Schlagwörter: Prenzlauer Berg

Bahnhöfe im Wedding: Bornholmer Straße

S Bhf Bornholmer S-BahnEin eigenartiges Schauspiel unter der Bösebrücke. Zwei rot-gelbe S-Bahnen fahren nebeneinander, nur für ein paar Sekunden, so dicht, dass sich die Fahrgäste zuwinken könnten, doch trennt eine Betonmauer sie voneinander. Alle anderthalb Minuten wird bei der einen Bahn die Türschließung betätigt, und etwas zu schnell für die enge Kurve fährt sie auch. Die andere hingegen fährt am Bahnsteig ohne Halt vorbei. Die Züge nehmen unterschiedliche Richtungen, eine verschwindet im Ostteil, die andere im Westteil Berlins. Die Episode zeigt: unter all den Absurditäten, die die Teilung der Stadt ab 1961 mit sich brachte, nahm der Bahnhof Bornholmer Straße eine herausragende Stellung ein.
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Jülicher Straße: Die Um-Leid-ung

Anwohnerprotester Bösebrücke (C) BürgerinitiativeEinige Straßen in Gesundbrunnen und Prenzlauer Berg verändern sich. Ihr Kopfsteinpflaster sind sie schon los, ab Juni wird es auch noch laut. Dann wird an der Bösebrücke an der Bornholmer Straße gebaut, der Verkehr durch Wohngebiete umgeleitet. Anwohner fordern jetzt vehement ein Mitspracherecht bei der Planung.

Im Juni 2015 beginnen an der Bösebrücke an der Bornholmer Straße umfassende Sanierungsarbeiten. Dafür wird die „Bornholmer Brücke“ zwei Jahre lang für Autos nur noch von Ost nach West passierbar sein. Die täglich rund 10.000 Fahrer, die aus der anderen Richtung kommen, sollen eine Umleitung über die Jülicher, Behm- und Malmöer Straße nutzen. Vor allem auf der Prenzl’berger Seite der Brücke regt sich dagegen Protest.

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Wedding-Jahresrückblick Februar 2014: Lästergold

Alle zwei Tage öffnet sich hier im Weddingweiser ein satirisch-literarisches Monatstürchen in das vergangene Jahr mit der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Alle Texte werden nach Erscheinen auf der Seite „Weddingrückblick“ gesammelt.

FEBRUAR 2014 

Lästergold – Olympia im Wedding (von Frank Sorge)

Wenn schon die Zuschauerränge in Sotschi leerbleiben, sind ja vielleicht auch Quotenplätze vor dem Fernseher frei. Dann kann ich den ja mal einschalten, bevor das gar keiner guckt.
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Der Wedding-Jahresrückblick der Brauseboys: Januar 2014

Ab dem 8.12. öffnet sich hier im Weddingweiser alle zwei Tage ein satirisch-literarisches Monatstürchen in das vergangene Jahr mit der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Alle Texte werden nach Erscheinen auf der Seite „Weddingrückblick“ gesammelt.

JANUAR 2014 

Zuwanderung & Abspaltung (von Volker Surmann)

Die Nachrichten überschlagen sich: In Kiew erreichen die Maidan-Proteste neue Höhepunkte, prorussische Separatisten wollen die Krim abspalten und eine eigene Republik gründen, in Deutschland tobt die Zuwanderungsdebatte. Der folgende Dialog versucht, diese Konflikte, nun ja, zu illustrieren: Weiterlesen

Im Wedding prallen Welten aufeinander

Was macht den Wedding so reizvoll? Die Einen finden den Wedding im Grunde total vorhersehbar, ungefähr so wie den ältesten Freund aus Grundschulzeiten. Wer diesen Teil der Stadt mit dieser Einstellung durchquert, wird seine Erwartungshaltung schnell bestätigt sehen. Die Anderen hingegen entdecken ständig etwas Neues, vollkommen Unerwartetes in den Straßen und Parks des Wedding…

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Gentrifizierung: Auf Spurensuche im Wedding

Das Stadtführungsprojekt “Nächste Ausfahrt Wedding“ startet am 3. Mai mit einer Spurensuche in seine achte Saison. Ausfahrt-Spezialisten Lothar Gröschel und Tanja Kapp haben ihr Projekt seit 2007 zum nachbarschaftlichen Reisebüro für Erkundungen im Brunnenviertel und im Wedding etabliert. Gleich hinter dem Gleimtunnel, wo ein kleines blaues Schildchen mit der Aufschrift „Rein“ Besucher ins Brunnenviertel bittet, beginnen ihre Reisen in den Wedding. Weiterlesen

Wer gründete die Gleim-Oase?

