Ein Kameramann des RBB filmtDas ist auch dringend nötig, angesichts der Emotionen, die dieser Neubau eines Einkaufszentrums hochkochen lässt. Sogar der RBB hat ein Kamerateam geschickt, um in der Abendschau über die Diskussionsrunde zu berichten. Alle Redner verbinden schöne (Kindheits-)Erinnerungen mit der Markthalle, die seit 1950 einen Kieztreffpunkt darstellte, zuletzt aber einen beispiellosen Niedergang erlebte. Nicht nur ältere Weddinger bekommen glänzende Augen, wenn sie von den drei Fleischern, dem Knöpfeladen und dem Schuster in der alten Müllerhalle erzählen. Die Nachbarn traf man natürlich auch beim Einkaufen und hielt ein Schwätzchen zwischen Fischstand und Currywurstimbiss.

Aus und vorbei. Die Halle ist seit 2012 abgerissen, ein neues Einzelhandelszentrum mit Kaufland als Ankermieter ist seit ein paar Tagen im Bau, nachdem nun die Fundamentbohrungen begonnen haben. Die Vielfalt der Marktstände wird es im autogerechten Neubau nicht mehr geben. „Das Kaufverhalten hat sich geändert“, sagt SPD-Mann Lars Neuhaus. Vergleiche mit den wenigen noch erfolgreichen Berliner Markthallen seien nicht statthaft, findet er: „Wir haben gesehen, dass das alte Konzept in diesem Kiez am Ende nicht funktioniert hat.“

Mehr Lebensmitteleinzelhandel ist nicht mehr zu verkraften

IMG_20130223_120309Mit der jetzt gefundenen Lösung sind die anwesenden Politiker Bruni Wildenhain-Lauterbach (MdA), Stefan Draeger, Janina Körper und Martina Matischok zufrieden – das Wort Kompromiss wird noch oft an diesem Tag fallen. Es sei gerade noch zu verkraften, so viel Lebensmittel-Einzelhandel an einem Straßenabschnitt (Real, Reichelt, Aldi, Lidl und eben Kaufland) – mehr werde hier nicht genehmigt. Kleinteiligen Handel im Windschatten von Kaufland (davon als Rückkehrer der alten Müllerhalle Mc Paper, ein Lotto Toto-Laden, das Reformhaus und der Zeitungsladen) wird es an der Straßenfront auch geben und zur Belebung der Müllerstraße beitragen. Überhaupt, die Müllerstraße: „Die neue Müllerhalle soll nicht zum Verkehrschaos führen“, erklärt Janina Körper, Verkehrsexpertin in der BVV. Nur 188 Parkplätze für Autos, kein riesiges leeres Parkhaus mehr wie im nahen Schillerparkcenter, sowie 54 Fahrradstellplätze kämen modernen Mobilitätsbedürfnissen näher. Parkhaus und kleine Läden nehmen das Erdgeschoss ein, während Kaufland die erste Etage belegt, die die Kunden mit Rollsteigen erreichen. Und schließlich könne man in der neuen Müllerhalle kostenlos parken, erklärt die Kaufland-Vertreterin Meltem Cömertbay – natürlich nur, wenn man dort auch etwas kauft. Sie betont, dass Kaufland als Eigentümer und Hauptnutzer zukünftig auch eine Verantwortung für den Standort und somit ein langfristiges Interesse an einer positiven Entwicklung der ganzen Müllerstraße hat. Eine Beteiligung an Aktivitäten der StandortGemeinschaft sei angedacht. Aber am Niedergang der alten Müllerhalle habe das Unternehmen Kaufland keine Schuld; eine Markthalle mit dem entsprechenden Flair lebe eben von den kleinen Kaufleuten, die es mit ihrem Engagement selbst in der Hand haben, ob dieses Konzept heute noch funktioniert. Die Diskutanten blicken nach vorn: „Schön, dass genau dieser Standort wieder eine Chance erhält!“, bringt es die Kaufland-Vertreterin auf den Punkt. Sie hat an der Beuth-Hochschule studiert und kennt den Wedding und seine Besonderheiten gut.

