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Mundartdichtung aus Berlin:
Jonny Liesegang – Der Dichter, der dem Wedding aufs Maul schaute

Der Berliner Dialekt ist ein lebendiges Fossil: rau, schnoddrig, unverwüstlich – und doch ständig im Wandel. Gut also, wenn einer ihn nicht nur beherrscht, sondern ihm auch eine literarische Form gegeben hat. Einer wie Jonny Liesegang. Er machte den Wedding zum literarischen Schauplatz, verlieh dem Hochparterre ebenso Stimme wie dem Hinterhof, setzte den Fabrikhöfen ein sprachliches Denkmal. Höchste Zeit, ihn wiederzuentdecken.

»Sehn’se, det is Berlin«, notierte er – und meinte damit kein touristisches Berlin, sondern jenes aus der Sicht derer, die zwischen S-Bahn-Trasse und Mietskaserne ihr Leben fristeten.

Vom Verfolgten zum Mundartdichter

1897 als Johannes Haasis geboren, wurde er 1933 zum Jonny Liesegang. Ein Künstlername, gewählt nach dem Mädchennamen seiner Frau – und ein Neuanfang unter Zwang. Politisch verfolgt, mit Arbeitsverbot belegt, kurzzeitig inhaftiert, schrieb er weiter: heimlich, trotzig, mit Witz. Selbst der Einberufung 1943 entzog er sich nicht, doch der Berliner Mutterwitz blieb sein widerständiges Werkzeug.

»Mein Wedding«

Die Szene könnte auch aus einem Kabarett stammen:
„Nu schtell dir bloß vor, wir wohnten an de Bahn! Janz abjesehn von den Krach… Und da – wat saachste dazu – da kämmt sich soja’ eene de Haare! An’t off’ne Fensta! Und in’t Hemde noch dazu!!“

Das war der Ton, mit dem Liesegang das Milieu beschrieb: lakonisch, spöttisch, nie ohne Wärme. Seine Figuren lebten in engen Höfen und breiten Dramen, in Geschichten mit Titeln wie „Der Jeburtstags-Aal“ oder „Mutter Schlabbes Weihnachten“. Kleine Alltagsminiaturen, die heute fast wie literarische Vorläufer des Prime Time Theaters wirken.

»Det fiel mir uff!«

Zwischen 1938 und 1941 erschienen seine Bände: Det fiel mir uff!, Det fiel mir och noch uff!, Da liegt Musike drin, später auch die Feldpostbriefe der Familie Pieselmann. Nach dem Krieg folgte trotzig: Det fiel mir trotzdem uff! – Titel, die mehr verraten als so manche Einleitung: Beobachtung, Beharrlichkeit, ein leiser Widerstand.

Er beschrieb den Wedding als ein Geflecht von Dörfern: „…als der Wedding aus vielen, vielen Mietskasernen zusammengesetzt ist, deren jede einzelne ’een Dorf is, wo eena den andan bessa kennt… als der Betreffende sich selba’.“

Spuren im Kiez

Heute erinnern nur noch eine Gedenktafel in der Afrikanischen Straße 146c und sein Ehrengrab am Urnenfriedhof Seestraße an den Dichter, der am 30. März 1961 starb. Das Grab ist auf keinem Übersichtsplan verzeichnet – man muss suchen, um es zu finden. Fast vergessen, aber nicht verschwunden.

Gedenktafel Jonny Liesegang Afrik. Str. 146c

Was bliebe heute?

Man kann sich fragen: Was hätte Liesegang zu E-Scootern am Sprengelkiez gesagt? Zu Bubble Tea statt Bockwurst? Hätte er den Schriftzug »Ick steh uff Wedding, dit is mein Ding« an der Afrikanischen Ecke Seestraße mit einem ironischen »Sowat Dußlijet, ick könnt’ ma uffreje!« quittiert – und sich im nächsten Moment doch verschmitzt gefreut, dass »det« immerhin noch als »dit« weiterlebt?

Wiederentdeckung

Wer heute zu seinen Büchern greift – in der Schiller-Bibliothek, in Luisenbad, vielleicht antiquarisch – entdeckt Momentaufnahmen einer verschwundenen Stadt. Und eine Sprache, die sich nicht anbiedert, sondern erzählt.

Jonny Liesegang bleibt damit ein Chronist des Weddings: in Schnauze, Skizze und Stil. Und wer in seine Texte eintaucht, merkt schnell: Sie sind nicht bloß Heimatschriftstellerei. Sie sind Berlin.

Ehrengrab auf dem Urnenfriedhof Seestraße (Gedenkstätte 17. Juni 1953)

weddingweiserredaktion

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Die ehrenamtliche Redaktion besteht aus mehreren Mitgliedern. Wir als Weddingerinnen oder Weddinger schreiben für unseren Kiez.

