Die offene Kneipe – Brauseboys am Donnerstag (4.6.) im Livestream

Foto: Dominique Hensel

Die offene Kneipe (von Frank Sorge)

Es ist nachvollziehbar, dass Kneipenwirte fordern, die Kneipen zu öffnen, wenn die schon geöffneten Gaststätten als Kneipe genutzt werden, weil keine Kneipen geöffnet sind. Intuitiv ist jedoch einzusehen, dass drei Halbe einen Menschen unvorsichtiger machen als ein Nackensteak oder ein Teller Bratkartoffeln. Trinke ich aber zum Essen drei Halbe, oder zur Brotsuppe fünf, ist das dann anders, als wenn ich zu Hause koche und dann in die Kneipe gehe? Es ist kompliziert, ich kenne das hier zu Hause, warum darf der das und ich nicht? Am Ende wirft dann jemand ein Spielzeugauto mir an den Kopf, für den im Moment eigentlich noch gar nichts so richtig öffnen müsste. Na gut, außer der Kita vielleicht, wegen der Kopfschmerzen.

Nachts auf der Straße redet ein Mann mit einer Stehlampe, die jemand ausgerümpelt hat. Aus der Richtung, in die der Mann schaut, sieht es mit dem Müllkorb dahinter, der giftig qualmt, tatsächlich ein bisschen so aus, als stehe da noch jemand. Ich höre zu:

“Ick vermisse meene Kneipe, weeßte, nich wegen Bier, is sowieso billiger hier, ick meene die Leute. Ja, ihr seid ooch alle nett, aber Späti is haltn Späti, kannste nüscht machen. Kannst nich richtig sitzen, und find mal irgendwen, der dir Musik fürt Herz anmacht, is doch ejal, ob ditn Schlager is. Aber die nu immer mit ihrn Jängstarap. Ick meene, selbst nur Möchtegern, wa, aber die dicken Sprüche. Is mir ja ooch ejal, im Zweifel hör ick halt lieber mal Flippers oder Andrea Berg, na und? Aber ick muss mir dit hier anhören, mit ihre Bitches und wat nich noch. Na, ick hoff, dat Marie doch mal uffmachen kann bald, ick meene Hygiene, da hättste vorher ooch nicht so gucken dürfen. Aber Zeit war ja jetzte, wa? Zum putzen mein ick, und paar Stühle kannste ooch wegstellen, die meisten stehen da eh nur als Deko. Wie sie die Miete jetzte jestemmt hat, keene Ahnung, ehrlich. Ick hab ja mit son paar Leuten jesprochen und hab jesacht, Leute. Wenn ihr wollt, dat die Kneipe noch da ist, bezahlt ooch einfach maln paar Deckel. Ick meine, ick fandsn ernsten Vorschlag, ehrlich, aber ham se nur jelächelt alle, hat mir richtig uffjeregt. Ick gloobe jede, also wirklich jede Kneipe hätt sich locker über Wasser halten können, einfach mit die Deckel. Aber naiv, wa, ick bin manchmal so naiv, kannste nich ändern.

Aber inna Kneipe is doch mehr Kontrolle, als aufm Spielplatz jetzte, wenn de mich fragst. Und bei Marie, weeßte, da kannste sonst wat für ne Wut ham, da sacht se: Setz dir erstmal hin. Und dann setz ick mir erstmal hin. Und denn will ick wat sagn, steht schon Pils da und sie sagt: Trink erstmal wat. Sag ick nich nein, will die Sache erläutern, da lächelt se schon und sagt: Ach, sag ma nüscht! Und dit mach ick denn ooch. Verstehste? Und deshalb is besser, wenn manche Kneipe uff is. Abstand halten machen wir seit Jahren, icke sitze da am Ende vom Tresen, Dieter sitzt da drüben, der Postbote sitzt am Tisch, wo er seine Zeitung uffklappen kann. Wat solln da sein?  

Aber die Kneipe so zu, dit macht ma traurig. Soll man Marie doch dit Jeld jeben, ooch wenn se keenen rinlassen darf. Licht an, sie kann da wirbeln, und wer vorbeilooft, denkt: Ach siehste, der jehts noch jut. Jetzte machste dir nur Sorgen die janze Zeit, um alle, wa. Selbst irgendwelche Stinkstiefel, wo de vielleicht jedacht hast, übertreibs endlich mal mit dein Korn, damit ick mir dit Jesabbel nich mehr anhörn muss. Aber dit war ja nicht ernst, dit is halt menschlich. Ick lass, wat ick kann und wünsch allen nur, dat se den Scheiß hier nicht kriegen. Und ick endlich mal wieder inna Kneipe denke: Ach, is dit langweilig hier. Aber ick kann ooch verstehen, wenn vielleicht mancher denkt, wart mal, die macht bestimmt bald zu, dann könn wa wat schönet rinmachen, ooch jetzt wegen Bio oder so. Na, ick will dir nicht zutexten, kann ick ooch verstehen, wenn de mal deine Ruhe ham willst.”

Vielleicht merkt er jetzt, dass die Stehlampe nicht reagiert, er tippt an die Schiebermütze und geht weiter. Aber sie hat alles gehört, denn die Stehlampe war ja ich.

Das 12. Mal aus dem Echsenstudio Wedding

Seit siebzehn Jahren jede Woche neue Texte, Betrachtungen, Musik und belebende Heiterkeit, seit Beginn der Isolation im Livestream.

Wir haben auch schon mal einen scheuen Blick nach draußen geworfen, ob wir diese Woche nicht schon irgendwo Zuschauer dazuholen können. Dann haben wir diesen Landwehrkanal gesehen und uns schnell wieder verschanzt. Aber wir arbeiten daran, womöglich nächste Woche ein Publikum in Sichtweite dazuladen zu können. Diese Woche also noch einmal in Bildschirmdistanz. Schaltet ein, und lasst euch was vorlesen.

Ab 20.15 Uhr einschaltbar auf unserer Facebook-Seite, auch ohne Account. Da Facebook eine praktische Restreaming-Funktion hat, wird der Livestream auch auf der Weddingweiser-Śeite bei Facebook übertragen.

Autor & Vorleser.

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