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Veranstaltungstipp:
Müllberge erzählen Geschichten aus dem Wedding

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Am 16. März fei­ert das Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez sei­nen drit­ten Geburts­tag. Gast­au­torin Lena Reich, die eine der bei­den Grün­de­rin­nen der Kul­tur­ein­rich­tung in der Prin­zen­al­lee ist, hat eine Repor­ta­ge über die zurück­lie­gen­den Jah­re des außer­ge­wöhn­li­chen Muse­ums geschrie­ben. Gefei­ert wird der Geburts­tag mit Sekt und Sel­ters. Ein­ge­la­den sind alle, die im Müll Poten­ti­al sehen können.

Ein Kleid aus Weg­werf­ge­trän­ken ist eine pas­sen­de Gar­de­ro­be für den Geburts­tag des Müll Muse­ums. Foto: Kath­rin Pfaf­fen­schlä­ger, Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez

Ein Spie­gel lehnt an einer Later­ne. Er wird von zwei brau­nen Papp­kar­tons gehal­ten. Eine hell­blaue Stepp­de­cke hat sich über den ein­ge­knick­ten Deckel gelegt. An ihr kle­ben Rot­kohl, rosa Sau­ce und Fla­den­brot­fet­zen. Einer der Müll­ber­ge, für die der Wed­ding berühmt ist und Anlass für die Grün­dung des ers­ten Müll Muse­ums in Ber­lin vor drei Jahren.

„Die kom­men über Nacht,“ meint die Mitt­vier­zi­ge­rin mit den lan­gen roten Haa­ren, die sie stets offen trägt und deu­tet auf den Müll­hau­fen. In ihren Hän­den hält sie schwar­ze Plas­tik­tüt­chen. Drei Mal am Tag geht sie mit ihren Hun­den die Pan­ke ent­lang, kennt jedes Detail „Noch mehr stört aber der Müll vor­ne an der Stra­ße. Da fres­sen Rat­ten und Füch­se zusam­men aus den Müll­tü­ten. Da kann ich aber nicht mehr mit den Hun­den hin. Die dre­hen durch.“ Die Mie­te­rin der Wohn­an­la­ge an der Wollank­stra­ße habe sich schon mehr­mals beschwert. Doch die bei­den Haus­ver­wal­tun­gen, zwei Hedge­fonds, wür­den sich gegen­sei­tig die Ver­ant­wor­tung für die Müll­ent­sor­gung in der Fuß­gän­ger­un­ter­füh­rung zu schie­ben. „Wenn hier so Doof­köp­fe rum­lau­fen, die alles hin­schmei­ßen, ist das uner­zo­gen. Wenn ich aber Mie­te zah­le und die Eigen­tü­mer sich nicht um ihre Ton­nen küm­mern, dann ist das ‘ne viel grö­ße­re Saue­rei. Die schie­ben dann alles auf uns ab.“ Der­weil ist die Nach­bar­schaft in sich zerstritten.

Aus­stel­lung im Müll Muse­um. Foto: Kath­rin Pfaf­fen­schlä­ger, Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez

„Kla­rer Fall fürs Müll Muse­um“, strahlt Susan­ne Schul­ze-Jung­heim vom Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez (MüMu). „Wir neh­men genau die­se Art von Müll­strei­te­rei­en zum Anlass, über das zu reden, was im Kiez los ist. Müll­ber­ge spie­geln wie kei­ne zwei­te Under­dog-Skulp­tur im öffent­li­chen Raum den Zustand der heu­ti­gen Gesell­schaft.“ Eini­ge Streit­fäl­le konn­ten so durch stu­res Nach­ha­ken schon gelöst wer­den. In einer Haus­an­la­ge vis à vis des Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez, das in dem Gemein­de­haus der stark sanie­rungs­be­dürf­ti­gen Ste­pha­nu­s­kir­che liegt, war der Hin­ter­hof ver­küm­mert, die Spiel­ge­rä­te abge­baut und Kaker­la­ken gin­gen in den 116 Woh­nun­gen ein und aus. Das Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez klär­te die Mie­ter­schaft über ihre Rech­te auf, mach­te der Haus­ver­wal­tung den Vor­schlag, einen Teil des Hin­ter­ho­fes zu sanie­ren – und prompt tauch­te über Nacht ein Hygie­ne­plan auf, der die Schäd­lings­be­kämp­fung für ein Jahr sicher­te. Schul­ze-Jung­heim spricht also aus Erfah­rung. „Wer sich ein­mal einem Müll­berg genä­hert hat, lan­det prompt in einer Rechts­de­bat­te, die jede Nach­bar­schaft spren­gen könnte.“

