Wedding am Wasser: Die Panke

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panke balkon uferstr
Der “Pan­ke-Bal­kon” seit 2014 an der Uferstr.

Janz drau­ßen an der Pan­ke Hab ich mein klee­nes Haus Davor steht eene Ban­ke da ruh ich abends aus Da kommt mir manch Jedan­ke seh ich det Flüss­cken ziehn Ganz lei­se gluckst die Pan­ke Die hei­mat­li­che Pan­ke …*

Der Fluss Pan­ke, so sehr er auch mit Abwäs­sern und Müll ver­schmutzt, in Roh­re ver­legt und spä­ter als schnur­ge­ra­der Kanal wie­der frei­ge­legt wur­de, ist reprä­sen­ta­tiv für das volks­tüm­li­che, ärm­li­che Ber­lin. Genau hier kann, wer Spu­ren lesen kann, noch viel aus der Indus­trie­ge­schich­te und der Arbei­ter­be­we­gung des „Roten Wed­ding“ erkennen.

pankemühle
Das Gebäu­de rechts ist die Pankemühle

Das Schick­sal der Pan­ke hängt direkt mit der Indus­trie­ge­schich­te des Ber­li­ner Nord­os­tens zusam­men. Schon seit dem Mit­tel­al­ter wur­den unse­re Flüs­se für Müh­len genutzt. Die Pan­ke mit ihren 40 Metern Gefäl­le auf gut 30 Fluss­ki­lo­me­tern (also durch­schnitt­lich ein Meter Gefäl­le pro Kilo­me­ter) kommt aus der Bar­nim-Hoch­flä­che. Die­ses Gefäl­le ist beacht­lich für einen Tief­lands­fluss und so bot sich die Anla­ge von Müh­len gera­de­zu an. Ein stei­ner­ner Zeit­zeu­ge ist die Müh­le an der Bad­stra­ße, deren letz­tes Mühl­ge­bäu­de noch heu­te von der Tra­ve­mün­der Stra­ße mit­samt einem auf­ge­mal­ten Mühl­rad ent­deckt wer­den kann. Die öst­li­che Ufer­stra­ße ist ein zuge­schüt­te­ter Sei­ten­arm der Pan­ke, der für den Mühlstau abge­zweigt wor­den war. Der Mül­ler, der nicht nur mit sei­nem Mahl­recht über gro­ße Macht ver­füg­te, son­dern auch noch die nie­de­re Gerichts­bar­keit unter sich hat­te, konn­te das Pan­ke­was­ser zu Ern­te- oder Mahd­zwe­cken ablas­sen. Im 18. und 19. Jahr­hun­dert began­nen man­che Mül­ler, Aus­schank­wirt­schaf­ten als Neben­er­werb zu betrei­ben. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich zum Bei­spiel an der Bad­stra­ße, in direk­ter Nach­bar­schaft zu der Gesund­brun­nen-Heil­quel­le, ein volks­tüm­li­ches Ver­gnü­gungs­vier­tel rund um die Pan­ke-Müh­le. Die Fas­sa­de der Biblio­thek am Lui­sen­bad mit der „Kafé Küche“ erin­nert noch heu­te an das größ­te Eta­blis­se­ment, das sogar einen Fest­saal, einen Bier­gar­ten und sogar ein Schwimm­bad besaß.

(Quelle: panke.info)
(Quel­le: panke.info)

In der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts begann sich Ber­lin zu einem Zen­trum der Maschi­nen­bau­in­dus­trie zu ent­wi­ckeln. Aus der König­li­chen Eisen­gie­ße­rei, die eben­falls aus einem Müh­len­stand­ort an der Inva­li­den­stra­ße her­vor­ge­gan­gen war, kamen die ers­ten bei­den Dampf­lo­ko­mo­ti­ven Deutsch­lands. Rund um die­sen Betrieb sie­del­ten sich immer neue metall­ver­ar­bei­ten­de Betrie­be an, bis um 1845 etwa 3000 Men­schen dort beschäf­tigt waren. Die Gegend hieß wegen des vie­len Rauchs, der aus den Schlo­ten kam, im Volks­mund Feu­er­land. Die gro­ßen Ber­li­ner Metall- und Maschi­nen­bau­be­trie­be wie Schwart­z­kopff, Egells und Bor­sig zogen spä­ter an ande­re Stand­or­te am Stadt­rand, an der Stel­le der König­li­chen Eisen­gie­ße­rei befin­det sich heu­te das Bundesverkehrsministerium.

Aber auch ande­re Wirt­schafts­zwei­ge sie­del­ten sich an der Pan­ke an, weil sie den Fluss für ihre Abwas­ser­ein­lei­tung brauch­ten. So zähl­te man im Jahr 1882 23 Ger­be­rei­en, dazu noch Leim­sie­derei­en, Kno­chen­sie­derei­en und zwei Papier­fa­bri­ken an der Pan­ke. Allein für das Ger­ben wur­den täg­lich 500 Eimer Hun­de­kot benö­tigt, was zu einer enor­men Geruchs­be­läs­ti­gung und Gewäs­ser­ver­schmut­zung führ­te. Der Ber­li­ner Volks­mund präg­te dar­aus völ­lig zu Recht den Begriff “Stinke­pan­ke”. Kein Wun­der, dass der Fluss so weit wie mög­lich aus dem öffent­li­chen Bewusst­sein gedrängt wur­de. Es ist leicht vor­stell­bar, mit wel­cher Seu­chen­ge­fahr die Pan­ke-Anwoh­ner leben muss­ten. Der Ber­li­ner Stadt­bau­rat James Hobrecht hat­te eine Idee durch­ge­setzt, um die Abwas­ser­pro­ble­me Ber­lins auch aus Grün­den der Volks­hy­gie­ne zu lösen. Die Abwäs­ser wur­den zunächst in einem Ring­sys­tem gesam­melt und mit Dampf­ma­schi­nen in den höher gele­ge­nen Nord­os­ten Ber­lins gepumpt. Aller­dings wur­den die so ange­leg­ten Rie­sel­fel­der wie­der über die Pan­ke entwässert…

