Müller42 #6: Der Blumenstrauß

Der Wed­ding. End­li­che Wei­ten. Dies sind die Aben­teu­er der Bewoh­ner des Wohn­hau­ses in der Mül­ler­stra­ße 42, die schon oft zuvor da gewe­se­ne Gen­tri­fi­zie­rung bekämp­fen und dahin gehen, wo schon vie­le Wed­din­ger zuvor gewe­sen sind. 

Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te von Ruben Faust und Net­hais Sandt 

 

Was bis­her geschahMeli­na (Musik­stu­den­tin) muss mit gro­ßem Schre­cken fest­stel­len, dass ihr Fahr­rad geklaut wur­de. Nach einer erfolg­lo­sen Suche durch den Wed­ding ent­schließt sie sich, einen Trost- Döner in „Moham­mads Döner Store“ essen zu gehen. Dabei hört Moham­mad, Inha­ber des Döner­la­dens und all­seits bekann­ter „Mann des Ver­trau­ens“, ihren Sor­gen gedul­dig zu.  Der Haus­meis­ter Herr Brown küm­mert sich der­weil um die Was­ser­la­che, die er ver­se­hent­lich im Haus­flur erschaf­fen hat. Frau Faterl (ehe­ma­li­ge Baye­rin) schlägt sich mit den Pro­ble­men einer Mathe­leh­re­rin her­um . Der Stu­dent Phil wacht dann eines Tages schon wie­der nackt im Bett mit sei­ner Mit­be­woh­ne­rin Meli­na auf. Zu allem Übel fällt ihm dann auch noch ein, dass er in einem Moment der Für­sor­ge, ihr Fahr­rad weg­ge­stellt hat. Die Haus­re­no­vie­rung rückt immer näher, sodass die Prenz­lau­er­berg Eltern in Akti­on tre­ten und die Haus­be­woh­ner zum Wider­stand auf­ru­fen.  (Fol­ge 1: Das Fahr­rad) (Fol­ge 2: Die Was­ser­la­che) ( Fol­ge 3: Die Leh­re­rin) (Fol­ge 4: Das Gefühl)(Fol­ge 5: Die Akti­vis­ten)

 

