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Ein Architekturlabel so echt wie der Wedding:
“Karl-Schrader-Haus” von Kristeller und Sonnenthal

Das "Karl-Schrader-Haus" bot bei seiner Fertigstellung 1906 den Bewohnern einen Mittelweg zwischen Mietskaserne und einem gehobenen Wohnkomfort.

Karl Schrades Haus
“Karl-Schra­der-Haus” mit den Dop­pel­tür­men, Auf­nah­me: Andaras Hahn, August 2021.

Ungüns­ti­ge Ver­ket­tung von Umstän­den: Jüdi­sche Archi­tek­ten die zu früh star­ben, ein Gebäu­de das bei sei­ner Ent­ste­hung in den Archi­tek­tur­ma­ga­zin nicht erschien, eine Stra­ße, die um 1900 nega­ti­ve Schlag­zei­len hat­te und ein zu spä­tes Bewusst­sein für Wohn­wer­te: das “Karl-Schra­der-Haus” in der Mal­plaquet­stra­ße 14–16B und Lie­ben­wal­der Stra­ße 35–36A ist eine Mar­ke unter Ken­nern und zugleich Vor­bild zukünf­ti­gen Wohn­baus. Am 31.08.1860 wur­de einer der bei­den Archi­tek­ten gebo­ren: Fried­rich Kris­tel­ler. Und bis heu­te fehlt noch was!

Lage­plan: “Karl-Schra­der-Haus” – Eck­ge­bäu­de-Ensem­ble, Plan 1910.

Die Malplaquetstraße am Leopoldplatz

Wer heu­te durch die Mal­plaquet­stra­ße läuft oder mit dem Fahr­rad über das alte Kopf­stein­pflas­ter fährt, dem wer­den die geschlos­se­ne Alt­bau­sub­stanz und zwei unmit­tel­bar auf­ein­an­der fol­gen­de öffent­li­che Platz­räu­me auf­fal­len. In der nur gut 500 m lan­gen Wohn­stra­ße gibt es an der Utrech­ter Stra­ße und an der Ecke Lie­ben­wal­der Stra­ße jeweils drei­ecki­ge Plät­ze, die von den Anwoh­nern als Treff­punk­te genutzt wer­den. In den Som­mer­mo­na­ten geht es leb­haft zu.

An einem der Plät­ze befin­det sich die Haupt­fas­sa­de des „Karl-Schra­der-Hau­ses“. Es ent­stand 1905-06 nach den Plä­nen des Archi­tek­tur­bü­ros Kris­tel­ler & Son­nen­thal. Hier­bei han­delt es sich um ein Gebäu­de­en­sem­ble mit 192 Woh­nun­gen und gemein­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen für die Mie­ter. Es gehör­te mit zu den letz­ten Neu­bau­ten in der schma­len Stra­ße. Gut sechs Jah­re spä­ter wur­de die gegen­über­lie­gen­de Bau­lü­cke geschlos­sen. Es ent­stand nach den Plä­nen des bekann­ten Archi­tek­ten Lud­wig Hoff­mann eine Schu­le mit klas­si­zis­ti­scher Fas­sa­de zur Mal­plaquet­stra­ße – heu­te Erika-Mann-Grundschule.

Das “Karl-Schrader-Haus” heute und damals

Es gibt bereits meh­re­re äußer­li­che Beson­der­hei­ten beim “Karl-Schra­der-Haus”: Die Dop­pel­turm­fas­sa­de an der Ecke Mal­plaquet­stra­ße und Lie­ben­wal­der Stra­ße und die Öff­nung des Bau­blocks an der Mal­plaquet­stra­ße mit Blick in den Hof­be­reich und auf den pavil­lon­ar­ti­gen Bau­kör­per im Hof (sie­he alte Auf­nah­me). Heu­te ver­sprüht der schmie­de­ei­ser­ne Ein­gang his­to­ri­schen Charme, wäh­rend die Müll­ton­nen direkt im Ein­gangs­be­reich unmo­ti­viert daher­kom­men. Die stren­gen Fas­sa­den mit Orna­men­ten im Jugend­stil-Look wir­ken nahe­zu zeit­los elegant.

Ist hier wirk­lich der Wed­ding? Blickt man zurück, dann irgend­wie schon. Am 10. Dezem­ber 1907 ereig­ne­te sich ein Ehe­dra­ma in der Haus­num­mer 14 des “Karl-Schra­der-Hau­ses”, denn der Ehe­mann erwisch­te sei­ne Frau mit dem Unter­mie­ter in fla­gran­ti. Nach einer hand­greif­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den bei­den Män­nern stieß der Ehe­mann den jugend­li­chen Lieb­ha­ber aus dem 4. Stock, der auf dem Trot­toir tot lie­gen blieb.

