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Für ein Gedenkzeichen für Franziska Bereit:
Nie wieder vergessen ist jetzt

1. Februar 2024

Eine Ste­le, eine Boden­plat­te, eine Wand­pla­ket­te, einen Platz­na­men. Es gebe vie­le Mög­lich­kei­ten, an die wie­der­stän­di­ge Fran­zis­ka Bereit zu erin­nern. Wel­che Form ist die bes­te, um dem Kin­der­mäd­chen – wie haus­halts­na­he Baby­sit­ter frü­her hie­ßen – ein Geden­ken zu geben? Dass ein Geden­ken gefun­den wer­den muss, das bewies ein öffent­li­ches Tref­fen am Sonn­tag vor zwei Wochen (21.1.).

Fly­er zum Tref­fen “Ein Geden­ken für Fran­zis­ka Bereit”. Foto: And­rei Schnell

30 Leu­te drän­gen sich in den zwei­ten, hin­te­ren Raum des Café Cral­le in der Hoch­städ­ter Stra­ße unweit des Max­plat­zes. Die Stüh­le rei­chen nicht, das Zim­mer auch nicht, eini­ge Gäs­te müs­sen im Ver­bin­dungs­gang ste­hen blei­ben, ihren Hals stre­cken. Vorn, qua­si auf den Fuß­spit­zen der Zuhö­rer in der ers­ten Rei­he, sit­zen Loui­sa Hat­ten­dorff, Kena Stü­we, Hei­ke Stan­ge und Tril­le Schün­ke. Die vier Frau­en wol­len die muti­ge Tat von Fran­zis­ka Bereit wäh­rend der NS-Zeit sicht­bar machen. Bezie­hungs­wei­se: Sie wol­len ins öffent­li­che Gedächt­nis brin­gen, dass ein beson­de­res Wed­din­ger Netz­werk eine an ein Wun­der gren­zen­de Ret­tung mög­lich machte.

Kreide oder Nacht-und-Nebel-Aktion?

Meh­re­re Ideen, wie an Fran­zis­ka Bereit und ihre Hel­fer erin­nert wer­den kann, wur­den von den Gäs­ten im Café Cral­le vor­ge­schla­gen. Offi­zi­el­le Unter­stüt­zung sag­ten die Abge­ord­ne­te Lau­ra Neu­ge­bau­er (Grü­ne) und Stadt­rat Chris­toph Kel­ler (Lin­ke) zu. Sie sind bereit, ihren Brief­kopf zu geben, wenn der Eigen­tü­mer des Miet­hau­ses der Mal­plaquet­stra­ße 38 ange­schrie­ben wer­den soll. Aller­dings zeig­te sich der Haus­ei­gen­tü­mer in der Ver­gan­gen­heit wenig gesprächs­be­reit in der Fra­ge, ob eine Gedenk­ta­fel ange­bracht wer­den könn­te; ließ sogar das Bezirks­amt abblit­zen (Druck­sa­che 2155(V). Als Ersatz für eine Tafel schlu­gen ande­re Teil­neh­mer des Tref­fens am 21. Janu­ar vor, mit Krei­de etwas an die Wand zu schrei­ben. Ande­re wol­len in einer Nacht-und-Nebel-Akti­on eine Pla­ket­te an die Haus­wand anbringen.

Auf den ers­ten Blick ein­fach scheint die Lösung zu sein, den unbe­nann­ten drei­ecki­gen Platz an der Utrech­ter Stra­ße (der nicht Robert-Res­cue-Platz heißt) nach Fran­zis­ka Bereit zu benen­nen. Kein Anwoh­ner müss­te sei­nen Aus­weis ändern las­sen, der Platz hat kei­ne Adress­funk­ti­on. Die poli­ti­schen Mehr­hei­ten in der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung dürf­ten dem Anlie­gen nicht im Wege stehen.

Eine Ver­net­zung der Gäs­te unter­ein­an­der oder mit der Initia­ti­ve war nicht Ziel der Ver­an­stal­tung; es ging den vier Frau­en um die Sicht­bar­ma­chung von Fran­zis­ka Bereits Hil­fe und ihrem Netz­werk. Dass die­ses Sicht­bar­ma­chen auf Inter­es­se stößt, das hat das Tref­fen bewiesen.

Veranstaltung
Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung “Ein Geden­ken für Fran­zis­ka Bereit”. Foto: And­rei Schnell

Unbesungene Heldin

Auf wel­che Wei­se Fran­zis­ka Bereit die jüdi­sche Fami­lie Sil­ber­mann vor Gesta­po und staat­lich-orga­ni­sier­tem Mord ret­te­te, das hat der Wed­ding­wei­ser im Bei­trag Geden­ken an eine muti­ge Wed­din­gern vor eini­gen Jah­ren bereits notiert. Neu ist, dass die Ver­an­stal­te­rin­nen im Café Cral­le das not­wen­di­ge Netz­werk in den Blick rücken. Erin­nert wer­den soll an Fran­zis­ka Bereit samt ihren Hel­fern, die sie benö­tig­te. Das wider­stän­di­ge Han­deln in ihrem Umfeld soll auch The­ma des Geden­kens sein. Wider­stän­dig sein, das konn­te Still­schwei­gen (Ver­zicht auf Denun­zia­ti­on) sein. Es konn­te aber auch bis zum Spen­den von Lebens­mit­teln reichen.

Den Wider­stand hat in den 1950er Jah­ren Kurt Gross­mann in sei­nem Buch “Die unbe­sun­ge­nen Hel­den” fest­ge­hal­ten. Eine gleich­na­mi­ge Ehrung hat der Ber­li­ner Senat von 1958 bis 1966 an genau 760 Men­schen ver­lie­hen. Fran­zis­ka Bereits Sohn Rudi Bereit hat die­se Aner­ken­nung des Ber­li­ner Senats in Ver­tre­tung für sei­ne bereits ver­stor­be­ne Mut­ter ange­nom­men. (Eine Lis­te der als unbe­sun­ge­ne Hel­den aus­ge­zeich­ne­ten Men­schen online zu stel­len, wäre eine dan­kens­wer­te Auf­ga­be für Berlin-Historiker). 

Im Wed­ding hat in der Mal­plaquet­stra­ße 38 eine Kup­fer­ta­fel an Fran­zis­ka Bereit erin­nert. Die Tafel geht auf eine Initia­ti­ve des 1980 gegrün­de­ten Mäd­chen­la­den Wed­ding zurück. “Wider­stän­dig und Leben­dig” hieß eine vom Mäd­chen­la­den orga­ni­sier­te Rei­he im Jahr 1993, bei der die Tafel ent­stand. Die Künst­le­rin­nen Ingrid Gans und Gila Witt haben die Tafel gestal­tet und am 17. Dezem­ber 1993 der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert. Zunächst ver­blieb die Tafel eini­ge Jah­re im Schau­fens­ter des Deut­schen Kin­der­schutz­bun­des. 1997 wur­de sie an die Haus­wand ange­bracht und eini­ge Jah­re spä­ter bei einer Fas­sa­den­sa­nie­rung entfernt.

His­to­ri­scher Fly­er von 1993 zur Rei­he “Wider­stän­dig und Leben­dig”. Foto: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

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