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Amtlich versenkt:
Älter als Groß-Berlin: Bootsverleih Fischerpinte am Plötzensee darf nicht verschwinden!

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Der Bootsverleih am Plötzensee, besser bekannt als Fischerpinte. Wasser und Ruderboote am Steg

„Es ist mir scheiß­egal, wer die­sen Ort hier über­nimmt, aber er soll blei­ben“ sagt Vio­la, Stamm­gäs­tin der Fischer­pin­te am Plöt­zen­see. Die Boo­te schau­keln bedäch­tig auf dem Was­ser. „Sie hören Schla­ger­ra­dio Ber­lin-Bran­den­burg – auf 106 Mega­hertz“, flüs­tert es aus dem Radio. „Die Wie­ner sind fer­tig!“ ruft Mit­ar­bei­te­rin Anja über den Steg. „Ein Bier und eine Brau­se bit­te.“ „Ein Ruder­boot für zwei.“ Die Son­ne scheint auf die Gäs­te des Boots­ver­leih. Hier ist die Welt in Ord­nung. Noch.

Wie beschreibt man am bes­ten einen Ort im Wed­ding, den ein Teil der Wed­din­ger sehr gut kennt, ein Teil über­haupt nicht und bei dem der Rest der Leser und Lese­rin­nen unsi­cher ant­wor­ten wird: “Ach, da unten, wo es die Boo­te gibt, oder?“ Ein Ort, der nicht heu­te vor dem Aus steht, aber in drei, fünf oder zehn Jah­ren. Oder mor­gen.
Und viel­leicht beschreibt das die­ses unauf­ge­reg­te Plätz­chen im Wed­ding am bes­ten. So unauf­ge­regt und lei­se wie die Fischer­pin­te am Ufer des Plöt­zen­sees liegt, so unvor­her­seh­bar ist das „Wie-lan­ge-noch?“.

Es ist wich­tig zu wis­sen, dass die Fischer­pin­te eigent­lich „Düring Wolf­gang Boots­ver­leih“ heißt. Denn salopp gesagt: Stirbt Herr Düring, stirbt die Pin­te. So will es das Amt, genau­er das Stra­ßen- und Grün­flä­chen­amt und das möch­te auch das Umwelt- und Natur­schutz­amt. Die Erlaub­nis, die­sen Ort zu bewirt­schaf­ten, hat ein­zig und allein Herr Düring. Kein Fami­li­en­mit­glied und auch kein poten­zi­el­ler Käu­fer mit dicken Schei­nen im Kof­fer. Kein Aber. Niemand.

Und es ist wich­tig zu wis­sen, dass das Are­al, auf dem sich die Fischer­pin­te befin­det, Land­schafts­schutz- und kein Natur­schutz­ge­biet ist. Die­ser Unter­schied ist gewal­tig, aber nicht zum Nach­teil für das Bootshaus.

Ein Groß­teil der Reh­ber­ge wur­de 1953 als Land­schafts­schutz aus­ge­wie­sen, auch die Sei­te, auf der sich die Fischer­pin­te befin­det, sowie das Gewäs­ser an sich und der Ufer­be­reich. Wären die Reh­ber­ge ein Natur­schutz­ge­biet, wäre jeg­li­cher mensch­li­cher Ein­griff nahe­zu ver­bo­ten. Ein Land­schafts­schutz­ge­biet dage­gen defi­niert sich unter ande­rem durch die „beson­de­re kulturhistorische(n) Bedeu­tung einer Land­schaft oder auch auf­grund ihrer beson­de­ren Bedeu­tung für die Erho­lung“ (Quel­le). Bei­des dürf­te die Fischer­pin­te wohl erfüllen.

Vor rund 34 Jah­ren hat Wolf­gang Düring die Fischer­pin­te erwor­ben. Das Häus­chen, nicht das Grund­stück. Bereits damals exis­tier­te an die­ser Stel­le ein Boots­ver­leih mit Imbiss, genau wie jetzt. Das Gebiet gehör­te dem Senat, jetzt dem Bezirk, genau­er gesagt: Der Pacht­ver­trag mit der Fischer­pin­te ging vom Senat an das Bezirks­amt Mit­te über. Irgend­wann, so ganz klar ist das wohl nicht, wur­de ent­schie­den, dass im Fal­le des Todes von Herrn Düring die Fischer­pin­te zurück­ge­baut wer­den muss. Eben­so im Fal­le einer Geschäfts­auf­ga­be. Haus, Steg. Zaun. Abriss. Platt­ma­chen. Auf eige­ne Kos­ten. Höhe? Nie­mand weiß es.