Kaufland sieht sich nicht als Einzelkämpfer

IMG_20130223_120042Ein solches Zentrum erzeugt zwangsläufig Müll, Lärm und Verkehr. Die Anlieferung erfolgt getrennt für Kaufland in der Lüderitzstraße, für die anderen Händler in der Kongostraße. „Beide Straßen haben Kopfsteinpflaster“, gibt Peter Arndt von der Stadtteilvertretung zu bedenken, „das wird ganz schön laut für die Anwohner!“ In der Lüderitzstraße erfolgt heute schon die Anlieferung für Reichelt, dort kennt man die Lkws, die beim Rückwärtsfahren piepen. Auf der Positivseite für die obere Müllerstraße bleiben aber die ca. 120-150 Arbeitsplätze zu nennen, die durch Kaufland und die kleineren Einzelhändler entstehen oder wieder zurückkehren werden. Die Kaufland-Repräsentantin sieht auch keine Konkurrenz für das sehr hochwertige Angebot wie die Frischfleisch-Bedientheke bei Reichelt, da Kaufland mit abgepackten Produkten ein anderes Geschäftsmodell verfolge. Das Unternehmen habe das Umfeld genau untersucht und will sich dort langfristig engagieren: „Wir können mit der relativ kleinen Verkaufsfläche von knapp 4500 qm gut umgehen“, sagt Meltem Cömertbay und ist sich sicher: „Wir passen gut in diesen Kiez!“ Wenn alles klappt, könnte noch vor Weihnachten 2013 die Eröffnung gefeiert werden.

Nicht alle Anwohner gewöhnen sich daran, dass für dieses moderne, grau verklinkerte Einkaufszentrum der Begriff „Neue Müllerhalle“ verwendet wird. Nostalgische Gefühle und der immer noch präsente Verlust eines Ortes der Kommunikation im Kiez stehen für viele im Vordergrund. Da kommt manches Gerücht gerade recht, das die Bezirkspolitiker aber umgehend ausräumen: eine Moschee in Nachbarschaft des Einkaufszentrums ist definitiv nicht geplant.

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Müllerhalle Kaufland
Quelle: Kaufland

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/04/12/die-mullerhalle-ende-eines-trauerspiels-beginn-des-kommerzes/

http://weddingweiser.wordpress.com/2012/07/11/abschied-von-der-mullerhalle/

 

„UNIKAT“: Handgefertigte Einzelstücke und neues Leben für alte Taschen

C.Hildebrandt (links) und K.Fuchs-Fischer (Foto: Unikat)
C.Hildebrandt (links) und K.Fuchs-Fischer (Foto: Unikat)

Zu Constance S. Hildebrandt und Katrin Fuchs-Fischer kann man kommen, wenn man eine Idee für die ideale Tasche im Kopf hat. Diese beiden Frauen verstehen ihr selten gewordenes Handwerk, denn sie haben es noch zu DDR-Zeiten beim Betrieb „Berliner Lederwaren“ gelernt. „Wir entwerfen die dafür erforderlichen 40 bis 50 Einzelteile und konstruieren das Einzelstück bis zur letzten Naht“, erklärt Katrin Fuchs-Fischer. Sie hat Täschnerin gelernt und später ein Ingenieurstudium absolviert. Auch Constance S. Hildebrandt ist Diplom-Ingenieurin für Lederverarbeitung – sie ist in der Lage, mit Materialien wie Krokodil-, Schlangenleder, Straußenbeinen, Hühnerfüßen oder Aalhäuten umzugehen. Die alles entscheidende Schnittkonstruktion ist das A und O, und nur so lässt sich auch die ausgefallenste Tasche realisieren: „Wir haben für einen Medizinstudenten schon einmal eine Tasche in Form einer Leber mit abnehmbarer Gallenblase hergestellt“, erinnert sich Constance S. Hildebrandt, die sich über kompliziert wirkende Aufträge sichtlich freut: „Da kommt der Ehrgeiz heraus“, sagt sie. „Andere Taschenmanufakturen schicken ihre Kunden zu uns, weil nur wir nahezu alles umsetzen können.“

