Weddinger Straßennamen: Fernweh inklusive

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Foto: Samuel Orsenne bearbeitet: WeddingweiserDer Wed­ding kann mit Fug und Recht behaup­ten, von allen Ber­li­ner Orts­tei­len die meis­ten exo­ti­schen Stra­ßen­na­men zu besit­zen. Von Kiautschou bis Indi­en, von Swa­kop­mund bis Oslo und von San­si­bar bis Turin reicht die Band­brei­te der Bezeich­nun­gen für ganz nor­ma­le Ber­li­ner Stra­ßen. Sogar das Kap der Guten Hoff­nung wird im Wed­ding gewürdigt.

Ecke Weddingstraße Reinickendorfer StraßeDas Grund­ge­rüst der Stra­ßen, die es schon vor der rasan­ten Bau­ent­wick­lung des Wed­ding nach der Ein­ge­mein­dung nach Ber­lin im Jahr 1861 gab, trägt noch ganz banal klin­gen­de Namen, die wir hier erklä­ren. Ande­re alte Land­stra­ßen wie die Tege­ler, die Rei­ni­cken­dor­fer oder die Pankstra­ße tra­gen nahe­lie­gen­de ört­li­che Bezeich­nun­gen. Die Namen Bad­stra­ße und Brun­nen­stra­ße bezie­hen sich auf das frü­he­re Heil­bad am Gesund­brun­nen. Einen direk­ten Bezug zur Umge­bung haben auch die Plan­ta­gen­stra­ße (bezieht sich auf eine Baum­schu­le, die es um 1790 dort gege­ben hat) und die Ruhe­platz­stra­ße (wegen der vie­len Fried­hö­fe der Umgebung).

Spanischer Erbfolgekrieg als Pate

Ecke im SprengelkiezAls ers­tes groß­flä­chi­ges Erwei­te­rungs­ge­biet wur­de der Bereich zwi­schen der Ring­bahn und der See­stra­ße mit Stra­ßen­na­men ver­se­hen. Harm­los klin­gen heu­te Namen wie Leo­pold­platz (benannt nach dem preu­ßi­schen Mili­tär Leo­pold von Des­sau), Mal­plaquet­stra­ße, Turi­ner Stra­ße oder Oudenar­der Stra­ße. Tat­säch­lich sind alle Stra­ßen­na­men der Gegend nach Orten von Schlach­ten des Spa­ni­schen Erb­fol­ge­kriegs benannt, deren Feld­herr Prinz Eugen war. Sogar die wei­ter nörd­lich gele­ge­ne Ofe­ner, die Schöning‑, die Barfus‑, die Ungarn- und die Tür­ken­stra­ße gehö­ren noch zu der Rei­he, die sich auf die­sen Krieg bezieht. All die­sen Stra­ßen ist gemein­sam, dass sie öst­lich der Mül­ler­stra­ße und west­lich der Rei­ni­cken­dor­fer Stra­ße liegen.

Willdenowstr StraßennamenMenschen als Namensgeber

Unty­pisch für Ber­lin: die wenigs­ten Stra­ßen im Wed­ding sind nach Per­so­nen benannt. Dabei han­del­te es sich vor allem um Künst­ler, Wis­sen­schaft­ler, Unter­neh­mer – aber nur ganz weni­ge Frau­en. In die­ser Serie erklä­ren wir, wo die Namen her­kom­men.

Togostraße/Afrikanische Str.Erst Belgien, dann ganz Afrika

1906/07 wur­de ein gan­zes neu erschlos­se­nes Gebiet aus­schließ­lich nach bel­gi­schen Städ­ten und Regio­nen benannt (der Brüs­se­ler Kiez). Eben­so ver­fuhr man auch im Afri­ka­ni­schen Vier­tel, das in der Kolo­ni­al­be­geis­te­rung des Deut­schen Kai­ser­reichs zahl­rei­che afri­ka­ni­sche Stra­ßen­na­men erhielt – bis heu­te die größ­te Ansamm­lung kolo­nia­ler Stra­ßen­na­men in ganz Deutsch­land. Ein­zel­ne Stra­ßen­na­men mit kolo­nia­lem Bezug kamen dann noch im Spren­gel­kiez nach, so die Samoa- und die Kiao­t­schoustra­ße sowie der Pekin­ger Platz. Sogar noch in den 1950er Jah­ren blieb man die­ser Tra­di­ti­on im Wed­din­ger Nord­wes­ten treu (mit der Gha­na­stra­ße und dem Kapweg).

Britisch bei Schiller

Straßenschild Glasgower Str StraßennamenAb 1910 wur­de das Gebiet rund um den Schil­ler­park (der 1913 ein­ge­weiht wur­de) ent­wi­ckelt. Die Stra­ßen erhiel­ten Namen von den bri­ti­schen Inseln (der Name Eng­li­sches Vier­tel ist daher irre­füh­rend) – wie Glas­gower, Dub­li­ner oder Cor­ker Stra­ße. Ursprüng­li­cher Anlass war der Besuch des eng­li­schen Königs Edward VII im Jahr 1909. Noch 1958 wur­de die Cam­brid­ger Stra­ße in die­ser Tra­di­ti­on benannt.

