Europäische Tage des Kunsthandwerks im Wedding

Der Wedding ist nicht nur Heimat von 180.000 Menschen, sondern auch mit seinen vielen Remisen, Ateliers, Ladengeschäften und Hinterhöfen Arbeits- und Wirkungsstätte von zahlreichen Gestalterinnen und Gestaltern. Aus den Materialien Textil, Keramik und Metall stellen hier Designer und Kunsthandwerker erstaunliche und einmalige Produkte her. An diesem Wochenende geben viele von ihnen in ganz Berlin Einblick in ihre Arbeit und öffnen ihre Ateliers aus Anlass der Europäischen Tage des Kunsthandwerks. Wir haben die Weddinger Teilnehmer einmal aufgelistet.

montagehalle-berlin: Mode und Kunst für den Kiez

Wie zwei Frauen mit Herzblut, Stoff und Garn im Wedding Mode nähen und Netzwerke knüpfen

Annette Haußknecht (links) und Suse Stock
Annette Haußknecht (links) und Suse Stock

Stoffbahnen, Garnrollen und fertige Hosen sowie Entwürfe neuer Oberteile stapeln sich zwischen Nähmaschine und Kaffeebecher auf dem Werktisch in der montagehalle-berlin. Annette Haußknecht legt die Schere kurz zur Seite und nickt Susanne Stock zustimmend zu.

Foto: Julia Große-Heitmeyer
Foto: Julia Große-Heitmeyer

Bis Donnerstagabend müssen die letzten Teile der aktuellen Kollektion fertig genäht sein. Dann starten die Modedesignerinnen, die gewissermaßen schon zu den Urgesteinen im Wedding zählen, mit einer Vernissage in das Kulturfestival Wedding Moabit 2013. „Vom Winde verwebt“ heißt die Gemeinschaftsausstellung, mit der die montagehalle-berlin zusammen mit der benachbarten Malerin Marion Ehrsam und dem Photographen Jacopo de Marco die Togostraße während des Kulturfestivals als Ort interdisziplinärerer Kunstveranstaltungen in Szene setzt.

Damit unterstreichen Annette Haußknecht und Susanne Stock ihr Anliegen, im Wedding nicht einfach nur Mode zu kreieren, zu fertigen und zu verkaufen, sondern dem Kiez, in dem sie jeweils schon seit 15 Jahren leben, auch ein kreatives Gesicht zu verleihen. Dazu verknüpfen die Architektin Haußknecht und die Modedesignerin Stock nicht nur Stoffe und Garne zu feminin sportlichen wie eleganten Oberteilen und zu unkonventionellen Hosen, Röcken und Kitteln, sondern weben darüber hinaus auch Netzwerke zu anderen Kreativen im Bezirk. Dass sie bei ihren Veranstaltungen nicht immer nur mit denselben Künstlern zusammenarbeiten, sondern darüber hinaus auch offen für neue Kreative und deren Ideen sind, stellen sie am kommenden Wochenende wieder einmal unter Beweis.

Wenn beim Kulturfestival Wedding Moabit Friseure unter dem Balkon Haare schneiden

Für Samstag und Sonntag haben die Betreiberinnen der montagehalle-berlin gemeinsam mit Marion Ehrsam den Friseur und Industriekletterer Jens Schmelzer eingeladen, ihr Ausstellungsthema „Vom Winde verwebt“ vor Ort aufzugreifen. Dann schneidet der erfahrene Kletterer unter einem Balkon in luftiger Höhe schwebend, Haare. Eine Freundin konnte als mutige Vorreiterin für diese Performance gewonnen werden. Die Möglichkeit, sich für eine neue Frisur in die Lüfte zu schwingen, steht aber auch schwindelfreien Besucherinnen und Besuchern zur Verfügung.

