Über die Nacht der Solidarität

Kommentar: Wer in Berlin wohnt, kommt am Thema Obdachlosigkeit schlicht nicht vorbei. Auch im Wedding zeigen zahlreiche Hilfeeinrichtungen und Institutionen, welche Relevanz dieses Thema in unserer Nachbarschaft hat. Doch frage ich mich oft, wie ich einen Beitrag zur Besserung der Situation von Menschen ohne festen Wohnsitz leisten kann. Ende letzten Jahres dann wurde ich auf die “Nacht der Solidarität” aufmerksam . Eine Teilnahme war für mich völlig klar, denn die Notwendigkeit, eine Zahl von auf der Straße schlafenden Personen zu erfassen, um entsprechende Hilfsangebote anzupassen, erschien mir sehr einleuchtend. Etwas naiv, wie ich mir später eingestehen musste.

Die Frage aller Fragen?

Angemeldet hatte ich mich für eine Teamleitung. Was das genau beinhaltete, wusste ich zuerst nicht, doch gab es dafür im Januar eine Schulung. Dabei wurde der Verhaltenskodex, die verschiedenen Zählräume und der Fragebogen vorgestellt. Erschreckend banal und leider nicht wirklich aussagekräftig, dachte ich. Auf der anderen Seite ist bei knapp 4.000 Freiwilligen wohl davon auszugehen, dass der Umgang mit obdachlosen Menschen nichts Alltägliches darstellt und sich viele Freiwillige dieser, wie ich finde, Herausforderung das erste Mal annahmen. Alter, Geschlecht, Nationalität, Zeitraum der Wohnungslosigkeit und die Frage, mit wem die angetroffene Person auf der Straße zusammenlebt, müssen dem Senat als Informationen nun also reichen, um auf die doch so individuellen Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen.

Team Gesundbrunnen 3

Der doch etwas ungemütliche Vorplatz vom Bahnhof Gesundbrunnen ist oft auch Treffpunkt von obdachlosen Personen.

Aber kommen wir zur eigentlichen Nacht. Der Nacht der Solidarität, in welcher ich nach der Teamfindung zuallererst ganz solidarisch die Rolle als Teamleitung ‚meines‘ dreiköpfigen Teams wieder abgegeben habe. Alles danach fühlte sich leider nicht sehr solidarisch an. Vor allem nicht der ganz praktische Umgang mit unserer ‚Zielgruppe‘. Zwischen 21:30 und 00:30 Uhr liefen wir also vom Zählbüro in der Fabrik Osloer Straße los Richtung zugeteiltem Zählraum. Team Gesundbrunnen 3 – umfasste ungefähr den Bahnhofsvorplatz Gesundbrunnen bis hin zur Behmstraßenbrücke.

Anzahl der Gezählten: unter 10. Anzahl der durchgeführten Befragungen: weniger als eine Handvoll. Peinlich berührt beendeten wir die Befragungen nach je durchschnittlich knapp 30 Sekunden und gingen über in Gespräche, dessen Inhalte bei der ersten offiziellen Obdachlosenzählung nicht beachtet werden können. Der Fragebogen ließ uns dafür keinen Spielraum. Was festzuhalten ist: das Vertrauen in den Staat ist gleich Null zu setzen; die Hoffnung, dass sich nach der Zählung etwas ändern wird, ebenso.

Es ist auch anzunehmen, dass sich viele Betroffene in dieser Nacht in den nicht-öffentlich zugänglichen Raum zurückgezogen haben – vielleicht sogar aus Angst vor Konsequenzen durch die Erfassung persönlicher Daten. Immerhin wollte der Senat zuerst noch eine systematische Verortung der aufgefundenen Personen in die Zählung mit einbinden, um dann…? Ja, man weiß es nicht – die Bänke mit Armlehnen aus Metall auszustatten oder Großräumungen durchzuführen? Diese Sorge kann ich mit dem Blick auf aktuelle Geschehnisse Richtung Leopoldplatz gut nachvollziehen. Zum Glück hat man sich das wohl noch zweimal überlegt.

Ergebnisse sind da

Im Nachhinein wundert mich die erschreckend niedrige Zahl von berlinweit 1.976 – im Bezirk Mitte 182 – obdachlosen Menschen, inklusive jener in Rettungsstellen, Polizeigewahrsam und Einrichtungen der Kältehilfe, nicht. Die Zahl liegt damit weit unter den bisherigen Schätzungen verschiedener Institutionen. Und  tagtäglich begegnen mir in meinem Zählbereich mehr Betroffene als in besagter Nacht. Dass die Zählung also allenfalls eine Stichprobe der eigentlichen Situation darstellt, gilt wohl auch für den Wedding und Gesundbrunnen.

Es ist zu hoffen, dass die Nacht der Solidarität nun staatliche Maßnahmen mit sich zieht, doch bisher steht ehrenamtliches Engagement im Vordergrund, wenn es um effektive Hilfe für Obdachlose geht. Aber wie kann nachhaltige Hilfestellung aussehen? Dieser Frage sind Rainer von Dziegielewski, Klaus Seilwinder und Maik Eimertenbrink von der Obdachlosen-Uni im Rahmen eines Hochschulgespräches im April letzten Jahres an der Weddinger Hochschule nachgegangen. Autor Paul Jerchel fasste die Ergebnisse in diesem Beitrag zusammen. Als Art Guide kann dieser Interessierten den Einstieg in die Hilfeleistung erleichtern.


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