April, April – Oder: Wedding bleibt (vorerst) Wedding

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Ortsteil Wedding. Karte: Alexrk2, using Openstreetmap, CC BY-SA 3.0 Wikimedia
Orts­teil Wed­ding bleibt bis zur nächs­ten Ver­wal­tungs­re­form der Orts­teil Wed­ding. Kar­te: Alexrk2, using Open­street­map, CC BY-SA 3.0 Wikimedia

Die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung (BVV) in Mit­te hat KEINE Beschlüs­se zur Umbe­nen­nung von Orts­tei­len gefasst. Der Wed­ding­wei­ser hat­te ges­tern gemel­det, dass der Orts­teil Wed­ding ab sofort eben­falls Gesund­brun­nen hei­ßen wür­de. Aller­dings war ges­tern der 1. April. Die Mel­dung war ein Scherz. Berech­tigt ist aller­dings die Fra­ge: Wie ist das denn nun genau mit den Orts­tei­len Wed­ding und Gesundbrunnen?

Ber­lin hat aktu­ell zwölf Bezir­ke. Die Auf­tei­lung der Stadt in Bezir­ke ist eine Idee der Ver­wal­tung. Die heu­ti­gen Bezir­ke ent­stan­den bei der letz­ten Ver­wal­tungs­re­form 2001. In der Geschich­te der Stadt Ber­lin war die­se Reform nicht die ers­te und sie wird bestimmt nicht die letz­te sein. Der Bezirk mit der Num­mer eins trägt offi­zi­ell den Namen Mit­te. Der Bezirk Mit­te besitzt sechs Orts­tei­le. Sie hei­ßen Mit­te, Moa­bit, Han­sa­vier­tel, Tier­gar­ten, Wed­ding und Gesundbrunnen.

Was ist ein Ortsteil?
Ortsteil Gesundbrunnen. Foto: Andrei Schnell.
Ors­teil Wed­ding wird nicht zum Orts­teil Gesund­brun­nen. Foto: And­rei Schnell.

Ein Orts­teil ist in Ber­lin aller­dings kei­ne poli­ti­sche Ein­heit, er hat also kei­nen eige­nen Bür­ger­meis­ter. Er ist auch kei­ne Ver­wal­tungs­ein­heit, es gibt also kei­ne aus­schließ­lich für einen Orts­teil zustän­di­gen Behör­den. Ver­mut­lich die­nen die Orts­tei­le in Ber­lin wahr­schein­lich nicht ein­mal bau­recht­li­chen Zwe­cken wie in ande­ren Bun­des­län­dern. Die Unter­tei­lung der zwölf Ber­li­ner Bezir­ke in 96 Orts­tei­le freut haupt­säch­lich das Amt für Sta­tis­tik. Außer­dem sol­len die Orts­tei­le die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Men­schen mit ihrem Kiez fördern.

Dass die Sache mit der Iden­ti­fi­ka­ti­on für die Men­schen wich­tig ist, zei­gen Stim­men, die 2001 laut wur­den. Damals wur­de Prenz­lau­er Berg von einem Bezirk zu einem Orts­teil her­ab­ge­stuft. Plötz­lich soll­ten die sich mit Alt-Mit­te ver­bun­den füh­len­den urba­nen Men­schen zum Vor­ort­be­zirk Pan­kow gehö­ren, wie damals empört for­mu­liert wur­de. Ein ande­res Bei­spiel: Die Men­schen der Vil­len­sied­lung Froh­nau und die des Hoch­haus­ge­biets Mär­ki­sches Vier­tel haben sicher sehr unter­schied­li­che Ant­wor­ten auf die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens. Da hilft es ihnen als Bewoh­ner des Bezirks Rei­ni­cken­dorf zu wis­sen, dass sie auch Bewoh­ner ihres Orts­tei­les Froh­nau bezie­hungs­wei­se ihres Orts­teils Mär­ki­sches Vier­tel sind.

