“Da, wo ich wohne, lebe ich auch” – Weddinger im Porträt

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Wir por­trä­tie­ren Wed­din­ger in Text und Bild. Heu­te spre­chen wir mit Flo, 40, über sein Leben im Wedding. 

Flo wohnt in der Butt­mann­stra­ße. Er ist Erzie­her und arbei­tet als Nacht­wa­che in einem Behin­der­ten­wohn­heim in Gie­ßen. Das macht er zwölf Näch­te im Monat, den Rest der Zeit ver­bringt er in Ber­lin. Flo lebt in einem Ein-Raum-Apart­ment. Es gibt eine klei­ne musche­li­ge Küche mit Bade­ofen, das Zim­mer dage­gen ist sehr groß und durch ein Hoch­bett auch sehr geräu­mig. Die Toi­let­te suche ich ver­ge­bens. Sie befin­det sich eine hal­be Trep­pe tiefer.

Flo an der Wohnungstür
Woh­nungs­tür (Foto: Ramo­na Gamradt)

Wie lan­ge lebst du schon im Wedding?

Im Wed­ding bin ich jetzt seit zwei­ein­halb Jah­ren und auch in Ber­lin. Ich hat­te eine ganz lan­ge Ber­lin-Pau­se. Anfang der Neun­zi­ger, 1993–1994, war ich in Kreuz­berg. In der Knei­pe „Linie 1“ habe ich damals gear­bei­tet. Das war völ­lig fatal, ich bin so etwas von ver­sumpft – mit Wor­ten nicht zu beschrei­ben. Nach andert­halb Jah­ren hat mich der Zivil­dienst auf’s Land geret­tet. Lan­ge hat­te ich mit Ber­lin nichts am Hut und eigent­lich war für mich klar, wenn ich wie­der nach Ber­lin zurück­ge­he, dann sowie­so wie­der nach Kreuz­berg. Ich habe ange­fan­gen nach Woh­nun­gen, WG-Zim­mern zu gucken und fest­ge­stellt, dass es wahn­sin­nig teu­er gewor­den ist. Das Zim­mer in den 90ern hat damals 80 D‑Mark gekos­tet. Für eine 50qm-But­ze zah­le ich doch kei­ne 500 Euro! Ein Freund von mir hat in der Spren­gel­stra­ße, im wun­der­schö­nen Spren­gel­kiez, ein WG-Zim­mer bewohnt. Ich konn­te für ein hal­bes Jahr zur Zwi­schen­mie­te ein­zie­hen. Für 150 Euro habe ich da nicht lan­ge gefa­ckelt. Irgend­wie habe ich mich da in den Wed­ding verliebt.

Flo, drehend
Flo, dre­hend (Foto: Ramo­na Gamradt)

Die GESOBAU hat mir und mei­ner dama­li­gen Freun­din in der Butt­mann­stra­ße die Dach­woh­nung vor­ge­schla­gen – 90qm, vier gro­ße Zim­mer, 275 Euro Kalt­mie­te, Ofen­hei­zung und Innen­toi­let­te. Sie war von mei­nem Aktio­nis­mus über­for­dert: „Vor drei Tagen haben wir die Idee gehabt hier­her­zu­zie­hen und heu­te sind wir in Ber­lin und gucken uns Woh­nun­gen an.“ Die Bezie­hung ist geschei­tert. Ich habe dann Nägel mit Köp­fen gemacht, war stur und bin so zu mei­ner der­zei­ti­gen Woh­nung gekom­men. Das war ein Lager­raum für Zement­sä­cke, Bau­ma­te­ri­al und Maschi­nen. Es sah schlimm aus. Aber irgend­wie habe ich sofort gese­hen, dass die Woh­nung Poten­ti­al hat. Bei 175 Euro über­legst du nicht lan­ge und da habe ich zugesagt.

 Was magst du am Wedding?

Ich kom­me kaum noch aus dem Wed­ding raus – da, wo ich woh­ne, lebe ich auch. Ich fin­de hier die Leu­te total zugäng­lich. Ich ken­ne fast alle mei­ne Nach­barn. Das ist ein Phä­no­men, denn die ande­ren ken­nen sich gar nicht unter­ein­an­der. Mit dem Info­la­den aus der Butt­man­stra­ße 16 hat­te ich die Idee mal ein Grill­fest im Hof zu ver­an­stal­ten damit sich die Leu­te ein­fach ken­nen­ler­nen. Es gibt hier Foto­gra­fen, Maler, Musi­ker, Schau­spie­ler, Bild­hau­er… Wenn die sich ken­nen wür­den! Das wäre eine wahn­sin­ni­ge Com­mu­ni­ty! Aber die ken­nen sich unter­ein­an­der alle nicht.

Wür­dest du etwas an dei­ner Umge­bung ver­än­dern wollen?

Buttmannstraße
Butt­mann­stra­ße (Foto: Ramo­na Gamradt)

Der Kiez­la­den macht das schon gut. Da muss ich gar nichts groß ver­än­dern. Das wird ja auch ange­nom­men, und das haupt­säch­lich von den Leu­ten, die schon so lan­ge hier woh­nen. Nur die Stu­den­ten, die jetzt dazu­kom­men, neh­men von dem Laden eigent­lich kei­ne Notiz. Was mich unheim­lich nervt ist, dass man die gro­ße Wie­se beim Amts­ge­richt nicht betre­ten darf. Die gan­zen Rasen­flä­chen sind ein­ge­zäunt. Das habe ich als Ver­bot wahr­ge­nom­men. Was hier total fehlt, ist ein ver­nünf­ti­ges Café. Eine gute Kaf­fee­ma­schi­ne und guter Kaf­fee in Lauf­nä­he. Bis­her gehe ich immer zum „Café Pfört­ner“ in der Uferstraße.

Möch­test du den Wed­din­gern und den Neu­an­kömm­lin­gen etwas sagen?

Ich sage bewusst nicht, bleibt mal weg. Leu­te kommt her! Es ist alles schön. Mein Wunsch wäre es, dass die Leu­te, die hier­her kom­men, das was sie vor­fin­den auch anneh­men. Ich habe manch­mal den Ein­druck, dass eine Assi­mi­lie­rung gar nicht gewünscht ist. Und das ist das, was mir sehr am Her­zen lie­gen wür­de: Dass die Leu­te, die hier­her kom­men, nicht so ihren Back­ground mit­brin­gen und den so gna­den­los aus­brei­ten, son­dern dass sie tat­säch­lich erst mal gucken, was sie bereits vor­fin­den und sich dort ein­fü­gen. Ich kann jedem den Tipp geben, hier zu leben und nicht nur zu woh­nen. Ich mache das so, und ich fah­re super damit. Wenn ich durch die Stra­ßen lau­fe, ken­ne ich Hinz und Kunz und das nach guten zwei Jahren.

Kann ich noch einen Kaf­fee haben?

Auf jeden!

Das Inter­view führ­te Ramo­na Gamradt.

Das voll­stän­di­ge Inter­view ist im Mai 2013 in der ers­ten Aus­ga­be der VÜRGUE von Bitch Wed­ding erschienen.

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