Wedding war einst ein Aushängeschild der Moderne

Das Gebiet nördlich der Seestraße war im Jahr 1918 noch weitgehend unbebaut, da die Bautätigkeit durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Erliegen gekommen war. Es war also noch viel Platz im nordwestlichen Wedding, als einige große Bauvorhaben im Wohnungs- und Verkehrsbau der Weimarer Republik begannen. So kommt es, dass sich viele bedeutende Zeugnisse des „Neuen Bauens“ gerade rund um die Afrikanische Straße und am Schillerpark finden lassen.

Togostraße-Loggien
Kopfbau in der Friedrich-Ebert-Siedlung

War im Kaiserreich der Wohnungsbau noch durch Angebot und Nachfrage auf dem freien Markt geprägt, setzte in der Weimarer Republik ein Umdenken ein. Gerade im sozialdemokratisch regierten Wedding stand man Mitte der 1920er Jahre wegweisenden Wohnungsbauvorhaben von genossenschaftlichen und gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften sehr offen gegenüber. Zuvor hatte es nur wenige genossenschaftliche Reformwohnungsbauten im Wedding gegeben, so zum Beispiel am Nordufer/Fehmarner Str. und mit dem Karl-Schrader-Haus an der Malplaquetstr./Utrechter Straße. Dabei ging es auch darum, von den als überkommen geltenden Bauweisen wie der Blockrandbebauung mit engen, lichtlosen Hinterhöfen und der für Berlin so typischen Mischung von Wohnen und Gewerbe wegzukommen.

Bedeutende Architekten wie Bruno Taut, Max Taut, Ludwig Mies van der Rohe, Jean Krämer, Paul Emmerich und Paul Mebes, die sich allesamt dem „Neuen Bauen“ verschrieben hatten, realisierten Projekte im Wedding, die – trotz ähnlicher Ausgangsüberlegungen – sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Auffällig ist der konsequente Einsatz von Flachdächern bei den meisten Projekten – Ende der 1920er Jahre muss das auf die Zeitgenossen sehr modern gewirkt haben.

Die Siedlungen im Einzelnen:

Offene Blockrandbebauung in der Siedlung Schillerpark

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-SiedlungDie von 1924-1930 errichtete Siedlung Schillerpark besteht aus drei durch Querstraßen getrennten Siedlungsteilen mit 300 Wohnungen.

„Bruno Taut stellte dreigeschossige Blöcke in einer offenen Blockrandbebauung um ruhige Gartenhöfe. Die Treppenhäuser liegen jeweils an der Nord- bzw. an der Ostseite, so dass ein Teil der Eingänge von der Straße, der andere vom Gartenhof aus zugänglich ist. Hierfür sind jeweils an den äußeren Enden der Zeilen Durchgänge geschaffen. Die halboffene Bauweise unterstützt nicht nur die von Taut angestrebte Verbindung der Wohn- und Freiräumen, die Taut „Außenwohnraum“ nennt, auch der angrenzenden Schillerpark wird mit einbezogen. Ein bis dahin in Berlin ungewohntes Motiv war das flache Dach, das hier aus Kostengründen nach holländischem Vorbild erstmals im Berliner Siedlungsbau der 1920er Jahre verwendet wurde.“ (auszugsweise, Quelle:Denkmaldatenbank)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Siedlung ergänzt. Gemeinsam mit fünf anderen Siedlungen der Berliner Moderne erhielt die Wohnanlage im Jahr 2008 den Status als UNESCO-Weltkulturerbe.