(C)  www.gleim-oase.de
(C) www.gleim-oase.de

Bürgerwissen über den Ursprung einer Verkehrsinsel gesucht! Im Wedding/Gesundbrunnen gibt es seit 1985 eine besondere Verkehrsinsel. Sie ist mit ihren schätzungsweise 530 qm nicht nur besonders groß (gar die größte?), und mit ihren Bäumchen nicht nur die grünste, sondern sehr wahrscheinlich auch eine der geheimnisvollsten. Die beiden Paten Dunja Berndt und Holger Eckert fragen sich, durch welche Umstände es überhaupt zum Bau der Verkehrsinsel Gleim-Oase kam…

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Weddingwoche #15: Willkommen Schwabe

Die Weddingwoche ist eine wöchentliche Kolumne über aktuelle Ereignisse in unserem Stadtteil. Diese erscheint auch samstags im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding.

Schwaben verpisst euch
Ein Bauwagen im Wedding, der zuvor bestimmt im Prenzlauer Berg geparkt war

Ups, ist das tatsächlich der Titel der Kolumne? Ich bin nämlich gar kein Schwabe, sondern Badener. Der Unterschied zwischen Badenern und Schwaben wird in Berlin meist ignoriert, denn immerhin teilen sie sich ein Bundesländle, und wenn sie den Mund aufmachen, sind sie für ungeschulte Ohren kaum zu unterscheiden. Hier gelte ich also als Schwabe und damit als Mitglied der Bevölkerungsgruppe, die im dringenden Verdacht steht, den Prenzlauer Berg im Milchkaffee ertränkt zu haben. Weil man im Wedding inzwischen alarmiert ist, höre ich hier immer öfter Sätze wie „zum Glück sind die Schwaben noch nicht hier“. Mir ist natürlich klar, dass „der Schwabe“ in solchen Äußerungen nur eine Variable für Zugezogene ist, die den Wohnraum verteuern und Berlin am liebsten zu der Provinz machen möchten, der sie selbst entflohen sind. Oder sind doch die Schwaben damit gemeint? Immerhin ist der Schwabe als Fremder im Kiez gut erkennbar (Dialekt, Milchkaffee) und ähnlich wie der Hipster (Jutebeutel, hippe Klamotten) bestens geeignet, um die Sorge um bezahlbaren Wohnraum auf ihn zu projizieren. Ob es letzteren auch künftig im Wedding geben wird, bestimmen weniger die Schwaben und Hipster, sondern vor allem die Miet- und Wohnungspolitik, die viel zu lange stiefmütterlich behandelt wurde. Und ob der Wedding seinen offenen, toleranten Charakter behalten wird, bestimmen am Ende wir Weddinger. Spätestens wenn hier tatsächlich die ersten „Schwaben raus“-Graffiti auftauchen, läuft irgendetwas schief. So wie drüben im Prenzelberg, gell Wedding?

„Berliner Macht“: Mörderjagd im Wedding

Da heißt es immer, der Wedding sei kriminell. In diesem Fall wird aber zunächst einmal nur die verweste Leiche im Wedding, genauer gesagt in Gesundbrunnen, gefunden….

Ullrich Wegerich
Der Autor Ullrich Wegerich

Manchmal stellt sich dieses Gefühl beim „Tatort“-Schauen ein: man kennt vielleicht den Schauplatz, der da in Szene gesetzt wird. Weil man den Stadtplan im Kopf hat, ärgert man sich aber viel mehr über unrealistische Regie-Kniffe oder unlogische Handlungsstränge als über den Fall selbst. Das, so denkt man, würde einem bei diesem Krimi, der im Wedding spielt, ganz genauso passieren. Aber der Roman stellt in jeder Hinsicht eine positive Überraschung dar.

