Malplaquetstraße: Die Ausnahmestraße

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AKTUALISIERT 2020 Das Schö­ne am Wed­ding ist, dass er eigent­lich über­all gleich ent­spannt ist. Hier fin­det sich Ber­lin wie unter einem Brenn­glas, aber ganz ohne das Über­dreh­te von Prenz­lau­er Berg, den ange­staub­ten Chic von Char­lot­ten­burg oder das Roll­kof­fer-Geklap­per von Kreuz­berg. An ganz weni­gen Stel­len jedoch trifft die typi­sche Wed­din­ger Schmud­de­lig­keit sogar auf ange­neh­men Life­style, ohne dass gleich ein Rie­sen-Hype dar­aus ent­steht. Die Mal­plaquet­stra­ße ist ein sol­cher Ort –  Aus­nah­me­erschei­nung und typi­sche Wohn­stra­ße zugleich.

Wie so oft im Wed­ding soll­te man sich vom schön klin­gen­den fran­zö­si­schen Namen der Stra­ße nicht täu­schen las­sen: 1891 wur­de die Stra­ße, wie die Stra­ßen im gan­zen Kiez, nach Ereig­nis­sen und Per­so­nen des Spa­ni­schen Erb­fol­ge­kriegs (1701– 1714) benannt. Im nord­fran­zö­si­schen Mal­plaquet fand mit 35.000 Toten sogar eine der blu­tigs­ten Schlach­ten der Neu­zeit statt.

MalplaquetstraßeDas süd­li­che Ende der Stra­ße stellt ein viel­ver­spre­chen­des Entrée für den Kiez dar. An der Ecke befin­det sich das „Café Mot­te“. Schon seit Jah­ren steht die­se Ecke für hoch­wer­ti­ge Genuss­mit­tel; der Vor­gän­ger Spi­ri­tus Mun­di war ein Pio­nier in die­sem Teil des Wed­ding. Und in der Tat, auch die intak­ten Alt­bau­ten mit ihren bun­ten Fas­sa­den könn­ten den Ein­druck ver­mit­teln, die Mal­plaquet­stra­ße sei die neue Edelmeile.

Doch was die meis­ten Laden­flä­chen im wei­te­ren Ver­lauf der Stra­ße aus­füllt, sind eher sozia­le Ein­rich­tun­gen, Bera­tungs­stel­len, Ver­ei­ne und Par­tei­lo­ka­le. Die klei­nen drei­ecki­gen Plät­ze, an denen die Quer­stra­ßen abkni­cken, sind seit vie­len Jah­ren Treff­punk­te von Alko­ho­li­kern und sozia­len Rand­grup­pen. „Nervt manch­mal, stimmt“, kom­men­tiert Anwoh­ner Peter auf unse­rer Face­book­sei­te, als es um die Mal­plaquet­stra­ße geht. „Aber das ist auch das Leben – und zwar mit allen Facet­ten, nicht nur den schö­nen. Und die will ich um mich her­um haben, denn es wird sie immer geben.“

Großstadt und Dorf zugleich

er StraßePhil­ip­pe geht noch wei­ter. Der Wahl­ber­li­ner mit ita­lie­ni­schen Wur­zeln glaubt, dass die sicht­ba­ren Rand­grup­pen das Vier­tel vor explo­die­ren­den Mie­ten schüt­zen kön­nen. Das ist auch drin­gend nötig, denn die Mal­plaquet­stra­ße ist ein attrak­ti­ver Wohn­ort. Hier gibt es die Infra­struk­tur einer gro­ßen Stadt und zugleich die Über­schau­bar­keit eines Dor­fes. “Jeder kennt hier jeden, man redet mit­ein­an­der und ich kann mich auf mein Netz­werk ver­las­sen”, sagt Phil­ip­pe, der an der Ecke Utrech­ter Stra­ße den ita­lie­ni­schen Fein­kost­la­den Par­ma (inzwi­schen nach Kreuz­berg umge­zo­gen) betreibt und selbst seit zwölf Jah­ren in der Mal­plaquet­stra­ße wohnt.  Die Nach­bar­schaft ist enga­giert, es gibt Haus­ge­mein­schaf­ten sowie neue und alte Wohn­pro­jek­te, von denen das “Karl-Schra­der-Haus” aus dem Jahr 1906 das bekann­tes­te sein dürf­te. Auch die Haus­ge­mein­schaft in der Nr. 13 a zeigt Per­spek­ti­ven auf, wie sich die Bewoh­ner für ihre eige­nen Inter­es­sen ein­set­zen können.

