Otto Nagel über das Weddinger Milljöh

Buchcover
Cover des Eröff­nungs­ban­des “Das nas­se Drei­cke” von Otto Nagel. Gra­fik: promo

Bei den so genann­ten ewi­gen Fra­gen, die die Mensch­heit immer beschäf­tigt hat und immer beschäf­ti­gen wird, denkt man heut­zu­ta­ge an Lie­be, an Tren­nung oder ans Erwach­sen­wer­den. Davon han­deln die Pop-Songs, die Hol­ly­wood­fil­me und die Bücher der Cen­ter-Buch­hand­lun­gen. Dabei gibt es auch ande­re “ewi­ge Fra­gen”. Zum Bei­spiel: Wie ver­hält sich eine Gesell­schaft zu den Ärms­ten unter ihnen? Wal­ter Frey hat in die­sem Jahr Otto Nagels Roman “Die wei­ße Tau­be oder Das nas­se Drei­eck” neu auf­ge­legt. Die­ses Buch spielt wäh­rend der Welt­wirt­schafts­kri­se 1928 in einer Spe­lun­ke an der Panke.

“Die wei­ße Tau­be oder Das nas­se Drei­eck” ist das ers­te Buch einer neu­en Rei­he, die tref­fend “Wed­ding-Bücher” heißt. Der Roman, geschrie­ben in den 1930er Jah­ren, stellt noch heu­te aktu­el­len Fra­gen über Unter­stüt­zung und Hil­fe für Men­schen, die es nicht geschafft haben.

Damit gleich klar ist, wor­um es in dem Buch geht, schickt Otto Nagel dem Buch einen Satz vor­an: “Es geht einer vor die Hun­de”. So woll­te er den Roman ursprüng­lich nen­nen. Und auf einem wei­te­ren Vor­satz­pa­pier folgt eine fünf­zei­li­ge Erklä­rung, die erläu­tert, es gehe um “Aus­ge­steu­er­te, die ohne Anspruch auf Unter­stüt­zung als unsicht­ba­re Erwerbs­lo­se dahin­ve­ge­tie­ren”. Den Begriff Aus­ge­steu­er­te ver­zeich­net der Duden noch heu­te. Der büro­kra­ti­sche Begriff aus der Wei­ma­rer Repu­blik ver­harm­lost das Ver­wei­gern jeg­li­cher staat­li­chen Unterstützung.

Ein Buch über fehlende Solidargemeinschaft

Obdachloser
Ein Obdach­lo­ser schläft an einer Bus­hal­te­stel­le. Foto: And­rei Schnell

Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jah­re gab es in Deutsch­land eine nach heu­ti­gen Maß­stä­ben unvor­stell­ba­re Armut. Sie ist der Hin­ter­grund für Otto Nagels sozi­al­kri­ti­sches Buch. Erzählt wird die Geschich­te des Arbei­ters Wil­helm Thie­le, der sich bet­telnd und steh­lend durch­schlägt. Es eine Geschich­te über das Feh­len von etwas, das heu­te “Soli­dar­ge­mein­schaft” heißt.

Wäh­rend die in der glei­chen Zeit ent­stan­de­nen Bücher von Erich Käs­t­ner – “Emil und die Detek­ti­ve” oder “Pünkt­chen und Anton” – wie in Grimms Mär­chen stets von der Moral und der Tugend der Armen han­deln, so ist Nagels Buch ein lin­kes Mär­chen über die Ohn­macht der Men­schen ganz unten. Chan­cen­los ist die Haupt­fi­gur Wil­helm Thie­le. Es soll schei­nen als ob es kei­nen ande­ren Weg gäbe, als den – dass der ehr­li­che Thie­le am Ende zer­mürbt “kaputt geht”. Schließ­lich bestimmt das Sein das Bewusst­sein, wie der Lin­ke Otto Nagel glaubt.

Aber die Fra­ge, die das Buch stellt, die geht alle an; auch die Leser, die sich nicht als links ein­ord­nen. Denn nie­mand kann ernst­haft die Fra­ge weg­schie­ben: Was steht den Ärms­ten bedin­gungs­los zu?