Konsequente Zeilenbauweise in der Friedrich-Ebert-Siedlung

Damarastr-Friedrich-Ebert-SiedlungDie 1929-31 errichtete Siedlung wurde als erste Berliner Wohnanlage konsequent in Zeilenbauweise in Südwest/Nordostrichtung errichtet. Jede der 1400 Wohnungen hat einen Blick auf eine Grünfläche. Der östliche Abschnitt von der Müllerstraße bis zur Togostraße wurde von den Architekten Mebes und Emmerich geplant, während Bruno Taut die Gebäude im Gebiet von der Togostr. bis zur Windhuker Str. entwarf. Gemeinsam ist allen Wohnhäusern, dass sie vier Geschosse und – damals aufsehenerregend – Flachdächer besitzen. Zudem besitzen die Zeilenbauten keinen Fassadenschmuck, sondern werden allein durch leicht erhöhte Kopfbauten, Balkone, Wintergärten und Treppenhäuser gegliedert.

Die Gebäude rund um den Nachtigalplatz wurden erst 1939/40 von den Architekten Werner Harting und Wolfgang Werner errichtet und besitzen weder Flachdächer noch Balkone.

Kubische Wohnbauten Mies van der Rohe 1926/27

Wohnkuben Ludwig Mies van der Rohe Afrikanische Str.Den neben einer Eigenheimsiedlung liegenden Geländestreifen an der Afrikanischen Straße übernahm die Heimstättengesellschaft Primus, die den Architekten Ludwig Mies van der Rohe mit dem Bau von Wohngebäuden mit 88 Wohnungen beauftragte. Dieser errichtete gleichzeitig in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung einen heute sehr berühmten Wohnblock.

„Die 1926-27 errichtete Wohnanlage an der Afrikanischen Straße gehört zu den früh ausgeführten Wohnungsbauvorhaben der Weimarer Republik. Ludwig Mies van der Rohe entwarf kubische, blockhafte Häuser mit Flachdach, die nahezu asketisch wirken. Etwas zurückgesetzt ordnete er drei gleichartige Wohnblocks an, die über gerundete Balkone scharnierartig mit abgewinkelten Seitenbauten verbunden sind.  Während die Haupttrakte drei Geschosse und einen außerordentlich hohen Dachboden umfassen, sind die Seitenflügel mit zwei Geschossen deutlich niedriger. Ein vierter Bau (Ecke Tangastraße) setzt sich aus drei gestaffelten Blöcken zusammen. Alle Wandflächen sind verputzt und ockerfarben gestrichen, die schmale Dachkante wird aus drei Ziegelschichten gebildet. Obwohl im sozialen Wohnungsbau angestrebt wurde, Wohnbereich und Küche zu trennen, bildete Ludwig Mies van der Rohe geräumige Wohnküchen aus, die sich über vorgelagerte Loggien zum Hof öffnen.“  (auszugsweise, Quelle: Denkmaldatenbank)

Expressionistische „Straßenbahnstadt“ an der Müllerstraße

Der 1925-27 erbaute Straßenbahn-Betriebshof, seit 1960 Busbetriebshof, an der Müllerstraße stellt ein Hauptwerk expressionistischer Architektur in Berlin dar.

„Die „Straßenbahnstadt“, die einen ganzen Baublock an der Müllerstraße, Belfaster Straße, Londoner Straße und an der später aufgehobenen Themsestraße einnimmt, dokumentiert den Ausbau des großstädtischen Nahverkehrs nach dem Ersten Weltkrieg. Architekt Jean Krämer errichtete für die Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH insgesamt fünf Betriebshöfe. Im Unterschied zur U-Bahn-Hauptwerkstatt, die ebenfalls von Wohnhäusern begrenzt wird, aber einen vielschichtigen Aufbau besitzt, entwickelte Jean Krämer einen symmetrischen, städtebaulich wirkungsvollen Grundriss. Die Fahrzeughalle, die 320 Straßenbahnwagen aufnehmen konnte, wurde an der Rückseite des Baublocks angeordnet. Die Wohnhäuser umschließen den Betriebshof und öffnen sich zur Müllerstraße durch eine torartig gestaffelte Baugruppe. Die Wohnanlage für Beschäftigte wirkt einheitlich, obwohl vielfältige Details zu sehen sind. Die Fassaden sind rotbraun verputzt und mit ornamentaler Keramik besetzt. Die Obergeschosse werden durch vertikale Bänder gegliedert.

