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Das vergessene Ballhaus Prinzenallee

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Im Hin­ter­hof der Prin­zen­al­lee 33 befin­det sich ein Gebäu­de, das schon vie­le Zwe­cke erfüll­te: Tanz­lo­kal, Dis­ko­thek, Thea­ter, Treff­punkt für Kom­mu­nis­ten, Sturm­lo­kal, Fol­ter­kel­ler, Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger, Kir­che, Restau­rant, Kegel­bahn, Varie­té. Doch nun soll die­ser geschichts­träch­ti­ge Ort zur Büh­ne wer­den für die wich­ti­gen Geschich­ten. Mit neu­en Ideen und einer rie­si­gen Por­ti­on Idea­lis­mus möch­ten die neu­en Betreiber:innen vom Ball­haus Prin­zen­al­lee einen kul­tu­rel­len Mit­tel­punkt für den Wed­ding erschaffen.

Im Inne­ren erin­nern eini­ge Frag­men­te an die Entstehungszeit.

Dass die­sem Ort eine beson­de­re Atmo­sphä­re inne­wohnt, wird einem spä­tes­tens bewusst, wenn man den Hin­ter­hof der Prin­zen­al­lee 33 betritt. Aus der Unschein­bar­keit einer grau­en Wed­din­ger Stra­ße kom­mend wirkt die­ser glä­ser­ne Anbau fast pom­pös, wie eine sur­rea­le Erschei­nung aus einer ande­ren Zeit. Beim Bau des Gebäu­des tick­ten die Uhren defi­ni­tiv noch anders. Fast 120 Jah­re ist es her, dass der Restau­rant­be­sit­zer Her­mann Schmidt die­sen Tanz­saal errich­ten ließ, um 300 Per­so­nen Platz für Ver­an­stal­tun­gen und Ver­samm­lun­gen bie­ten zu kön­nen. Die glä­ser­ne Fas­sa­de brach­te dem Gebäu­de den Spitz­na­men „Glas­kas­ten“ ein. In den Räum­lich­kei­ten wur­den ab 1907 Fes­te gefei­ert, Thea­ter­stü­cke geprobt und auf­ge­führt, Aus­stel­lun­gen arran­giert und Kon­zer­te gege­ben. Zudem gab es im Kel­ler eine Kegel­bahn und der Besit­zer ser­vier­te güns­ti­ges Essen. So wur­de das Ball­haus in der Prin­zen­al­lee schnell zu einem kul­tu­rel­len Mit­tel­punkt für die pro­le­ta­ri­sche Bevöl­ke­rung im Wedding.

Der “Glas­kas­ten” im Hin­ter­hof der Prin­zen­al­lee 33.
Noch kann vor Ort direkt der Schnell­test für den Thea­ter­be­such erle­digt werden.

Mit den poli­ti­schen Umwäl­zun­gen soll­te sich das jedoch ändern. In den 1920ern nutz­te die KPD (Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands) den Saal für Ver­samm­lun­gen und kom­mu­nis­ti­sche Schu­lun­gen. Immer wie­der lie­fer­ten sich die Mit­glie­der der KPD Schlä­ge­rei­en mit der SA (Sturm­ab­tei­lung der NSDAP), da die­se den Ort für sich bean­spruch­ten. Der Besit­zer Schmidt misch­te sich nicht ein, da er ledig­lich ein Auge auf sei­ne Miet­ein­nah­men hat­te und sich poli­tisch nicht posi­tio­nier­te. Mit der Macht­über­nah­me Hit­lers im Jah­re 1933 ver­lo­ren die Kom­mu­nis­ten schließ­lich den Kampf um den Raum, sodass die SA den Saal zu einem Sturm­lo­kal umfunk­tio­nier­te. Den Kel­ler des Gebäu­des nutz­ten die Nazis, um hun­der­te Geg­ner ihres Regimes zu fol­tern. Man­che von ihnen star­ben an den Fol­gen der Misshandlungen. 

Wäh­rend des Krie­ges blieb das Gebäu­de des Ball­saals unver­sehrt und wur­de nach 1945 von den fran­zö­si­schen Alli­ier­ten eine Zeit­lang als Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger genutzt. Im Anschluss resi­dier­te bis in die 1950er eine Kir­chen­ge­mein­de in den Räum­lich­kei­ten, da deren Kir­che im Krieg teil­wei­se zer­stört wur­de. Ab dann stand das Gebäu­de zeit­wei­se leer, wur­de dann und wann als Dis­ko­thek („Top Secret“) genutzt oder als Thea­ter. Das Gebäu­de wur­de immer wie­der saniert und instand­ge­hal­ten. Doch nichts hielt sich län­ger als 2 oder 3 Jahre. 