An Weih­nach­ten 1911 schaff­te es ein wei­te­rer Vor­fall im “Schra­der-Haus” in die Pres­se: In der Haus­num­mer 14/16 stand der Kolo­ni­al­wa­ren­la­den in Flam­men. Anwoh­ner hin­der­ten die Feu­er­wehr an dem Lösch­ein­satz: „Die Feu­er­wehr wur­de beschimpft und bedroht, so daß die Poli­zei ein­schrei­ten muß­te.“ Die Aus­rüs­tung der Feu­er­wehr wur­de beschä­digt, Hun­de auf die Feu­er­wehr­leu­te gehetzt und es kam sogar zu Fest­nah­men, so Feu­er­wehr-Signa­le vom 20. Janu­ar 1912.

Mehr­fa­mi­li­en­haus der Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft in Lich­ter­fel­de, um 1900.

Weg von der Mietskaserne: die Berliner Baugenossenschaft

Das “Karl-Schra­der-Haus” bot bei sei­ner Fer­tig­stel­lung 1906 den Bewoh­nern einen Mit­tel­weg zwi­schen Miets­ka­ser­ne und einem geho­be­nen Wohn­kom­fort. Immer­hin gab es 192 Woh­nun­gen. Sämt­li­che Zim­mer erhiel­ten Tages­licht. Auch 2‑Zim­mer-Woh­nun­gen hat­ten einen Bal­kon und lagen im Vor­der­haus und nicht im dunk­len Sei­ten­flü­gel oder zwei­ten Hin­ter­hof. Nicht jede Woh­nung ver­füg­te über ein Bade­zim­mer mit Bade­wan­ne aber dafür gab es ein Gemein­schafts­raum mit Bade­wan­ne, wäh­rend die Bewoh­ner ande­rer Zins­häu­ser ins Stadt­bad z.B. Volks­ba­de­an­stalt an der Gericht­stra­ße gehen muss­ten, um ein Voll­bad zu nehmen.

Hier ging es nicht nur ums gute Woh­nen, son­dern auch um die Gemein­schaft der Bewoh­ner. Ob Grün­flä­chen zum Ver­wei­len, ein Genos­sen­schafts-Kin­der­gar­ten, das Wirts­haus oder die Haus­bi­blio­thek mit Ver­samm­lungs­raum, stets wur­de über das nütz­li­che hin­aus in grö­ße­ren gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­gen gedacht.

Auf­trag­ge­ber war die 1886 gegrün­de­te Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft. In einem Arti­kel von 1892 unter der Über­schrift „Was kos­ten Arbei­ter-Wohn­häu­ser?“ heißt es: „Die Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft baut zwei­stö­cki­ge Häu­ser zu 6- bis 7000 Mark.“ (Illus­trier­te Welt, 40.1892). Mit die­sem Ansatz erlang­te die Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft inner­halb weni­ger Jah­re eine gewis­se Bekannt­heit. Ziel­grup­pe vie­ler dama­li­ger Neu­bau­ten waren Fabrik­ar­bei­ter, Hand­werks­ge­sel­len und Unter­be­am­te. Orte für die Bau­tä­tig­kei­ten waren die noch nicht zu Ber­lin gehö­ren­den Dör­fer und Sied­lun­gen wie Adlers­hof, Lich­ter­fel­de, Herms­dorf, Bor­sig­wal­de, Mari­en­dorf und Mahls­dorf. Ins­ge­samt ver­füg­te die Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft 1905/06 über 297 Wohn­häu­ser mit ins­ge­samt 1.043 Wohn­ein­hei­ten wovon mehr als die Hälf­te 2‑Zim­mer-Woh­nun­gen waren. Bis dahin bau­te sie kei­ne gro­ßen Miets­häu­ser oder gar die bereits in Ver­ruf gera­te­nen Miets­ka­ser­nen. Zu den zen­tra­len Weg­be­rei­tern gehör­ten Gabri­el Wohl­ge­muth und Karl Schra­der. Bei­de präg­ten die Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft mit neu­en Ideen und Visionen.

