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Bezirksreform ändert nichts am Bewusstsein:
Warum der Wedding auch 25 Jahre nach der Reform der Wedding bleibt

Vor 25 Jahren, am 1. Januar 2001, verschwand der Wedding als eigenständiger Berliner Bezirk von der Verwaltungskarte. Was heute oft nur noch eine formale Randnotiz ist, markiert einen tiefen Einschnitt in der Geschichte eines Stadtteils.

Die Geschichte des Wedding als Verwaltungseinheit reicht weit zurück. Am 1. Januar 1861 wurden die bis dahin zum Kreis Niederbarnim gehörenden Vorstädte Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin eingemeindet und galten als eigene Stadtteile. Damals lebten hier knapp 14.700 Menschen. Mit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 änderte sich die Struktur der Stadt grundlegend: Sechs Städte, 59 Landgemeinden und zahlreiche Gutsbezirke wurden mit der Stadt Berlin zu Groß-Berlin zusammengeschlossen und in 20 Verwaltungsbezirke gegliedert. Einer davon war der neu geschaffene Bezirk Wedding, der inzwischen die Einwohnerzahl einer Großstadt hatte und auch Teile der Rosenthaler Vorstadt zugesprochen bekam.

Am 16. April 1921 wurde Carl Leid, SPD-Abgeordneter des Preußischen Landtags, zum ersten Bezirksbürgermeister gewählt – er blieb eine Konstante in der politisch aufgeladenen Zeit. In seine Amtszeit fiel der Bau mehrerer prägender Siedlungen wie der Friedrich-Ebert-Siedlung, der Siedlung Schillerpark oder der Gartenstadt Atlantic. Auch der Volkspark Rehberge wurde maßgeblich in dieser Zeit angelegt; der Carl-Leid-Weg hoch zum Rathenaubrunnen erinnert dort bis heute an seinen Einsatz. 1933 wurde Leid vom NS-Regime aus dem Amt entfernt.

Ein sichtbares Symbol der Bezirksgeschichte ist das Rathaus Wedding. Errichtet zwischen 1928 und 1930 nach Plänen von Friedrich Hellwig, steht der Backsteinbau im Stil der Neuen Sachlichkeit für den funktionalen Geist der Weimarer Republik. Zuvor hatte der Wedding kein zentrales Verwaltungsgebäude: Die Behörden waren auf rund 25 Standorte verteilt, unter anderem im Ledigenheim an der Schönstedtstraße und im Jüdischen Krankenhaus. Erst mit dem Neubau an der Müllerstraße erhielt der Bezirk ein eigenes Verwaltungszentrum.

In den 1960er-Jahren folgte eine Erweiterung: Das zwölfgeschossige Hochhaus nach Entwürfen des bekannten Architekten Fritz Bornemann schuf zusätzlichen Raum, der aufgeständerte, verglaste BVV-Saal verband Alt- und Neubau architektonisch wie symbolisch.

1938 wurde der Bezirk durch eine berlinweite Reform der Bezirksgrenzen vergrößert. Teile von Charlottenburg und Pankow rund um die Wollankstraße kamen hinzu, die Bevölkerung wuchs um mehr als 11.000 Menschen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Wedding im französischen Sektor Berlins. Die Präsenz der französischen Garnison prägte den Norden Berlins über Jahrzehnte – vom Centre Culturel Français an der Müllerstraße bis zum Deutsch-Französischen Volksfest.

Foto: Birkemeyer

Erst 1955 erhielt der Bezirk ein eigenes Wappen: ein geflügelter Pfeil im roten Schild, abgeleitet vom historischen Adelsgeschlecht derer von Weddingen. Auch das Wappen gehört zur symbolischen Selbstständigkeit, die den Wedding über Jahrzehnte prägte.

Doch mit der Berliner Verwaltungsreform von 2001 endete diese Eigenständigkeit. Wedding ging gemeinsam mit Tiergarten und Alt-Mitte im neuen Bezirk Mitte auf. Ursprünglich war im 1997 diskutierten ersten Modell für den Bezirk Wedding eine Zusammenlegung mit dem Bezirk Prenzlauer Berg geplant. Doch die Weddinger Verantwortlichen wollten das nicht: Man befürchtete eine weitere Verschärfung der sozialen Probleme, da der Prenzlauer Berg damals als armer Stadtteil galt. Aus heutiger Sicht war das eine amüsante Fußnote der Geschichte.