Etwas sehr Merk­wür­di­ges läuft in der Mül­ler­stra­ße 42 ab, da ist sich Doro­thea sicher. Zuerst ver­schwin­det die­ses blaue Fahr­rad von der Musik­stu­den­tin Meli­na (die hat sie noch nie lei­den kön­nen), dann kommt die Haus­ver­wal­tung mit einer Dach­re­no­vie­rung an (wovon sie ja noch nie etwas gehört hat) und über­all kle­ben auf ein­mal Demo­pla­ka­te gegen Gen­tri­fi­zie­rung und Atom­kraft.  Die­ses Prenz­lau­er­berg-Paar packt ihr irgend­wel­che Fly­er in den Brief­kas­ten und hofft wohl auf einen Wider­stand, aber dafür hat Doro kei­ne Zeit. Sie hat schon ihr gan­zes Leben über in der Mül­ler­stra­ße 42 gewohnt, da wird sie hier ja wohl auch noch bis zu ihrem Tod blei­ben kön­nen.  Mal davon abge­se­hen, bekommt sie neu­er­dings immer Blu­men auf ihre Fuß­mat­te und sie weiß beim bes­ten Wil­len nicht, was sie davon hal­ten soll. Die Blu­men sind hübsch, kei­ne Fra­ge, aber was soll sie damit?  Die ste­hen maxi­mal eine Woche bei ihr auf dem Küchen­tisch, ehe sie im Müll lan­den. Und bei der Men­ge an Blu­men, die sie bekommt, gehen ihr lang­sam die Vasen aus.
Doro­thea ist sich sicher: Wenn sie die Blu­men­flut stop­pen möch­te, muss sie her­aus­fin­den, wer ihr sie immer auf die Fuß­mat­te legt. Sie hat als Kind alle Sher­lock-Hol­mes- Bücher von Arthur C. Doyle gele­sen (die wah­ren Bücher, nicht die­ser Seri­en­ab­klatsch, der neu­er­dings über­all zu fin­den ist) und fühlt sich bereit für eine Inves­ti­ga­ti­on. Wär‘ ja lach­haft, wenn sie den Täter nicht inner­halb der nächs­ten Woche fin­den wür­de! 
Zunächst gilt es her­aus­zu­fin­den, wer Zugang zu ihrer Fuß­mat­te hat: Das gan­ze Haus sicher­lich, aber die Haus­tür steht auch immer offen. Das heißt jeder, der in regel­mä­ßi­gen Abstän­den zur Mül­ler­stra­ße 42 kommt, könn­te ihr einen Blu­men­strauß auf die Fuß­mat­te legen. Sie muss alle Kom­po­nen­ten im Auge behal­ten. Zu die­sem Zweck  ver­schanzt sie sich jetzt regel­mä­ßig vor ihrem Fens­ter und beob­ach­tet das Gesche­hen auf der Stra­ße. Ihr Alter bie­tet ihr dabei die per­fek­te Deckung: Nie­mand wür­de irgend­et­was einer alten Dame zutrau­en.
Nun geht das schon eine gan­ze Wei­le so und zu ihrer Ent­täu­schung ist sie dem Täter nicht einen Schritt näher gekom­men. Men­schen kom­men und gehen, aber es hat nie eine Per­son gege­ben, die regel­mä­ßig auf­taucht.  Viel­leicht ist es also wirk­lich jemand aus dem Haus. Viel­leicht sogar Meli­na: An jenem schick­sal­haf­tem Tag, als ihr Fahr­rad geklaut wor­den ist, haben sie ein paar Wor­te gewech­selt. Meli­na hat gewusst, dass sie, Doro­thea, am Fens­ter gestan­den hat. Kurz nach­dem Meli­na also ins Haus gegan­gen ist, hat es auf ein­mal geklin­gelt! Und da haben Blu­men auf der Fuß­mat­te gele­gen. Ist das wirk­lich Zufall gewe­sen? Aller­dings ist Meli­nas Fahr­rad danach wirk­lich ver­schwun­den, und weil Doro­thea so damit beschäf­tigt gewe­sen ist, eine Vase für den Blu­men­strauß zu fin­den, hat sie den Dieb des Fahr­rads lei­der nicht auf fri­scher Tat ertappt. Sie bezwei­felt, dass Meli­na es wirk­lich dar­auf ankom­men lässt, ihr Fahr­rad zu ver­lie­ren, wäh­rend sie Blu­men­sträu­ße auf Fuß­mat­ten legt. Aber viel­leicht ist es ja nicht nur Meli­na. Viel­leicht ist es auch die­ser Phil­ipp? Viel­leicht arbei­ten sie zusam­men. Und das Motiv? Ganz ein­fach: Sie wol­len ihr eins aus­wi­schen, weil die Jugend von heu­te nichts Bes­se­res zu tun hat! 
Das­sel­be Motiv kön­nen aber auch die Aus­län­der-Brü­der haben. Wie hei­ßen die noch­mal? Ach­med? Hiram?  Doro kratzt sich am Kopf.  Wie auch immer. Jung, dumm, gelang­weilt. Ein Streich von klei­nen Bäl­gern.  Unglaub­lich, die­ses Haus. Alle ste­cken sie unter einer Decke.