So war das Wohn­haus in der Mal­plaquet­stra­ße über­haupt das ers­te gro­ße Miets­haus der Ber­li­ner Genos­sen­schaft. Nach des­sen Mit­be­grün­der, Karl Schra­der (*4.4.1834, +4.5.1913), wur­de das Gebäu­de­en­sem­ble nach der Fer­tig­stel­lung benannt. Somit wird noch­mal deut­lich, wie sehr die Archi­tek­ten Kris­tel­ler & Son­nen­thal die Idea­le und Vor­stel­lun­gen der Genos­sen­schaft erfüll­ten. Das Wohn­haus dien­te somit nicht nur dem Woh­nen und einer sozia­len Gemein­schaft son­dern war auch Denkmal.

Detail Jugend­stil-Orna­ment von Kris­tel­ler & Son­nen­thal für das Metro­pol­ho­tel in Stettin.

Die Jugendstil-Architekten Friedrich Kristeller und Hugo Sonnenthal

Aus der Epo­che um 1900 haben es vie­le Bau­meis­ter aus unter­schied­li­chen Grün­den nicht in die Stan­dard­wer­ke zur Archi­tek­tur Ber­lins geschafft. Zum einem wur­de von den zeit­ge­nös­si­schen Archi­tek­tur­ma­ga­zi­nen und Fach­leu­ten die Gat­tung ‘Reform­woh­nungs­bau im Wed­ding’ um 1900 kaum the­ma­ti­siert – eher wur­de über Geschäfts­häu­ser und städ­ti­sche Bau­wer­ke wie z.B. Kran­ken­häu­ser, Schu­len und Feu­er­wa­chen berichtet.

Neben der Gat­tung Wohn­bau spiel­ten natür­lich die beruf­li­chen und per­sön­li­chen Bio­gra­phie der Archi­tek­ten eine Rol­le. Fried­rich Kris­tel­ler, Jahr­gang 1860, ver­starb am 27.11.1924, wäh­rend sein Büro­part­ner Hugo Son­nen­thal bereits am 03.12.1912 starb. Das Archi­tek­ten­duo gehör­te zu den her­aus­ra­gen­den Jugend­stil-Bau­meis­tern und doch gibt es nur weni­ge Quel­len und Erwähnungen.

Ein ungleiches Paar: Frankfurt am Main und Berlin Wedding

Auf­fäl­ligs­tes gestal­te­ri­sches Merk­mal am “Karl-Schra­der-Haus” sind die bei­den Dop­pel­tür­me an der schma­len Gebäu­de­spit­ze an der Mal­plaquet­stra­ße Ecke Lie­ben­wal­der Stra­ße. Die­ses Ele­ment lässt sich bei Kris­tel­ler & Son­nen­thal bei einem zeit­glei­chen Bau­werk in Frank­furt am Main fin­den: dem Schu­mann­thea­ter – der Jugend­stil-Iko­ne der Mainmetropole.

Bei­de Bau­wer­ke ent­stan­den um 1905. Der Ein­gang des Schu­mann­thea­ters war von zwei Tür­men flan­kiert und mit zahl­rei­chen Sta­tu­en und Bau­plas­ti­ken über­reich deko­riert. Nahe­zu monu­men­tal wir­ken die Fas­sa­den mit den gro­ßen Fens­ter­flä­chen, den über den Fens­tern plat­zier­ten Skulp­tu­ren und dem zugleich wehr­haf­ten Gesamt­ein­druck. Die Bewegt­heit des gestal­te­ri­schen Zier­rats wird von der Sym­me­trie abgedämpft.

Auch die Dop­pel­turm­fas­sa­de in der Mal­plaquet­stra­ße ist sym­me­trisch auf­ge­baut. Es gibt eine beton­te Erd­ge­schoss­zo­ne und ein Schmuck­band über dem ers­ten Ober­ge­schoss. Die bei­den Tür­me erin­nern an Salz- und Pfef­fer­streu­er oder auch Blü­ten von Glo­cken­blu­men. Die­se gewis­se Leich­tig­keit fehlt beim Schu­mann­thea­ter – es wur­de 1960/61 abge­ris­sen. Ein wei­te­res Haus mit Turm errich­te­ten Kris­tel­ler & Son­nen­thal 1906-07 am Ber­li­ner Gen­dar­men­markt. Das Gebäu­de an der Char­lot­ten­stra­ße Ecke Tau­ben­stra­ße erhielt eine beton­te Ecke mit ver­ti­ka­len Lini­en, Vor- und Rück­sprün­gen sowie dem sich ver­schlan­ken­den Tam­bour und der abschlie­ßen­den Kuppel.

