Gordischer Knoten im ehemaligen Diesterweg-Gymnasium

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Wie die orangefarbene Schule zu Wohnungen umgebaut werden soll - Grafik pswedding
Wie die oran­ge­far­be­ne Schu­le zu Woh­nun­gen umge­baut wer­den soll. Gra­fik: pswedding

Die lan­des­ei­ge­ne Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft Dege­wo und pswed­ding wol­len auf dem ehe­ma­li­gen Gelän­de des Dies­ter­weg-Gym­na­si­ums bau­en. Zusam­men rund 350 Woh­nun­gen. Pswed­ding ist ein Zusam­men­schluss von Stadt­pla­nern und arbei­tet als Non-Pro­fit-Orga­ni­sa­ti­on. Alle Par­tei­en unter­stüt­zen das Pro­jekt aus­drück­lich – den­noch hakt es immer wie­der. Auf dem Spiel ste­hen ange­streb­te Mie­ten von 5,50 Euro pro Qua­drat­me­ter.  Heu­te, Don­ners­tag, tagt die Bezirs­k­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung (BVV) – das Par­la­ment auf Bezirks­ebe­ne. Die BVV will sich mit der Zukunft des Gelän­des befassen.

Sascha Schug ist für die SPD aus dem Brun­nen­vier­tel in der BVV. Sei­ne Gro­ße Anfra­ge lau­tet: “Wer durch­schlägt den gor­di­schen Kno­ten?” Zwar unter­stüt­zen alle Par­tei­en und Stadt­rä­te das Pro­jekt und es gibt sogar Beschlüs­se sei­tens des Bezirks­am­tes einen ent­spre­chen­den Bebau­ungs­plan auf­zu­stel­len und das Pro­jekt als Pilot­pro­jekt vor­an­zu­brin­gen. Doch es kommt ein­fach nicht zur Grundstücksübergabe.

Grund­stücks­ver­ga­be

Bezirksbürgermeister Christian Hanke vor dem ehemaligen Diesterweg-Gymnasium - Foto Andrei Schnell
Bezirks­bür­ger­meis­ter Chris­ti­an Hanke vor dem ehe­ma­li­gen Dies­ter­weg-Gym­na­si­um. Foto: And­rei Schnell

Grund­stü­cke sind wesent­li­che Wer­te des Bezir­kes und wer­den nicht ein­fach so über­tra­gen. Das ist auch gut so. Der regu­lä­re Weg der Über­tra­gung ist, dass der Bezirk das Gelän­de an die Ber­li­ner Immo­bi­li­en­ma­nage­ment GmbH “abgibt”. Dort wird in meh­re­ren Gre­mi­en bera­ten, bevor das Grund­stück dann durch die lan­des­ei­ge­ne BIM an die lan­des­ei­ge­ne Dege­wo “ein­ge­bracht” wird (wie der Vor­gang genannt wird). Die Wei­ter­ga­be an die BIM kön­ne der­zeit nicht erfol­gen, weil auf dem Gelän­de noch eine Sport­hal­le genutzt wird und vor weni­gen Wochen die Wed­din­ger Musik­schu­le in das dor­ti­ge Aus­weich­quar­tier ein­ge­zo­gen ist.

Den Schul­di­gen oder Lösun­gen suchen?

Die für die Musik­schu­le zustän­di­ge Stadt­rä­tin Sabi­ne Weiß­ler (Grü­ne) sieht sich – wahr­schein­lich zu recht – nicht als Blo­ckie­re­rin. “Alle haben sich gefreut, als wir für die Musik­schu­le den Stand­ort gefun­den hat­ten. Nur sechs Wochen spä­ter kann es nicht hei­ßen, wir wären an irgend­et­was schuld”, sagt sie. Die Musik­schu­le muss­te am Stand­ort Ruhe­platz aus­zie­hen, weil dort Sanie­run­gen anste­hen. Wer in Pro­ble­men denkt, wür­de jetzt nach­for­schen, wie es im Bezirks­amt zu der Ent­schei­dung kom­men konn­te, dass dem Kul­tur­amt ein Gebäu­de auf dem ehe­ma­li­gen Gelän­de des Dies­ter­weg-Gym­na­si­ums über­haupt ange­bo­ten wurde.

Wer in Lösun­gen denkt, steht tat­säch­lich vor dem mythi­schen gor­di­schen Kno­ten. Alex­an­der der Gro­ße hat ihn bekannt­lich nicht auf­ge­knüp­pert, son­dern mit dem Schwert durch­schla­gen und danach die Welt eror­bert. Eine Lösung muss die Sport­hal­le, die Musik­schu­le, die BIM, das Bezirks­amt und die Bau­her­ren Dege­wo und pswed­ding im Blich halten.

Eine Lösung könn­te sein, dass die Musik­schu­le in das von pswed­ding sanier­te Schul­ge­bäu­de zieht. Vor­teil wäre, dass es auf dem Gelän­de sicht­bar vor­an­geht. Eine ande­re Lösung wäre, dass die Musik­schu­le bis zum Rück­zug an den Stand­ort Ruhe­platz erst ein­mal im der­zei­ti­gen Gebäu­de bleibt. Dazu müss­te sie Mie­ter bei den Part­nern Dege­wo und pswed­ding wer­den, statt wie im Moment beim Bezirks­amt Mie­ter. Auch hier wäre der Vor­teil, dass zumin­dest die Sanie­rung der Schu­le begin­nen könn­te (auch wenn der Neu­bau der neu­en Miet­woh­nun­gen wegen feh­len­der Bau­frei­heit erst ein­mal war­ten müsste).

