Gutes in schlechten Zeiten – Tagebuch einer Mutter mit kleinen Kindern

Zügeschauen

Die Kita ist für mindestens 5 Wochen geschlossen, auch die Spielplätze, kein Kontakt mit Kitafreunden für meine fünfjährige Tochter und meinen anderthalbjährigen Sohn. Wie soll ich das überleben? „Schreib ein Tagebuch!“, meint mein Mann Henri. Ich habe ich ja sonst nichts zu tun. Und was soll ich da reinschreiben? Nö, blöde Idee. Henris Antwort: „Gut, dass Anne Frank das nicht auch gedacht hat“. Mist, jetzt hat er mich. Here we go…

DER ANFANG

Anfang Februar:  Wir sind im Urlaub in Tirol, Corona noch weit entfernt, sowohl geografisch als auch gedanklich.

Anfang März: Bei einer Freundin wird das Virus diagnostiziert. Gehe für sie einkaufen.

Donnerstag, 12. März:  Wir feiern in einem Restaurant mit Freunden, aber die Straßen sind schon merklich leerer, es gibt kaum noch ein anderes Thema. Unserer Babysitterin sage ich noch, sie solle cool bleiben und bloß keine Panik machen.

(VERMEINTLICH) GUTE PLÄNE

Freitag, der 13.: Nachricht über Kitaschließung ab Montag. Mit Kollegen noch ein Sekt nach der Arbeit: „Auf die Gesundheit!“.

Samstag, 14. März: Wir machen einen Ausflug zum Dinosaurierpark in Germendorf (Empfehlung für die Zeit danach, wer es noch nicht kennt!), deutlich weniger Besucher als sonst. Hier verbringe ich dann also die nächsten Wochen.

Sonntag, den 15. März: Bombenwetter, alle Spielplätze im Humboldthain sind voll. Ach, so schlimm werden die nächsten Wochen nicht.

ABSCHIED

Montag, 16. März: Beim letzten Abholen vor der langen Schließung hat der Lieblingserzieher meiner Tochter Tränen in den Augen: „Wenn ich die Kinder wiedersehe, werden sie sich so verändert haben“. Ich werde das erste Mal richtig traurig. Von den Kitafreunden verabschieden wir uns mit den Worten: „Bis die nächsten Tage auf dem Spielplatz!“.

DER EWIGE SONNTAG BEGINNT

Abenteuer im Park

Dienstag, 17. März: Der erste Tag Home-Office ohne Kitabetreuung. Die Große möchte auf den Spielplatz im Humboldthain. Ich erkenne es schon von weitem: 15 Grad, Sonne, aber der Spielplatz ist leer? Dann sehen wir das Verbots-Schild und eine dicke Kette. Erkenntnis des Tages: ich habe eine sehr taffe Tochter, die voller Ideen ist, was man außerhalb der Spielplätze spielen könnte. So wird gleich ein Vogelhaus im Unterholz gebaut.

DIE LAGE SPITZT SICH ZU

Mittwoch, 18. März: Wir treffen zufällig Kitafreunde. Die Kinder tauschen Corona-Wissen aus, aber das scheint nicht verinnerlicht, denn der Kaugummiatem von Achmet muss inhaliert werden. Abends redet Merkel und appelliert an die soziale Isolation, da sonst eine Ausgangssperre drohen würde. Mist, jetzt bereue ich unsere Sozialkontakte am Tag.

Donnerstag, 19. März: Ich habe Spaß mit den Kindern (siehe Spiele in der Wohnung unten). Bin überrascht, was meine Tochter mit Bastelmaterialien kreiert. Erkenntnis des Tages: Bastelbücher schaden der Kreativität! Manchmal bin ich aber auch einfach nur fertig. 6 Uhr aufgeweckt werden, der Kleine braucht noch viel Beschäftigung, aber auch die Große hat ihre Bedürfnisse, schlimmsten Falls heulen Beide, während der Mittagsruhe kein Ausruhen wegen Home-Office… Sport tut gut, ich brauche öfter Zeit nur für mich, sonst halte ich das nicht durch. Verdammt, wie machen Alleinerziehende das? Sie haben mein vollstes Mitgefühl. Aber davon können sie sich ebenso wenig kaufen wie unterbezahltes und überarbeitetes Klinikpersonal von Balkonklatschen.

