Schlagwörter: Robert Rescue

Kleopatra wohnt nicht am Leo

Apotheke Lesebühnenautor Robert Rescue muss manchmal eingreifen. Den ein oder anderen unbedachten sprachlichen Fauxpas kann er nicht unkommentiert stehenlassen. Vor allem weil er sich schon in jungen Jahren mit Pharaonen beschäftigt hat und darüber hinaus auch gelegentlich eine Apotheke besucht … Weiterlesen

Das Jahr aus Sicht der Brauseboys 

Jede Woche sind die Brauseboys mit ihren Texten am Puls der Zeit. Das verschafft Überblick, über das Jahr, über die Welt und den Wedding. Exklusiv für den Weddingweiser hier der traditionelle Wedding-Rückblick der Lesebühne. Wie war das Jahr im Kiez? Was bleibt? Ein paar persönliche Eindrücke aus 2016: Weiterlesen

Politwochen

Klaus Lederer (Die Linke) und Volker Surmann bei den Politwochen der Brauseboys. Foto Andrei Schnell.
Klaus Lederer (Die Linke) und Volker Surmann bei den Politwochen der Brauseboys. Foto Andrei Schnell.

Für die Brauseboys ist es die dritte Wahl, bei der sie Politwochen auf der Lesebühne veranstalten. Und auch ihr erster Gast in diesem Jahr, Klaus Lederer (Linke), stand schon einmal im La Luz auf der Bühne. Unterhaltung und Politik bringen die Politwochen zusammen. Oder stellen zumindest beides nebeneinander. Beim Auftakt der diesjährigen Reihe am 25. August hat sich das Publikum amüsiert, Klaus Lederer war schlagfertig und es gab Neuigkeiten zu erfahren.

Weiterlesen

Kulturexpedition unverblümt, Klappe die 10.!

(c) Turmverein
(c) Turmverein

Man muss die Feste feiern wie sie fallen und wenn sie fallen dann feste feiern. Die unverblümt-Kulturexpedition feiert ein rundes Jubiläum. Zum nunmehr zehnten Mal lief das spannende Projekt rund um das Quartier Pankstraße über die Bühne – im wahrsten Sinne des Wortes. Gewohnt ungewöhnlich geht es am Donnerstag, den 18. August 2016 ab 18:00Uhr los. Dieses Mal unter anderem mit dem Brausejungen-Original Robert Rescue, Lyrikeinlagen von Studio Coolio im Baumhaus, einer Swing-Tanzeinlage vor’m Kugelblitz sowie den tollen Menschen hinter dem Projekt „Flüchtlinge willkommen“. Sorry Gilberto und Yatao sind ebenfalls mit von der Partie und werden sicherlich auch die eine oder andere Kerze auf eurem Kuchen spektakulär ausblasen.

Weiterlesen

Walla Walla

Gastbeitrag von Robert Rescue

In meinen Augen ist er der imposanteste der Gestalten, die auf der Müllerstraße und den Nebenstraßen ihr Dasein fristen. Außenseiter der ach so „normalen“ Gesellschaft, die durch ihr komisches Verhalten für Verwunderung, Ärger, mitunter auch Wut sorgen und denen man am besten aus dem Weg geht.

Natürlich meine ich nicht die ältere Frau in der Bankfiliale in der Müllerstraße, die ihrem Mann und den anderen Kunden mit einer Lupe in der Hand den frisch aus dem Automat gezogenen Kontoauszug vorliest und für jede Buchung einen Kommentar übrig hat wie „Die Zahlung an Vattenfall hätte ich erst für Mitte des Monats gedacht“ oder „Ich glaube, die Abzahlung für den Geschirrspüler wäre schon letzten Monat erledigt gewesen“. Ihr Mann sitzt auf dem Fensterbrett und schweigt und wenn man sich ihn genauer ansieht, kommt man auf den Gedanken, dass er schon lange nichts mehr gesagt hat. Die Rede ist auch nicht von dem Mann, der im Aldi auf der Müllerstraße eine Flasche Whiskey und einen Sechserpack kleine Wasserflaschen kauft und dann eine geschlagene halbe Stunde dasteht und den Kassenzettel kontrolliert und sich fragt, warum er für zwei Artikel 22,50 € hat zahlen müssen. Gemeint sind auch nicht die unzähligen anderen Kassenbonkontrollierer, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, den Einkauf Produkt für Produkt zu kontrollieren, weil sie dachten, niemals diese Summe für diesen Einkauf bezahlen zu müssen und jetzt perplex dastehen, weil sie ihn doch haben zahlen müssen. Ich meine auch nicht den vor sich hin schwadronierenden Verrückten, der vor einem Blumenladen auf der Müllerstraße steht und sich lautstark über die Ungerechtigkeit der Welt beklagt, während die migrantische Verkäuferin „Weiter, weiter“ ruft, damit aber nicht meint, er solle weiter seine haltlosen Äußerungen von sich geben, sondern ihn zum Weitergehen auffordert, damit er nicht die Kunden verschreckt.