Eine Kos­ten­schät­zung wür­de durch das Amt erst im Rah­men einer Besei­ti­gungs­an­ord­nung und dro­hen­der Ersatz­vor­nah­me erfol­gen“, heißt es vom Stra­ßen- und Grün­flä­chen­amt.

„Nicht in die Bade­an­stalt rein­fah­ren und nicht zu nah ans Ufer!“ ist der freund­li­che, aber bestimm­te Hin­weis, wenn eines der Ruder- oder Tret­boo­te den Steg ver­lässt. „Und nun viel Spaß!“
Fast genau­so regel­mä­ßig, zur Belus­ti­gung der am Steg sit­zen­den Besu­cher, heißt es danach „Rück­wärts rudern, ihr müsst euch dre­hen. Nee, anders­rum!”. Je nach Geschick und Lam­pen­fie­ber der rudern­den Per­son lässt sich anschlie­ßend ein unge­schick­tes Im-Kreis-Pad­deln beob­ach­ten, bis die rich­ti­ge Hand-Pad­del-Augen-Rücken-Koor­di­na­ti­on ein­ge­nom­men wur­de. Die Gäs­te am Steg ver­ges­sen wäh­rend­des­sen, dass sich neben ihnen die hek­ti­sche Metro­po­le befin­det. Der ent­spann­tes­te Ort im Wed­ding exis­tiert hier nicht nur, er ver­ein­nahmt einen.

Wei­ter unten fin­det ihr den Hin­weis zu einer Unterschriftenaktion

Der Plötzensee mit Steg und Booten. Im Hintergrund der Ausschank der Fischerpinte
Blick vom Steg auf die Fischerpinte

„Ich mach nicht mehr lan­ge, küm­me­re dich um Wolf­gang“, war eine der letz­ten Anwei­sun­gen von Moni­ka Düring. Moni­ka, das ist die Frau von Herrn Düring. Wenn Besu­cher sie beschrei­ben müss­ten, reicht zu sagen „Die Frau mit dem Atem­ge­rät und Kip­pe, die Stren­ge”, oder ein­fach „die Che­fin”. Nie­mand kann an einem Sauer­stoff­ge­rät hän­gen und wäh­rend­des­sen so gemüt­lich eine paf­fen. Sie schon. Moni­ka Düring saß immer an ihrem Plöt­zen­see, sie atmet den See, die Fee vom Plöt­zen­see titel­te der Tages­spie­gel vor eini­gen Jah­ren. Sie stand anfangs allein in der Küche. Hat Essen zube­rei­tet, Boo­te raus­ge­ge­ben, aus­ge­schenkt, im Som­mer nie frei gemacht. „Des­we­gen isse so kaputt gewe­sen, weil sie immer 100% geben woll­te. Man muss­te ver­su­chen mit ihr klar­zu­kom­men. Für Leu­te, die kein Geld hat­ten, hat sie alles gemacht. Herz­lich war sie, inner­lich. Als ich das ers­te Mal hier war, dach­te ich nur: ›Oh Gott‹. Ich bin zusam­men­ge­zuckt, nur wegen ihrer Stim­me, aber ab dann wur­de regel­mä­ßig geknif­felt. Nun sitzt Moni­ka da oben und sagt: ›Ihr kommt jetzt klar!‹ “, so beschreibt sie eine Besu­che­rin. Denn Moni­ka Düring ist tot – im April ver­stor­ben. Nach Außen war sie die Che­fin, aber nicht auf dem Papier. Sonst wäre die­ser Ort bereits Geschich­te. Es ver­deut­licht, wie schnell hier alles vor­bei sein kann.

Fotos: Andaras Hahn

Zurück zu Wolf­gang Düring. Mitt­ler­wei­le fast 80 Jah­re alt und nur noch sel­ten am Ufer des Plöt­zen­sees zu sehen. Auch er war eine Zeit­lang sehr krank. „Die haben vor­her noch gehei­ra­tet, damit sie (Moni­ka) viel­leicht die Pin­te behal­ten kann“, ver­rät eine Stamm­gäs­tin. „Funk­tio­niert hät­te das nicht, das wis­sen wir nun.“ Und sie plau­dert wei­ter aus: „Die Ren­te für ihn allein reicht nicht, aber die Ein­nah­men aus dem Som­mer müs­sen es“ – um anschlie­ßend über den Win­ter zu kom­men. Wür­de er auf­hö­ren wol­len, woher soll das Geld für den Rück­bau kom­men? Abge­ben kann er es aber auch nicht. „Vor­letz­tes Jahr war das ganz doll. Da kamen ganz vie­le Leu­te und woll­ten kau­fen. Moni­ka woll­te das aber gar nicht, also geht ja eh nicht.“ Und so ist Herr Düring mit dem ent­spann­tes­ten Ort im Wed­ding schick­sal­haft ver­bun­den – eben­so finan­zi­ell und der Ort mit ihm. Eine gegen­sei­ti­ge Abhängigkeit.