Quirlig und extrem vielfältig

Eine Metallskulptur zieht sich durch das ganze CaféWas die Mal­plaquet­stra­ße aber am meis­ten von ande­ren Wed­din­ger Stra­ßen abhebt, ist der aus­ge­spro­chen viel­fäl­ti­ge Mix. Mit dem Gas­tro-Pio­nier “Schra­ders” und dem Lar­go-Café lockt der mitt­le­re Abschnitt der Stra­ße Besu­cher aus der gan­zen Stadt an, die die groß­städ­ti­sche und zugleich dörf­li­che Atmo­sphä­re des bau­lich intak­ten Vier­tels zu schät­zen wis­sen. Mit der boden­stän­di­gen Gale­rie-Knei­pe Café More­na und dem alles ande­re als abge­ho­be­nen Kul­tur­ver­ein Mas­tul ist wirk­lich für jeden Geschmack etwas dabei. Doch nicht nur, wenn es um die Abend­ge­stal­tung geht: weit über die Kiez­gren­zen hin­aus bekannt und beliebt ist die thea­ter­be­ton­te Eri­ka-Mann-Grund­schu­le. Und dem Anti­qua­ri­at Macken­sen hat es nicht gescha­det, mit­samt der schö­nen Innen­ein­rich­tung vor ein paar Jah­ren an die Mal­plaquet­stra­ße gezo­gen zu sein. Sogar ein “Mini-Kauf­haus” an der Ecke Ams­ter­da­mer kann der Kiez auf­bie­ten. Eine ver­gleich­ba­re Viel­falt gibt es im Wed­ding höchs­tens im Spren­gel­kiez.  Was viel­leicht noch fehlt, ist ein Lebens­mit­tel­la­den. Und abge­se­hen von ein paar Stra­ßen­bäu­men ist das dicht bebau­te Vier­tel alles ande­re als grün. Zumin­dest ist heu­te weni­ger Müll auf der Stra­ße als frü­her: “Als ich hier­her zog, lag im Som­mer noch der Sil­ves­ter­dreck in den Ecken”, erin­nert sich Phil­ip­pe. Auch waren Kri­mi­nel­le im Stra­ßen­bild sicht­bar – was sich deut­lich geän­dert habe. Inzwi­schen fällt es schwer, alles auf­zu­zäh­len, was es an Gas­tro­no­mie, Nach­bar­schafts­in­itia­ti­ven und sozia­len Ein­rich­tun­gen in der Mal­plaquet­stra­ße gibt.

Eben eine rich­ti­ge Aus­nah­me­erschei­nung, die Straße!

 

Karte Leopoldplatz OsramhöfeCafé Mot­te- Naza­reth­kirch­str. 40/Ecke Malplaquetstr.

Pin­go­li­no Eis­ca­fé, Mal­plaquet­str. 42

Lino’s Bar­be­cue, Mal­plaquet­str. 43

Cafe Lar­go, Mal­plaquet­str. 33

Anti­qua­ri­at Macken­sen, Mal­plaquet­str. 13

Schra­ders Mal­plaquet­str. 16 b Ecke Lie­ben­wal­der Str.

Mini­Kauf­haus Mal­plaquet-/Ams­ter­da­mer Str.

Mas­tul  Lie­ben­wal­der Str. 33

Café More­na Mal­plaquet­str. 25

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

15 Comments

  1. Hal­lo Hen­ry, tut mir sehr leid, dass Du raus­musst ‑wirk­lich!
    Ich wohn­te in der Mal­plaque­stras­se 13 von 1975 ‑2005 und die ‘70iger waren dort wirk­li­ches Leben.
    Ick sag nur Eisdiele/Piroschka, Kolo­ni­al­wa­ren Behne­cke, Fein­kost Feld­mann etc pp.
    Die Piss­bu­de war der Aben­teu­er­spiel­platz und ploetz­lich wur­de aus dem Koh­lenha­end­ler­plazt der “Kohli­spiel­platz”.
    Die Jugos waren da und die Ein­ge­bo­re­nen Ber­li­ner Fami­li­en wie z.B. Rahn, Feh­ling, Beh­ling und vor allem
    die Nitz kamen alle klar miteinander.
    Aber allet vor­bei – wenn aus Momen­ten Erin­ne­run­gen wer­den, wer­den wir alt und melancholisch.
    Lass da nisch aegern , Kopp hoch und Arsch raus.
    Der Wed­ding geht auf­recht durchs Leben!
    Gruss M.ick