Amsterdamer Ecke MüllerstrDer Catwalk von Walla Walla ist der Kiez rund um die Amsterdamer Straße. Diese läuft er auf und ab und schreit eins, zwei Sätze, die zumindest kein Deutscher versteht. Dann lacht er zweimal kehlig, was sich fürchterlich anhört und schließlich brüllt er „Walla Walla“. Nach einer Pause von fünf bis zehn Sekunden wiederholt sich das Ganze. Eiliges Weitergehen und ein irritiertes Kopfschütteln dürften die häufigsten Reaktionen auf eine Begegnung mit Walla Walla sein.
Gut möglich ist es aber auch, dass irgendwer, dem all die Verrückten des Wedding auf die Nerven gehen, auf den gedrungenen Mann mit Dreitagebart und kurzen, weißen Haaren eingeschlagen hat, doch das hält Walla Walla nicht auf. Täglich zieht er seine Bahnen durch die Straßen und hält die Leute auf Trab. Ich habe mich mit Leuten aus dem Kiez unterhalten und die meinen, Walla Walla leide unter dem Tourette-Syndrom. Einen Beweis kann niemand liefern, aber sein Verhalten und das, was jeder über das Tourette-Syndrom weiß, führen zu der versöhnlichen Ansicht, dass Walla Walla nicht nur verrückt, sondern auch krank ist. Da lässt es sich leichter mit seinem Schreien und Lachen umgehen. Weiter habe ich erfahren, dass er Türke sein soll und Jakob genannt wird. Er soll auch normal sprechen können und glücksspielabhängig sein, sagen die Leute. Auf meine Frage, warum Walla Walla Türke ist und Jakob heißt, ernte ich nur Schulterzucken oder die ebenso fadenscheinige Erklärung, er könne vielleicht auch Armenier sein. Türken sagen mir, dass er kein Türkisch schreit und Polen meinen, es sei kein Polnisch.

Es ist wie so oft, wenn man andere statt den eigentlichen fragt – alle wissen etwas und doch nichts. Deshalb weiß auch niemand, was Walla Walla da von sich gibt und vielleicht ist es das, was den Leuten Angst macht. Sind es krankheitsbedingte Beleidigungen? Redet er etwa mit einem Geistwesen? Mit Gott – und Gott antwortet etwas, das Walla Walla zum Lachen bringt?

Foto: D_Kori
Foto: D_Kori

Ich bin ihm schon oft begegnet und meist so, wie oben beschrieben. Von den meisten Begegnungen war ich genervt und habe die Straßenseite gewechselt, wenn ich ihn von weitem sehen und hören konnte. Einmal stand er in einem Hauseingang und hat so schlimm gewütet wie nie zuvor. Ich glaube, er war in der ganzen Amsterdamer Straße zu hören. Ich bin auf der anderen Straßenseite an ihm vorbeigegangen und habe mir tatsächlich die Ohren zugehalten. Seit ich erfahren habe, dass er am Tourette-Syndrom leiden soll, hat sich mein Verhältnis zu ihm verändert. Ich habe Mitleid mit ihm. Wenn ich ihn heute treffe, denke ich darüber nach, wie die Leute im Haus mit ihm umgehen, ob er überhaupt einen Haushalt führen kann und zuletzt frage ich mich, ob nicht eine psychiatrische Rundumbetreuung für ihn besser wäre. Einmal aber traf ich ihn ruhig an und ich habe ihn im ersten Moment auch nicht erkannt. Er blieb vor mir stehen und hielt mir eine Hand hin, in der Cent Münzen lagen. Mit der anderen Hand deutete er eine Zigarette an. Er brüllte mich nicht an, aber er sagte auch nichts.