Sperr­müll ent­tarnt Anti­zi­ga­nis­mus. Her­um­flir­ren­der Ver­pa­ckungs­müll hin­ter­fragt die YouOn­ly­LiveOn­ce-Genera­ti­on. Mit weg­ge­wor­fe­nem Essen ver­hed­dern sich Kli­ma­kämp­fer und jene, die laut­stark die sozia­le Fra­ge stel­len. Bau­schutt ent­larvt eine Bran­che, die mei­len­weit von Anti­dis­kri­mi­nie­rung und Min­dest­lohn ent­fernt ist.

Seit drei Jah­ren ist Thea­ter­päd­ago­gin Schul­ze-Jung­heim Teil des Muse­ums­kol­lek­tivs, das im März Geburts­tag fei­ert. In wöchent­li­chen Work­shops nähern sich die Gäs­te dem The­ma Müll an. Von den 1930er Jah­ren bis zur Jetzt­zeit spie­geln die Kunst­wer­ke das wie­der, das als Müll bezeich­net wird und erzäh­len dar­über hin­aus die Geschich­te des Sol­di­ner Kiezes: von dem Kin­der­buch „Ede und Unku“ der jüdi­schen Kom­mu­nis­tin Alex Wed­ding, das am 10. Mai 1933 von Deut­schen Stu­den­ten auf dem Bebel­platz in Ber­lin Mit­te ver­brannt wur­de, über einen Döner des Knet­künst­lers Hen­drik Jacobs, der auf die Gast­ar­bei­ter­kü­che und Spie­le-Indus­trie glei­cher­ma­ßen auf­merk­sam macht, bis zu einem Auto aus Bret­tern, das an Well­blech­hüt­ten und mobi­le Arbei­ter­schaft erin­nern soll und dar­an, dass nur ein Mensch mit einer Müll­ton­ne ein aner­kann­ter Bür­ger ist. „Uns inter­es­siert auch Müll, der nicht auf dem ers­ten Blick sicht­bar ist“. Schul­ze-Jung­heim steht vor einem Bild des Archi­tek­tur-Foto­gra­fen Ben­ja­min Ren­ter. Zu sehen ist eine Außen­wand eines Plat­ten­baus, die von wei­ßen Tup­fern bedeckt ist – Algen zwi­schen den Sty­ro­por­plat­ten, die für die Däm­mung des Wohn­ge­bäu­des ver­wen­det wur­den und nun wie eine poe­ti­sche Schnee­de­cke den unsicht­ba­ren Müll ankün­di­gen. Denn das Dämm­ma­te­ri­al ist klar defi­nier­ter Son­der­müll.

Seit der Eröff­nung des Muse­ums 2019 sind über tau­send Gäs­te der Ein­la­dung gefolgt, das sich an das Modell bri­ti­scher Muse­en der kos­ten­lo­sen Bil­dungs­an­ge­bo­te anlehnt und durch öffent­li­che För­der­gel­der des Sozia­len Zusam­men­halts bereits zum zwei­ten Mal finan­ziert wird. Die diver­sen Künstler*innen kom­men alle aus dem Wed­ding oder sind Schüler*innen des Ober­stu­fen­zen­trums KIM Oslo­er Stra­ße. Weil das Muse­um eng mit den u.a. Schu­len, Jugend­clubs und Ver­ei­nen aus dem Sol­di­ner Kiez zusam­men­ar­bei­tet, waren der ers­te Lock­down eine enorm har­te Pro­be nach einem Jahr auf der Über­hol­spur. „Das MüMu ver­steht sich als sozia­le Skulp­tur, die wie so vie­les durch Coro­na aus­ein­an­der­zu­bre­chen droht“, so Lena Reich, die Ideen­ge­be­rin des Museums.