Bus-Betriebshof Müllerstraße

Die scharfkantigen, spitz vorkragenden Wandvorlagen der klinkerverkleideten Erdgeschosszone, unterstreichen den expressiven Charakter. Die Wohntrakte an Londoner und Belfaster Straße umfassen nur drei Stockwerke, abgesehen vom Mittelbau, der durch ein ein zusätzliches Geschoss herausgehoben wird. Die Hofseiten werden durch dreieckig vorspringende Treppenhäuser gegliedert. Die Eckgebäude an der Rückseite des Baublocks, die an die Wagenhalle anschließen, steigern sich zu massigen, flachgedeckten Turmhäusern. Die turmartigen, 32 m hohen Kopfbauten an der Einfahrt zum Betriebshof, die expressiv gestaltet sind, bilden das architektonische Markenzeichen der „Straßenbahnstadt“. Sie enthalten Wohnungen, Betriebs- und Verwaltungsräume, außerdem einen Hochbehälter für die Wasserversorgung des Betriebshofs. Unten öffnen sich Parabelbögen, die an die gotische Baukunst erinnern, gemauert aus roten Klinkern mit ausstrahlenden Fugen. Die wuchtigen Schlusssteine leiten zur prismatisch gefalteten Turmwand über. Über dem sechsten Geschoss folgt der Wasserbehälter, der sich durch eine violette Klinkerverkleidung und eine gegenläufige Mauerfaltung vom unteren Bereich absetzt.“ (auszugsweise, Quelle: Denkmaldatenbank)

Englisches Viertel: Grün mit Weltkulturerbe

Wichtigstes Gestaltungselement: Putz und Backstein im Wechsel
Die Siedlung Schillerpark

Von allen Weddinger Vierteln ist das Gebiet zwischen Müllerstraße, Seestraße und dem Bezirk Reinickendorf das vielleicht unauffälligste. Hier wird in erster Linie „nur“ gewohnt, und das abgesehen vom Fluglärm recht ruhig. Industrie und Kaufhäuser sucht man hier vergebens, nur die BVG-Betriebshöfe und ein großes Frei-und Hallenbad sorgen dafür, dass das Englische Viertel kein reines Wohngebiet ist. Natürlich zieht auch der knapp 30 Hektar große Schillerpark Erholungssuchende aus anderen Vierteln an.

Englische Namen, holländische Backsteinarchitektur

Eingang zur U-Bahn-Hauptwerkstatt
U-Bahn-Werkstatt Seestraße

Hier wird der Wedding immer vorstädtischer, je weiter man nach Norden kommt. Als die U-Bahn 1923 bis zum Bahnhof Seestraße in Betrieb genommen wurde, lag die Hauptwerkstatt an der Müllerstraße/Ungarnstraße/Edinburger Str. noch am Stadtrand. Um die Werkstatt herum wurde der Block mit Werkswohnungen bebaut. Die an der Edinburger Straße seit 1909/10 befindliche Feuerwache (übrigens die erste, die für motorgetriebene Löschfahrzeuge ausgelegt war) wurde in den Komplex integriert. Auch das Paul-Gerhardt-Stift von 1886 wurde Teil eines Blocks des rasch wachsenden Englischen Viertels. Aus der früheren Diakonissenanstalt mit Krankenhaus hat sich ein Gesundheitszentrum mit Altenheim entwickelt. Die ansprechenden Backsteingebäude und die verträumten grüne Höfe haben indes nichts von ihrem Charme verloren.

