Erinnerung an Georg Benjamin (10.9.1895 ‑26.8.1942)

Zu den her­aus­ra­gen­den Figu­ren eines Ber­li­ner Stadt­teils wie dem Wed­ding gehö­ren nicht nur Men­schen, die dort gebo­ren sind oder den größ­ten Teil ihres Lebens in ihm ver­brach­ten. Bei­des war bei Georg Ben­ja­min nicht der Fall. Er wur­de am 10. Sep­tem­ber 1895 als zwei­ter Sohn groß­bür­ger­li­cher jüdi­scher Eltern in der Vil­len­ko­lo­nie Gru­ne­wald gebo­ren. Sein Auf­ent­halt im Wed­ding erstreck­te sich ledig­lich auf 13 ent­schei­den­de Jah­re zwi­schen 1920 und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft 1933. Die­se Zeit war die für Georg Ben­ja­mins per­sön­li­che und poli­ti­sche Iden­ti­tät aus­schlag­ge­ben­de Lebens­pha­se. Hier grün­de­te er eine Fami­lie mit der spä­te­ren Jus­tiz­mi­nis­te­rin der DDR, Hil­de Ben­ja­min; hier wan­del­te er sich vom reform­na­hen Sozi­al­me­di­zi­ner und Kin­der­arzt zum Par­tei­gän­ger der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung in ihrem Weg von ihren revo­lu­tio­nä­ren Anfän­gen zu der in der Sta­lin­zeit all­mäh­lich ein­set­zen­den büro­kra­ti­schen Ver­här­tung. Dabei lag der Schwer­punkt sei­ner öffent­li­chen Tätig­keit im Wed­ding ein­deu­tig auf der prak­ti­schen Arbeit als Kin­der- und Schul­arzt sowie in der kom­mu­nal­po­li­ti­schen Ver­tre­tung der KPD in Bezirks­ver­samm­lung des Wed­ding und in gesund­heits­po­li­ti­schen Organisationen.

125. Geburtstag von Georg Benjamin 2020

Wenn heu­te ähn­li­che Zuwan­de­run­gen bür­ger­lich gepräg­ter Min­der­hei­ten in den Orts­teil Wed­ding des neu gebil­de­ten Bezirks Ber­lin-Mit­te gesche­hen, sind sie die Vor­bo­ten einer wie in ver­gleich­ba­ren Bezir­ken all­mäh­lich ein­set­zen­den Gen­tri­fi­zie­rung. Die Trä­ger des „bun­ten Wed­ding“ sind wie üblich Stu­den­ten, Künst­ler, Start-up-Ein­zel­gän­ger und Krea­ti­ve jeder Art. In den Zwan­zi­ger­jah­ren war der Wed­ding noch ein über­wie­gend pro­le­ta­ri­sches Wohn­ge­biet. Der „rote Wed­ding“ lock­te auch bür­ger­li­che Besu­cher an, meist mit einer eher sozi­al­tou­ris­ti­schen Moti­va­ti­on, die Georg Ben­ja­min fremd blieb. Fla­neu­re wie Alex­an­der Graf Sten­bock-Fer­mor und Franz Hes­sel mach­ten bei ihren lite­ra­ri­schen Stadt­er­kun­dun­gen Abste­cher in den pro­le­ta­ri­schen Wed­ding. Sie waren der Ana­ly­se der moder­nen Groß­stadt in Georg Ben­ja­mins Bru­der Wal­ter Ben­ja­mins Schrif­ten näher als dem Ver­such Georg Ben­ja­mins, durch sei­ne Anwe­sen­heit eine beruf­li­che und poli­ti­sche Pra­xis zu begründen.

Schularzt im Wedding

Georg Ben­ja­mins wach­sen­de Iden­ti­fi­ka­ti­on mit sei­nem Wahl­be­zirk Wed­ding voll­zog sich in eini­gen Pha­sen. Zunächst war der Kon­trast zwi­schen sei­nem bür­ger­li­chem Habi­tus und sei­ner poli­ti­scher Hal­tung noch deut­lich. Ben­ja­mins ers­ter Wohn­ort im neu gebau­ten Ledi­gen­wohn­heim am Brun­nen­platz, neben dem Amts­ge­richt Wed­ding, ließ eine Ver­bin­dung aka­de­mi­scher Aus­bil­dungs­in­ter­es­sen und der per­sön­li­chen Wahl eines pro­le­ta­ri­schen Umfelds zu. Denn in einer frü­hen Art teil­neh­men­der For­schung ver­fass­te Ben­ja­min hier sei­ne sozi­al­me­di­zi­ni­sche Dok­tor­ar­beit. Ganz in der Nähe befin­det sich das Wohn­haus am Leo­pold­platz, von des­sen gro­ßem Vor­der­haus­zim­mer sei­ne poli­ti­sche Ver­or­tung in der KPD und in der lin­ken Oppo­si­ti­on des Arbei­ter­sa­ma­ri­ter­bunds erfolg­te.  Als sich Ben­ja­mins beruf­li­che Posi­ti­on mit der Über­nah­me einer Schul­arzt­stel­le im Bezirk Wed­ding sta­bi­li­siert und er 1926 Hil­de Lan­ge gehei­ra­tet hat­te, zogen bei­de, die auch poli­tisch koope­rier­ten, in die neue Sied­lung von Max Taut am Schil­ler­park. In der Peri­ode der Inten­si­vie­rung der poli­ti­schen Kämp­fe – gegen die Nazis und gegen die Sozi­al­de­mo­kra­ten – zog das Ehe­paar aus der ruhi­gen Situa­ti­on am Schil­ler­park in das Zen­trum der sozia­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Bad­stra­ße am Gesund­brun­nen. In der glei­chen Stra­ße arbei­te­te Georg Ben­ja­min auch in sei­ner ärzt­li­chen Pra­xis, die er nach der Ent­fer­nung aus der Schul­arzt­stel­le 1931 eröffnete.