Gestemmt wird der Betrieb der Fischer­pin­te haupt­säch­lich von Anja und Bie­ne. Bevor die ers­ten Besu­cher erschei­nen, sind sie schon lan­ge da. Boo­te säu­bern, ein­kau­fen, vor­be­rei­ten, kon­trol­lie­ren. Dann Boo­te raus­ge­ben, aus­schen­ken. „Wie­ner sind fer­tig!“ und wenn ein guter Tag ist, den Gäs­ten Musik­wün­sche erfül­len. Bier ver­kau­fen, Ber­li­ner Wei­ße – nur in Plas­te­be­chern (Auf­la­ge des Amts), Nüs­se, Eis, „was macht ihr da? Weg vom Ufer!“, Kuchen, Fisch­bröt­chen, „Bock­wurst ist fer­tig!“, „Wir haben kei­ne Boo­te mehr“. „Um 21 Uhr ist aber Schluss, schaffst du sonst gar nicht mit zwei Leu­ten. Vor zehn bis­te trotz­dem nicht raus. Die Leu­te wol­len den Son­nen­un­ter­gang sehen, aber nach 12 Stun­den willst du nach Hau­se“. Heißt es. „Vie­le den­ken, du wirst hier reich, aber du kommst gera­de so über den Win­ter. Und es gab schon Jah­re, wo es fast gar nicht mehr ging. Finan­zi­ell.“ Und ergän­zend: „Es wür­de uns am Her­zen lie­gen, die Toi­let­ten neu­zu­ma­chen. Aber wie lan­ge geht das hier noch (mit Herrn Düring)? Man kann kaum nach vor­ne schauen.“

Mitarbeiterin Anja von der Fischerpinte steht am Eingang und bereitet die Sitzplätze für die ersten Gäste vor
Noch nie­mand da, aber geackert wird schon. Anja von der Fischer­pin­te. Foto: Andaras Hahn

Über das Ver­hält­nis zum nahe­ge­le­ge­nen Strand­bad: „Die haben immer gesagt: wenn was ist, ihr Hil­fe braucht, dann kom­men wir rüber, was wir denen hoch anrech­nen. Manch­mal haben die Leu­te das Boot auf dem See ste­hen las­sen, dann haben die uns das rüber­ge­schleppt. Nun las­sen wir uns die Aus­wei­se geben. Eini­ge ver­ste­hen das nicht, hier darf nicht geba­det wer­den. Ein­mal war eine Frau hier und ist ins Was­ser. Ich sag: Sofort raus hier. Dann kam der Schwan und haut ihr auf’n Kopf. Da muss­te ich sie raus­zie­hen, sie war betrun­ken. Voll wie Tau­send Eimer.“

Das Amt, der Ufer­schutz und die Zukunft?

Das ist das Leben an der Fischer­pin­te und mit ihr, aber es gibt noch die behörd­li­che Sei­te. Die Fischer­pin­te ist wie beschrie­ben im Land­schafts­schutz­ge­biet, das Ufer gilt auf­grund der Flo­ra und Fau­na als beson­ders schüt­zens­wert. Neue, höhe­re Zäu­ne sol­len das Ufer schüt­zen. Seit Sep­tem­ber 2021 herrscht ein „Betre­tungs­ver­bot für bestimm­te Ufer­be­rei­che“, genau­er gesagt alles zwi­schen Fischer­pin­te und Strand­bad. Nur hält sich nie­mand dar­an und kon­trol­liert wird das so gut wie nie. Eine Besu­che­rin meint: „Sim­ma doch mal ehr­lich: die Prei­se da drü­ben im Strand­bad kön­nen ja nicht alle bezah­len. Fami­lie plus Kin­der – Essen kanns­te mit­neh­men, aber dann willst du ja auch mal ein Eis oder so. Als Hartz-IV-Emp­fän­ger has­te so und so viel am Tag, ja dann gehs­te Wild­ba­den. Wie­so för­dert man das nicht stär­ker?“ (das Strandbad)