Bei „Freunden“ kaufen, mit Designern feiern

Was sich hier als Gemeinschaftsveranstaltung in das Kulturfestival Wedding/Moabit 2013 einreiht, können Interessierte in regelmäßigen Abständen in der montagehalle-berlin erleben. „Wir wollen nicht einfach anonym unsere textilen Ideen verkaufen, sondern uns mit unseren Käuferinnen und Käufern in einen Dialog begeben“: Passt das Unikat, oder soll nach dem Probetragen noch einmal nachgenäht werden?   „Zu unserem Selbstverständnis zählt auch, ein zur saisonalen Kollektion passendes Thema zum Anlass zu nehmen und das mit den Menschen, die zu uns kommen, zu feiern“, sind sich Annette Haußknecht und Susanne Stock einig. Beide freuen sich sehr über den Zuwachs an produzierendem Kleingewerbe und Kulturveranstaltungen im Wedding. Konkurrenzbefürchtungen hegen die beiden nicht: “Wir haben lange darauf gewartet, dass sich hier im Kiez etwas bewegt.“

Autorin: Julia Große-Heitmeyer

Mehr zur Montagehalle-Berlin

12. September 2013

19:00 Uhr

Vernissage der Gemeinschaftsausstellung „Vom Winde verwebt“ anlässlich des Kulturfestivals Wedding Moabit 2013

montagehalle-berlin, Togostraße 79a,

Atelier der Malerin Marion Ehrsam, Togostraße 80.

Montagehalle Berlin

Togostr. 79a
13351 Berlin

Tel. 030/81 70 55 12
info(at)montagehalle-berlin.de

Aktuelle Öffnungszeiten:
Mo, Di, Do, Fr 9-13 Uhr, Di 9-18 Uhr und nach Vereinbarung

Montagehalle Berlin: Der Stoff, aus dem Weddinger Mode ist

Die Montagehalle ist ein heller, freundlicher Ort – irgendwie aufgeräumt, aber doch gemütlich. Es gibt raue, weiß verputzte Wände, eine Regalwand mit künstlerischen Grafiken. Da sind farbenfrohe Tücher zu bewundern und Jersey-Schlangen in (fast) allen Regenbogennuancen, die berühmten „Frühlingsröllchen“. Etliche Kleiderpuppen und -ständer präsentieren Shirts, Röcke und Roben von leuchtend bunt über flippig mit Stempeldrucken bis dezent und edel.

Der Name „Montagehalle Berlin“ ist einerseits das Label der gemeinsamen Kollektion von Annette Haußknecht und Suse Stock, andererseits der Name ihres Geschäftes in der Togostraße 79 a in Berlin-Wedding. Es ist gleichzeitig Verkaufsstätte und Arbeitsplatz für zwei Modeschaffende und eine Grafikerin, eine Kreativwerkstatt eigentlich. So gesehen ist die „Halle“ im Namen wohl mit einem Augenzwinkern gemeint.

Im weißen Kittel geheiratet

Eine Kundin in der "Montagehalle"
Eine Kundin in der „Montagehalle“

„Kittel, damit fing es bei mir an. Praktische Kleidungsstücke mit Taschen für allen möglichen Krimskrams sollten es sein“, erzählt Suse Stock, die Modedesign studiert hat. Dass ihre Kittel nichts mit jenen zu tun haben, die Oma früher praktisch Tag und Nacht getragen hat, davon kann man sich in der Montagehalle Berlin überzeugen. Sie werden – wie alle Kleidungsstücke der Kollektion – maßgeschneidert. Es gibt unter anderem Varianten aus Jeans oder Seide, mal sportlich, mal elegant. Sogar alte OP-Kittel kommen, komplett umgearbeitet, zu ganz neuen Ehren. „Der Stoff ist wunderbar weich, weil er unzählige Male gewaschen wurde“, so Suse Stock.