Am Ende war Mitte der einzige neue Bezirk, der aus drei alten Bezirken entstanden war.

Fenstermosaik mit Weddinger Wappen

Was versprach man sich davon? Hauptargumente für die Reform waren Effizienzgewinne und Kosteneinsparungen. Die Zahl der 23 Bezirksbürgermeister, Stadträte und Bezirksverordneten wurde reduziert, Einsparungen in Millionenhöhe erwartet. In der Praxis erwies sich die Umstellung auf zwölf Bezirke als komplex. Die Umstrukturierungskosten fraßen die Einsparungseffekte auf. Personalengpässe und lange Übergangszeiten prägten die ersten Jahre. In Mitte existierten plötzlich drei Rathäuser, nur das Rathaus Tiergarten wurde Sitz der Bezirksleitung. Das Rathaus Wedding verlor schrittweise Funktionen: Das Standesamt wurde aufgegeben, später blieb vor allem der Altbau von 1930 in Nutzung. Heute sind dort unter anderem das Sozialamt und Teile der Bürgerdienste untergebracht. Das für Dienstleistungen zuständige Bürgeramt zog aber aus dem Rathaus in einen Anbau des Finanzamts Wedding an der Osloer Straße; das Jobcenter Mitte bezog 2015 den Rathausturm. Auch kulturell veränderte sich der Ort: Im früheren Saal der Weddinger Bezirksverordnetenversammlung fand von 2006 bis 2014 die Schiller-Bibliothek eine Zwischenunterkunft, bis sie einen Neubau erhielt.

Rathaus Tiergarten, davor die Markthalle
Rathaus Tiergarten, davor die Markthalle

Bis heute fällt es dem Bezirk Mitte schwer, als gemeinsame Identität wahrgenommen zu werden. Welcher Weddinger sagt schon: „Ich wohne in Mitte“? Mit rund 365.000 Einwohner:innen entspricht der Großbezirk einer mittelgroßen Großstadt. Berlin ist aber traditionell stark von überschaubaren Kiezen geprägt, mir denen sich die Bewohner:innen identifizieren können. Doch nicht einmal die Verkehrswegweiser im Stadtraum wurden umgestellt und verweisen weiterhin auf „Wedding“ – zum Beispiel in Moabit, Pankow oder im Tiergartentunnel. Wo der alte Bezirk beginnt, wurden sogar jüngst wieder neue Wedding-Schilder aufgestellt.

Ein weiterer Grund für die Beharrlichkeit der Bezirksidentität ist die lange Phase eigenständiger Bezirksgeschichte. Acht Jahrzehnte, davon viele Jahre durch die Mauer räumlich abgeschirmt, haben ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen – vom Plötzensee bis ins Brunnenviertel. Soziale und wirtschaftliche Unterschiede verstärken diese Abgrenzung nach außen bis heute. Während Alt-Mitte durch Regierungsinstitutionen, Tourismus und hohe Einkommen geprägt ist, zeigen sich im Wedding und Gesundbrunnen ärmere soziale Strukturen. Die Einkommensverteilung im Bezirk Mitte gehört zu den ungleichsten Berlins – vielleicht am krassesten symbolisiert durch die beiden Seiten der Bernauer Straße.

Der Wedding ist damit seit 25 Jahren kein eigenständiger Bezirk mehr – als Begriff, Orientierungspunkt und Identifikationsraum aber weiterhin präsent. Die offizielle Einteilung des alten Bezirks in zwei Ortsteile (Wedding und Gesundbrunnen) ist den meisten Menschen im Stadtteil schlichtweg gleichgültig. Die 80-jährige Geschichte des Bezirks Wedding wirkt im Stadtbild und im Selbstverständnis vieler Anwohnender eben bis heute nach.

Und immer, wenn das alte Wappen irgendwo als Aufkleber im Straßenbild auftaucht, geht einem richtigen Weddinger das Herz auf.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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