Das war euer Kiez früher einmal (Teil 1)

Nebel in den Rehbergen

Bei Neubauprojekten stößt man im Wedding bestimmt nicht auf die Grundmauern römischer Villen. Doch was befand sich eigentlich ursprünglich an den Stellen, wo ihr heute wohnt, arbeitet oder ausgeht? Um es vorwegzunehmen: vor allem windige Sandflächen.

Rund um den Nettelbeckplatz: Der Gutshof

Was vom Vorwerk um 1910 übrig war

Schon 1197 wurde der Ritter Rudolphus de Weddinge als Besitzer eines Dorfes an der Panke erwähnt. 1251 kaufte das Spandauer Benediktinerinnenkloster „eine Mühle im Gebiet des Dorfes, welches Weddinge hieß, am Flusse Namens Pankowe erbaut“.  Im Jahr 1289 wurde das Areal an die Stadt Berlin verkauft, die Siedlung verfiel. Die Gegend erwarb 1601 ein gewisser Hieronymus Graf Schlick von Passau und Weiskirchen zur Einrichtung einer „böhmischen Meierei“. Das Vorwerksgehöft umfasste das Gebiet zwischen Gericht-, Reinickendorfer und Pankstraße. Die Gärten erstreckten sich zur Wedding- und Kösliner Straße. In der Zeit des schnellen Wachstums verschwand das letzte Gebäude des Vorwerks um das Jahr 1910. Absurderweise lag diese Keimzelle des Wedding im heutigen Ortsteil Gesundbrunnen – also eine völlig unhistorische Grenzziehung und Ortsbezeichnung!

Rund ums Virchow-Klinikum: die Tierkörperbeseitungsanstalt

Nebeneingang des Virchow-Klinikums
Virchow-Klinikum

Früher waren insbesondere Pferde für das Funktionieren der Stadt unerlässlich. Von den frühen 1820er Jahren bis in die 1850er Jahre befand sich auf dem Gelände des Campus Virchow der Charité die Abdeckerei – weit vor den Toren der Stadt. Diese Tierkörperbeseitigungsanstalt zog 1873 an die Müllerstraße 81 und 1908 nach Rüdnitz bei Bernau. Somit konnte das städtische Gelände als Standort eines modernen Krankenhauses genutzt werden, dessen ältere Teile eher wie ein pompöses Schloss daherkommen.

Rund um die Rehberge: Abbau von Scheuersand

Tanzring Rehberge (C) Katja Witt

Der Sand der Rehberge war entscheidend für die Reinigung der Fußböden der Berliner Wohnungen. Dafür baute man den „Wittensand“ in Handarbeit unter den darüber liegenden Sandschichten ab. Er wurde dann mit Hunde- oder Pferdegespannen in die Stadt gebracht, wo ihn Händler als Scheuersand an Hausfrauen verkauften. Das unfruchtbare Gebiet diente auch dem Militär als Schießplatz. Nach dem ersten Weltkrieg wurde der ohnehin schon spärliche Bewuchs von den notleidenden Berlinern abgeholzt – Flugsand wurde eine Plage der ganzen Gegend.

Um 1900 plante Carl Hagenbeck, auf diesem Gebiet einen Ausstellungspark anzulegen. Manche Quellen sprechen davon, dass Tiere und Menschen aus den damaligen deutschen Kolonien zur Schau gestellt werden sollten. Daraus wurde nichts. 1922 beschloss die Stadt dann, einen Volkspark in den Rehbergen anzulegen. Was für ein Glück!

Rund um die Müllerstraße: Windmühlen

Das schmale Handtuch Müllerstr. 81 (1891)

1805 gab es in der Müllerstraße nur vier Wohnhäuser. An dieser seit 1800 gepflasterten Chaussee wehte wegen der abgeholzten Brachflächen eine steife Brise.. 1809 wurde konsequenterweise an der Ecke Gerichtstraße eine Holländermühle gebaut. 1810 folgte die Bockwindmühle des Müllers Streichan an der heutigen Hausnummer 155. Streichan baute 1819 zwei weitere Mühlen. 1846 standen an der Müllerstraße schon 22 Mühlen- der größte Mühlenstandort Berlins. Der Gemeindevorsteher des Vorwerks Wedding, Christian Fritz Moritz und Müllermeister Streichan lehnten es ab, dass die Straße ihren Namen bekommen sollte. Schließlich einigte man sich 1827 darauf, die Straße nach den Müllern im Allgemeinen zu benennen. Ihr Name hat also nichts mit einem bestimmten Herrn Müller zu tun!

Im zweiten Teil geht es um weitere Kieze.


3 comments

  1. Jupp Schmitz

    Spanend finde ich die ehemalige Flugzeugfabrik auf dem Gelände des heutigen Sprengelparks. Da gibts es tolle Bilder!

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: