Plätze im Wedding

Fallen wir gleich mal mit der Tür ins Haus und behaupten: im Wedding gibt es eigentlich so gut wie keine schönen Stadtplätze. Entweder sind es vom Verkehr umtoste Freiflächen oder viel zu große unwirtliche Areale, als dass man sie als beliebte Treffpunkte mit städtischem Leben wahrnimmt. Hier eine Top Ten der Freiflächen, die das Wort Platz im Namen führen, von denen aber die wenigsten eine echte Aufenthaltsqualität besitzen:

Leopoldplatz

Ein langer harter Winter mit Schnee bis in den April...
Ein langer harter Winter mit Schnee bis in den April…

Der Schnittpunkt der Verkehrsschneisen Müllerstraße und Schulstraße, unter dem sich auch gleich zwei U-Bahn-Linien übereinander kreuzen, trägt seinen Namen seit 1891. Wie viele Straßen im Kiez bezieht sich der Name auf den Spanischen Erbfolgekrieg von 1701-1714. Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau (1676-1747) kämpfte auf Seiten Preußens und war auch als „der alte Dessauer“ bekannt. Eingerahmt wird der Platz auf der offenen Nordostseite von der zunächst kaum als Sakralbau erkennbaren Alten Nazarethkirche, die bis 1835 von Karl Friedrich Schinkel erbaut wurde. Die Freifläche zwischen den drei den Platz begrenzenden Straßen und der turmlosen klassizistischen Kirche ist ein traditioneller Marktstandort und besitzt mit der Skulptur „Adorant“ (Nachguss des Betenden Jünglings von 325 v.Chr.) ein bedeutendes Kunstwerk, allerdings gut versteckt an seinem südwestlichen Rand. Trotz seiner überbezirklichen Bedeutung (vor allem durch das Karstadt-Kaufhaus und die U-Bahn-Kreuzung) ist der eigentliche Platz ein eher zugiger Ort, an dem man sich nur ungern länger aufhält als unbedingt notwendig. Die vorletzte Umgestaltung des „Leo“ datiert aus dem Jahr 1984, und eine Aufwertung des in die Jahre gekommenen Platzes ist in Angriff genommen worden. Doch der Platz zieht sich, hinter der Schinkelkirche, noch über drei Baublöcke hinaus als langgezogenes Rechteck. Hier hat der „Leo“ eher Grünflächencharakter. Dort befinden sich Spielplätze und ein neu angelegter „Trinkerbereich“. Die Neue Nazarethkirche (1891-93) mit ihrem 78 Meter hohen Turm prägt den östlichen Platzteil. Den namenlosen Vorplatz vor dem Rathaus Wedding, der in Sichtweite, jedoch auf der anderen Seite der Müllerstraße liegt, kann man im weitesten Sinne ebenfalls als Bestandteil des Leopoldplatzes bezeichnen.

Nauener Platz

Ein „Nicht-Platz“ erster Güte. Er befindet sich im Schnittpunkt von Schul- und Reinickendorfer Straße, darunter ein in den 1970ern eröffneter U-Bahnhof in Pop-Art-Optik, 1910 benannt nach der brandenburgischen Kleinstadt. Interessanter ist da schon die Nutzung des öffentlichen Raums an seiner Nordostecke durch verschiedene Generationen. Das Umfeld rund um das „Haus der Jugend“, einst u.a. Standort der Kinderbibliothek, wurde 2009 unter dem Motto „Nauener Neu“ umgestaltet. Hier befinden sich Spiel- und Bolzplätze, u.a. auch Spielgeräte für Senioren. Auf den zweiten Blick ein sehr lebendiger Platz!

Weddingplatz

Historisch interessanter Platz an der Stelle, wo die Reinickendorfer Straße im schrägen Winkel auf die Müllerstraße trifft. Einst hieß er Kirchplatz, was sich auf eine nicht mehr nachweisbare Kirche im wüst gefallenen Dorf Wedding beziehen könnte, wurde aber 1835 umbenannt. Denn auf seiner Fläche befand sich zuvor das Vorwerk Wedding. Die Dankeskirche in seiner Mitte wurde bis 1885 von August Orth errichtet, im 2. Weltkrieg zerstört und durch einen 1972 eröffneten symmetrischen Neubau von Fritz Bornemann ersetzt, bei der der Glockenturm in die Außenwand integriert wurde. Bedeutsam ist der Firmensitz der Firma Schering an seinem Westrand seit 1871 – das Pharmaunternehmen wurde 2006 von der Bayer AG übernommen. Das bis 1974 erbaute 16-geschossige Verwaltungsgebäude wurde später für seine Integration in den Stadtraum prämiert! Unstrittig dürfte sein, dass dieser von Kriegszerstörungen geprägte und durch Gebäude im Zeitgeist der 1970er Jahre ergänzte Platz ein vom Verkehrslärm umtoster, unwirtlicher Ort ist, der trotz seines Namens wohl kaum als identitätsstiftend für den Wedding gelten kann und auch als Platz so gut wie niemandem bekannt ist.

Nachtigalplatz

Auf dem Nachtigalplatz
Auf dem Nachtigalplatz

Städtebaulich interessante Lösung an einer Stelle, wo sich die Togostraße und die Petersallee rechtwinklig treffen und die Afrikanische Straße das Ganze dann im 45-Grad-Winkel schneidet. Um diese vermurkste Kreuzungssituation herum wurde ein rechteckiger Platz mit einheitlich gestalteten Wohnbauten angelegt; in den vom Verkehr freigelassenen Freiflächen befinden sich triste Rasenflächen. Grünanlage kann man diese Platzsituation beim besten Willen nicht nennen. Ein Defizit an Grünflächen beklagen die Anwohner aber nicht, befindet sich doch nur ein paar Schritte weiter die 120 Hektar große Fläche des Volksparks Rehberge mit den ausgedehnten Kleingartenkolonien. Knatsch gibt es eher wegen des Namensgebers, dem Afrikaforscher Gustav Nachtigal. Die Umbenennung des Platzes wird insbesondere von antirassistischen Initiativen gefordert, ist aber derzeit politisch nicht umsetzbar.

Max-Josef-Metzger-Platz

Auf dem Max-Josef-Metzger-PlatzEinst der Courbièreplatz, benannt nach einem preußischen Feldmarschall (1733-1811), ist diese kleine Grünfläche umgeben von ein paar Wohnhäusern, der St.Josefkirche und der Arbeitsagentur Müllerstraße. Seit 1954 steht die Trümmersäule auf dem Platz, die an den Wiederaufbau erinnert, den Platz aber eher noch trostloser erscheinen lässt als ohnehin schon. Der 12 Meter hohe Pfeiler von Gerhard Schultze-Seehof ist mit Mosaikreliefs geschmückt. Der „Park“ drumherum wirkt insgesamt etwas ungepflegt, kein Wunder, dass der Platz im Volksmund Lausepark heißt. Da ist der auf der anderen Seite der Gerichtstraße liegende Urnenfriedhofspark mit dem Krematorium schon ein schönerer Blickfang. Der heutige Name des Platzes erinnert an einen streitbaren katholischen Theologen, der während des Zweiten Weltkriegs drei Jahre lang an der St.Josefkirche gegenüber des Platzes gewirkt hatte.

Louise-Schroeder-Platz

Hier, an der Grenze zwischen Mitte und Reinickendorf, hat man einen Platz nach Berlins erster Oberbürgermeisterin (1947/48) benannt. Der Tagesspiegel schreibt dazu: „Hat Louise Schroeder … diesen Platz verdient? Er ist ein vom Verkehr umtostes Mauerblümchen, ein stiller Treff der Trinkerszene. Vor allem ist er eine unfreiwillige Ausstellung der Schäden, die der Geldmangel Berlins an den öffentlichen Anlagen anrichtet. Es sind zwar noch Spuren minimaler Pflege zu erkennen, der Rasen ist leidlich gemäht, die Rosen heruntergeschnitten. Aber sonst? Die Zierbeete der westlichen Platzhälfte werden von Löwenzahn und Disteln überwuchert, der Zierteich auf der Ost-Hälfte sieht vor lauter Algen aus wie ein Sumpf. Und in die Wege hinein wuchert Unkraut, alles wächst wild, und in eine Ecke hat irgendjemand seine überzähligen Ikea-Schränke entsorgt.“ Muss man noch mehr dazu sagen?