Es ist der 3. Juli. Auf 30,5°C wird das Ther­mo­me­ter an die­sem Tag im Wed­ding klet­tern. Abküh­lung bie­ten nur die Grün­flä­chen der Reh­ber­ge. Abseits des Betons nur hier das küh­le Nass. Die Boo­te am Boots­ver­leih Plöt­zen­see schau­keln bedäch­tig auf dem Was­ser, ein leich­ter Wind weht über den See. Wir befin­den uns im Jahr 1920.
Denn min­des­tens seit 1920 gibt es einen Steg an der Stel­le der heu­ti­gen Fischer­pin­te, inklu­si­ve Boo­te. Somit exis­tiert die­ser Ort län­ger als die Stadt Ber­lin, wie wir sie heu­te verstehen.

Auf­nah­me von 1920: Im Hin­ter­grund das im Bau befind­li­che Strand­bad. Links das Pant­zier­sche Wel­len­bad, rechts die Mili­tär­ba­de­an­stalt. Im Vor­der­grund Steg mit Booten.

Min­des­tens seit 1946 wird ein Boots­ver­leih am Nord­ufer 23 im Bran­chen­ver­zeich­nis der Stadt auf­ge­führt – die Adres­se der Fischer­pin­te. Und min­des­tens in der Päch­ter­ge­nera­ti­on vor Herr Düring gab es zusätz­lich zum Boots­ver­leih einen Aus­schank. Wahr­schein­lich aber eben­so lan­ge wie der Steg exis­tiert. So ist die Fischer­pin­te längst ein eige­nes Wed­din­ger Denk­mal. Sie ist mit der Flo­ra und Fau­na des Sees ver­wach­sen. Hat Groß-Ber­lin ent­ste­hen sehen, hat den Wed­ding zum Bezirk Wed­ding wer­den sehen, hat erlebt, wie Wed­ding auf dem Papier zu Mit­te wur­de und von Gesund­brun­nen getrennt wur­de. Gehört zum Plöt­zen­see und andersrum.

„Für die erfor­der­li­che Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung im Land­schafts­schutz­ge­biet müss­te jedoch das Umwelt- und Natur­schutz­amt zustim­men. Bei­de Ämter eint die Für­sor­ge und die Bemü­hun­gen zum Schutz der Natur, so dass hier kei­ne ande­re Ent­schei­dung mög­lich ist. […]

So heißt es heut­zu­ta­ge aus dem Grün­flä­chen­amt. Im Umkehr­schluss heißt es aber auch: das wur­de damals so beschlos­sen und ent­schie­den. Aber es wur­de nicht beschlos­sen, weil es muss­te, son­dern weil es so sein soll­te. Vor vie­len, vie­len Jah­ren.

Das Bezirks­amt hat bereits 2011 auf eine Anfra­ge der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung (Anfra­ge durch DIE LINKE) mit­ge­teilt, dass aus Umwelt­schutz­grün­den weder eine neue Ver­pach­tung noch eine Unter­ver­mie­tung in Betracht kom­men. […] Bereits 2011, knapp 20 Jah­re nach dem Ver­trags­ab­schluss durch die Senats­ver­wal­tung, war die­se Ent­schei­dung Aus­druck eines Para­dig­men­wech­sel hin­sicht­lich eines höhe­ren Schutz­be­dürf­nis­ses des im Land­schafts­schutz­ge­biet lie­gen­den Plöt­zen­sees.“ Heißt es wei­ter vom Grün­flä­chen­amt.

Das Umwelt- und Natur­schutz­amt beschreibt sich auf ihrer Home­page „die wach­sen­de Stadt mit ihrer immer stär­ke­ren Ver­dich­tung und deren Fol­ge­er­schei­nun­gen bestim­men die Arbeit des Umwelt- und Natur­schutz­am­tes […]. Die­sen Her­aus­for­de­run­gen kann nur durch eine inter­dis­zi­pli­nä­re Auf­ga­ben­wahr­neh­mung begeg­net wer­den.“ Das klingt schon mehr nach 2022 als 1990, zumin­dest auf dem Papier.