Das (erste) Opfer in „Berliner Macht“ ist ein Hartz IV-Empfänger aus einer armen Gegend, die dafür den umso klangvolleren Namen Gesundbrunnen trägt. Auch wer die Stadt nicht kennt, steigt schnell in die Milieus des neuen Berlin ein, wenn er das Buch „Berliner Macht“ von Ullrich Wegerich liest. Die Ermittlungen führen den Kripo-Kommissar Mannheim und seine Kollegin in Lebenswelten, die hart voneinander abgegrenzt sind: der arme Wedding, der neureiche Prenzlauer Berg und die politische Szene der Bundeshauptstadt. Alle Figuren sind sorgsam ausgearbeitet, die Umfelder der Protagonisten sehr genau in Szene gesetzt. „Ich stelle mir für jede Romanfigur immer eine Person vor, die ich kenne, und dichte etwas hinzu“, beschreibt der Autor den Entstehungsprozess. So habe auch die junge polnische Kindergärtnerin aus dem Roman ein reales Vorbild – Ullrich Wegerichs Nachbarin in Charlottenburg. Und auch mit dem Kommissar hat der 57-Jährige etwas gemeinsam – die Herkunft aus Mainz am Rhein und den Wohnort in Charlottenburg.

„Ich kenne das Umfeld der Justiz- und Polizeibeamten aus meiner eigenen Biographie heraus sehr gut“, erklärt Ullrich Wegerich. Wie es in deutschen Amtsstuben abgeht, aufgezeigt am Beispiel der unklaren Hierarchien und wechselnden Befindlichkeiten hinter den Mauern der Berliner Polizeibehörden, wird im Roman derart präzise beschrieben, dass es der Leser dem Autor sofort abkauft. Das ist kein Wunder, denn die Milieubeschreibungen lassen durchschimmern, dass der Autor studierter Soziologe ist. Und auch seine Ortskenntnis beruht auf eigener Erfahrung: Anfang der 1980er Jahre hat Ullrich Wegerich im Moabiter Stephankiez gewohnt und hatte damals viele Bekannte, die im Wedding lebten. Noch heute findet er den Wedding mit seinen vielen Spannungsfeldern „einfach klasse“, gerade weil er räumlich so nah an Gebieten liegt, die von völlig anderen sozialen Schichten geprägt sind.

Um das Reizthema Gentrifizierung geht es natürlich auch. Denn die Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft am Gesundbrunnen sollen an einen ausländischen Investor verkauft werden, der alles modernisieren und anschließend teuer vermieten will: „Die Leute, die hier wohnen, sind alle arm“, heißt es im Roman. „Die können keine hohen Mieten zahlen, das Jobcenter macht das nicht mit.“ Das ist alles nichts Neues – jedenfalls für uns im Wedding. Aber schon in anderen Berliner Stadtteilen oder gar im wohlhabenden Westen unseres Landes verhält sich das ganz anders. Da kommt Ullrich Wegerichs Krimi genau richtig: Er verpackt die sozialen Veränderungen, die sich in unseren Kiezen abspielen, in eine spannende Krimihandlung, um sie so auch jenseits der Grenzen des Weddings bekannt und verständlich machen zu können.

Wie die Roman-Kommissare schnell feststellen, unterscheiden sich die Träume und Hoffnungen des Opfers so sehr von der Realität wie – sagen wir – Karl-May-Bücher vom heutigen Amerika. Dieser Vergleich ist sogar gar nicht weit hergeholt, denn schließlich ist Ullrich Wegerich in seinem Hauptberuf Autor zahlreicher Western-Groschenromane…. Mit seinen Kommissar Mannheim-Krimis (es gibt noch einen Charlottenburg-Krimi und bald auch einen aus „Kreuzkölln“) zeigt Ullrich Wegerich jedoch, dass die sozialen Missstände in dieser Stadt mehr Stoff hergeben als Trivialliteratur vom Zeitungskiosk. Man kann daraus gute Krimis stricken.