Im Roman stößt sich die Wir­tin “Mutt­chen” in ihrem Wed­din­ger Lokal “Das nas­se Drei­eck” an den obdach­lo­sen Bett­lern gesund. Sie lebt von den Pfen­ni­gen der vie­len her­un­ter­ge­kom­me­nen Exis­ten­zen. Ist das noch Hil­fe, wenn sie dabei Geld ver­dient? Ist das bloß Geschäft, wenn sie den ein­zi­gen sozia­len Anlauf­punkt für das “Pen­ner­pack” anbie­tet? Und wie sähe rich­ti­ges Han­deln aus? Was wäre denn eigent­lich heu­te die rich­ti­ge Lösung? Wie zum Bei­spiel umge­hen mit den Woh­nungs­lo­sen vom Tier­gar­ten? Sind das Sozi­al­schma­rot­zer und Kri­mi­nel­le, die aus­ge­steu­ert, das heißt abge­scho­ben gehö­ren? Sind das hilf­lo­se Men­schen, die rein gar nichts für ihre Situa­ti­on können?

Ein Buch zum Berlinisch lernen

Aber Otto Nagels Buch ist nicht nur mora­lisch. Es bie­tet auch eine gute Gele­gen­heit Ber­li­nisch (wie­der) zu erler­nen. Eine Spra­che, die in Ber­lin der­zeit nicht mehr zu hören ist: “Mensch, du bist eener mit Ärmel” – “Er hat ihm sei­nen schee­nen Voll­bart ram­po­niert” – “pam­pi­ge Bur­schen” – “Albert­ken, det is schon ’ne Mar­ke” – “for naß anga­gie­ren” – “Ich kann Sie nicht hel­fen”. Und auch ein­zel­ne Wor­te wie “ver­kün­di­gen”, “kah­le Gei­ge”, “Bol­zen”, “abge­bürs­tet” sind schö­ne ber­li­ni­sche Wen­dun­gen. Otto Nagel, der selbst im Wed­ding auf­wuchs, will mit die­sen O‑Tönen dras­ti­schen Rea­lis­mus ins Buch brin­gen. (wohin­ge­gen Käs­t­ners Figu­ren immer schön ofen­warm sprechen).

Und – für einen Maler nicht selbst­ver­ständ­lich – gelingt es Otto Nagel ein span­nen­des, gut zu lesen­des Buch zu schrei­ben. Wer sich nicht mit ethi­schen Fra­gen auf­hal­ten mag, der kann das Buch auch a la “Down­ton Abbey” lesen. Statt eines Schlos­ses steht eine Suff­knei­pe im Mit­teplunkt der Serie von Kapi­teln. Jedes der 16 Kapi­tel – nur lose durch das Schick­sal von Wil­helm Thie­le zusam­men­ge­hal­ten – wirft ein neu­es, uner­war­te­tes Seri­en­schlag­licht auf die Welt der Penn­brü­der, für die die Knei­pe “Das Nas­se Drei­eck” ein Wohn­zim­mer ist.

Otto Nagel

Otto Nagel wur­de 1894 im Wed­ding in der Rei­ni­cken­dor­fer Stra­ße 67 gebo­ren. Bekannt wur­de er bereits in den 1920er Jah­ren. Er galt als Arbei­ter­ma­ler. Sei­ne rea­lis­ti­schen Ölge­mäl­de zei­gen die Armut der Pro­le­ta­ri­er (wie man damals sag­te) scho­nungs­los. Für augen­zwin­kern­den Humor, wie in den Zeich­nun­gen sei­nes Freun­des Hein­rich Zil­le zu fin­den, ist in Nagels Dar­stel­lun­gen des Mill­jöhs (also des Pre­ka­ri­ats) kein Platz. Eine Pas­tell­zeich­nung von 1935 zeigt den Innen­raum des “Nas­sen Dreieck”.

