“Bei Ernst” ist Schluss: Ich darf nicht traurig sein!

Nachtschwärmer bei Ernst
Nacht­schwär­mer Bei Ernst. Foto: A. Hahn

März 2018 Ja, die­se Wor­te ste­hen hier wirk­lich: „nicht trau­rig”. Der bes­te aller Knei­pen­wir­te hört in eini­gen Mona­ten auf und schließt sein Wohn­zim­mer. Nach 24 Jah­ren Nacht­schwär­mer Bei Ernst ist dann Schluss. Aber könn­te man Ernst und sein öffent­li­ches Wohn­zim­mer über­haupt erset­zen? Eine Mei­nung – statt eines Interviews.

Nachtschwärmer Bei Ernst
Nacht­schwär­mer Bei Ernst. Foto: A. Hahn

So wie ich haben die meis­ten Gäs­te Ihre eige­nen Geschich­ten und Erin­ne­run­gen an Ihre Aben­de bei Ernst. Vie­le davon sind wahr­schein­lich bereits ver­blasst oder nur noch halb­ne­be­lig in der Erin­ne­rung ver­an­kert. Aber alles in allem sind es zu vie­le um sie auf­zu­schrei­ben und bald wer­den kei­ne neu­en mehr hinzukommen.

Ich weiß noch wie ich das ers­te Mal bei Ernst war und mich wun­der­te, wer denn hier so laut durch den Laden ruft. Bis ich Begriff: das ist der Wirt höchst­per­sön­lich. Der nächs­te Besuch mit Freun­den, die­ses Mal beim Poe­try Slam am Mon­tag. Der Abend ende­te mit einer Spon­tan-Ein­la­ge von Ernst auf der Büh­ne, zu spä­ter Stun­de zapf­te ich selbst mein Bier hin­ter der Bar und er lud einen in sein Ruhe­stand­s­haus nach Meck-Pomm ein. Wäh­rend­des­sen knall­te er abwech­selnd jedem Gast wie­der sei­ne berühm­ten Sprü­che an den Kopf.
Nach mei­nen ers­ten Erleb­nis­sen bei Ernst wuss­te ich: wer auch immer einen Schritt in den Wed­ding wagt, der muss Ernst min­des­tens ein Mal gese­hen haben. Hier gibt es Live-Musik, Bin­go, Lesun­gen und vie­le ande­re Ver­an­stal­tun­gen, dazu eine unver­gleich­ba­re Mischung von Jung und Alt, Rent­nern, Eras­mus­stu­den­ten, uns Wed­din­gern und Gäs­ten von über­all auf der Welt.

Nice to meet you!
Nachtschwärmer Bei Ernst
Nacht­schwär­mer Bei Ernst. Foto: A. Hahn

Als ich erfuhr, dass Ernst auf­hö­ren möch­te, da war ich wirk­lich trau­rig. Ich frag­te nach der Abstands­zah­lung, nach der momen­ta­nen Mie­te und rech­ne­te mir im Kopf zusam­men, ob man die­se Bar nicht über­neh­men kön­ne. Betrun­ken ver­rut­schen in mei­ner Rech­nung so eini­ge Kom­ma­ta im Kopf, aber es mach­te alles Sinn. Am Mor­gen danach, wie­der nüch­tern, über­ka­men mich die Zwei­fel. Nicht nur wegen mei­ner Rech­nung. Mehr wegen der Ant­wor­ten auf die­se Fragen:

Wie­so geht man da wohl hin? Wegen Ernst.
Wegen der Musik und wegen Ernst.
Wegen den Leu­ten und wegen Ernst.

Was ist, wenn jemand ande­res am Tre­sen ste­hen wür­de? Ist das dann noch Bei Ernst? Ist es dann noch das Sel­be? Wür­de das den Wed­ding glück­lich machen? Da nun der Ver­mie­ter eh nicht möch­te, dass an die­sem Ort wie­der eine Knei­pe betrie­ben wird, erle­dig­ten sich die­se Gedan­ken von allein.

Das Gute und das Schlechte
Nacht­schwär­mer Bei Ernst. Foto: A. Hahn

Man darf para­do­xer­wei­se froh sein, dass hier nicht wie­der ein­mal ein Inves­tor das selbst erar­bei­te­te Lebens­ge­fühl einer Nach­bar­schaft (ange­führt durch den ein­zig wah­ren Ernst) auf dem Altar des Pro­fits opfern möch­te. Der Wirt ver­lässt die Büh­ne aus eige­nem Antrieb. Und das freut mich sehr für ihn. Er hat ein­fach sei­nen Job gemacht und sagt nun: es reicht. Gleich­zei­tig will und kann ich mir nicht anma­ßen für die ande­ren Gäs­te zu spre­chen, die dort seit den 90ern täg­lich auf­schla­gen. Für sie bricht auch ein Lebens­mit­tel­punkt weg und es wird für die wah­ren Stamm­gäs­te am schmerz­volls­ten. Gibt es Ersatz im Wed­ding? Eine sol­che Knei­pe gibt es sel­ten, auch was das hohe Musik­le­vel betrifft. Es geht also nicht nur um die Gäs­te, die­ses Ende betrifft die vie­len Bands, die um die Spiel­zei­ten feil­schen. Eben­so die Gäs­te, die spon­tan Mut fas­sen und auf der Büh­ne das Mikro­fon ergrei­fen. Es betrifft die Leu­te, die ein­fach nur einen feucht­fröh­li­chen Abend ver­brin­gen wol­len und eben­so die, die dort nur schnell ein Bier­chen trin­ken und wie­der in die Wed­din­ger Nacht verschwinden.

