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Der Runde Tisch spaziert über den Leopoldplatz:
Belastung geht offenbar zurück

18. Juni 2024
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Die Anzahl der Sucht­kran­ken, die sich tag­täg­lich auf dem Leo­pold­platz auf­hal­ten, liegt in die­sem Som­mer deut­lich unter der des ver­gan­ge­nen Jah­res. Das erklär­te Andre­as Fun­ke von der Prä­ven­ti­ons­ko­or­di­na­ti­on des Bezirks Mit­te auf einem Platz­rund­gang mit den Teil­neh­mern und Teil­neh­me­rin­nen des Run­den Tisches Leo­pold­platz am 28. Mai. Rein quan­ti­ta­tiv hat sich die Lage auf dem zen­tra­len Stadt­platz des Wed­ding also offen­bar entspannt. 

Im ver­gan­ge­nen Som­mer hat­ten sich oft mehr als ein­hun­dert Dro­gen­ab­hän­gi­ge auf dem Leo­pold­platz ver­sam­melt. Der “Auf­ent­halts­be­reich” hin­ter der Alten Naza­reth­kir­che war per­ma­nent über­füllt und auch die Grün­flä­chen um die Neue Naza­reth­kir­che waren von der Sze­ne in Beschlag genom­men. Das ist der­zeit nicht mehr der Fall, meist hal­ten sich tags­über “nur” meh­re­re Dut­zend Sucht­kran­ke gleich­zei­tig auf dem Leo auf. Die Prä­ven­ti­ons­ko­or­di­na­ti­on des Bezirks hat einen Über­blick über die­se Ent­wick­lung, denn der sozia­le Platz­dienst, der im Auf­trag des Bezirks täg­lich den Leo und sein Umfeld bestreift, schätzt jeden Tag die Anzahl der ange­trof­fe­nen Dro­gen­kon­su­men­ten und gibt die­se Zah­len dann ans Rat­haus wei­ter. Die­se posi­ti­ve Ent­wick­lung ist wohl auch ein Ergeb­nis des “Sicher­heits­gip­fels”, der im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber unter der Lei­tung des Regie­ren­den Bür­ger­meis­ters Kai Weg­ner im Roten Rat­haus statt­fand. Dort hat­ten sich der Regie­ren­de Bür­ger­meis­ter mit den Spit­zen des Innen‑, Gesund­heits- und Jus­tiz­res­sorts, der Poli­zei­prä­si­den­tin sowie den Bezirks­bür­ger­meis­te­rin­nen von Mit­te und Fried­richs­hain-Kreuz­berg getrof­fen, unter ande­rem, um Hand­lungs­kon­zep­te für den Leo­pold­platz und den Gör­lit­zer Park zu beschließen. 

Prak­tisch umge­hend hat sich das auf die Poli­zei­ar­beit vor Ort aus­ge­wirkt. Die per­so­nel­len Res­sour­cen, mit denen der Poli­zei­ab­schnitt 17 auf dem Leo­pold­platz aktiv wer­den kann, wur­den deut­lich ver­bes­sert. Vor dem Gip­fel war die Kla­ge über zu weni­ge Ein­satz­kräf­te der Poli­zei fak­tisch ein immer wie­der­keh­ren­des Motiv des Run­den Tisches Leo­pold­platz, danach war davon kei­ne Rede mehr. Über den Win­ter hin­weg konn­te man jedoch schwer ein­schät­zen, wie sich die erhöh­te Prä­senz der Poli­zei auf die “Sze­ne” aus­wirkt, weil deren Prä­senz auf dem Leo in der kal­ten Jah­res­zeit bis­her immer zurück­ge­gan­gen ist. Mit der wär­me­ren Wit­te­rung wird aber klar, dass die Aus­wir­kun­gen deut­lich sind. Die Ent­las­tung des Leo­pold­plat­zes führt ander­seits natür­lich auch zur stär­ke­ren Belas­tung ande­rer öffent­li­cher Räu­me in Mit­te durch die Prä­senz der Sucht­kran­ken und ihrer Dea­ler. Die ver­le­gen nicht nur auf­grund des poli­zei­li­chen Drucks ihre Stand­or­te. Oft wei­chen sie auch den Revier­kämp­fen mit kon­kur­rie­ren­den Dea­lern aus und suchen sich ande­re Orte, in denen sie aktiv werden. 