Fachwissen trifft Maschinen

Die Hebeschere
Die Hebeschere

Dafür besitzen die beiden Taschenexpertinnen nicht nur das Know-How, sondern auch die erforderlichen Maschinen. Im Kellerraum ihrer Werkstatt haben sie eine beeindruckende Sammlung zusammengetragen: eine Handhebeschere, eine Schärf- und natürlich auch eine Nähmaschine. Nicht nur für kreative Privatkunden, die eine möglichst individuelle Tasche in Auftrag geben, ist die UNIKAT-Manufaktur eine ideale Anlaufstelle, sondern auch für Modeschöpfer wie Michael Michalsky, für den die beiden Diplom-Ingenieurinnen Prototypen gefertigt haben: „“Wir bringen es für den Kunden auf den Punkt, dass es nachher genauso aussieht wie bei den großen Firmen – da können wir mithalten“, sagt Constance Hildebrandt nicht ohne Stolz.

Taschen, die einem ans Herz gewachsen sind

Die "Dali-Tasche mit Künstler-Signatur
Die „Dali-Tasche mit Künstler-Signatur

Der Laden befand sich zunächst in der Auguststraße in Berlin-Mitte, aber der Standort hat sich als ungeeignet erwiesen, als die beiden Lederexpertinnen ihr zweites Standbein aufbauten – die Reparatur von alten Taschen und Koffern. „Gerade haben wir eine Tasche zugesandt bekommen, die Salvador Dali entworfen hat „, erklärt Constance S.Hildebrandt. Dieses Einzelstück aus den 60er Jahren trägt grafische Elemente des spanischen Künstlers ebenso wie seine Signatur. „Die Restaurierungen sind zeitaufwändig“, erklärt Hildebrandt. „Allein die Suche nach dem richtigen Pflegemittel ist schwierig. Einmal mussten wir für einen Koffer sogar ein Netz aus gewachstem Garn selbst knüpfen.“

Das lieb gewordene alte Tragebehältnis nicht einfach durch ein neues zu ersetzen liegt im Trend. „Interessanterweise schicken uns gerade Männer ihre Taschen ein“, erzählt Katrin Fuchs-Fischer. „Sie sagen, das Stück ist mit mir durch die ganze Welt gereist und mir ans Herz gewachsen.“ Männer sind, so glauben die beiden Taschenherstellerinnen, der Mode nicht im gleichen Maße wie Frauen unterworfen. Doch für Kunden beiderlei Geschlechts gilt: wer mit seiner alten Tasche etwas verbindet, ist auch bereit, für die Reparatur mehr zu bezahlen als den ursprünglichen Anschaffungspreis. Diese Kunden kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

Ein Raum mit Atmosphäre

Der großzügige Arbeits- und Verkaufsraum
Der großzügige Arbeits- und Verkaufsraum

Der schöne Laden in einem Backsteineckhaus aus den 1920ern Jahren hat Constance Hildebrandt und Katrin Fuchs-Fischer auf Anhieb überzeugt: „Wir haben uns in die Architektur sofort verliebt“, sagen die beiden Expertinnen. Hier können sie im Keller ungestört an den Maschinen arbeiten, während das Erdgeschoss als Raum für Kundenkontakte dient. Eine Galerie bietet Rückzugsmöglichkeiten für die Büroarbeit und die Bearbeitung der Bestellungen. Dank fester Öffnungszeiten können die Kunden ihre alten Taschen bringen und die reparierten Stücke wieder abholen. Beide Ladeninhaberinnen wohnen nicht im Wedding, aber Constance Hildebrandt sagt: „Für diesen schönen Raum am Schillerpark nehme ich gerne einen 30 Kilometer langen Arbeitsweg in Kauf.“