Links Aus­zug Bran­chen­ver­zeich­nis Ber­lin 1946. Rechts his­to­ri­sche Kar­te 1931 (His­tomap Berlin)

Das ver­än­dert die aktu­el­le Lage aller­dings nicht. Abriss also, kom­me was wol­le. Nur hat sich die­se Stadt in den letz­ten Jah­ren ver­än­dert. Immer mehr Frei­flä­chen ver­schwin­den, die Stadt wird vol­ler, sie wird wär­mer und die Men­schen ent­de­cken ihre Nach­bar­schaf­ten stär­ker als vor eini­gen Jah­ren. Wie­so spie­gelt sich das nicht in aktu­el­len Beschlüs­sen wider, oder wer­den Ent­schei­dun­gen auf das Jetzt ange­passt? Wie­so wis­sen die meis­ten Erho­lungs­su­chen­den der Reh­ber­ge gar nicht, dass sie sich teil­wei­se in einem Land­schafts­schutz­ge­biet befin­den? Wel­chen Stel­len­wert das Ufer des Plöt­zen­sees hat? Was die Zäu­ne wirk­lich bedeu­ten und ero­die­ren­de Ufer­ab­schnit­te? Wie­so instal­liert man nicht Info­ta­feln am Steg der Fischer­pin­te zur Flo­ra und Fau­na? Zu den Vögeln, Fischen, Enten – mög­li­cher­wei­se auch zu den Schild­krö­ten und erklärt, war­um das rest­li­che Ufer so wich­tig ist.

Das wird nicht zwangs­läu­fig die Wild­ba­den­den abhal­ten, aber es schafft ein Bewusst­sein. Das Amt ver­sucht schon seit län­ge­rem für das The­ma zu sen­si­bi­li­sie­ren, aber spo­ra­disch ein­ge­setz­te Parkran­ger und kaum sicht­ba­re Hin­weis­ta­feln schei­nen nicht die Lösung zu sein.

Alles im Blick, Bie­ne von der Fischer­pin­te. Wenn es sein muss, kommt auch das Mega­phon zum Ein­satz. Foto: Andaras Hahn

Wie soll ver­mit­telt wer­den, dass Ufer­schutz wich­tig ist, wenn aber gleich­zei­tig die Kon­trol­len sowie­so nicht statt­fin­den und genau die Ecke, an der die Fischer­pin­te steht und wo man auf die Natur ach­tet, ver­schwin­den soll? Was erwar­tet das Amt, wenn die Fischer­pin­te in eini­gen Jah­ren direkt am Ufer vor sich hingam­meln wird, weil sie nie­man­dem mehr gehört und Geld für den Rück­bau gar nicht vor­han­den ist, der zu allem Über­fluss auch noch bestimm­te Kri­te­ri­en eines Land­schafts­schutz­ge­bie­tes erfül­len muss? Wie­so geht das Amt davon aus, dass wider bes­se­re Erfah­rung alles gut wer­den wird? Zu oft wur­den in Ber­lin Din­ge abge­ris­sen oder ver­kauft, um es weni­ge Jah­re spä­ter zu bereu­en. Stich­wort kul­tur­his­to­risch.

Es stimmt, laut Geset­zes­text zum Land­schafts­schutz­ge­biet Reh­ber­ge sind Bau­ten und Ver­kaufs­stän­de nicht zuläs­sig, nur gab es die Pin­te a) 1953 schon, b) waren bis heu­te 2–3 Betrei­ber­wech­sel kein Pro­blem und c) sind Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen erlaubt.

Nie­mand möch­te, dass irgend­wann der nächs­te Inves­tor um die Ecke kommt und die­ses Klein­od kauft, weil sein Kof­fer der Größ­te ist. Aber genau weil sich das Are­al im Land­schafts­schutz­ge­biet befin­det, weil es vom Amt ver­pach­tet wird, besteht die Mög­lich­keit, die fairs­te Lösung von allen vor­zu­se­hen. Ganz im Sin­ne einer immer vol­ler wer­den­den, sich ver­dich­ten­den Stadt. Nach dem Tode von Herrn Wolf­gang Düring liegt es in der Hand des Amts, die Fischer­pin­te in einem fai­ren und sozi­al aus­ge­rich­te­ten Inter­es­sen­be­kun­dungs­ver­fah­ren, wie bei­spiels­wei­se beim Park­ca­fé Reh­ber­ge, als Ort erhal­ten zu las­sen. Nur muss das jetzt vor­be­rei­tet wer­den und neu gedacht wer­den. Strand­bad, Frei­luft­ki­no, Park­ca­fé, Sport­an­la­gen – und der miss­ach­te­te Boots­ver­leih als fünf­tes Rad am Wagen. Sie alle kön­nen zusam­men für einen bes­se­ren Umgang der Wed­din­gern mit der Natur sor­gen. Wür­de die­ser Ort nach über 100 Jah­ren ver­schwin­den, wäre es ein wei­te­res ech­tes Ber­li­ner Ori­gi­nal, das für immer weg ist. Aber vie­le Ori­gi­na­le hat die­se Stadt nicht mehr, vor allem kei­ne so in die Natur ver­wach­se­nen wie der ent­spann­tes­te Ort im Wed­ding, die Fischer­pin­te.

