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Voller Geschichte:
Die 11 schönsten Fabrikgebäude im Wedding

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Serie - Die besten 11

Der Wed­ding, wie wir ihn heu­te ken­nen, ist ohne sei­ne Indus­trie­ge­schich­te undenk­bar. Aus einer klei­nen Vor­stadt Ber­lins wur­de dank der Fabri­ken und der Arbei­ter, die meist in fuß­läu­fi­ger Nähe in ärm­lichs­ten Ver­hält­nis­sen wohn­ten, eine dicht besie­del­te Groß­stadt mit zeit­wei­se über 300.000 Ein­woh­nern. Fabri­ken gab es übri­gens im Brüs­se­ler Kiez, im Afri­ka­ni­schen und im Eng­li­schen Vier­tel nicht – dort wird vor allem gewohnt. Und heu­te? Pro­du­zie­ren­des Gewer­be ist im Wed­ding kaum noch vor­han­den. Vie­le Fabri­ken wur­den abge­ris­sen, doch man­ches ist erhal­ten geblie­ben und wird heu­te ganz anders genutzt. Hier stel­len wir euch 11 davon vor – aber es gibt natür­lich noch unend­lich viel mehr davon.

1. AEG

Rundblick Fabrikgebäude AEG

Das frü­he­re Stamm­haus der AEG zwi­schen Acker‑, Feld- und Hus­si­ten­stra­ße wur­de 1888 von Emil Rathen­au über­nom­men. Von hier ging die rasan­te Ent­wick­lung der Ber­li­ner Elek­tro­in­dus­trie aus. 1894 über­nahm die AEG den nord­öst­lich angren­zen­den Schlacht­hof, 1928 auch einen ehe­ma­li­gen Teil des Hum­boldt­hains an der Gus­tav-Mey­er-Allee. Vor allem die vom 1907 ein­ge­stell­ten Archi­tek­ten Peter Beh­rens errich­te­ten Fabrik­ge­bäu­de zwi­schen Hus­si­ten­stra­ße und Vol­ta­stra­ße gehö­ren noch heu­te zu den bedeu­tends­ten Indus­trie­bau­ten Ber­lins. 1983 war end­gül­tig Schluss mit der Pro­duk­ti­on. Seit­her wird das Gelän­de viel­fäl­tig genutzt: als For­schungs­stand­ort, für Gewer­be und für Medi­en wie die Deut­sche Wel­le. Im ehe­ma­li­gen Stamm­haus am Gar­ten­platz ist eine Pri­vat­schu­le eingezogen.

2. OSRAM

Fabrikgebäude Oudenarder Straße und Osramhöfe

Die Berg­mann­sche Elek­tri­zi­täts­wer­ke AG, ab 1935 Osram, begann 1890 mit der Pro­duk­ti­on von Elek­tro­tei­len und spä­ter Glüh­bir­nen im Wed­ding. Grün­der Sieg­fried Berg­mann hat­te bei Tho­mas Alva Edi­son gear­bei­tet und sei­ne Geschäfts­idee nach Deutsch­land gebracht. Das Fabrik­ge­län­de erstreckt sich zum Teil über zwei Haus­er­blö­cke, die gemein­sam ein Drei­eck zwi­schen See­stra­ße, Gro­nin­ger Stra­ße und Lie­ben­wal­der Stra­ße erge­ben und von der Oudenar­der Stra­ße durch­quert wer­den. Das ältes­te Gebäu­de von 1888 steht noch in der Mit­te des Hofs. Die ein­zel­nen Gebäu­de­tei­le wur­den von 1903 – 1937 errich­tet und erge­ben ein viel­fäl­ti­ges Ensem­ble. Seit die Pro­duk­ti­on der Glüh­bir­nen 1988 ende­te, wird das klein­tei­li­ge Gelän­de unter den Namen Osram-Höfe und Car­ree See­stra­ße pri­vat ver­mie­tet und hat zahl­rei­che gewerb­li­che, öffent­li­che (Poli­zei) oder zwi­schen­zeit­lich auch kul­tu­rel­le Nut­zun­gen (La Luz) gese­hen. Und auch pro­du­ziert wird bald auch wie­der in einem Fabrik­ge­bäu­de: Ins Kes­sel­haus ist die Vaga­bund Braue­rei gezogen.

