Müller42 #1: Das Fahrrad

Der Wed­ding. End­li­che Wei­ten. Dies sind die Aben­teu­er der Bewoh­ner des Wohn­hau­ses in der Mül­ler­stra­ße 42, die schon oft zuvor da gewe­se­ne Gen­tri­fi­zie­rung bekämp­fen und dahin gehen, wo schon vie­le Wed­din­ger zuvor gewe­sen sind. 

Eine Wed­ding­wei­ser-Ori­gi­nal Fort­set­zungs­ge­schich­te. Geschrie­ben von Net­haïs Sandt und Ruben Faust.

Wie jeden Tag biegt die 22-jäh­ri­ge Stu­den­tin vom Rad­strei­fen kom­mend direkt auf den Bür­ger­steig vor dem Haus, in dem sie seit eini­ger Zeit lebt. In einer flie­ßen­den Bewe­gung steigt sie von ihrem Damen­rad, das sie zwar bil­lig auf einem Floh­markt auf dem Leo­pold­platz vor einem Jahr gekauft hat, aber das ihr trotz­dem sehr am Her­zen liegt, ab und schließt es an die Later­ne vor die­sem Haus an. Noch hat sie vor, es spä­ter zu benut­zen, um ihrer Mut­ter beim Ein­kau­fen zu hel­fen. „Ja jenau, Meli­na! Nüscht kanns­te janz durchzie‘n. So wie die rest­li­che Jujend von heu­te, wa?“, fängt Doro­thea, die wie am Fens­ter steht und aus ihrer Hoch­par­terre Woh­nung starrt, an zu meckern. „Nich‘ ma dat Rad rin­stel­len kanns­te.“ Eigent­lich ist Meli­na die­ses stän­di­ge Gen­öle von der lie­be­voll ‚Mecker­do­ro‘ getauf­ten Nach­ba­rin gewohnt, doch wenn sie gera­de den fast 60-Minu­ten-Weg von der Frei­en Uni­ver­si­tät hier­her zurück­ge­legt hat, all das mit einer Gitar­re auf dem Rücken, dann ist das zu viel des Guten.

Meli­na schaut die alte Frau gif­tig an. Zu mehr als böse schau­en ist sie ehr­lich gesagt auch nicht in der Lage. Ohne Mecker­do­ro wei­ter Beach­tung zu schen­ken, schließt sie nun die Tür auf und geht in das Haus hin­ein. Auf ihrem Weg in den vier­ten Stock muss sie sich immer an den Paul­sens vor­bei­sch­lei­chen. Sonst wür­de sie wie­der 20 Minu­ten im Trep­pen­haus ste­hen und erklä­ren, dass sie kein Inter­es­se dar­an hat, einem vier­jäh­ri­gen Kind das Vio­li­ne­spie­len bei­zu­brin­gen. Das Eltern­paar aus dem Prenz­lau­er Berg will ein­fach nicht ver­ste­hen, dass sie selbst noch am Ler­nen ist und dazu auch nicht die größ­te Moti­va­ti­on hat. Bis sie im 2. Stock ist, ver­sucht sie also auf der Trep­pe kei­nen Ton von sich geben und hält sogar die Luft an, obwohl sie weiß, wie wenig das bringt.

Oben ange­kom­men, schließt sie die Tür zu der Alt­bau-Woh­nung, die sie sich mit dem etwas merk­wür­di­gen Phil teilt, auf. Phil ist nicht merk­wür­dig, wie ande­re merk­wür­dig sind, wie die sozia­len Außen­sei­ter aus den US-Fil­men. Er ver­gisst nur oft Din­ge, die er gera­de tut; mit­ten im Satz wech­selt er Wort­wahl, The­ma, Beto­nung und Mei­nung, und manch­mal geht er in die Küche, um was zu kochen, kommt dann eini­ge Minu­ten spä­ter wie­der und fragt, war­um er eben in der Küche war. Aber er bezahlt die Mie­te immer pünkt­lich. Und des­we­gen kann Meli­na ihn eigent­lich schon lei­den. „Ich bin da, gehe aber gleich ein­kau­fen. Soll ich dir was mit­brin­gen, Phil?“, ruft sie in die Woh­nung, wäh­rend sie sich die schwe­re Gitar­re vom Rücken hievt. Es kommt – wie erhofft – kei­ne Ant­wort.  Sie hat eigent­lich nur aus Höf­lich­keit gefragt. Sie geht in ihr Zim­mer und wirft sich selbst kurz aufs Bett, hört wie sich die Woh­nungs­tür öff­net und wie­der schließt – offen­bar geht Phil gera­de irgend­wo hin.

Für einen Moment schließt sie die Augen und döst ein.