Der Han­del mit Crack ist aller­dings nicht beson­ders lukra­tiv. Man braucht kei­ne gro­ßen Fer­tig­kei­ten, um es aus Koka­in und Natron her­zu­stel­len, so dass stän­dig neue Kon­kur­ren­ten auf­tau­chen und es schwer ist, die Kon­kur­renz unter Kon­trol­le zu hal­ten. Die Dea­ler brau­chen aber auch schwer ein­seh­ba­re Räu­me, um dort in Ruhe grö­ße­re Men­gen von Koka­in mit Natron auf­zu­ko­chen und Crack her­zu­stel­len. Am Leo­pold­platz dient dazu der­zeit u.a. die City-Toi­let­te zwi­schen der Bus­hal­te­stel­le und dem Café Leo. Die ist zwar per­ma­nent außer Betrieb, aber manch­mal kann man beob­ach­ten, wie sich jemand Zugang ver­schafft und drin­nen über län­ge­re Zeit her­um­han­tiert. Eigent­lich soll­te die­se Toi­let­te schon längst wie­der für die All­ge­mein­heit zugäng­lich sein – über­wacht von einem Sozi­al­pro­jekt vor Ort. Den Schlüs­sel soll man sich dann an einem Bau­wa­gen abho­len kön­nen, der direkt neben dem Toi­let­ten­haus auf­ge­stellt ist. Das Pro­jekt ist zwar bereits beschlos­sen, aber die Finan­zie­rung ist noch nicht end­gül­tig gesi­chert. Im Bezirk hofft man, in die­sem Som­mer begin­nen zu kön­nen, damit noch genug Zeit ver­bleibt, um tat­säch­lich Erfah­run­gen zu sam­meln. Das Pro­blem: Ende 2025 läuft die Finan­zie­rung aus und es gibt wenig Hoff­nung, dass sie irgend­wie fort­ge­setzt wird. Das Café Leo wie­der­um kann die Schlüs­sel nicht aus­ge­ben, denn von dort hat man nur das Pis­soir auf der Rück­sei­te der City-Toi­let­te im Auge, nicht aber die Vor­der­tür, die über­wacht wer­den muss.

Das neue Café Leo wurde mit einem Fest am 14. September 2023 eröffnet. Foto: Hensel
Foto: D. Hensel

Autor: Chris­tof Schaffelder

Der Arti­kel ist zuerst in der Sanie­rungs­zeit­schrift Ecke Mül­lerstra­ße erschienen 

Gastautor

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8 Comments

  1. Ist ja nicht so,dass man dies nicht vor­her wusste.
    Es sind nicht nur die Kon­su­mie­ren­den zu “bekämp­fen”.
    Wie wäre es mit dem Clan,der den Leo versorgt?!?!?

  2. Das Dro­gen­pro­blem in Ber­lin ist ein unge­lös­tes Pro­blem. Theo­re­tisch sind wir alle tole­rant und wol­len Men­schen, die an Dro­gen­ab­hän­gig­keit erkrankt sind, Gutes tun. Nie­mand will jeman­den aus der Stadt ver­trei­ben, das wie gesagt: theoretisch.
    Die Rea­li­tät sieht jedoch so aus, dass nur ein sehr gerin­ger Pro­zent­satz der von har­ten Dro­gen Abhän­gi­gen, die sich für eine Behand­lung ent­schei­den, es schafft, reha­bi­li­tiert zu wer­den, ganz zu schwei­gen davon, dass vie­le es gar nicht erst ver­su­chen. Der Rest gerät in eine Spi­ra­le des Elends, die sich über Jah­re hin­zieht. Und das hat vie­le Fol­gen, nicht nur für sie, son­dern für die gan­ze Nachbarschaft.
    Ich bin ein Nach­bar des Leo­pold­plat­zes. Sie kön­nen sich nicht vor­stel­len, wie oft mir Leu­te, die NICHT dort woh­nen, sagen, dass die Lösung nicht dar­in besteht, die Süch­ti­gen rauszuwerfen.
    Ande­rer­seits möch­te ich, dass die­se Leu­te wis­sen, wie es sich anfühlt, wenn man jede Woche mit sei­nem drei­jäh­ri­gen Kind aus der Woh­nungs­tür geht und sieht, dass auf der Trep­pe, die man hin­un­ter­ge­hen muss, jemand sich Hero­in spritzt bzw. raucht. Man kann dazu nicht sagen, dass sie gehen sol­len, denn wenn sie Crack statt Hero­in rau­chen, kön­nen sie recht aggres­siv wer­den (ich spre­che hier von mei­nen eige­nen Erfah­run­gen). Manch­mal sieht man nur den Urin oder die Fäka­li­en und die Sprit­ze in dem Raum, in dem die Nach­barn ihre Kin­der­wa­gen abstel­len (drei­mal inner­halb eines Jah­res passiert).
    Es heißt, dass im letz­ten Jahr ca. 100 Süch­ti­ge auf dem Leo­pold­platz sich auf­hiel­ten (die Dea­ler nicht mit­ge­rech­net). Rund um den Platz leben meh­re­re tau­send Men­schen und trotz­dem hat die Leu­te kein Gefühl, wie eine so klei­ne Grup­pe von Men­schen die Stim­mung des Kiezes so sehr ver­än­dern kann.
    Und ich fra­ge mich, war­um aus­ge­rech­net die Men­schen, die um den Platz her­um woh­nen, die­se gro­ße Last tra­gen müs­sen. War­um muss mei­ne Freun­din Angst haben, nachts auf die Stra­ße zu gehen, und immer einen Weg suchen, der den Platz umgeht? War­um kön­nen wir nicht die öffent­li­che Toi­let­te benut­zen? War­um muss man aus dem Spiel­platz erle­ben, wie sich die Dro­gen­süch­ti­gen gegen­sei­tig Fla­schen wer­fen? Und vor allem: war­um müs­sen wir auf­pas­sen, dass unser Kind nicht eine Sprit­ze vom Bür­ger­steig auf­hebt? Zah­len wir weni­ger Steu­ern als der Rest? nicht dass ich wüsste.…

