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Meditation im buddhistischen Tempel in der Ackerstraße

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Der bud­dhis­ti­sche Tem­pel in der Ackerstraße.

Vie­le Moscheen, Kir­chen, Syn­ago­gen, Tem­pel und Gemein­de­häu­ser in Wed­ding und Gesund­brun­nen öff­nen zur Lan­gen Nacht der Reli­gio­nen ihre Türen für Gäs­te. Auch der bud­dhis­ti­sche Fo-Guang-Shan Tem­pel im Brun­nen­vier­tel­war dabei. Es gibt Tem­pel­füh­run­gen, Tee­ze­re­mo­nien und Medi­ta­ti­on mit Anlei­tung in deut­scher Spra­che. Wed­ding­wei­ser-Redak­teu­rin Domi­ni­que Hen­sel hat sich schon mal im Tem­pel umge­se­hen und eine Geh­me­di­ta­ti­on ausprobiert.

Mein Leben ist schnell. Wie vie­le moder­ne Men­schen ren­ne ich durch den Tag, vor­bei an vie­len Ter­mi­nen und Auf­ga­ben, die es zu erle­di­gen gilt. Zwi­schen Fami­lie, Haus­halt, Ein­kau­fen und Job che­cke ich die E‑Mails, höre die Nach­rich­ten im Radio und beant­wor­te die Kurz­nach­rich­ten auf dem Mobil­te­le­fon, mache mir Gedan­ken über dies und jenes. Hier und da und hin und her. Ich muss viel schaf­fen und beei­le mich, damit alles klappt. Neu­lich habe ich abends noch einen Ter­min dran­ge­hängt: Medi­ta­ti­on im bud­dhis­ti­schen Tem­pel in der Acker­stra­ße. Nach einem lan­gen und schnel­len Tag lan­de­te ich aus Neu­gier mit­ten in einer Welt der Laaaaaa­ang­saaaaam­keit, mit­ten in einer unge­wohnt stil­len und reiz­ar­men Umgebung.

Ich habe schon lan­ge nicht mehr gemerkt, dass ich den gan­zen Tag ren­ne. Bis zu dem Moment, als ich auf­ge­for­dert wur­de, lang­sam zu gehen. Denn die Medi­ta­ti­on im Fo-Guang-Shan Tem­pel begann mit einer Geh­me­di­ta­ti­on. Ich soll­te mit geschlos­se­nen Augen – oder zumin­dest mit gesenk­tem Blick – ein­mal den Raum umrun­den. Ziel ist es, an nichts zu den­ken und still, lang­sam und bedäch­tig einen Fuß vor den ande­ren zu setzen.

Mit Schne­cken­ge­schwin­dig­keit geht es voran

Das klang ein­fach, war aber schwe­rer als gedacht.Während ich wegen der Schne­cken­ge­schwin­dig­keit beim Lau­fen ins Kip­peln kam, muss­te ich stän­dig auf mei­nen Vor­der­mann ach­ten, der sich Mil­li­me­ter für Mil­li­me­ter vor­wärts schob und als natür­li­che Geschwin­dig­keits­brem­se dien­te. Wir waren so lang­sam, dass mei­ne Gedan­ken nur so spru­del­ten, denn wann habe ich schon so viel unge­stör­te Zeit zum Den­ken? Doch ich durf­te ja gar nicht den­ken! Und ich durf­te die Schne­cke vor mir nicht schub­sen, damit sie schnel­ler kroch, obwohl es mir so schwer fiel, den Impuls zu unter­drü­cken. Eine hal­be Stun­de muss­te ich mich immer wie­der selbst zur Ruhe ermah­nen, denn so lan­ge brauch­ten wir, den nicht sehr gro­ßen Raum zu umrunden.

Habe ich das Han­dy aus­ge­schal­tet? Hof­fent­lich klin­gelt es jetzt nicht! Wer­de ich über mei­nen Medi­ta­ti­ons­ver­such einen Text schrei­ben, viel­leicht für den Wed­ding­wei­ser? Scha­de, dass ich den Foto­ap­pa­rat nicht mit­ge­nom­men habe. Ob die Kin­der schon schla­fen? Es ist schon spät. Stopp, stopp, stopp! Ich soll das nicht den­ken. Ich soll mich jetzt hin­set­zen, die Bei­ne ver­schrän­ken, die Hän­de fal­ten, die Augen schlie­ßen und atmen. Ein und aus, ein und aus. Die Gedan­ken sol­len schweigen.

Am Ende klappt es doch: Entspannung

Irgend­wo habe ich mal gele­sen, dass die moder­nen Men­schen zu viel Ein­at­men und des­halb kei­nen Platz für neue Luft in den Lun­gen haben. Des­halb soll man sich aufs Aus­at­men kon­zen­trie­ren, das Ein­at­men gin­ge dann leich­ter. Ob das stimmt? Ich wer­de es aus­pro­bie­ren. Oh man, schon wie­der den­ke ich. Es heißt: Ich den­ke, also bin ich. Wenn ich jetzt nicht den­ke, bin ich dann etwa nicht? Die Gedan­ken wol­len mich nicht loslassen.

Ich stren­ge mich an so sehr ich kann. Irgend­wann kurz vor Ende der Medi­ta­ti­ons­zeit schaf­fe ich es. Ich den­ke nicht und ich tue genau eine Sache: ich atme. Aus und ein, aus und ein. Aus und ein, aus und ein. Aus und ein, aus und ein. Ich neh­me eine eigen­ar­ti­ge Ent­span­nung mit aus dem Tem­pel und neh­me mir vor, wenigs­tens ab und zu ein­mal nichts zu den­ken und lang­sa­mer zu gehen.

Acker­str. 85–65

http://www.buddhismus-deutschland.de/pt_gruppe/fo-guang-shan-tempel-berlin/

Text und Foto: Domi­ni­que Hensel

Dominique Hensel

Dominique Hensel lebt und schreibt im Wedding. Sonntags gibt sie hier den Newsüberblick für den Stadtteil, fotografiert dort für unseren Instagram-Kanal (Freitag) und hat hier und da einen aktuellen Text für uns - gern zum Thema Stadtgärten, Kultur, Nachbarschaft und Soziales. Hyperlokal hat sie es auf jeden Fall am liebsten und beim Weddingweiser ist sie fast schon immer.

3 Comments

  1. @Dominique Hen­sel

    Es gab vor ein paar Jah­ren den Spruch:

    Nur Per­so­nal ist jeder­zeit erreichbar!!!

    Das Abschal­ten ist so wie das ers­te Mal ohne Schwimm­rei­fen zu schwimmen 🙂

  2. Lie­ber Moritz! Dan­ke für den Tipp. Ich träu­me auch immer mal wie­der von sol­che einer radi­ka­len 3‑Ta­ges-Idee: Han­dy aus, Inter­net abschal­ten. Bis­her habe ich mich nicht getraut. 😉

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