Augustenburger Platz

Augustenburger Platz
Augustenburger Platz

Dieser Platz, benannt im Jahr 1901 nach einem Schloss in Dänemark, hat nur eine Hausnummer. Immerhin handelt es sich beim Adressaten um das Virchow-Klinikum der Charité. Wie ein Schloss mit einem repräsentativen Vorhof wirkt der zum Augustenburger Platz weisende ältere Teil des bis 1906 von Ludwig Hoffmann errichteten Krankenhausbaus. Der Platz selbst ist weniger attraktiv – eine ungepflegte Grünanlage mit U-Bahn-Eingang (Amrumer Straße). Die hier beginnende breite Torfstraße mit ihrer gründerzeitlichen Bebauung wird eher als urbaner Raum wahrgenommen als dieser dreieckige Vorplatz zum Krankenhaus. Auf die Idee, sich hier für längere Zeit hinzusetzen, kommt hier wohl niemand.

Sparrplatz

Groß ist der langgezogene, 1897 nach dem ersten Feldmarschall Otto Christoph Freiherr von Sparr (1599–1668) benannte Platz im Sprengelkiez ja durchaus. Kurios ist, dass auf beiden Platzseiten die Sparrstraße verläuft – eine Postadresse Sparrplatz gibt es nicht. Herrmann Mächtig legte 1902 einen Entwurf zur Gestaltung vor, 1919 und 1931 gab es eine erneute Umgestaltung. 1950 und 1954 erfolgte eine Neuanlage, bei der Gehölzgruppen gepflanzt und Spielplätze errichtet wurden. Durch das Quartiersmanagement, das sich nach dem Platz (und nicht nach dem Sprengelkiez) benannt hat, ist viel Geld in die Modernisierung der Anlage geflossen. Heute gehört der Platz wieder zu den angenehmeren Orten im Wedding, zumindest tagsüber und im Sommer.

Nettelbeckplatz

NettelbeckplatzJoachim Christian Nettelbeck verteidigte seine Stadt Kolberg gegen Napoleon. Der Platz, wo sich die Reinickendorfer Straße, die Lindower und die Gerichtstraße kreuzen, heißt seit 1884 nach diesem Kaufmann. Zuletzt 1985 wurde der Platz umgestaltet, er ist seither verkehrsberuhigt. Es ist einer der ganz wenigen Plätze im Wedding, auf denen man sich auf einer großen runden Bank unter Bäumen niederlassen kann. Ein Denkmal namens „Tanz auf dem Vulkan“ (1988) gibt dem runden Stadtplatz einen Mittelpunkt. Die Wiedereröffnung der Ringbahn mit dem S-Bahnhof Wedding hat sicher auch dazu beigetragen, dass der Nettelbeckplatz an Aufmerksamkeit hinzugewonnen hat. Mit dem KikiSol, dem „Magendoktor“ und der Gerichtstraße ist der Platz im Mittelpunkt eines sich entwickelnden Nachtlebens. Als Platz, der für den Wedding eine zentrale Bedeutung besitzt, wird der Nettelbeckplatz allerdings noch nicht wahrgenommen…

Pekinger Platz

1905 wurde der dreieckige Platz am Nordufer des Schiffahrtskanals nach der chinesischen Hauptstadt benannt. Damit sollte an die Besetzung Pekings durch Truppen der Großmächte unter deutscher Führung im Jahr 1900 erinnert werden. Das „Café Achteck„, ein denkmalgeschütztes Pissoir, stammt aus dem Jahr 1890. Nachdem der Platz nach dem Krieg als Trümmerabladeplatz gedient hatte, wurde er 1949 wieder als Park errichtet. 2010 wurde der Park neu gestaltet und die Straße Nordufer verkehrsberuhigt. Seither gibt es zahlreiche neue Fitness-Spielgeräte auf der Promenade mit Wasserlage. Auch gibt es mit dem „Auszeit“ direkt am Platz ein beliebtes Café. Fazit: Der Pekinger Platz ist unbestritten Weddings schönstgelegener Platz!

Es gibt natürlich noch mehr Plätze im Wedding, z.B. den Zeppelinplatz. Welcher Platz gefällt euch am wenigsten? Und gibt es Plätze, die ihr als „schön“ bezeichnen würdet? 

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