Eine eigene Kollektion hat die UNIKAT Manufaktur nicht. Ein Schaufenster sucht der Passant daher vergebens. Ihren Ruf verdanken Constance S.Hildebrandt und Katrin Fuchs-Fischer vielmehr den perfekt ausgeführten Reparaturen und der Fertigung höchst individueller Einzelstücke. Und so ist jedes Behältnis, um das sie sich kümmern, tatsächlich – ein Unikat!

UNIKAT manufaktur

unikat-taschenmanufaktur,de

taschenreparatur.de

Dubliner Str. 7, 13349 Berlin, U-Bahnhof Rehberge

Öffnungszeiten: Mo,Di,Mi,Fr 10-18 Uhr, Do 12-20 Uhr, nach Vereinbarung

Tel.: 030 978 94 504

Englisches Viertel: Grün mit Weltkulturerbe

Wichtigstes Gestaltungselement: Putz und Backstein im Wechsel
Die Siedlung Schillerpark

Von allen Weddinger Vierteln ist das Gebiet zwischen Müllerstraße, Seestraße und dem Bezirk Reinickendorf das vielleicht unauffälligste. Hier wird in erster Linie „nur“ gewohnt, und das abgesehen vom Fluglärm recht ruhig. Industrie und Kaufhäuser sucht man hier vergebens, nur die BVG-Betriebshöfe und ein großes Frei-und Hallenbad sorgen dafür, dass das Englische Viertel kein reines Wohngebiet ist. Natürlich zieht auch der knapp 30 Hektar große Schillerpark Erholungssuchende aus anderen Vierteln an.

Englische Namen, holländische Backsteinarchitektur

Eingang zur U-Bahn-Hauptwerkstatt
U-Bahn-Werkstatt Seestraße

Hier wird der Wedding immer vorstädtischer, je weiter man nach Norden kommt. Als die U-Bahn 1923 bis zum Bahnhof Seestraße in Betrieb genommen wurde, lag die Hauptwerkstatt an der Müllerstraße/Ungarnstraße/Edinburger Str. noch am Stadtrand. Um die Werkstatt herum wurde der Block mit Werkswohnungen bebaut. Die an der Edinburger Straße seit 1909/10 befindliche Feuerwache (übrigens die erste, die für motorgetriebene Löschfahrzeuge ausgelegt war) wurde in den Komplex integriert. Auch das Paul-Gerhardt-Stift von 1886 wurde Teil eines Blocks des rasch wachsenden Englischen Viertels. Aus der früheren Diakonissenanstalt mit Krankenhaus hat sich ein Gesundheitszentrum mit Altenheim entwickelt. Die ansprechenden Backsteingebäude und die verträumten grüne Höfe haben indes nichts von ihrem Charme verloren.

In der Glasgower Straße
In der Glasgower Straße

In den Straßen mit den Namen englischer, irischer und schottischer Städte vermitteln die Häuser mit ihren Backsteinfassaden fast schon einen holländischen Charakter. Die 1927-30 errichtete Großsiedlung mit 800 Wohnungen war die erste Berliner Wohnanlage mit Fernwärmeanschluss. Der benachbarte Schillerpark (1909-13) mit seiner im Jahr 2011 wiederhergestellten Kinderplansche und einem neuen Café im früheren Toilettenhäuschen gibt dem Viertel noch dazu eine grüne Note. Der Park wird allerdings durch die von Autos befahrene Barfusstraße in zwei Teile getrennt. Der nördliche Teil hat eher den Charakter eines hügeligen Landschaftsparks, während der südliche Teil von einem bastionartigen Terrassenbau mit Schillerdenkmal und einer riesigen quadratischen Wiese dominiert wird. Diese ist von vornherein für den Breitensport vorgesehen gewesen und wird häufig von Amateurfußballgruppen genutzt.

