Bitte, erkläre mir Marktschwärmer

Antonia Hasler
Anto­nia Has­ler orga­ni­siert Tref­fen von Markt­schwär­mern. Foto: And­rei Schnell

Repor­ta­ge Zwei Kin­der im Kitaal­ter betre­ten die Bar. Sie lau­fen durch das dunk­le Cast­le-Pub *(Anmer­kung unten) wäh­rend es drau­ßen bereits nächt­lich schwarz ist. Was­ser tropft von ihren knall­gel­ben und knall­ro­ten Regen­män­tel­chen. In der hin­ters­ten Ecke, bloß spär­lich erleuch­tet, steht ein schma­ler Tisch. Die Kin­der wis­sen bereits, dass dort Brot und Zie­gen­kä­se auf sie war­tet. “Der schmeckt wahn­sin­nig gut”, sagt der Vater, der ihnen bedäch­tig gefolgt ist. Ben­ja­min heißt er. “Die Milch schmeckt wahn­sin­nig gut, das Brot schmeckt wahn­sin­nig gut.” – “Schmeckt alles wahn­sin­nig gut”, fra­ge ich. “Ja”, sagt er ernst und nickt. Die Kin­der plap­pern der­weil mit Bau­er Nor­bert Weiß­bach. So geht Markt­schwär­mer. (Frü­her hieß ein sol­cher Abend food assem­bly.)Bei einer Schwär­me­rei – so wird ein Abhol­abend auf der Webei­te www.marktschwaermer.de tat­säch­lich genannt – sit­zen Erzeu­ger, also Bau­ern und Imker, auf der einen Sei­te des Tisches und die Kun­den ste­hen davor und packen ein. So auch heu­te, am 29. März. Nach­dem alles ver­staut ist, ent­steht meist eine klei­ne Pau­se. Weil nicht bar bezahlt wird, fehlt etwas im gewohn­ten Ablauf, wie man ihn im Super­markt ein­ge­übt hat. Spä­tes­tens wäh­rend die­ser Lücke begin­nen die Gesprä­che. Über das Wet­ter – nahe­lie­gend. Oder über irgend etwas anderes.

Toni, Gastgeberin der Schwärmerei

Ich bit­te Toni, die eigent­lich Anto­nia Has­ler heißt und sich Gast­ge­be­rin nennt, mir food assem­bly, par­don, Markt­schwär­mer zu erklä­ren. “Du mel­dest Dich online an, suchst Dir aus, was Dir gefällst, bezahlst online und kommst dann vor­bei, um die Lebens­mit­tel hier abzu­ho­len”, erklärt sie das Prin­zip. Vor­teil für die Erzeu­ger: Sie wis­sen genau, wie­viel sie zum Markt mit­brin­gen müs­sen, weg­ge­wor­fen wer­den muss nichts. Vor­teil für die Käu­fer: Fleisch, Obst und Honig kom­men aus der Regi­on, alles ist trans­pa­rent und man schaut dem Bau­ern in die Augen. Es ist die­ser Augen­blick, der die­se Art des Ein­kaufs zu etwas Beson­de­rem macht. Sogar zu etwas Ehrlichem?

Die Pro­duk­te sind ohne Gen­tech­nik her­ge­stellt. Dar­auf ach­tet die Orga­ni­sa­to­rin Toni. “Und ich lege noch zusätz­lich wert dar­auf, dass alles ohne Pes­ti­zi­de und ohne Dün­ge­mit­tel pro­du­ziert wur­de”, sagt sie.

Sie erzählt, sie als Gast­ge­be­rin orga­ni­sie­re alles und habe auch Ein­fluss auf “ihren Markt”. “Ich suche die Erzeu­ger aus, ich besu­che sie auf ihren Höfen, ich ken­ne alle per­sön­lich”, sagt sie. “Im Som­mer sind wir auf dem him­mel­beet und im Cast­le-Pub, doch im Win­ter nur im Pub.” Sie sei froh, dass Ben, der Bar­be­sit­zer, sofort “cool” gesagt habe. Es sei nicht ein­fach gewe­sen, ein Win­ter­quar­tier zu fin­den. *(Anmer­kung unten)

Castle Pub
Han­del von Bau­er zu Städ­ter im Cast­le Pub. Foto: Weddingweiser.

Kunden der Schwärmerei im Gesundbrunnen

Wei­te­re Käu­fer tru­deln ein. Caro kommt aus Neu­kölln. “Extra hier­her”, fra­ge ich ungläu­big. “Nee, ich woh­ne nur für vier Wochen im Wed­ding.” – “Ach­so, Du bist nur für vier Wochen Mit­glied?” – “Nee, auch nicht. Ich gehe sonst zu einer Assem­bly in Neu­kölln. Weil ich so plas­tik­frei ein­kau­fen kann.” – “Darf ich ein Foto machen?” – “Nee, lie­ber nicht.”

Eine Stamm­kun­din kommt. Sie muss, wie auch die meis­ten ande­ren Käu­fer, ihren Namen nicht sagen. Ihre Tüte bekommt sie umge­hend  aus­ge­hän­digt. Die Lis­ten, die es natür­lich gibt, hal­ten die Bau­ern unter dem Tisch. Häk­chen machen sie, wenn die Kun­den gegan­gen sind. Und im Win­ter ist nicht so viel los, dass man sich die Bestel­lun­gen nicht mer­ken könnte.