Wer die­ses Klein­od erhal­ten will, kann nun hel­fen: Mit dem Erschei­nen die­ses Arti­kels beginnt die Unter­schrif­ten­samm­lung für einen Ein­woh­ner­an­trag mit dem Titel Wei­ter­be­trieb eines Boots­ver­leih am Plöt­zen­see ermög­li­chen. Die im Antrag for­mu­lier­ten For­de­run­gen wer­den so an die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung (BVV) her­an­ge­tra­gen. 1.000 Unter­schrif­ten wer­den benö­tigt. Ist der Ein­woh­ner­an­trag zuläs­sig, ent­schei­det die BVV unver­züg­lich, spä­tes­tens jedoch inner­halb von zwei Mona­ten nach Ein­gang des Antrags. Die Unter­schrif­ten­lis­ten lie­gen am Tre­sen der Fischer­pin­te aus. Ande­re Orte könn­ten fol­gen. Zur Unter­schrift berech­tigt sind nur Per­so­nen, die in Mit­te gemel­det sind.

Die Lis­te gibt es eben­falls hier zum Down­load.

Kurz vor Ver­öf­fent­li­chung die­ses Arti­kels wur­de eben­falls durch die Frak­ti­on DIE LINKE ein Antrag mit dem Titel „Boots­ver­leih Düring am Plöt­zen­see erhal­ten!“ in die BVV-Mit­te eingebracht.

Vor 5 Jah­ren erschien erst­mals ein Bei­trag bei uns über die Fischer­pin­te. Urig-schön am See: Wed­ding am Was­ser: Fischer­pin­te – das Prin­zip Eckkneipe

Andaras Hahn

Andaras Hahn ist seit 2010 Weddinger. Er kommt eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern. Schreibt assoziativ, weiß aber nicht, was das heißt und ob das gut ist. Macht manchmal Fotos: @siehs_mal
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20 Comments

  1. Seit mei­ner Kind­heit Anfang der 70er Jah­re ken­ne ich den Plöt­zen­see und ver­bin­de vie­le schö­ne Tag- und Nach­ter­in­ne­run­gen mit die­sem kost­ba­ren Klein­od. Für mich wie ein Fami­li­en­mit­glied, Nicht nur weil unser Fami­li­en­na­me damit ver­bun­den ist.
    Bit­te kämpft alle mit um die Fischerpinte.
    Gruß an alle Weddinger
    Uwe Plotz

  2. Der­ar­ti­ge Area­le, wie die Fischer­pin­ze, soll­ten im Ein­ver­neh­men mit der Senats­ver­wal­tung erhal­ten blei­ben. Der Arti­kel umschreibt sehr detail­liert, was das Beson­de­re ist und für wel­che Bevöl­ke­rungs­grup­pen der Erhalt so wich­tig ist. Natür­lich soll­te das „Drum­her­um“ erhal­ten wer­den. Dazu kön­nen doch Ver­ein­ba­ru Gen getrof­fen wer­den. Wo ein Wil­le ist, ist auch ein Weg. Das soll­te doch auch die Senats­ver­wal­tung wissen.

  3. Sehr undurch­sich­tig die­ser Arti­kel. Kein Grün­flä­chen­amt und kei­ne Natur­schutz­be­hör­de kön­nen sich über bestehen­de Geset­ze hin­weg­set­zen. Miet- und Pacht­ver­trä­ge sind ver­erb­bar, so sieht es das Gesetz vor.Setzt Herr Düring nun ein Tes­ta­ment auf und benennt hier einen Erben für die Pin­te, kann kein Amt etwas dage­gen tun. Wür­de der jet­zi­ge Betrei­ber sei­ne Gewer­be­er­laub­nis von Ein­zel­ge­wer­be zusätz­lich noch in eine GBR erwei­tern oder wan­deln und den benann­ten Erben mit ein­be­zie­hen, könn­te die Pin­te sofort wei­ter betrie­ben wer­den. Ob der Erbe für die­se Gefäl­lig­keit ggf. im Vor­feld Geld gezahlt hat dürf­te schwer zu bele­gen sein.