 

Der Beginn einer Liebesgeschichte: Blumen?
Illus­tra­to­rin: Net­hais Sandt


Sie möch­te sich gera­de auf­ma­chen, und ihre täg­li­che Dosis Obser­vie­rung am Fens­ter abhal­ten, als es an der Tür klin­gelt.  Wer stört denn jetzt schon wie­der?
Schnau­fend macht sie sich auf den Weg zur Tür, öff­net sie… und da lie­gen sie. Ein Strauß Blu­men, dies­mal Orchi­deen.  Sofort schaut sie sich um, viel­leicht ver­steckt sich der Täter ja hin­ter einer Ecke? Aber abge­se­hen vom Haus­meis­ter befin­det sich nie­mand hier im Haus.  Merk­wür­dig. Der Täter muss jung, schnell, gera­de­zu ath­le­tisch sein, dass er so schnell die Bie­ge macht. Und, das muss sie zuge­ben, er hat Geschmack. Orchi­deen gehö­ren zu ihren Lieb­lings­blu­men.
Äch­zend bückt sich Doro, um die Blu­men auf­zu­he­ben. In dem Augen­blick fällt ihr auf, dass das  gleich­mä­ßi­ge Wischen des Haus­meis­ters auf­ge­hört hat. Es herrscht abso­lu­te Stil­le. Was ist denn jetzt schon wie­der los? Sie erhebt sich, run­zelt die Stirn, war­tet ab. Als nichts wei­ter pas­siert, zuckt sie mit den Schul­tern und schließt die Tür hin­ter sich. Soll der Haus­meis­ter doch tun, was er will. Wahr­schein­lich hat der Trun­ken­bold bemerkt, dass sein Flach­mann leer ist! Und er ist zu doof, um ihn wie­der zurück in sei­ne Brust­ta­sche zu packen, weil die­se komi­sche Plas­tik-Orchi­dee zu viel Platz ein­nimmt.  Merk­wür­dig, die­ser Mann, ein­fach nur merk­wür­dig. Wür­de er nicht immer die­se grün­lich, befleck­te Haus­meis­ter­tracht tra­gen, wür­de er sich rasie­ren, etwas auf­rech­ter ste­hen und nicht immer nach Alko­hol stin­ken, dann wäre er doch ein recht staat­li­cher Mann. Schön anzu­se­hen. Viel­leicht könn­te sie ihn auch ihren Freun­din­nen vor­füh­ren. Ger­trud, eine jah­re­lan­ge Freun­din von Doro,  macht sich schon immer dar­über lus­tig, dass sie zu alt und run­ze­lig für einen Mann wäre, aber Doro ist da ganz ande­rer Mei­nung.  Sie fühlt sich eher wie eine rei­fe Bana­ne: Von außen etwas ver­al­tet, aber innen schön saf­tig.  So soll es auch sein.
Mit dem Geschenk in der Hand  geht sie zurück in die Küche und sucht nach ihrer Lieb­lings­va­se. Nur das Bes­te für ihre Lieb­lings­blu­men. Eine Melo­die sum­mend packt sie die Orchi­deen hin­ein, ergötzt sich regel­recht an der schö­nen vio­let­ten Far­be und den fei­nen Blü­ten… und hält inne. Auf ein­mal fällt es ihr wie Schup­pen von den Augen.
„Bei der hei­li­gen Maria..“, flüs­tert sie ehr­fürch­tig. „… Nie und nim­mer…“  Orchi­deen. Sie hat Orchi­deen bekom­men, auf ihrer Fuß­mat­te. Nie­mand sonst ist im Haus gewe­sen… außer dem Haus­meis­ter. Der eine Orchi­dee stets bei sich hat. Das kann doch nicht sein!