Sein poli­ti­sches Leben begann der Maler 1920, nach dem ers­ten Welt­krieg, mit dem Ein­tritt in die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei. Für einen Tag war er 1993 Vor­sit­zen­der des Reichs­ver­ban­des der Bil­den­den Künst­ler Deutsch­lands. Doch schon bald folg­ten Ver­haf­tun­gen. 1936/37 wur­de er im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen ein­ge­ker­kert. Nach dem zwei­ten Welt­krieg war Otto Nagel als Prä­si­dent der Aka­de­mie der Küns­te ein wich­ti­ger Kul­tur­funk­tio­när in der DDR. Er starb 1967.

Den Roman “Die wei­ße Tau­be oder Das nas­se Drei­eck” schrieb er von 1928 bis 1932. Kom­plett ver­öf­fent­licht wur­de er aller­dings erst 1978 im Mit­tel­deut­schen Ver­lag (einem der unab­hän­gi­ge­ren Ver­la­ge in der DDR). Die aben­teu­er­li­che Geschich­te des Schreib­ma­schi­nen-Manu­skripts schil­dert Nagels Ehe­frau Wal­li Nagel in einem Vor­wort. Im Nach­wort ver­gleicht Brun­hil­de Wehin­ger den Roman mit ande­ren Büchern der Zeit.

Walter Freys Wedding-Bücher

“Ich habe den Ein­druck, dass es bei vie­len Alt- und ins­be­son­de­re auch Neu-Wed­din­gern ein aus­ge­präg­tes Inter­es­se an der Geschich­te des Wed­ding gibt”, begrün­det Wal­ter Frey den Start der Rei­he “Wed­ding-Bücher”, deren ers­tes Buch Otto Nagels Roman ist. Da passt es, dass Otto Nagels Todes­tag sich in die­sem Jahr zum 50. Mal jähr­te. Wal­ter Frey hält Otto Nagel auch für Wed­dings “berühm­tes­ten Sohn”. Immer­hin gab es zu Ehren des heu­te bei­na­he ver­ges­se­nen Malers bis 2007 in der See­stra­ße eine kom­mu­na­le Otto-Nagel-Galerie.

Der Roman führt die Rei­he der Wed­ding-Bücher an, noch vor einem Buch über Georg Ben­ja­min, dem Bru­der des berühm­ten Wal­ter Ben­ja­min. Georg Ben­ja­min leb­te 1921 a la Gün­ter Wall­raf under­co­ver im Ledi­gen­heim in der Wed­din­ger Schöns­tedt-Stra­ße, um die Ver­hält­nis­se aus ers­ter Hand zu erfahren.

Der Her­aus­ge­ber der Rei­he “Wed­ding-Bücher”, Wal­ter Frey, lebt seit sie­ben Jah­ren (wie­der im Wed­ding). Dem einen oder ande­ren ist er bekannt als Spre­cher der Stadt­teil­ver­tre­tung “mensch.müller” (2015–2017). Bücher ver­legt Frey seit 1986.

Neben­bei: Vor­bild für die Knei­pe im Buch könn­te unter ande­ren ähn­li­chen Knei­pen das Lokal “Zum alten Fritz” gewe­sen sein. Wal­ter Frey wür­de sich freu­en, wenn ihm einer der Wed­din­ger His­to­ri­ker schrei­ben könn­te, wo die­ses Eta­blis­ment lag.

Wei­ter­füh­ren­de Infos

Otto Nagels “Die wei­ße Tau­be oder Das nas­se Drei­eck” ist im Wal­ter Frey Ver­lag erschie­nen und kos­tet 15 Euro. Es kann mit zusätz­li­chem Por­to direkt beim Her­aus­ge­ber bestellt wer­den und ohne Por­to­kos­ten zum Bei­spiel im Bel­le-Et-Tris­te in der Ams­ter­da­mer Stra­ße mit­ge­nom­men wer­den. Aber auch jede ande­re Buch­hand­lung kann das Buch über www.buchhandel.de bestellen.

Web­sei­te der Buch­rei­he zu “Geschich­te und Gegen­wart des Ber­li­ner Stadt­teils Wed­ding

Bil­der von Otto Nagel auf www.artnet.de

Text: And­rei Schnell, Gra­fik: pro­mo, Foto: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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