Eine zuvor wenig bekannte Wohnanlage aus den Jahren 1924-30 am Nordostrand des Schillerparks hat es – gemeinsam mit anderen Siedlungen der Berliner Moderne – im Jahr 2008  zum Titel „Weltkulturerbe“ gebracht. Erbaut von den berühmten Architekten Max und Bruno Taut, wurden hier erstmals Prinzipien umgesetzt, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Für die damalige Zeit aber waren die offene Blockrandbebauung, die grünen Innenhöfe, die Flachdächer und die Fassadengestaltung im schlichten Wechsel von Putz und Backstein geradezu revolutionär. In den 1950er Jahren wurden einige Gebäude in der Siedlung Schillerpark ergänzt, ohne dass dadurch der Gesamtcharakter der Anlage beeinträchtigt wird.

Schillerhof
Schillerhof

Ganz in der Nähe steht eine ebenfalls in dieser Zeit, von 1925-27, gebaute Siedlung Schillerhof, die insgesamt eine konservativere Formensprache besitzt. Rund um einen geschlossenen begrünten Hof, der von der Aroser Allee durch eine Hofdurchfahrt zugänglich ist, befinden sich Wohnungen in drei Geschossen. Über den Türen sind Schmuckgiebel mit Reliefs angebracht. Direkt an den beschaulichen Schillerhof schließt die Siedlung Schillerhöhe aus den 1950er Jahren an.

Französisch wird es aber auch….

Ein Mini-Eiffelturm vor dem Centre Français
Das Centre Français (1960 erbaut)

Wedding und Reinickendorf bildeten von 1945 – 90 den französischen Sektor in Berlin. Als kulturelles Zentrum für die französischen Streitkräfte, aber auch als Ort der Begegnung der Berlin mit französischer Kultur und Lebensart wurde 1961 das Centre Culturel Français an der Müllerstraße 74 errichtet. Das moderne Gebäude wird heute als Hotel, Brasserie und Kino genutzt. Fast schon am nördlichen Ende der Müllerstraße und somit auch an der Grenze des Wedding zieht ein kleiner Eiffelturm die Blicke auf sich und verweist auf das etwas zurückgesetzt liegende Centre Francais. Vom englischen Viertel selbst ist die Bastion französischer Kultur allerdings durch den Domkirchhof II und eine Grünanlage getrennt…

BVG Busbetriebshof. Entworfen von Jean Krämer. Foto Joachim Faust.Mit der 1925-27 gebauten „Straßenbahnstadt“ des Architekten Jean Krämer verfügt das Englische Viertel noch über ein weiteres Juwel. Der heute von der BVG als Busbetriebshof Müllerstraße genutzte Komplex mit Werkstatt und Werkswohnungen besticht durch seine expressionistische Formensprache. Insbesondere die beiden Turmgebäude, die die Einfahrt flankieren und die Symmetrie betonen, prägen das Straßenbild an diesem Teil der Müllerstraße.

Lesenswerter Artikel von Diether Huhn

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung
Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung

Karte des Englischen Viertels in Berlin-Wedding

Schillerpark-Siedlung: kleines Juwel im Norden

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung
Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung

Großes Interesse für eine große architektonische Leistung

Wichtigstes Gestaltungselement: Putz und Backstein im Wechsel
Wichtigstes Gestaltungselement: Putz und Backstein im Wechsel