Wie­der ande­re Stra­ßen rund um das Virchow­kli­ni­kum bezie­hen sich auf den deutsch-däni­schen Krieg 1864, als des­sen Fol­ge Schles­wig-Hol­stein zu Preu­ßen kam. Daher tra­gen seit der Jahr­hun­dert­wen­de eini­ge Stra­ßen den Namen schles­wig-hol­stei­ni­scher Inseln wie Amrum, Föhr, Sylt oder Feh­marn. Außer­dem sind dort zwei Plät­ze nach Ost­see­or­ten benannt (Augus­ten­burg in Däne­mark und Eckern­för­de). In die­sem Kon­text sind auch die Stra­ßen Glücks­bur­ger Stra­ße und Son­der­bur­ger Stra­ße ganz am öst­li­chen Rand von Gesund­brun­nen benannt worden.

In der Zwi­schen­kriegs­zeit wur­den eini­ge Stra­ßen nörd­lich der See­stra­ße nach Indi­en, Syri­en und Per­si­en benannt. Die Per­si­sche Stra­ße wur­de schon ein Jahr spä­ter (1935) in Ira­ni­sche Stra­ße umge­än­dert. Ähn­lich erging es auch der Chris­tia­ni­a­stra­ße. Zwölf Jah­re nach­dem sich die nor­we­gi­sche Haupt­stadt in Oslo umbe­nannt hat, wur­de auch der Stra­ßen­na­me 1938 in Oslo­er Stra­ße geändert.

Von Sand zu Nordeuropa

Soldiner Ecke Wriezener Straße
Foto: S. Sallmann

Es gab frü­her eine Sand‑, eine Woll- und (bis heu­te sogar) eine Papier­stra­ße. Ende des 19. Jahr­hun­derts wur­den die­se und auch neu dazu­kom­men­de Stra­ßen nach Nord­eu­ro­pa benannt.  So kam der Nor­den Ber­lins und damitr auch der Wed­ding zu einer Schwe­den­stra­ße, einer Chris­tia­nia- (spä­ter Oslo­er), Stock­hol­mer Stra­ße, Dront­hei­mer Stra­ße, Goten­bur­ger Stra­ße. Ein wei­te­rer Anlass war der Besuch des schwe­disch-nor­we­gi­schen Königs Oskar II im Jahr 1905, nach dem dann der Oskar­platz benannt wur­de. Heu­te ist dies der Louise-Schroeder-Platz.

Wei­te­re Stra­ße sind nach Orten benannt, die man mit den Zügen der Preu­ßi­schen Nord­bahn und der Stet­ti­ner Bahn errei­chen konn­te, wie Stet­ti­ner Stra­ße, Frei­en­wal­der Stra­ße, Wrie­ze­ner Stra­ße, Biesen­ta­ler Stra­ße, Grün­ta­ler Stra­ße, oder Städ­te in Pom­mern, wie die Kös­li­ner Stra­ße oder die die Sol­di­ner Straße.

Oh là-là, le Wedding!

Namen wie die Rue André le Nôt­re (heu­te Tour­co­in­ger Stra­ße), Allée du Sta­de, Allée Camil­le Saint-Saens (heu­te Charles-Cor­cel­le-Ring) und Gust­ave-Cour­bet-Stra­ße erin­nern an die noch gar nicht so fer­ne Zeit, als der Wed­ding zum fran­zö­si­schen Sek­tor gehör­te. Erst 2000 wur­den die letz­ten Umbe­nen­nun­gen vor­ge­nom­men. Bizarr ist, dass aber das ehe­ma­li­ge fran­zö­si­sche Kul­tur­zen­trum, das Cent­re Fran­çais, aus­ge­rech­net von bri­ti­schen Stra­ßen­na­men umzin­gelt ist!

Groninger Maxstraße StraßennamenAls ob die gan­zen Stra­ßen­na­men nicht schon genug Fern­weh wecken wür­den, wur­de 1910 auch noch ein neu ange­leg­ter Platz nach dem Erfin­der des Luft­schiffs, Zep­pe­lin, benannt. Wir Wed­din­ger neh­men heu­te all die­se Namen selbst­ver­ständ­lich in den Mund – ohne dar­über nach­zu­den­ken. Bedenkt man, dass fast die Hälf­te der Wed­din­ger Bewoh­ner einen mehr oder weni­ger star­ken Migra­ti­ons­hin­ter­grund hat, pas­sen alle die­se exo­ti­schen Stra­ßen­na­men doch her­vor­ra­gend zu die­sem welt­of­fe­nen, inter­na­tio­na­len Stadtteil.

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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