3. Rotaprint

Ein Betongebäude ragt in die Luft

In einem fünf­ecki­gen Bau­block zwi­schen Rei­ni­cken­dor­fer, Gottsched‑, Bornemann‑, Ufer- und Wie­sen­stra­ße befin­det sich eine Ansamm­lung von Fabrik­ge­bäu­den, in der sich einst der Off­set­druck­ma­schi­nen­her­stel­ler Rota­print befand. Der ältes­te Gebäu­de­teil stammt aus dem Jahr 1905, vie­le Gebäu­de wur­den aber erst in den 1950er Jah­ren hin­zu­ge­fügt und ver­strö­men mit ihrem bru­ta­lis­ti­schen Sicht­be­ton die Atmo­sphä­re die­ser Zeit. Zwar sind die eigent­li­chen Fabrik­hal­len nach dem Pro­duk­ti­ons­en­de 1989 abge­ris­sen wor­den, doch ste­hen noch eini­ge inter­es­san­te Gebäu­de­tei­le. Das nörd­li­che Gelän­de wur­de von der ExRo­ta­print gGmbH über­nom­men, die die Fabrik­ge­bäu­de heu­te kul­tu­rell und gewerb­lich nutzt.

4. Arnheimsche Tresorfabrik

Panke-Insel noch erkennbar - die Bildhauerwerkstatt

1890 sie­del­te sich die Tre­sor­fa­brik S. J. Arn­heim an der Pan­ke zwi­schen Oslo­er Stra­ße und Bad­stra­ße an, die größ­te Geld­schrank­fa­brik Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pas. Für den Bau der Pro­duk­ti­ons­ge­bäu­de muss­te 1891–92 der nörd­li­che Arm der Pan­ke zuge­schüt­tet wer­den. Die heu­ti­ge Pan­ke fließt im Bett des Gra­bens der Pan­ke­müh­le. Die eigent­li­che Maschi­nen­hal­le wur­de 1983 abge­ris­sen – heu­te befin­det sich dort ein Rück­hal­te­be­cken für Regen­was­ser. Die 1897–98 erbau­ten, nach dem Teil­ab­riss erhal­ten geblie­be­nen Fabrik­ge­bäu­de beher­ber­gen heu­te eine Bild­hau­er­werk­statt und beein­dru­cken durch ihre gleich­mä­ßig auf­ge­reih­ten Shed­dä­cher. Am pan­ke­sei­ti­gen Gie­bel des roten Miets­hau­ses Bad­str. 40/41, das direkt hin­ter der Müh­le auf­ragt, erin­nert eine alte Wer­be­schrift an den bedeu­tends­ten Tre­sor­her­stel­ler Deutsch­lands. 1892–93 wur­de das Miets­haus für des­sen Beschäf­tig­te errichtet.

5. Werkstätten Uferstraße

Fabrikgebäude Uferstudios

Genau genom­men han­delt es sich hier­bei nicht um eine Fabrik. Die Pfer­de-Eisen­bahn-AG hat­te 1873 einen Betriebs­hof zwi­schen Bad­stra­ße und Ufer­stra­ße ein­ge­rich­tet, um die ers­te Pfer­de­bahn­li­nie Ber­lins zum Rosentha­ler Platz zu betrei­ben. Auch die ers­te elek­tri­sche Stra­ßen­bahn Ber­lins begann hier; sie fuhr 1895 nach Pan­kow. 1890 wur­de eine Par­zel­le an der Ufer­stra­ße dazu­ge­kauft. An der Bad­stra­ße 41A ent­stan­den 1926–31 Stra­ßen­bahn­werk­stät­ten (Schlie­ßung 1961). Heu­te wird das BVG-Gelän­de völ­lig anders genutzt: 2008 mie­te­te die Ufer­stu­di­os für zeit­ge­nös­si­schen Tanz die Gebäu­de für 25 Jah­re an. Archi­tek­to­nisch wer­den hier For­men der Neu­en Sach­lich­keit mit expres­si­ven Moti­ven ver­bun­den. Den spitz zulau­fen­den Gelän­de­strei­fen im Süd­wes­ten nutz­te der Archi­tekt aus, indem er dort das Kraft­werk bau­te. Das Kes­sel­haus geht in eine nied­ri­ge Umfor­mer­sta­ti­on über, die mit einem run­den Turm abschließt. Der west­li­che Teil bis zur Gott­sched­stra­ße ist durch die Ufer­stra­ße von den Werk­stät­ten auf der ehe­ma­li­gen Pankein­sel getrennt. 1898 ent­stand die gro­ße, mit Shed­dä­chern belich­te­te beein­dru­cken­de Stra­ßen­bahn­hal­le. Dar­in fan­den in der ers­ten Zeit nach dem Aus­zug der BVG Aus­stel­lun­gen statt, der­zeit wird es aber als Indoor-Fuß­ball­feld “The Base” genutzt.