Die roten Backsteine stehen ein paar Millimeter aus dem gelben Putz heraus und werfen dadurch einen kleinen Schatten – das reicht schon, um den Architekten Franz Jaschke in Begeisterung zu versetzen. „Die Wand erhält durch dieses Farbspiel ein schönes, lebendiges Bild“, erklärt der Architekt, der am Tag des offenen Denkmals eine große Besuchergruppe durch die Siedlung Schillerpark führt. Ob es nur daran liegt, dass die Wohnanlage seit 2008 als eine von sechs Siedlungen der Berliner Moderne den Status als Weltkulturerbe der UNESCO besitzt? Jedenfalls sind über vierzig Interessierte zu dieser Führung an den unscheinbaren Rand von Berlin-Mitte gekommen, so dass man manchmal Mühe hat, den Ausführungen Jaschkes akustisch zu folgen. Abgesehen vom Fluglärm, der wegen der beabsichtigten Schließung Tegels bald Geschichte sein dürfte, ist die Siedlung dennoch ein Ort der Ruhe – mit leeren Spielplätzen und aufgeräumt wirkenden Liegewiesen. Dies verwundert einen Teilnehmer der Führung am Sonntagnachmittag. Kinder fühlen sich wohl in dieser Siedlung„Wir haben einfach gute Mitbewohner“- so versucht es Claudia Templin zu erklären. Sie arbeitet bei der Wohnungsbaugenossenschaft „1892“, zu der diese Siedlung gehört. Die Mieter sind hier zugleich Genossenschaftmitglieder und mussten daher bei der denkmalgerechten Sanierung ihrer Häuser Anfang der 1990er Jahre begeistert werden, erläutert Architekt Jaschke. Dafür ist der Zusammenhalt der 600 Siedlungsbewohner umso größer und vielleicht auch das Bewusstsein dafür, in einem schützenswerten Bauensemble zu wohnen, ausgeprägter als in anderen Teilen des Ortsteils Berlin-Wedding.

Der Architekt hat sich Gedanken gemacht

Wer sich beim Anblick der zwei- bis viergeschossigen Häusergruppen an Holland erinnert fühlt, liegt richtig: Architekt Bruno Taut hatte die „Amsterdamer Schule“ eingehend studiert; auch einige Prinzipien des „Neuen Bauens“ sieht man in der Siedlung umgesetzt. Die Art, wie der Backstein vermauert wurde, hat expressionistische Züge. Man sieht der Siedlung an, dass sich der Architekt Gedanken gemacht hat. Schließlich war das Geld in den 1920er Jahren knapp und kein Quadratzentimeter Platz durfte verschenkt werden. Die schlechten Wohnverhältnisse in den gründerzeitlichen Wohnquartieren der Berliner Innenstadt – wenig Grün, wenig Licht, wenig Luft – gaben das Negativbeispiel, das Taut am Schillerpark in Berlin-Wedding unbedingt vermeiden wollte: die für Berlin so typische Blockrandbebauung wurde zugunsten freistehender, relativ niedriger Häuserriegel aufgebrochen, dazwischen liegen ausgedehnte Grünflächen. „Die öffentlichen, halböffentlichen und privaten Flächen sind optimal gegeneinander abgegrenzt“, beschreibt Franz Jaschke die Freiraumgestaltung, in die auch der gegenüberliegende Schillerpark von Berlin-Wedding einbezogen wurde. Die Geschosshöhe lässt es noch zu, dass man die Kinder auf der Wiese zum Essen rufen kann – auch das war vom Architekten so beabsichtigt. Eine Wohnung kann man bei dieser Führung nicht besichtigen – „es ist gerade keine frei“, sagt Claudia Templin von der Wohnungsbaugenossenschaft. Dies könnte man als Indiz für eine gewisse Beliebtheit der Schillerpark-Siedlung in Berlin-Wedding sehen. Das ist keine schlechte Ausgangslage für eine Weddinger Wohngegend.

Weitere Informationen über die Schillerparksiedlung in Berlin-Wedding:

Artikel in Wikipedia

Artikel auf der Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Webpräsenz der Wohnungsbaugenossenschaft 1892 e.G.

Ungewöhnlich gestaltete Lösung für Balkone
Ungewöhnlich gestaltete Lösung für Balkone