Urig-schön am See:
Wedding am Wasser: Fischerpinte – das Prinzip Eckkneipe

Ausflug in eine andere Welt

5
Fischerpinte 3

Die Boo­te kla­ckern gegen­ein­an­der, das Was­ser plät­schert lei­se am See­ufer, der auf­dre­hen­de Wind säu­selt durch die Blät­ter der Bäu­me– oder ist das der Lärm der nahen Stadt­au­to­bahn? Man sieht sie ja nicht und kann auch nicht glau­ben, dass es sie nur hun­dert Meter weit tat­säch­lich gibt. Die­ser Ort an der Süd­spit­ze des Plöt­zen­sees ist einer der unge­wöhn­lichs­ten von Ber­lin-Mit­te und eine ein­zi­ge Bestä­ti­gung dafür, dass die Kli­schees über den Wed­ding nicht wahr sind. Zumin­dest, was das gän­gi­ge Bild vom grau­en Häu­ser­meer angeht.

Foto Andaras Hahn

Und doch ist die Fischer­pin­te, wie der Boots­ver­leih mit ange­schlos­se­nem Knei­pen­be­trieb heißt, eines der letz­ten Relik­te des alten Schult­heiß-Wed­ding. Um in die­sen Mikro­kos­mos ein­zu­tau­chen, muss der Besu­cher einen abschüs­si­gen Weg ein paar Meter hin­ab­stei­gen und durch das schma­le, zuge­wu­cher­te Por­tal tre­ten. Die bei­den Betrei­ber der Fischer­pin­te, Moni­ka und Wolf­gang Düring, ver­brin­gen jahr­aus, jahr­ein, seit über zwan­zig Jah­ren, ihre Tage an der Süd­spit­ze des Sees. Das Prin­zip der unge­zwun­ge­nen Wed­din­ger Eck­knei­pe haben die robus­te, blon­de Wir­tin Anfang 60 und ihr Mann auf ihr Refu­gi­um am Was­ser über­tra­gen. Stamm­gäs­te und die Mie­ter der Leih­boo­te las­sen sie ger­ne an der Schön­heit ihrer aus der Zeit gera­te­nen Oase teil­ha­ben. Der raue, rup­pi­ge Charme, für den der Wed­ding schon immer stand, geht hier eine kurio­se Ver­bin­dung mit der land­schaft­li­chen Schön­heit des 7 Hekt­ar gro­ßen Plöt­zen­sees ein.

Gedie­gen oder hip ist an die­sem ursprüng­li­chen Boots­haus gar nichts, den Tret- und den Ruder­boo­ten sieht man ihr bibli­sches Alter an. Das ist hier die Ver­wirk­li­chung eines Lebens­traums zwei­er Wed­din­ger, kein Pro­jekt für die Ewig­keit. Und doch muss man dank­bar sein, dass es so einen Ort wie den Boots­ver­leih, mit den Plas­tik­stüh­len direkt am Was­ser, den uri­gen Tre­sen im Boots­haus noch gibt. Die 70er Jah­re, und auch man­cher Schla­ger die­ser Zeit, wer­den hier noch leben­dig bewahrt – so lan­ge wie die bei­den Wed­din­ger Urge­stei­ne noch wol­len, noch kön­nen und von behörd­li­cher Sei­te im Land­schafts­schutz­ge­biet noch dürfen.

Foto Andaras Hahn

Doch ein ech­ter Geheim­tipp scheint die Fischer­pin­te im Som­mer nicht mehr zu sein. Gera­de kehrt ein jun­ges aus­län­di­sches Paar mit dem Tret­boot zurück –mit eng­lisch­spra­chi­gen Zuru­fen wer­den sie von der Aus­hil­fe an den Steg gelotst, wo das Boot mit der Stan­ge an sei­nen Platz gescho­ben wird. Für nur acht Euro die Stun­de Boot­fah­ren als Kon­trast­pro­gramm zum nächt­li­chen Club­be­such – wie die Tou­ris­ten von die­sem Ort wohl erfah­ren haben? Und ob sie wis­sen, dass sie hier gera­de ein viel authen­ti­sche­res Stück Ber­lin genie­ßen als ihnen viel­leicht bewusst ist?

Fischer­pin­te

Nord­ufer 23, am Weg des rech­ten Ufers des Plötzensees

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

5 Comments

  1. Ich woll­te da ein Boot mie­ten – als die Moni­ka gemerkt hat dass mei­ne Freun­de Aus­län­der sind wur­de uns dies ver­wei­gert. Wir wur­den am Ende noch beschimpft. Mei­ne Freun­de wol­len nicht mehr in denn Wedding.

    • Trotz­dem beob­ach­te ich Som­mer für Som­mer an unter­schied­lichs­ten Tagen Tou­ris­ten und “Aus­län­der” jeder Alters­grup­pe beim Boot fah­ren, Bier trin­ken, Brat­würst­chen essen und auf dem Steg sitzen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.