Licht, aber kein Hoffnungsschimmer, über dem Wedding

Licht über dem Wedding
Cover des Buches „Licht über dem Wedding“ von Nicola Karlsson. Piper Veralg

„Sie hasste den Wedding, denkt Hannah.“ Das ist doch mal eine emotional eindeutige Gefühlslage zu einen Stadtteil, dem nicht nur der Weddingweiser die schönsten Seiten abgewinnen möchte. Um das Schöne des Weddings geht es im Roman von Nicola Karlsson nicht. Hier geht ums hässliche Scheitern. Eines, das nicht trendig in ein prahlerisches „Schöner Scheitern“ gedreht wird.  Hier die Buchrezension, zu einer Geschichte, in der nichts schön getüncht wird.

Kehrt der „entlarvende“ sozialkritische Roman zurück? Die 1974 in West-Berlin geborene Nicola Karlsson schreibt keinen unterhaltenden Roman für den Abspannung suchenden Leser. Es geht ihr auch nicht darum, den Leser mit einer unglaublichen Geschichte zu packen wie es die Drehbuchautoren einer Netflix-Serie machen. Die Autorin will mit ihrem Roman etwas mitteilen. Sie hat es zu sagen. Geht Themen an, über die zuletzt nur wenig zu lesen war. Es schreibt von Alkohol, von Verlierern, von denen ganz unten (die sonst nur Günter Wallraff ins Blickfeld zieht).

Nicila Karlsson
Autorin Nicola Karlsson. Foto Verlag Piper

In „Licht über dem Wedding“ erzählt sie das Leben von zwei Frauen, zwei jungen Frauen, die beide im Wedding wohnen, vermutlich im Brunnenviertel. Sie wohnen in einem Hochhaus. Gemeint ist damit: Sozialbau. Und wer an Sidos „Mein Block“ denkt (wobei das dort besungene Hochhaus bekanntermaßen im Märkischen Viertel steht), dürfte die richtige Assoziation haben. Wobei Hannah, die mit durchgedrücktem Rücken durchs Leben geht, ihr Leben im Hochhaus als ein Leben im Appartment-Wolkenkratzer am Central Park in New York inszeniert. Sie verdient Geld mit Fotos, die sie zeigen. Als Schönheit. Gestellte Bilder sagte man früher. Heute sind solche Fotos auf Instagram und Co etwas wert. Ihr Gegenpart ist Agnes. Sie verstellt sich nicht. Die langsam anschwellende Gentrifizierung des Weddings durch Leute wie Hannah kommentiert sie so: „In ihr Haus hatten sie sich noch nicht verlaufen. Nicht viele jedenfalls. Rico sagte, da kämen bald mehr.“ Sie hat mit Instagram nichts am Hut. Ihr Denken dreht sich um die Frage, wie man sich durchsetzt. „Sonst war man das Opfer“.

Lesenswert ist definitiv das vierte Kapitel, das beschreibt, wie Hannah mit einem mit Pailletten besetztem Abendkleid in eine der letzten übriggebliebenen Suffkneipen im Wedding geht. Ihr Ziel: ein krasses Foto machen. Diva besucht „Zum Dicken“ könnte das Kapitel heißen, das schlicht mit der Zahl 4 überschrieben ist. Ein Kapitel, dass beweist, das Nicola Karlsson zu den Könnern gehört.

Ein Roman übers Milieu

Ungeschminkt ist der Roman. Das macht den Kontrast aus, dass Hannah sich schminkt, sich inszeniert, einen schönen Schein zeigt. Aber was verbirgt sich hinter dieser angemalten Fassade? Nicht bloß bei Hannah. Was hinter dem Anschein ist, das ist in dem Roman das Brutale. Ans Licht kommt, wie Alkohol Menschen zerstört. Das beschreibt Nicola Karlsson rücksichtslos – eben ungeschminkt. Es geht um psychische Probleme. Es geht um Familie als Folterkammer.

Beinahe schade, dass man all dies beinahe genauso in sozialkritischen Romanen bereits gelesen hat. Wenn auch vor einer Generation. Zum Beispiel 1982 in Frank Baers „Kein Grund zur Panik. Roman einer Jugend im Wedding“. Das ist ein Problem, wenn nicht bloß unterhalten werden soll: Wie finden Autoren einen neuen Dreh für eine schon oft beschriebene Sache? Und die sich ja auch nicht ändert, bloß weil 30 Jahre Trallala-Romane vorübergezogen sind. Wenn man nicht bloß Pop will. Aber vielleicht ist es auch gut so. Immerhin hat lange niemand mehr versucht, einen Roman übers Milieu zu schreiben.

Ebenfalls schonungslos ist Nicola Karlssons erster Roman „Tessa“ von 2013. Auch hier gern zugreifen und lesen.

Hier geht es zur Buchbeschreibung im Verlag Piper, 20 Euro, erschienen am 1. März 2019, 320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, EAN 978-3-492-05941-1.

Autorenfoto Andrei SchnellAndrei Schnell bemerkt in „Licht über dem Wedding“ eine Rückkehr der Sozialromane aus den 1980er Jahren.


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