Illus­tra­ti­on: Net­haïs Sandt

Als sie spä­ter von ihrem Tele­fon, das wie ver­rückt klin­gelt, geweckt wird, ist eine gan­ze Stun­de ver­gan­gen. „Ver­dammt!“, schreit sie laut und springt sofort auf. „Was ist los?“, fragt Phil, der sei­nen Kopf nach dem Schrei kurz durch die Tür steckt und offen­bar doch nicht weg­ge­gan­gen ist. „Ich woll­te nur mich kurz aus­ru­hen und nach fünf Minu­ten wie­der gehen. Nicht eine gan­ze Stun­de schla­fen“, ant­wor­tet sie gehetzt, „Ich muss jetzt sofort wie­der los.“ Zur Ver­ab­schie­dung winkt sie ihm kurz zu und springt aus der Woh­nung her­aus und die Trep­pen her­ab. Sie reißt die Haus­tür auf und sieht sich um. Ver­dutzt rennt sie an die Later­ne, wo vor­hin noch ihr Fahr­rad gestan­den hat. Kei­ne Spur mehr – nichts. Kein Schloss, kein Rad. Ihr Fahr­rad ist weg! Sie dreht sich um und zögert kurz, bevor sie zwar bestimmt, aber stot­ternd die Mecker­do­ro fragt, ob sie gese­hen hät­te, ob jemand ihr Fahr­rad gestoh­len hat. Die­se zieht noch genüß­lich an ihrer Ziga­ret­te, bevor sie Meli­na tief in die Augen sieht und ant­wor­tet: „Watt fürn Rad?“

Ent­nervt dreht sich Meli­na wie­der weg. Doro­thea wür­de auch kei­ne Hil­fe sein, obwohl sie sowie­so immer nur am Fens­ter steht und einen per­fek­ten Blick auf die Later­ne hat. Meli­na weiß nicht, was sie jetzt tun soll. Wie macht sie ohne Fahr­rad jetzt ihre Ein­käu­fe? Oder wie soll sie spä­ter noch zu ihren Freun­den fah­ren? Eigent­lich macht sie doch jede Fahrt mit dem Rad, trotz des Stu­di­tickets. Doch jetzt muss sie sich schnell einen ande­ren Weg ein­fal­len lassen. 

Sie greift nach ihrem Han­dy und bemerkt, dass sie die­ses offen­bar in ihrem Zim­mer hat lie­gen las­sen. Meli­na rennt zur einen Sei­te des Blocks, zu den vie­len Fahr­rad­stän­dern vor dem Real. Viel­leicht hat ihr Fahr­rad­dieb ja das Fahr­rad in der Mas­se ver­ste­cken wol­len. Sie fin­det es dort nicht und rennt über die Mül­ler­stra­ße, in der Hoff­nung, es dort zu fin­den. Sie sucht ver­zwei­felt vor dem Kino, an der Tram­hal­te­stel­le und auch im U‑Bahnhof, aber fin­den kann sie es nicht: Das blaue, klapp­ri­ge Damen­rad – es ist ein­fach weg. Sie will noch eini­ge Leu­te auf der Stra­ße fra­gen – traut sich dann aber nicht. Bedrückt setzt sie sich auf den Bord­stein und sieht den Autos beim Vor­bei­fah­ren zu. Sie ver­sucht sich zu sam­meln und logisch zu den­ken: Wenn jemand das Rad gestoh­len hat – dann wahr­schein­lich nicht eine Minu­te, bevor sie raus­ge­kom­men ist. Nach eini­gen Minu­ten steht sie auf und geht in Moham­mads Döner Store. „Moham­mad, hast du jeman­den gese­hen, der mein Fahr­rad gestoh­len hat?“, fragt sie ihn dann, fast schon iro­nisch. Moham­mads Döner Store ist direkt gegen­über von dem Haus, in dem sie wohnt. „Nein, nein. Aber du siehst so gestresst aus. Komm, setz dich mal hin, ich mach dir einen Döner, so wie du ihn am liebs­ten hast“, ant­wor­tet die­ser. Sie atmet noch ein­mal tief ein – nach­dem sie eigent­lich doch etwas Hoff­nung gehabt hat –  und setzt sich hin. “Wir müs­sen doch zusam­men­hal­ten. Wir wah­ren Wed­din­ger”, sagt er nach einer kur­zen Pau­se und dreht sich zum Döner­spieß. Der Tag ist schon stres­sig genug gewe­sen; jetzt ein Döner ist genau das, was sie braucht. Das Fahr­rad wird sowie­so nicht mehr auftauchen.


Fort­set­zung folgt!

Alle Figu­ren und Namen sind rein fik­tio­nal und jede Über­ein­stim­mung mit der Rea­li­tät ist nur zufällig.

Müller42 ist eine Wed­ding­wei­ser-Text­rei­he von Ruben Faust und Net­hais Sandt. Sie wird immer diens­tags und frei­tags weitergeführt. 

 

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.