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Radpolitik am Scheideweg

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Quelle: D. Terbach
Quel­le: D. Terbach

Mit der in Trip­pel­schrit­ten vor­an­schrei­ten­den Ber­li­ner Ver­wal­tung lässt sich eine wach­sen­de Stadt nicht mehr sinn­voll pla­nen, damit ihre Infra­struk­tur den neu­en Bedürf­nis­sen genügt. Das zeig­te sich in der Ver­gan­gen­heit am Cha­os in den Bür­ger­äm­tern, an feh­len­den Grund­schul­plät­zen oder beim Flücht­ling­s­an­drang vor dem Lageso. Auch die U‑Bahn platzt infol­ge Wagen­man­gels und stei­gen­der Fahr­gast­zah­len aus allen Näh­ten. Kein Wun­der, dass immer mehr generv­te Ber­li­ner aufs Rad umstei­gen; auch Neu­bür­ger und Tou­ris­ten haben die­ses Ver­kehrs­mit­tel für sich entdeckt.

Die Infra­struk­tur von Rad­we­gen, Abstell­plät­zen und Bus­spu­ren ist an vie­len Stel­len auf die Men­ge an Rad­fah­rern nicht ein­ge­stellt. Das ist der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und den meis­ten Bezir­ken bewusst, doch es fehlt an Pla­nern und am aus­rei­chend star­ken Wil­len, wenigs­tens die im Haus­halt ein­ge­plan­ten Mit­tel auch tat­säch­lich für den wach­sen­den Fahr­rad­ver­kehr aus­zu­ge­ben. Immer neue Initia­ti­ven von Bür­gern schie­ßen wie Pil­ze aus dem Boden und trei­ben die Poli­tik vor sich her. Sei es der Vor­schlag, die Stamm­bahn­tras­se als Rad­schnell­weg im Süd­wes­ten zu reak­ti­vie­ren, unter der Hoch­bahn in Kreuz­berg eine über­dach­te Rad­rou­te anzu­le­gen oder die Initia­ti­ve für einen Volks­ent­scheid Fahr­rad: die Ber­li­ner Ver­wal­tung muss schnel­ler wer­den, sinn­vol­le zusam­men­hän­gen­de Rou­ten aus dem Bün­del von lau­ter klei­nen Maß­nah­men schaf­fen und die Sicher­heit für Rad­ler spür­bar erhö­hen. Ein Blick auf unse­re von Nut­zern erstell­te Fahr­rad­kar­te zeigt, dass es auch im Wed­ding und Gesund­brun­nen an vie­len Stel­len hapert.

Die für hie­si­ge Ver­hält­nis­se radi­ka­len Zie­le, die durch den Volks­ent­scheid durch­ge­setzt wer­den sol­len, schre­cken vie­le mode­rat ein­ge­stell­te Rad­ler ab – ob sich ein Men­ta­li­täts­wan­del in den Köp­fen der Pla­ner ein­fach per Gesetz ver­ord­nen lässt? Und sind die hohen Stan­dards, die das vor­ge­schla­ge­ne Gesetz defi­niert, mehr­heits­fä­hig? Was, wenn der Volks­ent­scheid am Quo­rum schei­tert? Der wich­ti­ge Inter­es­sen­ver­band All­ge­mei­ner Deut­sche Fahr­rad-Club (ADFC) muss­te sich sogar von eini­gen Vor­stands­mit­glie­dern tren­nen, weil Unei­nig­keit über die Unter­stüt­zung des Refe­ren­dums herrsch­te. Im Mai beginnt die Samm­lung der not­wen­di­gen 20 000 Unter­schrif­ten, damit es über­haupt zum Volks­ent­scheid kom­men kann.

Der Umwelt­ver­band BUND hat der­weil ein vor­sich­ti­ge­res, den­noch ziem­lich kla­res Kon­zept für “Rad­vor­ran­g­rou­ten” vor­ge­schla­gen, das sich auch schon heu­te leicht rea­li­sie­ren lie­ße. Eine der bei­den pro­jek­tier­ten Rou­ten soll von Tegel/zukünftiges Kurt-Schu­ma­cher-Quar­tier bis zur Späth­brü­cke füh­ren und den Wed­ding und Gesund­brun­nen durch­que­ren. Von der Gha­na­stra­ße über die Togostraße/Antwerpener Stra­ße führt die Rou­te zur Trift-/Ge­richt­stra­ße. Ab den Lie­sen­brü­cken wür­de es die Gar­ten­stra­ße ent­lang nach Alt-Mit­te gehen. Hier kann man das Kon­zept des BUND nachlesen.

 

 

 

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

2 Comments

  1. Der vom BUND Ber­lin vor­ge­schla­ge Weg, Rad-Vor­ran­g­rou­ten auf Neben­stra­ßen ein­zu­rich­ten ist viel bes­ser und prak­ti­ka­bler als der des Volks­ent­schei­des. Der for­dert näm­lich bloß Rad­strei­fen an allen Haupt­stra­ßen und grü­ne Wel­le für Rad­fah­rer (und Schnell­we­ge, die aller­dings nur in den Außen­be­zir­ken zu rea­li­sie­ren wären). Nichts gegen Rad­strei­fen an Haupt­stra­ßen: für die stän­dig wach­sen­de Mas­se der Rad­fah­rer rei­chen die aber nicht aus,
    Andre­as Gei­sel hat kürz­lich ver­kün­det, einen Eigen­be­trieb ähn­lich wie Grün Ber­lin für Rad­we­ge zu grün­den. Wenn der sich dem Aus­bau eines Net­zes aus Vor­ran­g­rou­ten wid­men wür­de, wären wir einen ent­schei­den­den Schritt weiter!

  2. Ber­lin könn­te eine wahr­haft tol­le Stadt wer­den, wenn für alle Ver­kehrs­teil­neh­mer der nöti­ge Platz geschaf­fen wer­den könn­te. Wir kom­men alle als Fuß­gän­ger zur Welt – also haben die Prio­ri­tät. Dann lernt man das Fahr­rad­fah­ren – zwei­te Stu­fe. Ab 18 stei­gen vie­le ins Auto – drit­te Stu­fe. Und genau­so müss­te der Platz ver­teilt wer­den. Aller­dings ist es bei der auto­pro­du­zie­ren­den Nati­on D wohl noch lan­ge nicht so weit, dass Autos ein wenig ein­ge­dämmt würden.

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