„Berliner Macht“ bei Königshausen und Neumann

bei Amazon

Mein Wedding: „…ist gar nicht so übel“

„Und wo wohnst du so?“ wird man ja des öfteren mal gefragt. Ich sage dann: „Ick wohne im Wedding.“ Die Palette der Reaktionen reicht von mitleidigem Blick à la Mensch-wirf-doch-dein-Leben-nicht-so-weg über „Haste da keine Angst?“ bis hin zu einem simplen, aber doch nicht ganz wertfreien „Aha.“

Lichter der Müllerstraße (Foto: K. Hagendorf)
Lichter der Müllerstraße (Foto: K. Hagendorf)

Für mich sind diese Reaktionen nicht ganz nachzuvollziehen. Der Wedding ist nämlich gar nicht so übel wie alle immer denken. Sicher, wir sprechen hier von einem der sogenannten Problembezirke, und ich würde mich vermutlich nachts auch nicht länger als nötig an der Osloer Straße aufhalten. Aber es ist gibt hier auch schöne Ecken. Hier bei mir im Brüsseler Kiez fühle ich mich zum Beispiel nicht unsicherer als überall sonst in Berlin. Klar, beim Einzug wurden die mit Kindheitserinnerungen getränkten Legosteine meiner Mitbewohnerin geklaut, als sie 10 Minuten unbeobachtet waren. Auf der anderen Seite haben sich vor der alten Wohnung in Prenzlauer Berg Leute mit Messern attackiert. Spinner gibt es eben überall.

Nachts freue ich mich sogar regelrecht auf den Nachhauseweg von der U-Bahn. Ich lege einen kurzen Zwischenstopp am Späti in der Müllerstraße für eine Cola oder ein Bier ein. Damit spüle ich die Aussagen meiner Oma nach dem Motto „Ich hab‘ in den Nachrichten gehört, im Wedding ist dies und das passiert“ weg und schlendere dann gemütlich auf der nie leeren Straße nach Hause. Ich weiß nicht, an wie vielen Casinos und Wettbüros ich dabei vorbeiziehe. Ich glaube, allein von meinem Balkon aus könnte ich fünf davon sehen. Aber das hat alles so einen Hauch von bizarrem Las Vegas-Flair. Nur eben in kleinem Stil und mit mehr Hundehaufen auf dem Gehweg. Kurz vor meinem Hauseingang grüße ich dann höflich den Dönerverkäufer von nebenan. Man kennt sich schließlich schon. Ich denke dann immer bei mir, dass der Wedding so ist, wie ich mir Berlin immer vorgestellt habe, als ich noch in Brandenburg gelebt habe. Multikulti, lebendig, bunt und irgendwie ehrlich. Den Eindruck hatte auch meine Mutter, als sie mich hier das erste Mal besucht hat. Scheint also was dran zu sein. Muttis haben ja meistens recht.

Haus Ecke Seestraße / Afrikanische Str.
Haus Ecke Seestraße / Afrikanische Str.

Es ist außerdem nicht zu bestreiten, dass sich der Wedding entwickelt. „Der Wedding kommt“, pflege ich immer zu sagen. Und das ist schön zu beobachten. Kunstmärkte, Cafés, mehrere neue Studenten-WGs in meinem Haus und nicht zuletzt ein Bio-Markt im Sprengelkiez sind untrügerische Zeichen dafür, dass die sogenannte Gentrifizierung in vollem Gange ist. Ob das nur Vorteile hat, ist natürlich fragwürdig. Wer will schon ein zweites „hipsterbepacktes“ Prenzl’Berg?

Ich für meinen Teil kann nur hoffen, dass der Wedding sich noch lange seinen Charme erhält. Und immer wenn ich auf dem Weg in die wunderschönen Rehberge die Aufschrift „Ick steh uff Wedding, dit is meen Ding“ auf dem bunten Haus an der Seestraße/Ecke Afrikanische Straße sehe, kann ich nur zustimmen und denken: „Ick bin zu Hause“.

Autorin: Karolin Hagendorf

Mehr von Karolin demnächst hier oder auf ihrem Blog