6. Fabrik Osloer Straße

Gebäude mit Schild
Foto: D. Hensel

Die­se Insti­tu­ti­on trägt als ein­zi­ge das Wort Fabrik noch im Namen. 1855 gegrün­det, wur­den unter dem Namen A. Rol­ler Maschi­nen für die Zünd­holz­her­stel­lung pro­du­ziert. Ab 1890 arbei­te­ten bis zu 200 Men­schen im Fabrik­ge­bäu­de in der Oslo­er Stra­ße 24. In der Nazi­zeit und in den 1950er Jah­ren wur­den Gra­nat­hül­sen pro­du­ziert. Spä­ter ging es wie­der um Zünd­holz­ma­schi­nen, doch 1977 war mit der Pro­duk­ti­on Schluss. Der neue Besit­zer DEGEWO begann, auch unter dem Druck von dro­hen­den Haus­be­set­zun­gen, Miet­ver­trä­ge mit ver­schie­dens­ten Trä­gern für ein sozio­kul­tu­rel­les Zen­trum zu schlie­ßen. Dar­in ent­hal­ten waren Werk­stät­ten und Jugend-Wohn­ge­mein­schaf­ten. Spä­ter wur­de ein Ver­ein gegrün­det. Aus der größ­ten Hal­le wur­de zunächst das Werk­thea­ter Wed­ding, dann das Pro­gramm­ki­no Eisen­stein und ab 1997 das Kin­der­mu­se­um Laby­rinth. Die seit 1986 bestehen­de Nach­bar­schafts­e­ta­ge im Hin­ter­hof ist ein wich­ti­ger sozio­kul­tu­rel­ler Treff­punkt im Kiez geworden.

7. Gerichtshöfe

Gerichtshöfe Durchfahrt

Das schöns­te Bei­spiel für mit­ein­an­der ver­bun­de­ne Gewer­be­hö­fe sind die fünf Gerichts­hö­fe zwi­schen der Gericht­str. 12 und der Wie­sen­stra­ße. 1912 grün­de­te J.D. Rie­del die „Indus­trie­stät­te Nord­hof“, die bis heu­te fast unver­än­dert erhal­ten geblie­ben ist. Die ver­al­te­ten Gebäu­de wur­den abge­ris­sen und das vier­stö­cki­ge Fabrik­haus mit den gro­ßen Fens­tern, den kost­ba­ren, gla­sier­ten Zie­geln und elek­tri­schen Auf­zü­gen errich­tet. Ers­te Mie­ter waren damals die AEG-Appa­ra­te­fa­brik, eine Likör­fa­brik und ein AOK-Büro. Das Wohn­haus in der Gericht­stra­ße, das durch sei­ne Grö­ße und auf­wän­di­ge Aus­stat­tung auf­fiel, folg­te spä­ter. Dort wo heu­te ein gäh­nen­des Loch klafft, stand bis zum Ende des Welt­kriegs der impo­san­te Mit­tel­teil. Berich­ten zufol­ge ist die­ser erst 1945 ein­ge­stürzt, als ein Geschütz explo­dier­te, mit des­sen Bedie­nung ein Hit­ler­jun­ge wohl über­for­dert war und hier weni­ge Tage vor Kriegs­en­de den Tod fand. (Quel­le: Gerichtshoefe.de). Heu­te wer­den die Flä­chen von 70 Künstler:innen als Ate­liers genutzt, die u.a. die Lan­ge Nacht der Gerichts­hö­fe ausrichten.

8. Gerichtstraße 23

Die Gericht­stra­ße 23 ist ein mor­bi­de wir­ken­der Wohn- und Gewer­be­hof mit rund 16.500 qm Flä­che und meh­re­ren Höfen, die von unter­schied­li­chen Künst­lern und Gewer­be­trei­ben­den genutzt wer­den. Die Gericht­stra­ße 23 hat rund 16.500 Qua­drat­me­ter Flä­che und meh­re­re Höfen, die von unter­schied­li­chen Künst­lern und Gewer­be­trei­ben­den genutzt wer­den. Die ehe­ma­li­gen Werk­stät­ten des Nor­dens, die damals noch vor den Toren Ber­lins lagen, haben sich zu einem Ort zwi­schen Kunst, krea­ti­vem Cha­os und Kom­merz ent­wi­ckelt. Heu­te lie­gen sie qua­si mit­ten in der Stadt, im Wed­ding, der schon seit Jah­ren als „next place to be“ gilt und der sich nun tat­säch­lich anschickt, es auch zu wer­den. Denn die Gericht­stra­ße liegt mit­ten in der Stadt. 

