Unser Zuhause:
Adé Prenzlberg, hallo Wedding!

Aus einem langweilig werdenden Stadtteil in den Wedding

Wie der Wedding unser Zuhause wurde

Wenn man lan­ge an einem Ort lebt, emp­fin­det man die­sen irgend­wann ganz selbst­ver­ständ­lich als Hei­mat. Den Wed­ding kön­nen nur die weni­ge sei­ner Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner als Geburts­ort ange­ben, die­ser Stadt­teil ist schon immer ein Ort der Ein­wan­de­rung und des Tran­sits gewe­sen. Wie­der ande­re Ber­li­ner sind hier auch nur gebo­ren, weil sich vie­le Kran­ken­häu­ser im Wed­ding befin­den, und haben nie im Stadt­teil gewohnt. Der Zuge­zo­ge­nen­at­las 2016 weist für den Wed­ding aus, dass über die Hälf­te sei­ner Bewoh­ner nicht in Ber­lin gebo­ren ist – nur rund um den Schil­ler­park lag die Quo­te der Ur-Ber­li­ner etwas höher. So ver­wun­dert es nicht, dass auch die meis­ten der Redak­ti­ons­mit­glie­der beim Wed­ding­wei­ser nicht aus der Regi­on Ber­lin-Bran­den­burg stam­men. In unse­rer Serie berich­ten wir von unse­ren Her­kunfts­or­ten  – und war­um wir in unse­rem Stadt­teil Wur­zeln geschla­gen haben. Heu­te: weg vom Prenzlberg.

Foto: Kris­ti­na Auer

Der Osten war interessant

Mit 700 Bewoh­nern Ber­lins tei­le ich den glei­chen Geburts­ort, Bad Kreuz­nach. Dort bin ich auch zur Schu­le gegan­gen, habe die wein­se­li­ge Gegend an der Nahe aber für mein Stu­di­um ver­las­sen. Ber­lin und sei­ne mit hei­ßer Nadel wie­der­ver­ei­nig­ten Stadt­hälf­ten waren nach dem Mau­er­fall plötz­lich eine reiz­vol­ler Ort gewor­den, der jun­ge Leu­te aus aller Welt magisch anzog. Und vor allem der Ost­teil Ber­lins, der Prenz­lau­er Berg, Stand­ort mei­ner drit­ten Woh­nung in Ber­lin, war in den spä­ten 1990ern noch immer auf­re­gend: Nicht alle Alt­bau­ten waren saniert, dort leb­te noch immer ein bun­tes, künst­le­risch ange­hauch­tes Bohè­me-Publi­kum. Der Tou­ri-Hot­spot Ber­lin-Mit­te war nahe genug dran, aber auch Fried­richs­hain und Pan­kow hat­ten ihren Reiz. Nur die Woh­nungs­su­che für die Klein­fa­mi­lie mit Kind gestal­te­te sich nach dem Jahr 2000 schwie­rig – es gab ein­fach kei­ne bezahl­ba­re Woh­nung mit 3 Zim­mern im Wunschkiez.

Dann wurde es der Wedding

Und so fiel die Wahl auf den Wed­ding. Wenn­gleich die neue, preis­wer­te Woh­nung nur an sei­nem äußers­ten Rand lag, im beschau­li­chen, im Ver­gleich zum Rest noch etwas bür­ger­li­cher anmu­ten­den Nord­bahn­kiez nahe des S‑Bahnhofs Wollank­stra­ße im Orts­teil Gesund­brun­nen. Nur ein Kat­zen­sprung war es von dort ins kreuz­bra­ve Pan­kow, wo sich auch die Grund­schu­le unse­res Kin­des befand. Im Kiez zwi­schen Pan­kow und dem rich­ti­gen Wed­ding ent­deck­te ich die Vor­tei­le mei­nes neu­en Stadt­teils– mul­ti­kul­ti, preis­wert und unauf­ge­regt. Dazu kam noch die fast schon dörf­li­che Kiez-Atmo­sphä­re und das nicht ganz so reiz­über­flu­te­te Stadt­bild wie drü­ben in Prenz­lau­er Berg.

Brü­cke am S‑Bahnhof Wollankstraße

Ein Umzug spä­ter – es ging wei­ter ins Afri­ka­ni­sche Vier­tel. Das war das ande­re Extrem des Wed­ding, schnur­ge­ra­de Stra­ßen, ein­heit­lich wir­ken­de Sied­lun­gen im vor­städ­tisch gepräg­ten Kiez am Volks­park Reh­ber­ge. Gesund­brun­nen, Pan­kow und Prenz­lau­er Berg waren auf ein­mal Licht­jah­re ent­fernt, dafür war das klas­si­sche West­ber­li­n­er­Mi­lieu in  Rei­ni­cken­dorf nur einen Stein­wurf weit weg. Und, was mich über­rasch­te: Die bunt gewür­fel­te Wed­din­ger Grund­schu­le erwies sich als die bes­se­re Wahl als das sozi­al sta­bi­le­re Pen­dant in Pan­kow. Inzwi­schen habe ich auch die­se Facet­te des Wed­ding liebgewonnen.

Vor kur­zem hat­te ich die Gele­gen­heit, wie­der einen Monat in mei­ner Geburts­stadt zu ver­brin­gen. Ich war erstaunt, wie wenig sich dort ver­än­dert hat­te. All die Jah­re in Ber­lin, zumal im Wed­ding, bestan­den aus per­ma­nen­ter Ver­än­de­rung und immer neu­en Ent­wick­lun­gen. Die west­deut­sche Kur­stadt zwi­schen Reben und Wald wirk­te dage­gen wie in der Zeit ste­hen­ge­blie­ben. Das bot mir Gele­gen­heit, ihre Schön­heit und Lebens­qua­li­tät wie­der­zu­ent­de­cken. Aber ich fühl­te mich auch beengt, abge­schnit­ten vom Ver­än­de­rungs­druck und den Trends der Groß­stadt, die im Wed­ding inzwi­schen auch sehr schnell ankom­men. Ich hät­te nicht gedacht, wie sehr mir das ein­mal, fern der neu­en Hei­mat Wed­ding, feh­len würde.

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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