    • gruss dich mg…danke für dei­ne Aufmunterung..das habe ich aber nötig.…mittwoch geht es zur allo­heim schwitzerstr.7 aber auch nur so lan­ge bis eine woh­nung frei wird im senio­ren­heim reinickendorferstr…ja frü­her war es besser…kino mercedespalast,schillerkino,stumpfe ecke,schilfhütte,offene tür usw…bilka…habe gear­bei­tet bei witt­ler­brot maxstr…trotzdem tut es mir sehr weh hier zu verlassen…alles muss ich hier lassen…nur das not­wen­digs­te mit­neh­men.…. lg henry

      • Hal­lo Henry,
        lass bit­te nicht den Kopp haengen…es jeht imma weiter.
        Ja Mer­ce­de­spa­last habe ich lei­der nicht mehr erlebt (war ab 1975 in der Mal­plaque­stras­se 13) ‚da war dann Kon­tra Super­markt drin­ne ‑spae­ter Euro Markt.
        Schil­ler­ki­no war geil, sonn­tags fuer 2 Mark God­zil­la oder Bruce Lee kiecken.In der Utrech­terstras­se gab es auch den Schne­cken­tem­pel (fuer die Gros­sen!) Kneipe/Bar ohne Fenster.
        Bei Witt­ler Brot arbei­te­te auch der Vater von einem Schul­freund von mir (Aus­lie­fe­rungs­fah­rer war der, hiess Engel).
        Ick wuen­sche Dir viel Kraft und Got­tes Segen – stark blei­ben Alter Weddinger!
        Gruss M.icke

  2. mir reichts es das lob­ge­sang vom schrader´s.…das ist nicht nur den wedding,nur für zugezogenen,dafür ster­ben nor­ma­len bierkneipen,wie beim fritze,weil der geld­gie­ri­ge wir­tin vom malplaquetstr.28 nie genug den hals vollbekommt…sie saniert sich auf kos­ten der lang­jäh­ri­gen mieter.…henry

  3. nun ist es soweit.…nach 57 jahren,muss ich raus aus der wohnung,als schwer­be­hin­der­ter mit 100%…mutter ins heim,und die wir­tin vom malplaquetstr.28 will kein miet­ver­trag machen…neu reno­vie­ren und teu­er vermieten…komme vor­über­ge­hen ins pfle­ge­heim unter.….alles was in der woh­nung ist,weg damit.…leben wie­der auf null.…danke henry

  4. Der Arti­kel ist wei­test­ge­hend Schön­ma­le­rei und Wer­bung. Gen­tri­fi­zie­rung ist ein Rie­sen­pro­blem in Ber­lin, die Mie­ten stie­gen um 11% jedes Jahr und jetzt zei­gen sich die Aus­wir­kun­gen einer ver­fehl­ten (da nicht vor­han­de­nen) Inte­gra­ti­ons­po­li­tik, der dar­aus resul­tie­ren­den Ghet­toi­sie­rung (Wed­ding, Neu­köln) und der Finanz­kri­se. Ich sage nicht, dass es kei­ne gelun­ge­ne Inte­gra­ti­on gibt – im Gegen­teil – aber eher trotz einer jah­re­zehn­te­lan­gen Poli­tik, die erst jetzt auf­wacht und sich nie um die Inte­gra­ti­on aktiv geküm­mert hat, weil man sich nie ein­ge­ste­hen woll­te, dass Deutsch­land ein Ein­wan­de­rungs­land ist. So lang­sam spit­zen sich aber die sozia­len Pro­ble­me zu. “Frit­ze” konn­te die Mie­te nicht mehr tra­gen und ist seit einem Jahr zu. Jetzt ist der Spiel­platz davor ein Treff­punkt für ca. 10 Jugend­li­che, eine Müll­hal­de und Toi­let­te für Kampf­hun­de­be­sit­zer. Direkt vor der Grund­schu­le, also direkt quer gegen­über vom Schra­ders wird pünkt­lich nach Schul­schluss von 12 bis etwa 22–23 Uhr am Abend auf offe­ner Stra­ße gedealt, hin und wie­der fährt ein BMW vor und ver­sorgt die Kids mit neu­em Stoff zum Ver­ti­cken. Der Bür­ger­meis­ter Hanke wohnt neben­an, aber weder Poli­zei noch Kom­mu­nal­po­li­tik scheint es zu stö­ren. Man sei macht­los und unter­be­setzt. Die han­dels­tüch­ti­gen Kids ver­brin­gen ger­ne den gan­zen Tag an der fri­schen Luft und arbei­ten an ihren Net­work-Skills. Ein, zwei sind immer da, egal bei wel­chem Wet­ter – das nen­ne ich Kun­den­ser­vice! Dann holen sie sich ihre Capr­i­son­ne (ja, ganz har­te Typen) von Güven gleich neben­an und pin­keln in den Woh­nungs­ein­gang, oder direkt gegen die Fas­sa­de. Wobei dies frü­her abends von besof­fe­nen Gäs­ten auch geschah, aber nicht in die­sem Aus­maß. Ich habe inso­fern Ver­ständ­nis, denn was sol­len sie wer­den, selbst wenn sie den Real­schul­ab­schluss schaf­fen, haben sie wirk­lich eine Chan­ce in einer Gesell­schaft, die sie dis­kri­mi­niert? In Ber­lin fin­den oft nicht mal Aka­de­mi­ker einen Job.