Das soll sich jetzt ändern. Die Betreiber:innen vom Ball­haus Prin­zen­al­lee sind gekom­men, um zu blei­ben. Auch wenn die His­to­rie nie­mals ver­ges­sen wer­den soll­te: hier ent­ste­hen jetzt wie­der neue Geschich­ten. Seit Dezem­ber ist dies ein Ort für Thea­ter, Tanz, Musik und Per­for­mance. Hier ist Raum für Com­mu­ni­ty- und Thea­ter­päd­ago­gik­pro­jek­te. Der Ball­saal soll wie­der zum kul­tu­rel­len Treff­punkt für Weddinger:innen werden.

Eine plat­te Komö­die wird man hier höchst­wahr­schein­lich nicht fin­den. Die Ansprü­che an die Aus­wahl der Stü­cke sind hoch. Hier soll ein Raum ent­ste­hen, der mög­lichst krea­tiv, divers und poli­tisch genutzt wird. Die­ses Thea­ter will gesell­schaft­lich rele­van­te The­men auf die Büh­ne brin­gen. Dabei möch­te das Ball­haus fünf Stü­cke im Jahr mit pro­fes­sio­nel­len Schauspieler:innen selbst insze­nie­ren. Dar­über hin­aus soll der Raum an kul­tur­schaf­fen­de Grup­pen ver­mie­tet wer­den und offen für Gast­spie­le sein. Thea­ter­päd­ago­gi­sche Pro­jek­te wer­den bereits rea­li­siert. In den Win­ter­fe­ri­en gab es bei­spiels­wei­se ein Pro­jekt, in dem sich Jugend­li­che mit der Geschich­te des Hau­ses aus­ein­an­der­ge­setzt haben und das Ergeb­nis auf die Büh­ne brachten.

Das Thea­ter 28, das vor­her hier ansäs­sig war und haupt­säch­lich tür­kisch­spra­chi­ge Stü­cke insze­nier­te, ist aller­dings nicht kom­plett von der Bild­flä­che ver­schwun­den. Der Grün­der vom Thea­ter 28 Ufuk Gül­dür lei­tet nun auch das Ball­haus Prin­zen­al­lee. Tür­kisch­spra­chi­ge Stü­cke sol­len wei­ter­hin auf­ge­führt werden. 

Die­ses Thea­ter will den Wed­ding bewe­gen. Ein Thea­ter für hier mit einer Büh­ne für die wich­ti­gen The­men. Der Regis­seur Oli­ver Tok­tasch fasst sei­ne Zukunfts­vi­si­on fol­gen­der­ma­ßen zusam­men: „Irgend­wann sol­len die Leu­te wis­sen: hier wird regel­mä­ßig Thea­ter gespielt und es lohnt sich immer.“

Es lohnt sich defi­ni­tiv schon jetzt, die­ses Thea­ter zu besu­chen. Jeden­falls hat das Stück Migraaa­an­ten uns vom Wed­ding­wei­ser bereits nach­hal­tig beein­druckt. Alle Ter­mi­ne fin­det ihr in unse­rem Ver­an­stal­tungs­ka­len­der oder auf der Home­page vom Ball­haus Prin­zen­al­lee.

Ball­haus Prin­zen­al­lee
Prin­zen­al­lee 33
13359 Ber­lin

http://www.ballhausprinzenallee.de/

[email protected]

Ina Raterink

ist irgendwo zwischen Feldern, Massentierhaltung und Holland im niedersächsischen Nirgendwo aufgewachsen und wurde deswegen schon früh zur Autorin. Jetzt genießt sie den Gegensatz im Wedding und will all seine Facetten kennenlernen und festhalten.

1 Comment

  1. Wer sind denn die neu­en Betrei­ber, wenn die Alten schein­bar wei­ter das Sagen haben? War­um wer­den die­se im Arti­kel nicht erwähnt und war­um fin­det man nichts auf ihrer Sei­te über die?
    Kann es sein, dass hier ein­fach jemand auf den Medi­en­rum­mel um das Ball­haus Wed­ding eine Quer­stra­ße wei­ter auf­sprin­gen will und des­halb das Thea­ter 28 nur umbe­nannt hat, weil Ball­haus natür­lich bes­ser klingt als der bis­he­ri­ge Name?
    Wenn dem so wäre: ziem­lich einfallslos!

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