Er wiederholte die Handbewegung mit der Zigarette und lächelte jetzt sogar. Zögerlich holte ich meinen Tabak aus der Tasche, drehte ihm eine Zigarette und gab sie ihm, ohne das Geld zu nehmen. Er ging weiter und ich sah ihm hinterher. Er blieb kurz stehen, zündete sich die Zigarette an, zog einen kräftigen Zug und als in diesem Moment zwei Leute um eine Ecke bogen, fing er wieder mit seinem Gekreische und Gelächter an, wie es alle von ihm kannten. Die zwei Leute gingen hastig an ihm vorbei, während ich weiter Walla Walla beobachtete und mich fragte, ob das nicht alles ein Spiel war.

Straßenbahn auf der SeestraßeEinmal machte Walla Walla einen Ausflug und ich hatte die zweifelhafte Ehre, ihn dabei ein Stück begleiten zu dürfen. Ich musste zur Tramstation Seestraße und war überrascht, ihn dort anzutreffen. Er saß auf der Bank und machte auf sich aufmerksam. Dreißig Leute im Wartebereich mussten in dem Moment dasselbe gedacht haben: „Hoffentlich steigt er nicht in die Bahn ein.“ Doch die Hoffnung erfüllte Walla Walla ihnen nicht. Er brachte den Wagen emotional zum Kochen. Kinder fingen zu weinen an und ein paar Halbstarke riefen ihm zu: „Halt die Klappe, sonst gibt es was auf die Fresse!“ Daraufhin steigerte sich Walla Walla in seiner Wut, gerade so, als hätte er genau verstanden, was ihm angedroht worden sei und als wolle er genau das auch erreichen. An der Station Osram-Höfe, die von der Station Seestraße gefühlte 600 Meter entfernt lag, stieg er wieder aus und alle in der Tram waren erleichtert. Er setzte sich wieder auf eine Wartebank, holte eine halbgerauchte Zigarette hervor, zündete sie an und brüllte wieder seine eins, zwei Sätze und lachte zweimal kehlig. Während sich die Türen schlossen, begann er wieder von vorne.

Vor kurzem verließ ich an einem Sonntagmittag die Wohnung meiner Freundin in der Malplaquetstraße und trat den Heimweg zur Seestraße an. Ich hörte Walla Walla schon von weitem, doch er befand sich auf der anderen Straßenseite. An der Ecke Utrechter/Malplaquet blieb er vor einem Spätkauf stehen. Kurz überlegte er, was er tun sollte, bevor er den Laden betrat. Ich ging weiter und dachte nach. Würde Walla Walla jetzt seine Tirade loslassen und vom Besitzer rausgeschmissen werden? Oder würde er seelenruhig zum Tresen gehen und sagen: „Eine Schachtel Gauloises, einen Tagesspiegel und drei Schrippen, BITTE!“ – Ich konnte es mir vorstellen, ernsthaft vorstellen.

Mehr von Robert Rescue hören oder lesen? Unser Gastautor Robert Rescue ist Mitglied der Weddinger Lesebühne Die Brauseboys. Seine neueste Geschichtensammlung mit dem Titel „Eimerduschen – Ein Opfer packt aus“ ist im Jahr 2012 erschienen. Infos: http://www.periplaneta.com