Bauer Norbert Weißbach
Bau­er Nor­bert Weiß­bach auf der Markt­schwär­me­rei im Cast­le Pub. Foto: And­rei Schnell

Moorbauer Norbert Weißbach

Ich set­ze mich zu Bau­er Nor­bert Weiß­bach. Er ist guter Din­ge und unter­hält die gesam­te Run­de. “Du bist also Bau­er?”, fra­ge ich. – “Ja, Moor­bau­er.” – “Wie?” Und Nor­bert erzählt, dass es schon 2003 schwie­rig war, Flä­chen zu bekom­men. 50 Hekt­ar hat er schließ­lich erwor­ben und mit der Land­wirt­schaft begon­nen. Im Rhin­luch ganz in der Nähe des Stor­chen­dor­fes Linum. Aber dort im Luch sei eben nass. Als land­wirt­schaft­li­che Flä­che sei sei­ne Hekt­ar eigent­lich unge­eig­net. Aber ande­re Flä­chen habe es nicht mehr gegeben.

Luch­wirt­schaft hat er sei­nen Hof genannt. Er hält dort fast alle Tie­re, die man auf einem Bau­ern­hof erwar­tet. Außer Hüh­ner. Und auch Woll­schwei­ne und Fjäll­rin­der. Ange­fan­gen hat alles mit einer ein­zi­gen Zie­ge. Vor vier Jah­ren wur­de das Gebiet mit sei­nem Hof zu einem Natur­schutz­ge­biet. Mit dem 20. März 2013 ist für das Obe­re Rhin­luch moor­scho­nen­de Land­wirt­schaft vor­ge­schrie­ben. So setzt Bau­er Weiß­bach auf die so genann­te exten­si­ve Land­wirt­schaft. Mit deut­li­chen Wor­ten: sei­ne Tie­re wer­den nicht so schnell “fett” wie die Schwei­ne und Rin­der in kon­ven­tio­nel­ler Land­wirt­schaft. “Aber ich bin kein zer­ti­fi­zier­ter Bio­bau­er, auch wenn ich mich an vie­le Bio­richt­li­ni­en hal­te”, sagt er.

himmelbeet
Im Som­mer sind die Markt­sch­är­mer auch im him­mel­beet in der Ruhe­platz­stra­ße. Foto: Weddingweiser

Food assembly heißt jetzt Marktschwärmer

Also, nach­dem ich eine Stun­de zuge­schaut habe, ver­ste­he ich das Ver­fah­ren so unge­fähr. Der Ein­kauf liegt bereit, man holt am Mitt­woch nur noch ab, was bis zum Datums­wech­sel von Mon­tag auf Diens­tag online bestellt und bezahlt wur­de. Man unter­hält sich kurz mit dem Bau­ern und hat eine gute Sache getan und gleich­zei­tig gute Lebens­mit­tel gekauft. Und doch: dafür, dass hier mit Hand­schlag und Vor­na­men gehan­delt wird, wirkt die zuge­hö­ri­ge Web­sei­te www.marktschwaermer.de ziem­lich “glatt”.

17 Schwär­me­rei­en sind dort für Ber­lin ver­zeich­net, davon eine im Wed­ding. 8,35 % vom Umsatz eines Abends geht an die Betrei­ber der Web­sei­te, die in Alt-Mit­te in der Neu­en Schön­hau­ser Stra­ße 19, sitzt. Noch ein­mal 8,35 % erhält Toni für die Orga­ni­sa­ti­on. Die Idee stammt aus Frank­reich. 2010 wur­de das Unter­neh­men La Ruche Qui Dit Oui, deutsch “Der Bie­nen­korb der Ja sagt”, gegrün­det. Seit 2014 schwärmt eine Toch­ter­fir­ma in Deutsch­land, natür­lich war Ber­lin der ers­te Stand­ort in Deutschland.

Toni betreibt im Som­mer, das heißt ab dem 12. April, zwei Märk­te. Von 17.30 bis 19.00 Uhr ver­sam­melt sie Bau­ern auf dem inter­kul­tu­rel­len Gemein­schafts­gar­ten him­mel­beet in der Ruhe­platz­stra­ße 12 und von 19.30 bis 21 Uhr im Cast­le Pub – Craft Beer in der Hoch­stra­ße 2. (*Anmer­kung unten)

Eine letz­te Fra­ge habe ich dann doch noch: “Toni, wenn ich nun mei­ne Bestel­lung abho­le und dann sieht der Honig da so lecker aus – da habe ich kei­ne Chan­ce, den auch noch zu kau­fen?” – “Nein, die Erzeu­ger brin­gen wirk­lich nur mit, was vor­her bestellt wurde”.

LINKS
Wer regio­nal und direkt beim Bau­ern ein­kau­fen will, mel­det sich an auf der Web­site von Marktschwärmer.
Die­ser Arti­kel ersetzt den älte­ren Bei­trag vom 7. Okto­ber 2015 “Gib Dei­nem Bau­ern die Hand!

* Das Cast­le Pub hat seit dem 1. Mai geschlos­sen. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Win­ter­stand­ort fol­gen demnächst.

Text und zwei Fotos: And­rei Schnell; Zwei Fotos: Weddingweiser

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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