Somit ist das “Karl-Schra­der-Haus” das ein­zi­ge erhal­te­ne Werk von Kris­tel­ler & Son­nen­thal mit Doppelturmfassade.

Land­haus Adolf Schwa­ba­cher von Fried­rich Kris­tel­ler, Ber­lin-Wann­see, Auf­nah­me 1909. Adolf Schwa­ba­cher wur­de auf dem jüdi­schen Fried­hof Wei­ßen­see beerdigt.

Biographisches über Kristeller & Sonnenthal

Fried­rich Kris­tel­ler und Hugo Son­nen­thal hat­ten bei­de jüdi­sche Wur­zeln. Kris­tel­lers Sohn Wal­ter wur­de in Ausch­witz ermor­det. Die Schwes­ter von Fried­rich Kris­tel­ler, Mar­ga­re­the, wur­de nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Bei Hugo Son­nen­thal – Edu­ard Hugo Son­nen­thal – blieb die Ehe mit Emi­lie, gebo­re­ne Nathorff (+26.05.1870, +16.09.1948), kin­der­los. Somit gibt es kei­ne Erin­ne­run­gen. Das Büro Kris­tel­ler & Son­nen­thal bestand laut Über­lie­fe­run­gen von 1891 bis 1904 – trotz­dem gibt es zahl­rei­che spä­te­re Wer­ke, bei denen die Büro­ge­mein­schaft genannt wird. Auch war Fried­rich Kris­tel­ler Mit­glied beim Bund Deut­scher Archi­tek­ten (BDA). Die Archi­tek­ten Kris­tel­ler & Son­nen­thal nah­men an zahl­rei­chen städ­ti­schen Aus­schrei­bung und Wett­be­wer­ben teil. Oft kamen ihre Ent­wür­fe in die enge­ren Aus­wahl und erziel­ten Preisgelder.

Unter den Auf­trag­ge­ber waren Pri­vat­per­so­nen, Unter­neh­mer und eben auch die Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft, für die Fried­rich Kris­tel­ler zusam­men mit ande­ren Archi­tek­ten 1903-05 in der Wohl­ge­muth­stra­ße 18/34 in Trep­tow-Köpe­nick ins­ge­samt 9 Rei­hen­häu­ser geplant hat­te. Und anschlie­ßend das “Karl-Schra­der-Haus”. Kris­tel­ler soll bei Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft in die­ser Zeit auch ver­schie­de­ne Ämter gehabt haben.

Bereits um 1900 war die Ver­flech­tung von Archi­tek­ten mit Kapi­tal­ge­bern extrem wich­tig, um Bau­auf­trä­ge zu erhal­ten. So war her­aus­zu­fin­den, dass Kris­tel­ler von 1890 bis 1897 Direktor/Vorstand der ‘Akti­en-Bau­ge­sell­schaft Wer­der­scher Markt’ war. Sie hat­te ihren Sitz an der Adres­se Wer­der­scher Markt 10. Im Ber­li­ner Han­dels­re­gis­ter von 1921 wird die ‘Akti­en-Bau­ge­sell­schaft Wer­der­scher Markt’ mit einem Kapi­tal von 1 750 000 Markt geführt und den Vor­sitz hat­ten Her­mann Sil­ber­berg und Dr. Richard Lach­mann. Unbe­kannt sind das kon­kre­te Geschäfts­mo­dell und die wei­te­ren Ver­flech­tun­gen zu Auftraggebern.

“Wolff-Haus” 1909 von Fried­rich Kris­tel­ler, Fas­sa­de zur Krau­sen­stra­ße, Berlin-Mitte.

Was war jüdisch an Kristeller & Sonnenthal?

Sowohl Fried­rich Kris­tel­ler als auch Hugo Son­nen­thal kamen aus jüdi­schen Fami­li­en und hei­ra­te­ten auch Frau­en aus jüdi­schen Fami­li­en. Wie es für Ber­lin um 1900 typisch war, kamen vie­le Auf­trä­ge auch von jüdi­schen Auf­trag­ge­bern. Für den jüdi­schen Ban­kier und Chef der Ber­li­ner Bör­se Adolf Schwa­ba­cher plan­te Fried­rich Kris­tel­ler 1906-07 ein Vil­len­en­sem­ble Am Sand­wer­der 21&23 (damals Fried­rich-Karl-Stra­ße 23, umbe­nannt 1933) mit Blick über den Wannsee. 