Jetzt, wo sie ein ein­deu­ti­ges Indiz hat, weiß sie nicht, wie sie sich ver­hal­ten soll.  Nor­ma­ler­wei­se hät­te sie die Tür auf­ge­ris­sen und den Übel­tä­ter zur Rede gestellt.  So ist sie schon immer gewe­sen, ein­fach mit dem Kopf durch die Wand.  Aber das hier sind Blu­men, auf ihrer Fuß­mat­te, seit Wochen! Vom Haus­meis­ter!  Sie kann nicht anders, als sich geschmei­chelt zu füh­len. Aber es nagt trotz­dem an ihr, dass er wohl nicht den Mut gehabt hat, es ihr ein­fach direkt und klar zu sagen. Wie ein rich­ti­ger Mann, halt.  Sie streckt die Hand aus und berührt eine Blü­te, wäh­rend sie von Gedan­ke zu Gedan­ke springt. Wie wür­de Sher­lock Hol­mes han­deln?
Es ver­ge­hen Minu­ten, in denen Doro­thea mit sich hadert, Minu­ten, die sich wie Stun­den anfüh­len.  Dann jedoch hat sie genug.  Es reicht!
Ent­schlos­sen öff­net sie die Tür.  „Herr Brown! Kom­men se mal run­ter, bit­te.“
Das Wischen, das mitt­ler­wei­le im zwei­ten Stock ist, stoppt erneut. Stil­le dehnt sich wie Kau­gum­mi aus, dann hört sie schwe­re Schrit­te, die her­un­ter­kom­men.  Wenig spä­ter steht Herr Brown vor ihr, ver­schwitzt, etwas nach Alko­hol stin­kend, mit gerö­te­ten Wan­gen.  Sei­ne Haa­re sind ölig (Ist das etwa Haar­gel?) und er hat sich doch tat­säch­lich rasiert (unter dem Ohr kann sie eine klei­ne Schnitt­stel­le erken­nen).  „Was kann ich für Sie tun?“, fragt er mit tie­fer Stim­me.  Doro hat noch nie bemerkt, wie breit sei­ne Schul­tern sind und wie hell sei­ne Augen.  Ihr Herz fängt an zu klop­fen, was abso­lut lächer­lich ist, denn mit ihren 75 Jah­ren hat sie doch weit­aus hüb­sche­re Män­ner gese­hen als den hier vor sich. Aber nie­mand hat ihr je Blu­men auf die Mat­te gelegt, kein ein­zi­ger.
„Legen sie mir dau­ernd Blu­men auf de Mat­te?“ Ihre Stim­me klingt stren­ger, als sie es eigent­lich vor­ge­habt hat.  Herr Brown rich­tet sich auto­ma­tisch auf. Als er spricht, stot­tert er ein wenig: „ W‑w-ie kom­men Sie dar­auf?“
„Ver­ar­schen se mir jetz nich!“ , sie deu­tet auf sei­ne Plas­tik- Orchi­dee. „Ick hab Oogen im Kopp, wis­sen se? Ick sehe die Orchi­dee in Ihrer Brust­ta­sche.“
Herr Brown räus­pert sich. „Es tut mir lLeid, ich woll­te Sie nicht belei­di­gen.“  Und dann: „Ja, die Blu­men sind von mir.“
Doro muss sich ein Lächeln ver­knei­fen.  Da ist es jetzt raus. Er hat gestan­den. Täter gefun­den. Fra­ge: Was jetzt?
„Ham se Lust uff’n Stück Kuchen und ’n Tee?“,  fragt sie, genau­so streng wie vor­her.
Herr Brown wirkt von ihrem Ton  noch immer ver­un­si­chert, ver­beugt sich dann jedoch etwas unge­lenk.  „Sehr ger­ne.“
Doro­thea dreht sich um und stie­felt zurück in die Woh­nung, die Tür lässt sie offen, damit er ihr fol­gen kann.  „Was für einen Tee hät­ten se denn jer­ne?“ , ruft sie über ihren Rücken.
Herr Brown folgt ihr und schließt die Tür hin­ter sich. „Haben Sie Earl Grey Tee?“
Da muss sie zum ers­ten Mal lächeln. Immer die­se Briten.

Fort­set­zung folgt!

Alle Figu­ren und Namen sind rein fik­tio­nal und jede Über­ein­stim­mung mit der Rea­li­tät ist nur zufällig.

Müller42 ist eine Wed­ding­wei­ser-Text­rei­he von Ruben Faust und Net­hais Sandt. Sie wird immer diens­tags und frei­tags weitergeführt.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.