Schleichende Missionierung

Gastbeitrag von Robert Rescue

Kreuz der NazarethkircheLange habe ich nichts mehr über die dubiose Christengemeinde geschrieben, die sich samt Café im Vorderhaus der Seestraße niedergelassen hat. Das könnte bedeuten, dass aus ihnen nichts geworden ist, dass sie das Ladengeschäft aufgegeben haben, aber das Gegenteil ist der Fall, die haben sich gemacht. Zwar verschenken sie keinen Rhabarberkuchen mehr und sprechen keine Passanten an, um sie für ihren Glauben zu gewinnen, dafür haben sie sich zum nachmittäglichen Kiez-Café gewandelt, dass mit dem, wie ich zugeben muss, gelungenen Werbespruch „Coffee to pray“ wirbt. Auch der Name des Ladens, „Café Mandelzweig“, hebt sich wohltuend und fast schon poetisch von all den Internet-Buden und Spielcasinos in der Umgebung ab, die so Namen tragen wie „Rosa Café Nr. 3“, „Sunshine Café“, „Café Eiffel“ oder „Goldener Dreieck“. Tagsüber ist dort auch recht viel Publikum, bevor das Café abends schließt oder der Gottesdienst beginnt. Ob die nachmittäglichen Besucher was mit der Glaubensgemeinschaft zu tun haben, weiß ich nicht, aber es fällt auf, dass sie Stammgäste sind, die einen gepflegten und engagierten Eindruck machen. Das kann man vom nebenan gelegenen „Café Stettin“ nicht behaupten. Die Personen, die dort rumgammeln, sind vom Glauben abgefallen und frönen dem Götzendienst in Form von Eurosport und Geldspielautomaten.

Einen besonders engagierten Eindruck macht der Wirt des „Café Mandelzweig“, wenn man ihn so nennen kann. Den ganzen Tag ist er vor Ort und an Tagen, wo dort abends nichts stattfindet, sitzt er drinnen an einem Tisch oder draußen vor dem Laden, während die Jalousien halb heruntergelassen sind. Es wirkt so, als bewache er das Geschäft oder aber er hat eine so innige Beziehung zu dem Ort aufgebaut, dass er ihn als Heimat betrachtet. Auf jeden Fall wirkt er so, als habe er mit dem Job seine Erfüllung gefunden. Ungläubiges Staunen dagegen erfüllt mich und sicherlich auch andere aus dem Haus und dem Kiez, wenn die Gemeinde am Mittwochabend ihren Gottesdienst feiert. Wenn ich das Haus verlasse, bleibe ich immer am Laden stehen und schaue durch die Fenster. Der Laden ist rappelvoll, junge wie alte Leute, die lauthals von einer Leinwand Liedtexte absingen, die ein älterer Herr, der mit einem Laptop an einem der Fenster sitzend, mit einem Beamer an die Leinwand wirft. Es hat was von einer Karaoke-Party, einer fröhlichen Karaoke-Party. Sie stehen da, recken entrückt die Arme in die Luft oder umarmen sich und tanzen.

Manchmal sehe ich auch zwei, drei von ihnen, die ihre Hände über dem Kopf von einem halten, so als würden sie ihn heilen wollen. Anfangs habe ich mir die Nase am Fenster plattgedrückt und mich gefragt, ob die Drogen nehmen, bevor sie mit dem Beten anfangen. Inzwischen stehe ich da und denke mir: „Was haben die, was ich nicht habe?“ Die Antwort darauf kann ich mir geben, wenn ich meine Wohnung betrete. Eine niederdrückende Stille erwartet mich dort, keine andere Menschenseele außer meiner verlorenen haust dort, kein Gebet, kein Tanz, keine Entrückung, keine Hoffnung. Jedes Mal, wenn ich meine Wohnung betrete, ertappe ich mich bei dem Gedanken, hinuntergehen zu wollen und zu fragen, ob ich mitmachen kann. Doch ich lasse es dann immer bleiben und wenn ich das nächste Mal Mittwochabend meine Wohnung betrete, wiederholt sich der Gedanke. Es ist ein Teufelskreis. Sie wollen uns im Haus missionieren und greifen zu jedem Mittel, so glaube ich es inzwischen.

Vor kurzem traf ich Tarik, der vor den Christen dort gut indisch gekocht hatte, im Hausflur wieder. Eines Tages hatte er den Laden zugemacht und war unter merkwürdigen Umständen in den Prenzlauer Berg verschwunden. Nun aber verkündete er mir, dass er künftig von Donnerstag bis Samstag dort wieder kochen werde. Das erfüllte mich mit Freude, aber ein gewisses Misstrauen blieb. Machten die Christen mit Tarik jetzt gemeinsame Sache? Um seine Kochkünste genießen zu können, musste man den Christenladen betreten. Würde man dann überhaupt wieder rauskommen? Reichte es auch, das Essen telefonisch zu bestellen und dann eilig abzuholen oder konnte man mit ihm, der alten Zeiten wegen, vereinbaren, dass er einem das Essen hochbrachte? Auf jeden Fall vermutete ich da eine List der Christengemeinde. Tarik war früher ein wesentlicher Teil unserer Lebensqualität gewesen und seit er weg ist, ernähren wir uns von Pizza-Max oder von Currywurst von der Mittelpromenade und diese Speisen schlagen irgendwann aufs Gemüt.