    • nun dann ist vllt das Amt undurch­sich­tig und nicht der Arti­kel. Egal was für Vor­schlä­ge à la GBR hier nun auf­tau­chen. Erst­mal bleibt es beim Fakt, dass es laut Amt die­sen Beschluss gab und gibt. Per­so­nen­ge­bun­den, etc. Die Mög­lich­keit einer ande­ren Struk­tur wird aber gera­de über­legt, kei­ne Sorge

  4. Lei­der kann ich nicht unter­schrei­ben , da ich jetzt in Tem­pel­hof lebe. Habe mei­ne Kind­heit am Plöt­zen­see im Kin­der­heim ver­bracht das war eine schö­ne Zeit.

  5. Kann lei­der nicht unter­schrei­ben, da ich im benach­bar­ten Pan­kow woh­ne. Bin an hei­ßen Som­mer­ta­gen aber immer mal gern mit der Stra­ßen­bahn in den Wed­ding hin­über gefah­ren, habe dort am Boots­an­le­ger eine Wei­ße (ohne Schuss!) getrun­ken und ein Ruder­boot aus­ge­lie­hen. Wun­der­schön und ent­span­nend, und nur eine Vier­tel­stun­de von mei­ner Woh­nung. Und es ist gewiss die umwelt­ver­träg­lichs­te aller Nut­zun­gen dort am Plöt­zen­see. Und ein Stück altes Ber­lin. Unbe­dingt erhalten!

  6. Lie­ber Andaras Hahn,
    da ist dir ein wirk­lich schö­ner Arti­kel gelun­gen: cha­peau! Gut recher­chiert und rund­um inter­es­sant geschrie­ben. Tol­le Fotos, die die Stim­mung super ein­fan­gen. Wir sind Jahr für Jahr dort mit unse­ren Kin­dern Boot gefah­ren. Das war unser High­light zu Beginn des Som­mers. Der Boots­ver­leih war immer ein wenig run­ter­ge­rockt, das Per­so­nal: Ber­li­ner Schnau­ze, aber irgend­wie authen­tisch. Das ist ein Klein­od im Wed­ding, Hier kann man zur Ruhe kom­men und der Hek­tik der Groß­stadt ent­flie­hen. Eine Groß­stadt, die sich im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te nicht nur zu ihrem Vor­teil ver­än­dert hat.

  7. Wenn’s die Pin­te nicht gäbe, wür­den die Leu­te ihre Boo­te von Ufer ins Was­ser zie­hen und nie­mand wür­de dar­auf ach­ten, wo ange­lan­det wird. Manch­mal ist ein kon­trol­lier­ter Ein­griff (oder wie auch immer man das nen­nen will) weni­ger schäd­lich als der Ver­such eines Ver­bots. Und sicher machen die orts­fes­te Toi­let­te und der Aus­schank auch weni­ger Müll, als wenn die glei­che Zahl Men­schen die­se Bedürf­nis­se pri­vat orga­ni­siert in der Reh­ber­ge erfüllt. Ich wer­de unterschreiben.

  8. Ein Arti­kel mit Herz. Bis ich von der Geschich­te erfuhr, hielt ich den Boots­ver­leih ein­fach nur für run­ter­ge­kom­men. Die Tret-Boo­te, die mei­ne Kin­der so ger­ne fah­ren, not­dürf­tig geflickt, die Bediens­te­ten leicht genervt. Aber jetzt ist klar: Wenn man kei­ne Per­spek­ti­ve hat, kann man auch nichts mehr Inves­tie­ren. Die Bret­ter­bu­de ist ein ech­tes Juwel, das wei­ter leben soll. Was mich beson­ders stört ist, dass der Bezirk beim Land­schafts­schutz mit zwei­er­lei Maß misst: Einer­seits tut er fast nichts, um die Zer­stö­rung des Plöt­zen­see-Ufers durch Par­ty-Volk zu ver­hin­dern (ja, ja: ein höhe­rer Zaun..) und ande­rer­seits will er einen gere­gel­ten Betrieb mit ein paar Boo­ten abrei­ßen. In ande­ren Gegen­den wür­de man sowas wie die Fischer­pin­te “sanf­ten Tou­ris­mus” nen­nen. Viel­leicht wür­de ja auch eine juris­ti­sche Prü­fung der Geneh­mi­gung hel­fen. Stich­wort: Verhältnismäßigkeit.

  9. Die Che­fin ist gestor­ben? Das tut mir leid. Ein ech­tes Ori­gi­nal. Gro­ßes Herz, rau­he Schale. 

    Da ich es unhöf­lich fin­de, Links in die Kom­men­ta­re zu pos­ten: Es gibt einen eben­so sehr lie­be­voll geschrie­be­nes Por­trait über die Fee vom Plöt­zen­see und einen preis­ge­krön­ten Doku­men­tar­film (10 min.)