In der Glasgower Straße
In der Glasgower Straße

In den Straßen mit den Namen englischer, irischer und schottischer Städte vermitteln die Häuser mit ihren Backsteinfassaden fast schon einen holländischen Charakter. Die 1927-30 errichtete Großsiedlung mit 800 Wohnungen war die erste Berliner Wohnanlage mit Fernwärmeanschluss. Der benachbarte Schillerpark (1909-13) mit seiner im Jahr 2011 wiederhergestellten Kinderplansche und einem neuen Café im früheren Toilettenhäuschen gibt dem Viertel noch dazu eine grüne Note. Der Park wird allerdings durch die von Autos befahrene Barfusstraße in zwei Teile getrennt. Der nördliche Teil hat eher den Charakter eines hügeligen Landschaftsparks, während der südliche Teil von einem bastionartigen Terrassenbau mit Schillerdenkmal und einer riesigen quadratischen Wiese dominiert wird. Diese ist von vornherein für den Breitensport vorgesehen gewesen und wird häufig von Amateurfußballgruppen genutzt.

Eine zuvor wenig bekannte Wohnanlage aus den Jahren 1924-30 am Nordostrand des Schillerparks hat es – gemeinsam mit anderen Siedlungen der Berliner Moderne – im Jahr 2008  zum Titel „Weltkulturerbe“ gebracht. Erbaut von den berühmten Architekten Max und Bruno Taut, wurden hier erstmals Prinzipien umgesetzt, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Für die damalige Zeit aber waren die offene Blockrandbebauung, die grünen Innenhöfe, die Flachdächer und die Fassadengestaltung im schlichten Wechsel von Putz und Backstein geradezu revolutionär. In den 1950er Jahren wurden einige Gebäude in der Siedlung Schillerpark ergänzt, ohne dass dadurch der Gesamtcharakter der Anlage beeinträchtigt wird.

Schillerhof
Schillerhof

Ganz in der Nähe steht eine ebenfalls in dieser Zeit, von 1925-27, gebaute Siedlung Schillerhof, die insgesamt eine konservativere Formensprache besitzt. Rund um einen geschlossenen begrünten Hof, der von der Aroser Allee durch eine Hofdurchfahrt zugänglich ist, befinden sich Wohnungen in drei Geschossen. Über den Türen sind Schmuckgiebel mit Reliefs angebracht. Direkt an den beschaulichen Schillerhof schließt die Siedlung Schillerhöhe aus den 1950er Jahren an.

Französisch wird es aber auch….

Ein Mini-Eiffelturm vor dem Centre Français
Das Centre Français (1960 erbaut)

Wedding und Reinickendorf bildeten von 1945 – 90 den französischen Sektor in Berlin. Als kulturelles Zentrum für die französischen Streitkräfte, aber auch als Ort der Begegnung der Berlin mit französischer Kultur und Lebensart wurde 1961 das Centre Culturel Français an der Müllerstraße 74 errichtet. Das moderne Gebäude wird heute als Hotel, Brasserie und Kino genutzt. Fast schon am nördlichen Ende der Müllerstraße und somit auch an der Grenze des Wedding zieht ein kleiner Eiffelturm die Blicke auf sich und verweist auf das etwas zurückgesetzt liegende Centre Francais. Vom englischen Viertel selbst ist die Bastion französischer Kultur allerdings durch den Domkirchhof II und eine Grünanlage getrennt…

BVG Busbetriebshof. Entworfen von Jean Krämer. Foto Joachim Faust.Mit der 1925-27 gebauten „Straßenbahnstadt“ des Architekten Jean Krämer verfügt das Englische Viertel noch über ein weiteres Juwel. Der heute von der BVG als Busbetriebshof Müllerstraße genutzte Komplex mit Werkstatt und Werkswohnungen besticht durch seine expressionistische Formensprache. Insbesondere die beiden Turmgebäude, die die Einfahrt flankieren und die Symmetrie betonen, prägen das Straßenbild an diesem Teil der Müllerstraße.

Lesenswerter Artikel von Diether Huhn

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung
Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung

Karte des Englischen Viertels in Berlin-Wedding

Farbspiele aus Ziegeln und Zement

Die Siedlung Schillerpark gehört mit anderen Siedlungen der Berliner Moderne zum UNESCO-Weltkulturerbe.