9 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Die Bücher von ihm “ Det fiel mir uff“ und Det fiel mir och noch uff“ sind köstlich.
    Der Berliner Witz auf den Strassen ist auch zum Piepen. Selbst erlebt. Fragt eine junge Frau een ollen Zausel “ Wenn ich da rübergehe, ist da dann die Togostrasse“?
    Antwort: “ Och wenn se da nich rübajehn, ist da die Togostr.“. Ick hätt ma wechlachen könn.

  2. Das Berlinern ist lustig, in den 1970ern zu meinen Zeiten an der FUB gab es das noch zu hören, auch, weil es noch die vielen Eckkneipen gab.
    Aber sprachwissenschaftlich besehen ist es ein Metrolekt. Einfach mal bei Wikipedia nachlesen 😀

    • Morjen Renate
      weil’s so lustig ist … hier wat zum lesen für’n juten Start inne neue Woche im Aujust
      Die Allerschürfste
      Du denkst, Du bist die Allerschürfste für mich,
      biste aba nich. Ick fin Dir widerlich.
      Du denkst, Dir findet wirklich jeder hier geil,
      is aber nich so, janz im Jejenteil.
      Du kommst hier reien als jehört Dir die Welt,
      als wär jeder Tisch nur für Dir bestellt.
      Du glotzt ma an, hau ab, Du machst mir noch krank.
      Du willst all’n jefallen. Du hast nich mehr alle Tassen im Schrank.
      Du nervst, Du nervst.
      Ick würd Dir so jern eine hauen.
      Du bist völlich behämmert.
      Du hast nich mehr alle Latten am Zauen.
      Is doch wahr …
      Du denkst, Du bist die Allerschürfste für mich,
      biste aba nich. Ick fin Dir widerlich.
      Du denkst, Du bist wirklich unwiderstehlich,
      biste aba ebend jerade nich.
      un hier noch zwee Bücher ob’n druff, weil dit eben so lustig ist
      https://de.annas-archive.org/md5/db98a26268ee755140a7816a14853335
      https://de.annas-archive.org/md5/cac873a66b2a1d546951b84ff7da27c4
      nette Jrüße

    • Hi Eimaeckel! P. Gurk schreibt völlig anders als Jonny Liesegang. Während JL der Weddinger Seele
      Raum und Geltung gibt, ist es der prämierte Paul Gurk, der das Stadtleben auf die Romanfiguren einwirken lässt. Es gibt „Laubenkolonie Schwanengesang“, die hier in Rehberge spielt und davon handelt, wie der Bau einer Autostraße den Laubenpiepern ein Ende setzt.
      Paul Gurk und JL lebten nicht weit voneinander entfernt im Afrikanischen Viertel! Paul Gurk verstarb im August 1953 und JL im August 1961.

  3. Morjen mal wieder
    also ick bin als kleener Pimpf zwar nich an’ne Bahn uff jewachsen, aba uff’n Hinterhoff. Jejenüba. uff die andre Seite vom Hoff hat ooch eene am Fensta jestann , hat Morjenjymnastik jemacht …. oben ohne – dit hat mir janz schön wuschschich jemacht, ick musste imma wieda hinkieken
    Hab mal ruckzuck die die zwee Bücher runterjeladen
    https://de.annas-archive.org/slow_download/d0de9946891233aa1b6c2a63f4d2474a/0/2
    https://ia600508.us.archive.org/11/items/bwb_P8-BJP-061/bwb_P8-BJP-061.pdf
    ick werd mal gleich an fang zu lesen

    • Hallo Reinhard, auch in deinen Kommentaren lebt das Berlinische mit all seinem Witz und wunderbaren Ausdrucksformen immer noch – dafür vielen Dank, man hört es ja immer seltener…

      • Hallo Herr Faust

        im Alltag rede ich nicht ganz so stark berlinerisch, das mache ich nur hier… es macht Spass und ja man hört es immer weniger – liegt an den vielen zugereisten Wessis :))) den vielen Studenten von überall und an Multikulti im Wedding. deshalb hört der olle alte Berliner Weddinger mit schlesischen Wurzeln damit noch lange nicht auf….

        Gruß

    • Morjen oda heute Herr Reinhard,
      wenne Ogen Probleme machen, nich verjessn:
      Sinds die Ogen,
      jeh zu Mampe,
      kippts de zwee uff deine Lampe,
      kannste allet doppelt sehn,
      brauchste nich zu Ruhnke jehn.
      Klara Fall!
      Sonnige Woche,so wie manche arbeiten, will ick ma Urlaub machen.
      Meene Oma sagte imma: Der Weddinga jeht mitm Maul voraus.
      (Oma war Kaschubin, kannste googlen)

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