Wie zum Beweis, dass sie von ihrer Geschäftsidee überzeugt ist, erzählt die gebürtige Düsseldorferin:  „Ich selbst habe sogar in einem weißen Seidenkittel geheiratet. Als Gag war eine kleine grüne Zielscheibe mit Pfeil darauf appliziert. Mein Mann trug die Gleiche am Anzug.“

„Wir verdrehen uns nicht!“

 Annette Haußknecht (links) und Suse Stock
Annette Haußknecht (links) und Suse Stock

Annette Haußknecht, die ursprünglich Architektin war und eher zufällig in die Modebranche gekommen ist, erklärt, dass jede von ihnen ihre eigenen Sachen produziere und die Arbeitsstile sehr unterschiedlich seien. „Suse zeichnet Skizzen und sucht danach die Stoffe aus. Ich hingegen mache das frei Schnauze. Ich habe einen Stoff und überlege mir dann, was ich draus mache“, erklärt die 42-jährige. So entstehen ausschließlich Unikate, die eine eigene Handschrift tragen: „Ballonröcke sind beispielsweise eine Spezialität von mir“, sagt Annette Haußknecht, die ebenfalls aus dem Rheinland stammt. „Wir inspirieren uns gegenseitig, lernen voneinander. Trotzdem verdrehen wir uns nicht, bleiben, wie wir sind.“ ergänzt Suse Stock. Weil das gut klappt, gibt es auch eine gemeinsame Kollektion.

Immer auf der Suche nach dem besonderen Stoff

Handgemacht und einzigartig: Frauenmode in der Montagehalle

Was beide Frauen besonders verbindet, ist die Liebe zum „Rohstoff“ ihres Schaffens. Oft begeben sie sich gemeinsam auf die Suche, nach den besonderen Stoffen, nach den kleinen, aber feinen Chargen. Und als logische Konsequenz verarbeiten sie die sorgfältig gewählten Textilien auch auf ganz besondere Weise. So werden zum Beispiel Webkanten als optisches Stilmittel in Szene gesetzt oder aus Probedrucken vom Anfang eines Stoffballens entstehen T-Shirts mit klaren graphischen Mustern.

Auf die Frage, wie handgemachte Mode sogar im Wedding funktioniert und wie es dazu gekommen ist, antwortet Annette Haußknecht: „Wir sind bewusst im Wedding, auch, um den Ort aufzuwerten. Wir wohnen hier, daher arbeiten wir auch hier.“ Die beiden Modemacherinnen wissen, dass ihr Geschäft einzigartig im Wedding ist. „Anfangs war ich schockiert, wenn die Leute nicht an uns glaubten. Wenn sie hier hereinkamen und uns ihre Zweifel mit der teilweise rauen Berliner Art rüberbrachten“, erinnert sich Annette Haußknecht.  Inzwischen ist es anders:  man ist bekannt, man wird erkannt.

Hochwertig und einzigartig

Von außen präsentiert sich die Montagehalle Berlin sehr exklusiv, fast minimalistisch. Hochwertig sind die Sachen von Suse Stock und Annette Haußknecht gewiss, keineswegs jedoch teuer. Die beiden bieten maßgeschneiderte Frauenkleidung zu echten Weddinger Preisen. Änderungen sind (fast) immer machbar.

Es lohnt sich, einzukehren und zu stöbern. Herz und Zentrum der Montagehalle Berlin bildet ein großer Tisch; gleichzeitig Arbeitsplatz für zwei, manchmal Zwischenstopp für den Nachwuchs zwischen Schule und daheim, immer auch Beratungsort. Annette Haußknecht meint: „Ich bin absolut überzeugt von Suses Sachen und sie von meinen. Wir stecken so viel Herzblut in die Arbeit, dass wir uns freuen, wenn die Kunden gezielt zu uns kommen.“

Autorin: Birgit Wahle

Montagehalle Berlin

Togostr. 79a
13351 Berlin

Tel. 030/81 70 55 12
info(at)montagehalle-berlin.de

Aktuelle Öffnungszeiten: Mo und Mi 15-18, Di und Do 9-12 Uhr
und immer wenn die weiße Fahne draußen hängt