Abspannwerk und BAYER AG
Abspann­werk und BAYER AG

Die Ger­be­rei­en und Rie­sel­fel­der sind schon lan­ge Geschich­te, aber es gibt auch noch ande­re Indus­trie­be­trie­be an der Pan­ke, die erwähnt wer­den soll­ten. Noch heu­te steht die Pro­duk­ti­ons­stät­te und der Ver­wal­tungs­sitz der Bay­er AG an der Pan­ke­mün­dung. Die Fir­ma wur­de 1872 gegrün­det und war als “Sche­ring AG” lan­ge Zeit einer der bedeu­tends­ten Arbeit­ge­ber Ber­lins, bis die Fir­ma 2006 von der Bay­er AG über­nom­men wurde.

Der Druck­ma­schi­nen­her­stel­ler Rota­print war der Pio­nier des Klein­off­set­drucks und bis zum Kon­kurs 1989 am Pan­keufer ansäs­sig. Gro­ße Tei­le des Fir­men­ge­län­des nahe der Wed­din­ger Ufer­stra­ße sind heu­te abge­ris­sen. In den ver­blie­be­nen, zum Teil denk­mal­ge­schütz­ten Gebäu­den hat sich mit “Ex Rota­print” eine neue, klein­tei­li­ge Nut­zung etabliert.

gerichtstr 23 dachBei der ver­fal­le­nen und zuge­wu­cher­ten Fabrik­an­la­ge zwi­schen der Gericht­stra­ße und der Ring­bahn han­delt es sich aller­dings aus­nahms­wei­se um kei­nen Indus­trie­be­trieb. Viel­mehr befand sich in der als „Wie­sen­burg“ bekann­te Kriegs­rui­ne ein Obdach­lo­sen­asyl. Im Gegen­satz zu ande­ren Wohl­fahrts­ein­rich­tun­gen ver­zich­te­te man in der “Wie­sen­burg” auf christ­li­che Mis­si­on und ließ selbst der Poli­zei kei­nen Zutritt. Im Zwei­ten Welt­krieg wur­den die Gebäu­de mit ihren an die Indus­trie­ar­chi­tek­tur erin­nern­den Shed­dä­chern zum Groß­teil zerstört.

Rund um die Pan­ke­müh­le an der Bad­stra­ße sind heu­te noch Res­te der Tre­sor­fa­brik Arn­heim zu fin­den. An der Bad­stra­ße selbst steht das beein­dru­cken­de Wohn­haus für Fabrik­ar­bei­ter mit sei­ner mar­kan­ten roten Far­be. Bis hin zur Oslo­er Stra­ße erstre­cken sich die zum Teil erhal­te­nen Shed­dach­hal­len der Fabrik. In den “Pan­ke­hal­len” haben sich seit eini­gen Jah­ren Bild­hau­er­werk­stät­ten eta­bliert; die Gebäu­de wer­den vom Berufs­ver­band der Bild­hau­er genutzt.In der Zünd­holz­ma­schi­nen­fa­brik Rol­ler in der Wed­din­ger Oslo­er Stra­ße, die in den 1970er Jah­ren ihre Pro­duk­ti­on ein­stell­te, befin­det sich seit über 30 Jah­ren ein sozio­kul­tu­rel­les Zen­trum “Fabrik Oslo­er Stra­ße”, in des­sen Mit­tel­punkt das Kin­der­mu­se­um “Laby­rinth” steht.

Die Pankemündung und ein kleiner Park, Foto: D_Kori
Die Pan­ke­mün­dung, Foto: D_Kori

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg hat der Bezirk Wed­ding aus Mit­teln des Mar­shall-Plans einen durch­ge­hen­den Grün­zug an der Pan­ke anle­gen las­sen, der nach dem letz­ten Lücken­schluss an der Ring­bahn­brü­cke auf dem gesam­ten Unter­lauf des Flus­ses begeh­bar ist. An der Wie­sen­stra­ßen­brü­cke steht ein Find­ling, der an den “Blut­mai” im Jahr 1929 erin­nert. Heu­te kaum vor­stell­bar, dass an die­sem idyl­li­schen Fluss­ab­schnitt Miets­ka­ser­nen stan­den, deren Bewoh­ner kom­mu­nis­tisch wähl­ten. Rund um den 1. Mai kam es 1929 zu Aus­schrei­tun­gen, bei denen durch den Schuss­waf­fen­ein­satz der preu­ßi­schen Poli­zei­kräf­te über 30 Men­schen star­ben. An den “Roten Wed­ding”, des­sen Herz hier schlug, erin­nert außer dem Stein und einem Lied von Hanns Eis­ler und Erich Wei­nert nichts mehr – die Häu­ser wur­den nach dem Krieg durch gesichts­lo­se Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser ersetzt.

* kom­po­niert von Fre­dy Sieg

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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