Ich kann aber für mich per­sön­lich spre­chen, für jeman­den der einen klei­nen Bruch­teil die­ser Jah­re erle­ben durf­te und es der­zeit wöchent­lich tut. Für mich wird in Erin­ne­rung blei­ben, wie Ernst ver­sucht, jeden Gast per­sön­lich zu begrü­ßen, wie er abends um halb 4 – umge­ben von gespannt zuhö­ren­den Gäs­ten – über Matrat­zen oder Was-auch-immer phi­lo­so­phie­ren kann. Wie er dir jetzt „mal eine Prin­zes­sin“ sucht, um dich zu ver­kup­peln. Ich wer­de mich dar­an erin­nern, wie Ernst die Gäs­te auf Ernst-Art ver­äp­pelt, wie er dir ins Gesicht sagt, was für‘n Freak du bist, du aber nicht böse sein kannst. Ich erin­ne­re mich, wie er wild­frem­de Men­schen mit­ein­an­der bekannt macht, die allei­ne kom­men, aber nicht ein­sam blei­ben, er für Geburts­tags­gäs­te spon­tan Hap­py Bir­th­day singt, dir von sei­nem bevor­ste­hen­den Urlaub erzählt und dich am Ende des Abends umarmt, wenn du die Knei­pe mor­gens ver­lässt, die er sein Wohn­zim­mer nennt.

Es bleibt eine Lücke für viele

Vie­le Knei­pen haben den Namen des Inha­bers im Titel, aber die­ses Bei Ernst scheint hier etwas Beson­de­res zu sein. Wenn man am Tre­sen sitzt, es noch leer ist, er dir unge­fragt die ers­te Scha­le Knab­ber­zeugs hin­stellt, dich fragt, wer du bist, was du machst – dann weißt du, du bist nicht nur bei Ernst, son­dern Ernst auch bei dir.

Die Lücke, die nun an die­sem Ort für die Musi­ker und alle Gäs­te ent­steht, die muss irgend­wer, irgend­wo an einer ande­ren Stel­le stop­fen. Aber es geht hier um die Per­son. Und da emp­fän­de ich es als falsch, sich mit einem Imi­tat zufrie­den zu geben. Es gibt ein­fach kei­nen Ersatz für Ernst, über den ich mich freu­en könn­te. Es könn­te viel­leicht bil­li­ge Kopien geben, aber kei­nen Ersatz. Im Wed­ding wol­len wir aber die­se Art Ori­gi­na­le. Und so ver­su­che ich, froh zu sein, dass es endet wie es endet. Denn egal, wer da nun hin­term Tre­sen ste­hen wür­de, es wäre nie wie­der das­sel­be, nicht der­sel­be Mensch. Aber das mensch­li­che Ori­gi­nal eines Knei­piers und Freund in Per­so­nal­uni­on, hin­ter und vor die­sem – sei­nem – Tre­sen, die­ses geht nun. Und dar­über bin ich dann doch trau­rig, ver­dammt trau­rig sogar. Aber wie Ernst jetzt sagen wür­de: Das Leben ist schön!

In die­sem Sin­ne: Alles Gute Ernst. Man sieht sich im neu­en Wohnzimmer.

Andaras Hahn ist seit 2010 Wed­din­ger. Er kommt eigent­lich aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Schreibt asso­zia­tiv, weiß aber nicht, was das heißt und ob das gut ist.
Macht manch­mal Fotos: @siehs_mal

 

 


5 Kommentare
  1. Mit Dank­bar­keit sage ich “AHOI” Kapi­tän Ernst! Gute Reise.….….….

  2. Der bes­te und liebs­te Wirt im Spren­gel­kiez ist Fal­ki im Ufer Café! Ernst mag mit sei­ner Art und spe­zi­el­lem Charme gewiss so man­chen sei­ner Gäs­te trau­rig hinterlassen,ABER Fal­ki ist die gute See­le im Kiez! Ufer Café… das ein­zig wah­re Wohn­zim­mer im Kiez!✌👍

    1. Hal­lo Inéz, wir kön­nen nicht über­all sein, aber ihr könnt das! 🙂 Da trifft es sich, dass wir sozu­sa­gen eine Mit­mach-Redak­ti­on sind. Wir wür­den uns über einen Bei­trag über Fal­ki vom Ufer Café sehr freu­en. Hast Du Lust, das auf­zu­schrei­ben? Vie­le Grü­ße: Domi­ni­que vom Weddingweiser

  3. Sehr schön geschrie­ben! Obwohl ich weder Ernst noch sein Wohn­zim­mer ken­ne, so habe ich ihn gera­de über die­sen Arti­kel, die­se Hom­mage, ken­nen­ler­nen dür­fen. Ganz herz­li­chen Dank.

    1. Dan­ke 🙂 etwas Zeit bleibt noch…

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