TurmspitzeVor ein paar Tagen habe ich mal wieder Internetrecherche betrieben. Die Website des christlich gemeinnützigen Vereins „Neues Leben in Christus“ hatte ich schon vor zwei Jahren gespeichert, aber dort hatte sich, vermeintlich, lange nichts getan. Eine weiße Seite mit einem „Herzlichen willkommen auf der Website“, darunter drei bunte Grafiken, ein Bibelzitat und dann die Adressdaten. Erst jetzt habe ich gemerkt, dass der Satz „Wir freuen uns auf ihren Besuch!“ verlinkt ist und dann zur eigentlichen Startseite führt. Besonders benutzerfreundlich ist das nicht und vermutlich steckt dahinter auch eine Absicht. Nur wer eine reine Seele hat und Gott in sein Herz einlässt, kommt dahinter oder jemand wie ich, der wahllos auf einer Website rumklickt.

Im Menü „Events“ lese ich im dort verlinkten Google-Kalender, dass sie dienstags um 15:30 Uhr ihrem missionarischen Eifer in Form des „LEO-Outreach“ nachgehen. Die Beschreibung des Events liest sich so: „Streetwork am Leopoldplatz. Ein Team von 2-6 Leuten geht für ca. 2 Stunden mit Kaffee & Kuchen zur Drogenszene am Leo und bringt ein Stück Wärme, Liebe und die gute Nachricht in Tat und Wort zu den Drogenabhängigen.“ Aha. Die Christengemeinde weiß hoffentlich, dass sie sich da ein hartes Pflaster ausgesucht hat. Ja, wissen sie, denn eine Stunde vorher treffen sie sich zum vorbereitenden Gebet im Laden. Der Termin steht für die nächsten Monate im Kalender und lässt sich zurückverfolgen bis zum Mai 2010. Karl der Große brauchte etwa 32 Jahre, um die heidnischen Sachsen zu missionieren und es ist gut möglich, dass die Christengemeinde ebenso lange brauchen wird, bis sie den Leopoldplatz genommen hat. Dass sie ihre missionarische Arbeit nur mit viel Kraft überstehen können, beweist auch der Event „Glaubenstankstelle“, der jeden 4. Samstag von 11- 18 Uhr stattfindet. Dort wird, unterbrochen von zwei Kaffeepausen und einem Mittagessen, gebetet, was das Zeug hält und das bei uns im Haus. Aber ich sollte das nicht kritisieren, denn schließlich stören sie niemanden damit.

Demnächst will ich mal bei Tarik vorbeischauen. Die letzten Wochen habe ich immer mal geschaut, habe aber keinen von den Christen sehen können. Wahrscheinlich beteiligt er sich an den Mietkosten und will dafür keinen von denen da haben, wenn er kocht. Vielleicht gehe ich auch mal mittwochs runter und reihe mich ein in den Reigen der Betenden. Das Leben im Wedding ist hart und ein wenig Entrückung könnte mir gut tun.

Unser Gastautor Robert Rescue ist Mitglied der Weddinger Lesebühne Die Brauseboys. Seine neueste Geschichtensammlung mit dem Titel „Eimerduschen – Ein Opfer packt aus“ ist im Jahr 2012 erschienen. Infos: http://www.periplaneta.com

Der Fall der Mauer

Gastbeitrag von Robert Rescue

Einleitung: Zwei Männer (Percy und Kalle) stehen auf einem Balkon des Vorderhauses und blicken auf einen Hinterhof herunter.