Mit den Clubs PANKE und Ani­ta Ber­ber ist das Ensem­ble auch über den Wed­ding hin­aus vie­len ein Begriff.

9. Wittler Brot

Am Ende der Stra­ße die ehem. Brotfabrik

Seit 1908 befand sich die Schwarz­brot­bä­cke­rei Witt­ler in der Max­stra­ße. Nach 1918 wur­de Witt­ler der größ­te Brot­pro­du­zent Euro­pas mit zeit­wei­lig bis zu 2.000 Ange­stell­ten. Die­se lie­fer­ten das Brot mit Elek­tro-LKWs an 30 eige­ne Ver­kaufs­stel­len in ganz Ber­lin. Witt­ler ließ 1927/1928 die sechs­ge­schos­si­ge Brot­fa­brik errich­ten. In der Ver­suchs­an­stalt für Getrei­de­ver­ar­bei­tung in der See­stra­ße wur­de das Fer­ti­gungs­prin­zip erdacht. In jeder Eta­ge gab es eine eige­ne Pha­se der Bro­ther­stel­lung. Die Zuta­ten wur­den in den sechs­ten Stock gebracht. Das Brot wur­de in drei Öfen geba­cken und danach gekühlt, um es im Erd­ge­schoss zu ver­pa­cken und aus­zu­lie­fern. Witt­ler kam auf bis zu 66.000 Bro­te am Tag. Heu­te befin­det sich im Fabrik­ge­bäu­de ein Pflegeheim.

10. Hutfabrik Gattel

Ein ehemaliges Fabrikgebäude

Schon die Häu­ser­rei­he an der Prin­zen­al­lee 57–59 ist beein­dru­ckend – Neo­re­nais­sance pur. Geht man durch den Tor­bo­gen auf den Hof der Prin­zen­al­lee 58, steht man vor dem gel­ben Gebäu­de der Hut­fa­brik Gat­tel. 1889 wur­de die Fabrik gebaut. 1933 wur­de die Fabrik zwangs­ver­kauft und in Woh­nun­gen umge­baut. Die jüdi­schen Besit­zer, die Gebrü­der Gat­tel sowie ihre Ehe­frau­en wur­den depor­tiert und umge­bracht. 1981 wur­de die ehe­ma­li­ge Fabrik besetzt und sie gehört heu­te einer Genos­sen­schaft. Rund 90 Per­so­nen leben hier in unter­schied­li­chen Wohn­for­men zusammen.

11. Telefunken-Gerätefabrik

Albert Speer, der Archi­tekt für den Aus­bau der Reichs­haupt­stadt unter Hit­ler, hat­te an der Osloer/Schwedenstraße einen monu­men­ta­len Platz vor­ge­se­hen, des­sen Ost­sei­te das Tele­fun­ken­haus bil­den soll­te. Der Archi­tekt Ernst Zie­sel, der an der Dront­hei­mer Stra­ße in der 1920er Jah­ren noch im Stil der Moder­ne bau­te, passt sich wie vie­le ande­re den NS-Macht­ha­bern an. So ver­sah er das Gebäu­de mit einem über­ste­hen­den Schie­fer­dach und klei­nen Dach­gau­ben. Die an der Haus­wand in den Boden ein­ge­las­se­nen Git­ter mit der Auf­schrift „Luft­schutz“ ver­wei­sen dar­auf, dass es sich bei dem von 1939 – 41 gebau­ten Fabrik­ge­bäu­de um ein kriegs­wich­ti­ges Bau­werk han­del­te. Tele­fun­ken lie­fer­te Röh­ren und elek­tro­tech­ni­sche Gerä­te für die Kom­mu­ni­ka­ti­on der deut­schen Wehrmacht.

Die Lis­te der Fabrik­ge­bäu­de lie­ße sich noch lan­ge fort­set­zen – wir hof­fen, eure Lieb­lings­fa­brik war auch dabei. 

AEG Voltastraße, Fabrikgebäude, Fabrikhalle
AEG Vol­ta­stra­ße – Foto: D.Hensel

weddingweiserredaktion

Die ehrenamtliche Redaktion besteht aus mehreren Mitgliedern. Wir als Weddingerinnen oder Weddinger schreiben für unseren Kiez.

1 Comment

  1. Wie­der ein Beitrag,der eigent­lich gedruckt mit ande­ren Arti­keln des wed­ding­wei­sers in ein Wed­ding­buch gehört,er erin­nert an die Menschen,die den alten Wed­ding repräsentieren.

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