    Dar­um und auch wenn ich mir bewusst bin, dass die Ver­tei­lung der Süch­ti­gen in der Stadt kei­ne Lösung ist, so scheint sie mir doch die demo­kra­tischs­te Lösung des Pro­blems zu sein. Noch bes­ser wäre es, die am Leo­pold­platz ver­blie­be­nen Süch­ti­gen wei­ter über die Stadt in Rich­tung Zen­trum und wohl­ha­ben­de Gegen­den zu ver­tei­len, nicht nur in den U‑Bahn-Sta­tio­nen in der Nähe des Leo­pold­plat­zes. Jetzt wür­de ich ger­ne mal hören, was die “tole­ran­te” Leu­te, die das Pro­blem vor der Haus­tür haben, dazu sagen. Dann stellt sich wie­der die Fra­ge, ob wir wirk­lich alle so “tole­rant” sind, oder ob es uns ein­fach egal ist, was mit unse­rem Nach­barn passiert.
    Wir, die Anwoh­ner des Leo­pold­plat­zes, haben uns lan­ge genug mit einem Pro­blem abfin­den müs­sen, was nie­man­den wirk­lich inter­es­siert hat. Und trotz­dem hat­te jeder eine Mei­nung dazu, was auf unse­rem Platz bes­ser und über­haupt gemacht wer­den soll­te. Es wäre jetzt Zeit, dass wir eine Pau­se ein­le­gen und dafür ande­re dar­an an die Pro­ble­ma­tik sind. Offen­sicht­lich kön­nen sie das bes­ser als wir. Dann kön­nen wir uns ger­ne wie­der­um in die Pro­ble­me der ande­ren ein­mi­schen, sicher­lich mit mehr Kennt­nis der Sachlage.

  3. Das ist lei­der auch mei­ne Beob­ach­tung: Kon­su­miert wird nun recht unver­hoh­len in den U‑Bahnhöfen See­str. , Amru­mer Str. und Reh­ber­ge, rund um den S‑Bahnhof Wed­ding und in den Reh­ber­gen am Möwensee.

  4. Es ist doch nicht nur der Leo­pold­platz. Ber­lin ver­pen­nert immer mehr.
    Für Dro­gen­süch­ti­ge habe ich kein Ver­ständ­nis. Es war deren freie Ent­schei­dung Dro­gen zu neh­men, es hat sie kei­ner gezwun­gen. Der Schil­ler­park wird jetzt von Obdach­lo­sen (vie­le Rus­sen, Polen, etc.) oku­piert, jetzt kom­men noch die Dro­gen­süch­ti­gen dazu. Am Schä­fer­see trifft sich die Trin­ker­sze­ne. Was ist mit dem Nor­mal­bür­ger? Der fällt wie immer, hin­ten runter.

    • Wir nen­nen es zurecht Sucht­er­kran­kung. Es ist eine Krank­heit und nur die­se Sicht­wei­se wird dazu füh­ren dass man die­se Men­schen behan­delt und wie­der aus Ihrem Ehlend herausholt.

      Pro­ble­me abzu­wäl­zen weil jeder selbst für sich ver­ant­wort­lich ist machen auch die Por­sche­fah­rer wel­che von den vie­len armen Leu­te ange­kelt sind . Die haben sich doch auch selbst ent­schie­den nicht arbei­ten zu gehen. Schö­ne ein­fa­che Welt.

    • Hal­lo Roadrunner

      Bin­go … auch mei­ne Beob­ach­tung !! Genau vor die­ser Ver­la­ge­rung habe ich damals an die­ser Stel­le im Arti­kel zur Müh­len­stu­be hin­ge­wie­sen… aber die Exper­ten haben es bes­ser gewusst.
      Nicht zu ver­ges­sen der Ein­gang Reh­ber­ge auf höhe der Ota­wi plus WC-Häuschen

      Aus­ser­dem soll­te man zäh­len und nicht schät­zen .… da kann man sich leicht ver­schät­zen 5 Dut­zend sind auch schon 60 und der Som­mer fängt erst über­mor­gen an 

      in die­sem Sinne

    • Ich kann das auch bestä­ti­gen. Das Pro­blem wird Rich­tung Schil­ler­park, Müh­len­stu­be und U Amru­mer Stra­ße ver­la­gert. Von einem zum nächs­ten Brennpunkt.

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