Kin­der bei einem Work­shop im Müll Muse­um.
Foto: Jes­si­ca Schmidt, Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez.

Die Ret­tung kam durch ein Tik­Tok-Spon­so­ring. Das chi­ne­si­sche Unter­neh­men unter­stüt­ze fünf­zig Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen, wie das Schwuz Ber­lin oder Kamp­na­gel Ham­burg mit bis zu 100.000 €, um die Pan­de­mie zu über­ste­hen und unter dem Hash­tag #creators­for­di­ver­si­ty für mehr Diver­si­tät zu wer­ben. Das MüMu bewarb sich mit dem Argu­ment, dass der Sol­di­ner Kiez längst ein diver­ser Kiez sei, der mit allem Übel der Welt, unter ande­rem auch Müll, zu kämp­fen hat und den­noch ver­sucht, soli­da­risch zu sein – und erhielt den Zuschlag. „Der Kiez konn­te end­lich zei­gen, dass ihm sei­ne Umwelt nicht egal ist und dass er mit ver­dammt vie­len Müll­ber­gen zu kämp­fen hat.“ Über fünf­zig Mini­vi­de­os zu den Kunst­wer­ken, Vor­ur­tei­le, Jugend­ar­beit, Pro­dukt-Bio­gra­phien, Ver­drän­gung, Lebens­mit­tel­spen­den konn­te der Ver­ein Müll Muse­um e.V. so pro­du­zie­ren – und den Kon­takt zum Kiez halten.

Das Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez fei­ert am 16. März sei­nen 3. Geburts­tag mit Musik und lädt alle ab 11 Uhr zu Sekt & Sel­ters. Es gel­ten die 3G-Regeln. Die Licht­ma­le­rin Dju­rdji­ca Ter­zic wird die Ste­pha­nu­s­kir­che bespie­len – und den alten Wihel­mi­ni­schen Raum in bun­ten Far­ben erklin­gen lassen. 

Das Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez ist auf Tik­Tok aktiv unter @muellmuseumsoldinerkiez.

Ein­la­dung zur Geburts­tags­fei­er. Gra­fik: Müll Museum
Licht­ma­le­rin Dju­rdji­ca Ter­zic wird die Ste­pha­nu­s­kir­che bespie­len. Foto: Künstlerin

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

1 Comment

  1. Müll­ver­mei­dung ist Pflicht!
    Ein klei­nes Müll-Gedicht:😉

    ALLES MÜLL ODER WAS?

    Plas­tik­flut und Wegwerftrend,
    Man kon­su­miert permanent.
    Der Mensch des Anthropozän
    Lässt sich’s auf Erden gut geh’n.
    Mit Snacks und Cof­fee to go
    Hält er sein Leben im Flow.
    Der west­li­che Lebensstil -
    Von Mehr­weg hält man nicht viel.

    Müll­ber­ge bedro­hen die Stadt,
    Der gel­be Sack ein Feigenblatt.
    Von Müll­ver­mei­dung kei­ne Spur,
    Unrat ver­schan­delt Wald und Flur.
    Plas­tik­in­seln auf den Meeren,
    Wie lan­ge soll’s noch währen?
    Kom­men wir end­lich zur Vernunft,
    Ver­mül­len nicht uns’­re Zukunft.

    Homo sapi­ens muss aufwachen,
    Sei­ne Haus­auf­ga­ben machen.
    Die Jagd nach ewi­gem Wachstum
    Bringt letzt­lich den Pla­ne­ten um.
    Das obers­te Gebot der Zeit
    Muss hei­ßen Nachhaltigkeit.
    Statt nur nach Pro­fit zu streben,
    Im Ein­klang mit der Natur leben.

    Rai­ner Kirm­se , Altenburg

    Herz­li­che Grü­ße aus Thüringen

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