Waffeln und Crèpes

Freitag, 20. März: Der erste Tag wirklich ohne soziale Kontakte aus der Nähe. Freue mich über volle regale beim Einkaufen. Das erste Mal stelle ich mir die Frage, ob ich zum Einkaufen Handschuhe tragen sollte. Unser Highlight heute: eine frische Waffel bei der Speisekammer. Kinder meckern nicht über Ketten vor den Spielplatztüren. Erkenntnis des Tages: Kinder können vielleicht besser auf soziale Kontakte und geliebte Dinge verzichten, als Erwachsene.

Samstag, 21. März: Heute ist der 7. Tag mit den Kindern daheim. Ich bin nicht mehr so geduldig, brauche mehr Auszeiten, Konfliktgespräch mit Henri. Alle Restaurants sollen nur noch zum Liefern & Abholen geöffnet sein.

Sonntag, 22. März: Ich koche zusammen mit den Kindern Hühnersuppe. Beide Kinder schnippeln ordentlich mit, Zeit für Gespräche: „Mama, wie wurde das Huhn tot gemacht?“- „Betäubt, und dann getötet“ – „Macht das ein Jäger?“ – „Nein, der erschießt im Wald Rehe, Wildschweine…“- „Schießt der alle Tiere?“ – „Nein, Mamas zum Beispiel nicht. Also Tiere, die Kinder haben“ – „Warum essen wir nicht Menschen?“ – „Dann müsste man ja Menschen töten“ – „Wir können ja die Toten essen“ – „Ich denke, die werden nicht schmecken. Alte Tiere sind ja auch zäh“——-rede ich gerade wirklich darüber mit meiner fünfjährigen Tochter? Nun ja, aber das muss ja auch mal geklärt werden. Nachmittags Familienausflug zu den Karower Fischteichen, ab morgen soll ein Kontaktverbot kommen.

Viel Zeit

Montag, 23. März: Die Großmutter liest der Großen jetzt immer nach dem Mittagessen per Video-Chat vor, da kann ich in Ruhe arbeiten. Abends fragt die Tochter, wie viele Wochen wir schon daheim sind, Henri und ich müssen bitter lachen mit Blick auf die einzig vergangene Woche von Fünf.

Dienstag, 24. März: Die Musiklehrerin nimmt jetzt Videos für Bewegungen und Rhythmus auf. Obwohl die Kinder den ganzen Tag zusammen sind, möchte die Fünfjährige den Kleinen nicht zerfleischen, sondern fragt: „Mama, kann man seinen Bruder heiraten?“. Ich bin gerührt.

Innere Ruhe

Mittwoch, 25. März: Heute haben wir 15 Minuten die Menschen auf einer Wiese beobachtet, während wir auf einer Bank kuschelten. Erkenntnis des Tages: Wir waren ganz bei uns mit Zeit, keine Termine, kein Druck, das passiert so äußerst selten im Alltag.

Das waren jetzt genau zwei Wochen, in denen sich für unsere Gesellschaft und die Wirtschaft eine absolute Notsituation zugespitzt hat. Gerade deshalb muss man in diesen Zeiten etwas Gutes finden.

 Was sind eure Tipps für den kitafreien Alltag? Hier habe ich Unsere zusammengefasst:

 Beschäftigung in der Wohnung

  • verstecken spielen
  • Luftballon, am liebsten, dass er nicht den Boden berühren darf
  • Seifenblasen
  • verkleiden
  • basteln, ein großer Karton beschäftigt lange und anchhaltig
  • tuschen, der Kleine liebt Fingermalfarben
  • gemeinsames kochen, selbst der Kleine macht mit seinem Kindermesser mit
  • Fruchtsäfte pressen

    Kinderbacken
  • backen und dann ganz allein verzieren
  • Überraschungsbeutel für Kitafreunde packen und vor die Tür legen
  • verschiedenste Badezusätze für Kinder in der Badewanne ausprobieren (Highlight der Vulkan)

Beschäftigung Draußen

  • immer dabei: ein Ball (für den Rampen gesucht werden)
  • diverse Grünflächen erkunden, z.B. nach Kletterbäumen (ja, auch abseits der Wege)
  • Kleintiere ausgiebig beobachten (Feuerwanzen sind bereits fleißig)
  • Zügeschauen von Brücken

    Zügeschauen
  • Verstecken spielen
  • Spiele ausdenken mit Steinen und Stöckern

 

 

 

 


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