Neben sei­ner star­ken Bean­spru­chung durch sein Schul­arzt­amt ent­fal­te­te Ben­ja­min eine rege gesund­heits­po­li­ti­sche Publi­ka­ti­ons­tä­tig­keit in medi­zi­ni­schen Fach­or­ga­nen und in popu­lä­ren sozia­lis­ti­schen Zeit­schrif­ten, dar­un­ter auch der Roten Fah­ne. Wie ande­re Ärz­te war er an den Pro­tes­ten gegen die ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen des Abtrei­bungs­pa­ra­gra­phen § 218 betei­ligt, aber in einer für ihn typi­schen Wei­se auch durch ille­ga­le Ein­grif­fe zuguns­ten Arbei­ter­frau­en.  Er erhob auch Ein­spruch gegen die Anfän­ge der Eutha­na­sie­pro­jek­te, an denen sein Dok­tor­va­ter sich betei­lig­te. Vor allem jedoch galt sein Inter­es­se den elen­den Lebens­be­din­gun­gen von Kin­dern in sei­ner Umge­bung, die schwe­re gesund­heit­li­che Schä­den verursachten.

Überzeugter Kommunist

Georg Ben­ja­min war eine sehr belieb­te Per­son unter einen Pati­en­ten und Par­tei­ge­nos­sen, die ihn oft als den „hei­li­gen Georg“ bezeich­ne­ten, sei es wegen sei­ner häu­fig bewie­se­nen Hilfs­be­reit­schaft, sei es spöt­tisch wegen sei­ner über­zeug­ten Absti­nenz von Alko­hol und Tabak. Am unfrei­wil­li­gen Ende sei­ner Zeit im Wed­ding bewies er auf­fäl­li­gen Mut beim His­sen einer gro­ßen roten Fah­ne aus dem Fens­ter sei­ner Pra­xis vor den Wah­len des März 1933, vor den Augen von SA und Poli­zei. Bis zu sei­nem Tod im Sta­chel­draht des KZ Maut­hau­sen war er zunächst mehr­fach in Gefäng­nis­sen und Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Nazis, bei wie­der­hol­ter Mit­wir­kung an Wider­stands­ak­tio­nen der KPD. Nach sei­ner Ver­ur­tei­lung im Herbst 1936 nach der tau­send­fach ange­wand­ten For­mel „Vor­be­rei­tung des Hoch­ver­rats” ver­büß­te er eine fast sechs­jäh­ri­ge Gefan­gen­schaft im Zucht­haus Bran­den­burg-Gör­den, bevor ihn die Gesta­po zur Ver­nich­tung nach Maut­hau­sen über­stell­te. Das Schlus­s­ur­teil der Bran­den­bur­ger Gefäng­nis­ver­wal­tung stell­te fest: „Die Stra­fe hat den Juden in kei­ner Wei­se beeinflußt.“

Eine im Kal­ten Krieg ver­brei­te­te und bis heu­te immer noch ver­tre­te­ne Vari­an­te der Tota­li­ta­ris­mus­theo­rie setzt die sta­li­nis­ti­schen und natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regimes gleich. Dies soll meist einen strik­ten Anti­kom­mu­nis­mus abstüt­zen. Sol­che Gleich­set­zung berühr­te gele­gent­lich auch Georg Ben­ja­mins post­hu­men Ruf und sei­ne Ein­schät­zung als Wider­stands­kämp­fer. Dies Motiv war schon früh nach Georg Ben­ja­mins Ermor­dung im KZ Maut­hau­sen in der Ver­nich­tung von Gedenk­ta­feln für ihn auch im Bezirk Wed­ding.  Ob man sei­ne gele­gent­lich in der Kor­re­spon­denz mit sei­ner Frau begeg­nen­den und eher schwa­chen Vor­be­hal­te gegen die sta­li­nis­ti­sche Zurich­tung der sowje­ti­schen Poli­tik anläss­lich des Nicht­an­griffs­pak­tes zwi­schen dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regie­rung und der UdSSR höher ein­schätzt oder sei­ne über­grei­fen­de Leis­tung als bür­ger­li­cher Unter­stüt­zer und Hel­fer der pro­le­ta­ri­schen Ein­woh­ner des Wed­ding in sei­nen ver­schie­de­nen Rol­len, bleibt eine Fra­ge der Deu­tungs­ho­heit über sei­ne Bio­gra­phie und ihren his­to­ri­schen Kon­text. Sei­ne über­ra­gen­de Rol­le war zwei­fel­los die eines Kämp­fers für die Schwa­chen, die im Elend durch Krank­heit und Unter­drü­ckung Bedroh­ten, der Kin­der in Armut und der vom § 218 bedrück­ten Frau­en. Die­sen Zie­len konn­te sein Ein­satz für die KPD und deren Neben­or­ga­ni­sa­tio­nen nur punk­tu­ell dien­lich sein, ent­wer­tet jedoch sei­ne Lebens­leis­tung nicht.

Autor: Bernd-Peter Lange

Georg Ben­ja­min wur­de vor 125 Jah­ren geboren.

Bad­stra­ße 40

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