Oder es wur­de mit jüdi­schen Bau­un­ter­neh­men wie z.B. Josef Frän­kel zusam­men­ge­ar­bei­tet. Frän­kel war eine popu­lä­re Per­sön­lich­keit der Ber­li­ner jüdi­schen Gemein­de. Er hat­te vie­le Ehren­äm­ter und war über­aus enga­giert, was in den Nach­ru­fen der Jüdi­schen Pres­se von 1906 deut­lich wird. Über sei­nen Tod hin­aus war sei­ne Bau­fir­ma (Fa. Geb. Frän­kel) tätig. Laut Über­lie­fe­rung war Frän­kels Fir­ma u.a. an der Errich­tung von dem von Fried­rich Kris­tel­ler geplan­ten Gebäu­de in der Krau­sen­stra­ße betei­ligt: 1909 ent­stand für den jüdi­schen Pelz­groß­händ­ler Vic­tor Wolff ein Geschäfts­haus – heu­te Sitz des Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern, für Bau und Hei­mat (BMI).

Das „Wolff-Haus“ besitzt eine erschüt­tern­de Geschich­te, des­sen Puz­zle­tei­le von Dina Gold auf­wen­dig zusam­men­ge­setzt wur­de. Es ist in der beruf­li­chen Lauf­bahn von Fried­rich Kris­tel­ler eines der letz­ten Groß­bau­ten. Das Geschäfts­haus ent­stand auf den zusam­men­hän­gen­den Grund­stü­cken Krau­sen­stra­ße 17/18 und Schüt­zen­stra­ße 65/66. Im Grund­riss ist auf­fäl­lig, dass die Eta­gen ohne tra­gen­de Wän­de aus­ka­men. Ledig­lich Pfei­ler tru­gen die Eta­gen mit ca. 1.400 qm. Eben­falls auf­wen­dig wur­den die Fas­sa­den in Tra­ver­tin mit gold­brau­ner Tönung, Ver­tie­fun­gen, Nischen und dezen­ten Zier­ele­men­ten gestal­tet. Dazu pas­send die Schau­fens­ter und Ein­gangs­tü­ren in Bron­ze gear­bei­tet. Und die Haupt­trep­pen­häu­ser erhiel­ten Wand-Panee­le aus Mar­mor. Gestal­te­risch inter­es­sant sind auch die vier Außen­lam­pen im Stil der Wie­ner Werkstätten.

Heute vom „Karl-Schrader-Haus“ lernen

Das “Karl-Schra­der-Haus” war um 1906 nicht das ers­te Ber­li­ner Miets­haus im neu­en sozia­len Geist der Zeit. Aber trotz­dem wur­de für das tor­ten­stück­för­mi­ge Grund­stück eine attrak­ti­ve Lösung mit zwei Höfen und einem gro­ßen Gemein­schafts­hof gefun­den. Somit konn­te die für Ber­lin typi­sche Block­rand­be­bau­ung bei­be­hal­ten und gleich­zei­tig den Bewoh­nern ange­nehm hel­le Woh­nun­gen gebo­ten wer­den. Der zur Ver­fü­gung ste­hen­de Boden wur­den maxi­mal genutzt ohne die sozia­len Aspek­te des Zusam­men­le­bens zu ver­nach­läs­si­gen. Dies ist auch Gebot der Stun­de: den zur Ver­fü­gung ste­hen­den raren Boden ange­mes­sen zu nut­zen und lang­fris­ti­ge Kon­zep­te umzu­set­zen. Ein eige­ner Kin­der­gar­ten oder eine Gemein­schafts­kü­che könn­ten heu­ti­ge Wün­sche nach kur­zen Wegen und Gemein­schaft erfül­len. Somit kann das Kon­zept hin­ter dem “Karl-Schra­der-Haus” für krea­ti­ve Ideen die­nen. Wün­schens­wert wäre, wenn die Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft – als ältes­te Ber­li­ner Bau­ge­nos­sen­schaft – eine Gedenk-Pla­ket­te für die jüdi­schen Archi­tek­ten an ihrem Stamm­haus in der Mal­plaquet­stra­ße anbrin­gen würde. 

Carsten Schmidt

Zum Autor: Carsten Schmidt (Dr. phil.), promovierte am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin. Sein Interessensschwerpunkt für Stadtgeschichte verfolgt einen interdisziplinären Ansatz zwischen Gesellschaft- und Architekturgeschichte. Er ist Autor des Buchs: Manhattan Modern, Architektur als Gesellschaftsauftrag und Aushandlungsprozess, 1929–1969, und freut sich über Anregungen und Kritik. Zu finden ist er auch auf Twitter.

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