    Bei INter­es­se sel­ber googeln.

    • moin­sen. der Tages­spie­gel Arti­kel ist eh ver­linkt. Aber das Video vom rbb (glau­be ich) fin­de ich nicht mehr. falls du das meinst, oder doch ein ande­res, trotz­dem ger­ne den link hier hin

          • na, dann viel­leicht noch etwas Anek­do­ti­sches dazu:

            Sie wur­de zum gedul­digs­ten Engel, wenn ich – wie meis­tens – mit Gäs­ten auf­ge­kreuzt bin, die erkenn­bar von sehr weit her kamen.

            Hab mir dann immer einen Spaß draus gemacht, die Gäs­te zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ihr anzu­re­gen, auch wenn sie die aller­größ­ten Schwie­rig­kei­ten hat­ten, bei der Bestel­lung z.B. “Eine Weis­se grün und ein Schult­heiss, bit­te” auszusprechen.

            Da schal­te­te sie einen Gang run­ter und hat Herz­lich­keit und Wär­me gegeben.

        • Super Arti­kel! Bis letz­tes Jahr gehör­te ich noch sel­ber zu der Crew am Plöt­ze, i h war der Boots­manm von Moni Düring! Scha­de das uns Moni so früh ver­las­sen hat, R.I.P. MONIKA!!! Ich wer­de auf jeden Fall Unter­zeich­nen, denn die Fische­rei tei­le muss erhal­ten blei­ben! Wäre ger­ne sel­ber noch dabei, hab aber nen ande­ren Job ange­nom­men weil im Win­ter am See für mich nix zu ver­die­nen gab!

  10. Vie­len Dank für die­sen Arti­kel! Er beschreibt die Wich­tig­keit des Ortes und sei­nen Charme sehr tref­fend. Ich wer­de unter­schrei­ben und hof­fen, dass der Arti­kel viel­leicht die pas­sen­de Dis­kus­si­on in die Poli­tik trägt.

  11. Wun­der­bar geschrie­ben und auf den Punkt gebracht. Die Fahr­rad Ser­vice Sta­ti­on Plöt­zen­see wird auch dafür kämp­fen, dass die Fischer­pin­te erhal­ten bleibt. In Kür­ze kann auch bei uns unter­schrie­ben werden.

  12. Land­schafts­schutz ist nötig, um die­sen wun­der­ba­ren Plöt­zen­see zu erhal­ten. Sonst könn­te er wegen Über­nut­zung ganz schnell verkommen.

    Aber die Auf­la­gen, die der Boots­ver­leih ein­ge­hal­ten hat, müs­sen vor allem für die­ses ehe­ma­li­ge Strand­bad gel­ten. 8€ Ein­tritt und real kaum exis­ten­te Bade­zei­ten sagen schon alles. Auf 100 Par­ty­be­su­cher kommt viel­leicht 1 Bade­gast. Das hal­be See­ufer ist ver­lärmt, ver­long­drinkt, ver­baut, ver­bar­ri­ka­diert, ver­park­platzt und vermotorbootet.

    Ein Amt, das die stil­le natur­na­he Ein­rich­tung schließt, aber die Par­ty-Zweck­ent­frem­dung dul­det, wäre unglaubwürdig.

    Wenn bei­de Ein­rich­tun­gen am Plöt­zen­see mit stren­ger Zweck­be­stim­mung und mit den Auf­la­gen des Boots­ver­leihs betrie­ben wür­den – das eine als Bootsverleih/Café wie bis­her, das ande­re zum Baden für die Anwoh­ner – dann hät­te auch die Umwelt am meis­ten davon!

    • Den Zustand, wel­chen Du beschreibst der herr­schen­den Umstän­de im Strand­bad ent­spre­chen nicht der Rea­li­tät. Ich bin mir auch abso­lut sicher, das die Betrei­ber des Strand­ba­des nicht wol­len, das die Boo­te und der wun­der­ba­re Ort des Ver­lei­hes ver­schwin­det. Wir soll­ten viel­mehr über­le­gen, wie alle zusam­men das Schlie­ßen verhindern.

  13. Ich wür­de unter­schrei­ben, wenn ihr von den Lin­ken for­dern wür­det, im Strand­bad soll der Spi­rit der Fischer­pin­te ein­zie­hen. Ein­tritt frei, nied­ri­ge Bier­prei­se, Bin­go jeden Mitt­woch am Strand, Ruder­boo­te neben­bei. Dann wäre das Ende kein Ende.

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