Dage­gen ist es strit­tig, ob 2001 die amt­li­che Auf­tei­lung des ehe­ma­li­gen Bezirks Wed­dings in die zwei Orts­tei­le Wed­ding und Gesund­brun­nen den Bedürf­nis­sen der Men­schen ent­sprach. Nach 15 Jah­ren ist es man­chen Men­schen in Gesprä­chen sehr wich­tig, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Gesund­brun­nen nicht Wed­ding ist. Aber ande­ren Men­schen ist nicht ein­mal bewusst, dass sie offi­zi­ell im Orts­teil Gesund­brun­nen leben.

Trep­pen­witz bei den Orts­tei­len Wed­ding und Gesund­brun­nen ist, dass die Stel­le des ursprüng­li­chen Dor­fes Wed­ding aus dem 13. Jahr­hun­dert an der Wed­ding­stra­ße ver­mu­tet wird. Die­se Stra­ße befin­det sich im Orts­teil Gesundbrunnen.

Seit wann gibt es Ortsteile in Berlin

Das Gesetz von Groß-Ber­lin von 1920 erlaub­te es den Bezir­ken, Orts­tei­le ein­zu­füh­ren. 1920 ist das Jahr, in dem Ber­lin sich extrem aus­dehn­te. Durch das Gesetz von Groß-Ber­lin kamen neben vie­len ande­ren zum Bei­spiel die Dör­fer Wit­ten­au, Herms­dorf oder Tegel als Bezirk Rei­ni­cken­dorf zu Ber­lin. Die Ver­wal­tung woll­te vor bei­na­he 100 Jah­ren den Men­schen ent­ge­gen­kom­men, indem sie sag­te: Ja, der Bezirk heißt Rei­ni­cken­dorf, dafür wird aber der Orts­teil, in dem Du wohnst, für immer Lübars hei­ßen. Oder so unge­fähr. Der Wed­ding kam übri­gens rund 60 Jah­re frü­her, ganz genau 1861, gemein­sam mit Moa­bit zu Ber­lin. Sein Name damals: “Bezirk Wed­ding und Gesundbrunnen”.

Vor 1920 waren die Bezir­ke in Ber­lin viel klei­ner. Zu Kai­sers Zei­ten hat­te Ber­lin 450 Bezir­ke. Das heißt, das Gesetz von Groß-Ber­lin 1920 war auch ein Gesetz zur Redu­zie­rung der Ber­li­ner Bezir­ke. Es steht stark zu ver­mu­ten, dass 1920 die Erfin­dung von Orts­tei­len, die kei­ne poli­ti­sche und auch kei­ne  ver­wal­tungs­tech­ni­sche Funk­ti­on hat­ten, rei­ne­weg dazu dien­ten, die Gemü­ter zu beru­hi­gen. Oder zu erhit­zen. Je nach per­sön­li­cher Gemütslage.

LINKS
Wiki­pe­dia über Bezirk und Orts­teil in Ber­lin.
Wiki­pe­dia über den Begriff Orts­teil.

Text und Foto: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

2 Comments

  1. Es geht so weit, dass die Geschäfts­füh­re­rin des Gesund­brun­nen­cen­ters kei­ne lei­se Ahnung hat, wo wohl der his­to­ri­sche Gesund­brun­nen mal gestan­den hat.
    Ich per­sön­lich kann die Orts­tei­le gut aus­ein­an­der­hal­ten, ken­ne mich aus.
    Gibt es eigent­lich Unter­schie­de zwi­schen Wed­ding und Gesundbrunnen?
    Ich woh­ne seit Anfang der 80er Jah­re im Wed­ding. Rück­bli­ckend habe ich von Anfang der 80er bis 2012 in Gesund­brun­nen gelebt. Das hieß aber damals immer Wed­ding, weil vor der ent­spre­chen­den Bezirks­re­form alles “Wed­ding” war.

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