War­te­kos­ten

Wer in Euro und Cent rech­net, der kommt im Fal­le des Nichts­tuns bei 350.000 Euro jähr­li­chen Leer­stands­kos­ten nach mitt­ler­wei­le vier Jah­ren bereits auf fast ein­ein­halb Mil­lio­nen Euro Abwar­te­kos­ten. Wenn es noch ein­mal vier Jah­re dau­ert, bis das Gelän­de an die Dege­wo über­tra­gen wird, dann wären schon drei Mil­lio­nen Euro auf­ge­lau­fen. Das ent­spricht Pi mal Dau­men 30 Wohnungen.

Wer mit sozia­lem Kapi­tal rech­net, der sieht in der Ver­zö­ge­rung feh­len­de 350 Woh­nun­gen mit güns­ti­gen Mie­ten. Dege­wo und pswed­ding wol­len güns­ti­ge Miet­woh­nun­gen bau­en. Die etwa 140 Woh­nun­gen die die Non-Pro­fit-Orga­ni­sa­ti­on pswed­ding errich­ten will, sol­len in der Erst­ver­mie­tung bei etwa 5 Euro pro Qua­drat­me­ter lie­gen. Die Dege­wo will 30% ihrer Woh­nun­gen mit öffent­li­cher För­de­rung errich­ten und man kann mit Mie­ten von 6,50 Euro rech­nen. Jedes Jahr Ver­zö­ge­rung wird den Qua­drat­me­ter­preis erhö­hen. “Es wird im Lauf der Jah­re immer schwie­ri­ger, kos­ten­güns­ti­gen Wohn­raum her­zu­stel­len”, sagt die Pro­jekt­grup­pe pswedding.

Kon­zept von pswedding

Der markante orangefarbene Bau in der Swinemünder Straße - Foto Andrei Schnell
Der mar­kan­te oran­ge­far­be­ne Bau in der Swi­ne­mün­der Stra­ße. Foto: And­rei Schnell

“Wir haben unbe­dingt wei­ter­hin Lust auf das Pro­jekt”, sagen Initia­to­ren von pswed­ding. Aber man spürt schon Ver­wun­de­rung über die drei ergeb­nis­lo­sen Jah­ren seit der ers­ten Vor­stel­lung des Pro­jekts im Juni 2012. Damals war der zustän­di­ge Fach­aus­schuss der BVV von ihrer Prä­sen­ta­ti­on begeis­tert. Auch nach­träg­lich plötz­lich ent­stan­de­ne Beden­ken konn­ten aus­ge­räumt wer­den. Und doch ist der Sta­tus auch drei Jah­re spä­ter im Grun­de bei: Das ist ja ein tol­les Pro­jekt. “Wann geht es end­lich mal vor­an?”, seuf­zen die Macher von pswed­ding, “wie­viel sol­len wir noch inves­tie­ren, ohne dass wir etwas Kon­kre­tes sehen?” Die Ant­wort wird die heu­ti­ge BVV-Sit­zung brin­gen. Vielleicht.

Text und Fotos: And­rei Schnell

Mehr zum The­ma: Turn­hal­le gegen Wohnungen?

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Politik sehe ich mir an wie den Sport. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich noch erwähnen.

6 Comments

  1. umd was heißt heu­te non-pro­fit Unternehmen?
    Es ist doch hoffentli8ch zu vernmu­ten, dass hier der Min­dest­lohn gezahlt wird oder ?

    • Non-Pro­fit heißt, dass pswed­ding sein “Ziel in nicht-gewinn­ori­en­tier­ter Stadt­ent­wick­lung” sieht. Sie machen das Gegen­teil von cres­co, die in der Brun­nen­stra­ße 123 bau­en. Bestand­teil der Plä­ne ist, dass “nicht mehr ver­käuf­li­che Haus­pro­jek­te” geschaf­fen werden.

  2. Wer in Euro und Cent rech­net, der kommt im Fal­le des Nichts­tuns bei 350.000 Euro jähr­li­chen Leer­stands­kos­ten nach mitt­ler­wei­le vier Jah­ren bereits auf fast ein­ein­halb Mil­lio­nen Euro Abwar­te­kos­ten. Wenn es noch ein­mal vier Jah­re dau­ert, bis das Gelän­de an die Dege­wo über­tra­gen wird, dann wären schon drei Mil­lio­nen Euro auf­ge­lau­fen. Das ent­spricht Pi mal Dau­men 30 Wohnungen.

    Wor­auf beru­hen die LKeerstandskosten ?
    Wach­schutz? Heizung?

    • Hal­lo Moritz,

      die Leer­stands­kos­ten wur­den von der Ber­li­ner Woche publi­ziert und bezie­hen sich auf Van­da­lis­mus, Win­ter­hei­zung, Wach­schutz. Text war schon sehr lang, woll­te das nicht auch noch auseinanderklamüsern.

      LG
      Andrei

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