    • voll­kom­men rich­tig die mei­nung von disclaimer…ich stim­me ihm zu…sorgen macht mir die lang­sam stei­gen­der miete,so das ich gezwun­gen wird ein unter­mie­ter zu nehmen„„und was macht der staat? gar nix„hilkft nur die klam­men banken.….

  5. Es spricht sehr viel Selbst­mit­leid aus den Kom­men­ta­ren. Ich wür­de mich über einen Fala­fel-Laden sehr freu­en, ich esse auch gern mal ita­lie­nisch und ich habe es gern, in einer schön gestal­te­ten Umge­bung zu essen. Was ist dage­gen ein­zu­wen­den? Das ange­spro­che­ne Pro­blem ist nicht Ras­sis­mus, das Pro­blem heißt Gen­tri­fi­zie­rung und dar­un­ter lei­den Deut­sche und Migranten.

  6. bin auch hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen in der malplaquetstr…mit tür­ken kom­me ich eigent­lich gut zurecht,weniger aus der balkan,geklaut wird viele…leider gibt es kaum nach­bar­schafts­hil­fe hier,bin auf 28 malplaquet..auch die knei­pe bei frit­ze ist zu,schrader ist zu arrogant,überteuert,und nur für spies­ser gedacht,kein wed­din­ger einrichtung…schade…henry

  7. Alles nur Lüge.. Frü­her haben hier jahr­zehn­te­lang Migran­ten tür­ki­scher, jugo­sla­wi­scher, ara­bi­scher und ita­lie­ni­scher her­kunft hier gewohnt zum größ­ten Teil auch hier geboh­ren und auf­ge­wach­sen.. Man woll­te die­ser Mul­ti-Kul­ti Gesell­schaft nicht mehr haben also rein mit den Deut­schen und raus mit den Aus­län­der!! DAS IST EIN TYPISCHER ZEICHEN DES RASSISMUS !! Als Aus­län­der kriegt man heut­zu­ta­ge hier kei­ne Woh­nung mehr.. Ja! es ist eine Aus­nah­m­e­stra­ße in den Sinne

    • @Erol. Das ist doch klar, den Tür­ken und Ara­ber wol­len die nicht. So fängt es an. Erst die Leu­te in Bezir­ke sen­den, wie Kreuz­berg, Neu­kölln und Wed­ding, wo kei­ner woh­nen woll­te, kaum beginnt ein Bezirk schön zu wer­den durch Künst­ler und Lebens­künst­ler, wird der Bezirk auf ein­mal schön. Dann stei­gen die Mie­ten, die Attrak­ti­vi­tät steigt und der Tür­ke, Arber etc… ist nicht mehr ger­ne gese­hen, gera­de die Men­schen die den Bezirk Jahr­zehn­te mit­ge­stal­tet haben und vor allem geprägt haben. Es ist auch ein Bild von Ras­sis­mus der deut­schen vor Ort, alles wird geliebt wenn es ein neu­er Ita­lie­ner ist, ein tol­les Café, Bur­ger-Laden, aber nicht ein Fala­fel-Laden oder Döner, bzw. wenn es wie­der etwas ist was nicht ins Welt­bild der neu­en Wed­din­ger Klein­bür­ger passt. Bio­lä­den und alter­na­ti­ve Läden schrei­en alle “JA”. Prenzl-Berg ist doch schon längst ange­kom­men, die­se Geschrei­be, der Wed­ding sei ja noch so frei davon ist abso­lu­ter Unsinn.
      Lei­der reden immer die von einem Wed­ding, die den Wed­ding gar nicht kennen.
      Zusam­men­ge­fasst: Die Neu Wed­din­ger fin­den Wed­ding so anders und so frei, aber den Tür­ken wol­len die nicht in der Nähe, neben, unter oder über sich in einer Woh­nung haben.

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