Percy: „Heute ist ein denkwürdiger Tag.“
Kalle: „Ach ja? Was ist denn passiert? Haben sie dir das Hartz IV erhöht? Hast du bei Facebook bei irgendeinem dieser komischen Spiele den Superrekord geholt?“
Percy: „Nein, nein, nichts von alledem. Heute jährt sich zum dreiundzwanzigsten Mal der Fall der Mauer.“
Kalle: „Ach ja, die Mauer, die hatte ich ganz vergessen. Wenn sie da ist, denkt man die ganze Zeit an sie und wenn sie weg ist, vergisst man sie ganz schnell.“
Percy: „Genau. Deswegen habe ich diesen Tag jedes Jahr im Kalender vermerkt. So, und jetzt einen Futschi für dich und einen für mich. Prost!“
Kalle: „Prost. Erinnerst du dich eigentlich noch an damals?“
Percy: „Selbstverständlich. Was war die doch so ein Hindernis jeden Tag. Wie im Gefängnis kam man sich vor. Vor allem erinnere ich mich daran, wie schnell die hochgezogen wurde. Als ich ins Bett gegangen bin, war die noch nicht da und am nächsten Morgen stand die schon.“
Kalle: „Ich habe ja nie verstanden, warum die gebaut wurde.“
Percy: „Schabowski hat ja immer erzählt, dass die nicht auf seinem Mist gewachsen ist. Wenn du ihn darauf ansprichst, sagt er als erstes, dass er damit nichts zu tun hat.“

Kalle: „Aber immerhin hat er dafür gesorgt, dass sie abgerissen wurde.“

Percy: „Das erzählt er dann gleich danach. „Ohne mich würde die immer noch stehen“ und das wiederholt er seit 23 Jahren.“
Kalle: „Die jungen Leute wissen ja gar nichts von der Mauer. Die ist für die doch Schnee von gestern. Die wissen nicht, was uns die Mauer für Schwierigkeiten aufgehalst hat. Die waren doch noch gar nicht geboren, als die abgerissen wurde.“
Percy: „Ich glaube, die wissen das. Schabowski wird immer ganz melancholisch, wenn er morgens besoffen aus der Flitter Bar kommt. Der hat im Laufe der Zeit jedem von den jungen von der Mauer erzählt und die Neumieter denken dann, er meint die andere Mauer, die auch vor dreiundzwanzig Jahren abgerissen wurde und weiter denken die, Schabowski wäre der andere Schabowski, also der aus der DDR, dabei hat Schabowski, also unser Schabowski meines Wissens den Wedding noch nie verlassen.“
Kalle: „Auf jeden Fall war es ein toller Moment, als wir damals endlich wieder Zugang zum Hof von der 39 hatten. Da habe ich ja Christel kennengelernt, die dann zu mir in die 40 gezogen ist. Ich erinnere mich noch genau. Es war kalt und sie wollte ihr Fahrrad reparieren. Ich habe ihr dabei geholfen und mich in sie verliebt.“
Percy: „Und ich hatte endlich wieder Zugang zu meinem Kohlenkeller. Vier Jahre habe ich die hier in der Wohnung gelagert, weil unten in der 40 kein Keller für mich frei war. Ich bin doch vier Wochen vor der Mauer von der 39 in die 40 gezogen und hatte idiotischerweise den Haustürschlüssel abgegeben. Ich hätte mich besser mit den Nachbarn stellen sollen, weil keiner von denen hat mir aufgemacht, als ich geklingelt und erklärt habe, ich wolle noch meine Kohlen aus dem Keller holen. Als Schabowski dann eines Morgens besoffen im Hof stand und mit der schweren Bauaxt die Mauer eingerissen hat, bin ich kurz darauf in den Keller von der 39 gegangen, aber da hing ein neues Schloss und meine Kohlen waren weg. Schabowski meinte, der Besitzer von der 39 sei gestorben und er würde jetzt den alten Zustand wiederher …“
Kalle: „… Percy, ich habe da mal ne Frage …also…kann sein, dass ich da was nicht mitbekommen habe…scheint auch so und das ist mir auch irgendwie peinlich, aber…welche andere Mauer meinst du eigentlich?“

Unser Gastautor Robert Rescue ist Mitglied der Weddinger Lesebühne Die Brauseboys. Seine neueste Geschichtensammlung mit dem Titel „Eimerduschen – Ein Opfer packt aus“ ist im September erschienen. Infos: http://www.periplaneta.com